RUDOLF STEINER GESAMT AUSG ABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Uber die astrale Welt
und das Devachan
Aufzeichnungen von neunzehn
Vortragen und vier privaten Lehrstunden
in Berlin 1903-1904
1999
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Nacli vom Vortragenden nicht durchgesehenen Horernotizen
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten Ulla Trapp und Hella "Wiesberger
unter Mitarbeit von Alexander Liischer
1. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1999
Bibliographie-Nr. 88
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1999 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Satz: Rudolf Steiner Verlag / Bindung: Spinner GmbH, Ottersweier
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-0880-4
den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925)
gliedert sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage
- Kiinstlerisches Werk.
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fiir
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen
Gesellschaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen
hatte Rudolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, dafi sie schriftlich
festgehalten wiirden, da sie von ihm als <<miindliche, nicht zum
Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zu-
nehmend unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften ange-
fertigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlafit, das Nach-
schreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-
von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die
Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Herausgabe notwen-
dige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur
in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konn-
te, muE gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt
beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden
miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich
Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen
offentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbst-
biographie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende
Wortlaut ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben- Das dort
Gesagte gilt gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fach-
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen
der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Ge-
samtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Be-
standteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Zu dieser Ausgabe 13
I
UBER DIE ASTRALE WELT
Erster Vortrag, Berlin 28. Oktober 1903
Das Mysterium von Geburt und Tod 19
Was ist die astrale Welt? Das astrale Element im Menschen.
Wahrnehmen, Denken, Vermuten. Der Astralkorper des Men-
schen vor der Geburt.
Zweiter Vortrag, 4. November 1903 35
Die hoheren Welten und der Anteil des Menschen an ihnen
Psychisches und spirituelles Sehen. Das zweifache Entstehen des
Menschen. Die vier Temperamente in der astralen Welt. Dimen-
sionen des Astralraumes: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft.
Zweifache Schopfungsgeschichte. Elemente der Menschwerdung.
Dritter Vortrag, 11. November 1903 48
Ursprung und Wesen des Menschen
Der dreifache Ursprung des Menschen: die drei Atemzuge des
gottlichen Urgeistes. Der Mensch als Gattungswesen und als
Personlichkeit. Die drei Logoi. Die menschliche Individuality.
Vierter Vortrag, 18. November 1903 59
Die Wesen der astralen Welt
Die astrale Wesenheit des Menschen, mit dem Blick des Sehers
gesehen. Meister und Schiiler im Astralraum. Zerstorende Wesen
in der Astralwelt und hohere Wesen, die zu Helfern der Mensch-
heit werden. «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben».
Funfter Vortrag, 25. November 1903 70
Charakter der astralen Vorgange
Uber Wesen, die sich nicht physisch verkorpern. Elementarwesen,
die sich ablehnend gegeniiber den physischen Menschen verhalten.
Die Devas im Astralraum und in der devachanischen Welt.
NOTIZBUCHEINTRAGUNGEN (Archiv-Nr. NB 393)
79
Sechster Vortrag, 2. Dezember 1903 80
Kamaloka
Die Aufgaben des Menschen im irdischen Dasein: Die Ausbildung
bestimmter Fahigkeiten und Tugenden. Die sieben Tugenden:
Gerechtigkeit, Urteilsenthaltsamkeit, Starkmut, Klugheit, Glaube,
Hoffnung, Liebe - in ihrer Beziehung zur astralen Welt. Die Erde
als Kosmos der Liebe.
II
DIE WELT DES GEISTES ODER DEVACHAN
Erster Vortrag, Berlin, 28. Januar 1904 93
Die unteren Gebiete des Devachan: Festland, Ozean, Luftkreis.
Die oberen Gebiete - das Arupa-Reich. Das Wirken hierarchischer
Wesenheiten in den verschiedenen Devachan-Regionen. Der stu-
fenweise Durchgang der Menschenseele zwischen Tod und neuer
Geburt durch die devachanischen Gebiete.
Zweiter Vortrag, 4. Februar 1904 106
Ausspruch Fichtes iiber das Erwerben neuer Sinneswerkzeuge.
Stufen zur Erlangung von Erkenntnissen der Geisteswelt. Die
menschliche Aura und ihre verschiedenen Erscheinungsformen.
Erlebnisse der verkorperten Menschenseele im Devachan-Gebiet.
Fiihrende Geister in den oberen Devachan-Gebieten. Vom Wirken
der Gedanken.
Dritter Vortrag, 11. Februar 1904 119
Der nachtodliche Weg der Menschenseele. Die Aufgabe des Men-
schen wahrend der irdischen Verkorperung. Die Wanderung der
Menschenseele durch die Welt der Urbilder. Sieben Regionen des
Geisteslandes.
Vierter Vortrag, 25. Februar 1904 133
Richtigstellung von Irrtumern iiber die Geisteswelt. Bedeutung des
Jahres 1875. Uber die Einweihung. Das urspriingliche Glaubensbe-
kenntnis. Was bedeutet «das Land der Wonnen»? Wer die Wahr-
heit erkennt, darf sie nicht fur sich behalten.
Ill
PRIVATE LEHRSTUNDEN
Erste Stunde, Berlin-Schlachtensee, Sommer 1903 . . . 149
Der Sonnenlogos und die zehn Avatare. Die Metamorphosen des
Sonnenlogos in den heiligen Biichern der Veden und in der Rosen-
kreuzerchronik
NOTIZBUCHEINTRAGUNGEN (Archiv-Nr. NB 427) 155
Zweite Stunde, Berlin-Schlachtensee, Sommer 1903 . . . 159
Die Bhagavad Gita. Gesprach zwischen Arjuna und Krishna.
Was ist Dharma? Die Kasteneinteilung der alten Inder.
Dritte Stunde, Berlin-Schlachtensee, Sommer 1903 . . . 166
Der erste, zweite und dritte Logos.
Vierte Stunde, Berlin-Schlachtensee, Sommer 1903 . . . 172
Die hohere Entwicklung des Menschen. All-Einheit und Sonder-
heit. Bewufites Uben, Konzentration und Meditation. Vier Eigen-
schaften, die der Chela in sich ausbilden mufi. Nebemibungen.
IV
NEUN EINZELVORTRAGE
Ein Autoreferat, ein Bericht und
fragmentarische Horernotizen
Vortrag Berlin, 24. August 1903 183
Wiederverkorperungsfragen
Verkorperung bedeutender Individualitaten. Nikolaus Cusanus,
Nikolaus Kopernikus, Philo von Alexandrien.
Vortrag 1. September 1903 185
Geheimnisse und Geheimhaltung
1st die Mitteilung okkulten Wissens berechtigt oder gefahrlich?
Die sieben Wurzelrassen (Hauptzeitalter) und die sieben grofien
Geheimnisse.
Vortrag 18. Oktober 1903 189
anlafSlich der ersten Generalversammlung der Deutschen Sektion
der Theosophischen Gesellschaft
Okkulte Geschichtsforschung
«Die Geheimlehre» von H. P. Blavatsky. Die kiinftige Ausbildung
einer okkulten Geschichtsforschung. Die Dreiheit von Leib, Seele
und Geist in der Entwicklung der Menschheit. Das Prinzip von
Reinkarnation und Karma. Notwendigkeit der theosophischen Be-
wegung.
I. Autoreferat Rudolf Steiners in «Luzifer», November 1903 . 189
II. Bericht in «Der Vahan», November 1903 191
Brief Rudolf Steiners an Giinther Wagner 194
Uber die sieben grofien Wahrheiten
Vortrag 27. Oktober 1903 195
Physische Krankheiten und kosmologische Gesetzmafiig-
keiten
Warum gibt es im karmischen Zusammenhang das Unvollkomme-
ne, das Ubel, den Schmerz und die Krankheit? Hochentwickelte
Personlichkeiten und ihre jeweilige Aufgabe fur die verschiedenen
planetarischen Erdenzustande. Die okkulten Hintergriinde physi-
scher Krankheiten.
Vortrag 2. November 1903 201
Uber friihere Gottesvorstellungen
Gottesvorstellungen in der dritten, vierten und fiinften Epoche der
Menschheitsentwicklung. Entwicklung des Vorstellungsvermo-
gens: Henotheismus. Entwicklung des Gedachtnisses: Ahnenver-
ehrung, Vielheit der Gotter. Entwicklung des Denkens: Verehrung
der gottlichen Weisheit. Theosophie: Das Enthiillen von Weltzu-
sammenhangen.
Vortrag 24. November 1903
207
Uber den Sundenfall
Bildhafte Darstellung spiritueller Wahrheiten. Der Ubergang in
der Menschheitsentwicklung vom Ungeschlechdichen zur Zwei-
geschlechtlichkeit. Die biblische Erzahlung vom Sundenfall (Gene-
sis 3,1-3,24), geisteswissenschaftlich erlautert.
Vortrag 8. Dezember 1903 216
Kosmologie nach der Genesis
Die Entstehung der Welt und des Menschen in der mosaischen
Genesis (Genesis 1-2,24) und in der griechischen Mythologie. Die
spirituelle Bedeutung des biblischen Schopfungsberichtes.
Weihnachtsvortrag, 21. Dezember 1903 224
Weltengesetz und Menschenschicksal
Schilderung einer agyptischen Tempelzeremonie. Ewige Gesetze
und Harmonie des Makrokosmos; Wandelbarkeit des mensch-
licben Charakters und Schicksals. Das Hervorgehen des Kosmos
aus dem Chaos und der Weg des Menschen durch verschiedene
Verkdrperungen. Das Ziel: Harmonie zwischen dem Menschen-
schicksal und den Weltengesetzen.
Vortrag 29. Dezember 1903 234
Entwicklungsstufen der Menschheit
Die dreifache Aura des Menschen, ihre Entwicklungsstadien und
Veranderungen. Der physische und der astrale Organismus: Ner-
vensystem und Sinneseindriicke. Unbewufite und bewufite Los-
losung des Astralleibes vom physischen Leib. Das Kundalinifeuer.
Zukiinftige Entwicklung des physischen, astralen und mentalen
Korpers. Gattung, Personlichkeit, Individualitat.
Einladung zu den Vortragen «Uber die astrale Welt» . . 242
Hinweise
Hinweise zum Text 243
Personenregister 251
Verzeichnis indisch-theosophischer Begriffe 252
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 255
ZU DIESER AUSGABE
Meine erste Vortragstatigkeit innerhalb der
Kreise, die aus der theosophischen Bewe-
gung hervorgewachsen waren, mufite sich
nach den Seelenverfassungen dieser Kreise
richten. Man hatte da theosophische Litera-
tur gelesen und sich fur gewisse Dinge eine
gewisse Ausdrucksform angewohnt. An
diese muftte ich mich halten, wenn ich ver-
standen sein wollte.
Erst im Laufe der Zeit ergab sich mit der
vorruckenden Arbeit, dafi ich immer mehr
auch in der Ausdrucksform die eigenen
Wege gehen konnte.
(Rudolf Steiner, «Mein Lebensgang»,
XXXIII. Kapitel)
Unmittelbar nachdem Rudolf Steiner im Oktober 1902 die Leitung der mit
ihm als Generals ekretar begriindeten Deutschen Sektion der Theosophischen
Gesellschaft ubernommen hatte, begann er mit einer umfassenden Lehrtatig-
keit, zunachst innerhalb des Berliner Zweiges, Vom 25. Oktober 1902 an
sprach er dort jeweils samstags um 18 Uhr iiber das gesamte Gebiet der
Theosophie. Fur Mitte November 1902 wurde ein «Theosophisches Konver-
satorium» angekundigt und ab Dezember 1902 Gesprachsabende (Konversa-
torium A und B) dienstags um 18 Uhr und samstags um 19.30 Uhr. Alle
diese Veranstaltungen fanden zunachst in den Raumen der theosophischen
Bibliothek in Charlottenburg, Kaiser Friedrich Strafie 54a, statt, wo bis Marz
1903 auch die Wohnung von Rudolf Steiners Mitarbeiterin Marie von Sivers
(spater Marie Steiner) war.
Im Januar 1903 erschien in der Zeitschrift «Der Vahan» folgende Ankiin-
digung:
Mehrfachen Wunschen entsprechend wird kiinftig der Vortragszyklus
«Uber das Gesamtgebiet der Theosophie» > den Dr. Rudolf Steiner halt,
am Sonnabend um 8 Uhr abends stattfinden (Charlottenburg-Berlin,
Kaiser-Friedrich-Strafie 54a). Das an diesem Tage festgesetzte theosophi-
sche Konversatorium ist auf 7 Uhr abends verlegt.
Im Marz 1903 mufite das Domizil in der Kaiser-Friedrich-Strafie 54a
aufgegeben werden. Die Biicher der theosophischen Bibliothek wurden fur
die folgenden Monate provisorisch in der Wohnung eines alten Mitgliedes,
Clara Motzkus, untergebracht (Charlottenburg, Schliiterstrafie 62), und dort
fanden vom Marz bis Oktober 1903 auch alle Mitgliederveranstaltungen der
Theosophischen Gesellschaft statt: Samstags abends Vortrage Rudolf Stei-
ners, dienstags und samstags Konversatorien A und B.
Im August 1903 kiindigte der «Vahan» eine weitere regelmafiige Veran-
staltung an:
... Aufierdem findet an jedem Freitag (7 Uhr abends) ein allgemein
zuganglicher Vortrags- und Diskussionsabend (bei Fraulein Motzkus)
auch wahrend des Sommers statt.
Und im September 1903:
... Die wochentlichen Vortrags- und Diskussionsabende am Freitag (7
Uhr abends, Charlottenburg, Schliiterstrafie 62 bei Fraulein Clara Motz-
kus) finden auch noch den ganzen September hindurch statt. Im Herbst
beginnt Dr. Rudolf Steiner einen Zyklus von 6 bis 8 Vortragen iiber die
«Astrale Welt». Ort und Zeit wird spater bekanntgegeben.
Rudolf Steiner sagte dazu: «Ich will diese Freitagabende zu Arbeitsstun-
den machen; ich will dabei dazu iibergehen, mehr in Gesprachsform die
Unterhaltung fortzusetzen.»
Ein Teilnehmer an diesen Veranstaltungen, Walter Vegelahn, der spater
als Stenograf von Rudolf Steiners Vortragen bekannt wurde, berichtet iiber
diese Zeit: «Im Sommer 1903, ehe die <Motzstrafie> bezogen werden konnte,
waren wir in der kleinen Privatwohnung eines Mitgliedes. Wer besondere
Fragen etc. hatte, durfte schon um 6 Uhr kommen, und so safien wir dann
am <runden Tisch> mit Dr. Steiner. Wenn ein Zuhorer etwas nicht verstanden
hatte, fing Dr. Steiner nochmal von vorne an.»
Bei diesen Veranstaltungen 1902/03 - an denen zunachst nur wenige
Menschen teilnahmen - ist anfangs noch nicht mitgeschrieben worden. Das
erste, was aus dieser Zeit, wenigstens in Form von kurzen Notizen, festge-
halten wurde, verdanken wir Marie von Sivers (Marie Steiner). Sie schreibt
daruber (in « Welches sind die Aufgaben des Nachlafivereins?»): «Was aber
vom Jahre 1902/1903 vorliegt, ist von mir selbst in fliegender Eile mit Hilfe
von Wortabkiirzungen mit Bleistift notiert und kann kaum noch entziffert
werden. » - Manche dieser Notizen hat sie spater selbst zu zusammenhangen-
den Texten ausgearbeitet, in welchen, wenn auch nur in aufierster Kiirze, das
Inhaltliche von Vortragen Rudolf Steiners festgehalten ist (siehe Teil III in
diesem Band).
Stenografische Notizen liegen vor ab August 1903 von Franz Seiler, ab
September 1903 auch von Walter Vegelahn. Seiler war schon seit langerer
Zeit der offizielle Schriftfiihrer der Theosophischen Gesellschaft und als
solcher daran gewohnt, von wichtigen Veranstaltungen Protokolle zu erstel-
len; er pflegte solche Protokolle anhand seiner stenografisch aufgenommenen
Kurznotizen auszuarbeiten. Walter Vegelahn, von Beruf Schauspieler mit
dem Kiinstlernamen Walter Stauf, verfugte iiber ein so hervorragendes
Gedachtnis, dafi es ihm moglich war, anhand weniger Notizen einen Vortrag
vollstandig zu referieren. Ihm hauptsachlich verdanken wir die Nachschrif-
ten der friihen offentlichen, im Architektenhaus gehaltenen Vortragen Ru-
dolf Steiners.
Alle Aufzeichnungen aus der damaligen Zeit wurden im wesentlichen in
der Absicht gemacht, auch den abwesenden Mitgliedern und Freunden etwas
von den Lehren Rudolf Steiners zuganglich zu machen. Bei den im vor-
liegenden Band wiedergegebenen Texten handelt es sich also nicht um
wortwortliche Wiedergaben der Vortrage; es sind vielmehr individuelle Auf-
zeichnungen, die die Vortrage eher inhaltlich referieren (Naheres siehe bei
«Textunterlagen» auf S. 243ff).
Im September 1903 schrieb Rudolf Steiner in der Zeitschrift «Luzifer» eine
Besprechung des kurz zuvor in deutscher Sprache erschienenen Buchleins von
C. W. Leadbeater «Die Astral-Ebene, ihre Szenerie, ihre Bewohner und ihre
Phanomene» (in GA 34). Am Schluft dieser Rezension kiindigt er an:
Fur meine Berliner Zuhorer darf ich vielleicht anfuhren, dafi ich im
Herbst einen Zyklus von Vortragen iiber die «astrale Welt» halten werde.
Und er fugt hinzu:
Fur uns Deutsche mochte ich nur noch sagen, dajl wir den Ausdruck
« Astral-Ebene » endlich durch einen anderen ersetzen sollten, da dock
allgemein zugegeben wird y daji er so irrefiihrend wie moglich ist.
Die Vortrage «Uber die astrale Welt» fanden nunmehr jeweils mittwochs in
dem neuen Domizil der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft,
Motzstrafie 17, statt (siehe die Einladung auf S. 242) und waren nicht nur an
Mitglieder gerichtet, sondern an alle Menschen, die sich fur die theosophi-
sche Arbeit interessierten.
Im Januar 1904 folgten dann sechs Vortrage mit dem Titel: «Die Welt des
Geistes oder Devachan». Von diesen konnen in vorliegendem Band in Teil II
nur vier Vortrage wiedergegeben werden, da nur teilweise mitgeschrieben
wurde (Naheres siehe bei «Textunterlagen» auf S. 245).
Die chronologisch friihesten Darstellungen in dieser Ausgabe in Teil III
datieren vom Sommer 1903; sie betreffen private Lehrstunden, die Rudolf
Steiner fur Marie von Sivers in deren Privatwohnung in Berlin-Schlachtensee
fur sie selbst, ihre Schwester Olga von Sivers urid ihre Freundin Maria von
Strauch-Spettini gegeben hat. Marie Steiner-von Sivers berichtet iiber diese
Zeit (in «Was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht», 2. Jg., Nr.
34 vom 23. August 1923):
«Neben der offentlichen Vortragstdtigkeit, die er, nachdem er sich auf
deren Ansuchen mit der Gesellschaft verbunden hatte, fiir diese entfaltete,
und neben seiner Tdtigkeit fiir die Zuhdrer der Arbeiterbildungsschule
und der Freien Hochschule hielt er interne Vortr age fiir die wenigen, aber
an Zahl schnell wachsenden Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft in
Berlin, und in liebevollster und eingehendster Weise auch fiir die Men-
schen seiner unmittelbaren Umgebung. Er fiihrte sie sacht heran zu dem
Verstdndnis des Geistes in seiner Konkretheit, seinen mannigfachen Aus-
drucksarten innerhalb hierarchischer Wesenbaftigkeit. So gab er mir eine
Fulle von Unterricht, ankniipfend zundchst an die indische Terminologie,
die ich mir durch Bucherstudium erworben hatte, bald aber mich hinuber-
fiihrend zu den Formen abendldndischer Begrifflichkeit. Es durfte meine
mich in den Sommermonaten besuchende Freundin daran teilnehmen.»
Marie Steiner-von Sivers hat in sehr komprimierter Form einiges von
diesen Stunden aufgeschrieben.
In Teil IV enthalt dieser Band in chronologischer Folge die wenigen
Aufzeichnungen, die aus dem Jahr 1903 noch vorliegen: Neben einem
Autoreferat Rudolf Steiners iiber seinen Vortrag anlafilich der 1. Generalver-
sammlung der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft und
einem Bericht aus der Zeitschrift «Der Vahan» iiber denselben Vortrag sind
dies fragmentarische Notizen Franz Seilers von acht Einzelvortragen, die
Rudolf Steiner im Berliner Zweig zwischen August und Dezember 1903
gehalten hat. Trotz des teilweise recht aphoristischen Charakters konnen
diese Aufzeichnungen ein lebendiges Bild vermitteln vom Aufbau der an-
throposophischen Arbeit Rudolf Steiners in Berlin.
Da Rudolf Steiner in den Vortragen der damaligen Zeit noch vielfach die
seinen Zuhorern vertraute indisch-theosophische Terminologie verwendete,
ist im Anhang ein Verzeichnis der wichtigsten dieser Begriffe angefugt, und
zwar mit den Bezeichnungen, durch die Rudolf Steiner in spaterer Zeit diese
theosophischen Ausdriicke ersetzt hat.
Die Herausgeber
I
UBER DIE ASTRALE WELT
Sechs Vortrage, gehalten in Berlin
zwischen dem 28. Oktober und 2. Dezember 1
(Horernotizen)
ERSTER VORTRAG
Berlin, 28. Oktober 1903
Das Mysterium von Geburt und Tod
Wenn eine Schnecke durch einen Saal kriechen wiirde, in dem
Beethovens Neunte Symphonie gespielt wird, so vernahme die
Schnecke wohl nichts von alle dem, wovon die Menschen, die in
demselben Saale sich befinden, in die schonsten Empfindungen
versetzt werden. Die Tone der Symphonie driicken sich in den
Luftwellen des Saales aus, diese Luftwellen verbreiten sich nach
alien Seiten; sie sind der aufiere Ausdruck des herrlichen Ton-
zusammenzuhanges. Dieser Tonzusammenhang geht durch den
Organismus der Schnecke ebenso wie durch den Organismus des
Menschen. In den Menschen ruft er Empfindungen der hochsten
Art hervor, die Schnecke bleibt davon unberiihrt. Sie ist in dem-
selben Medium, in demselben schwingenden Tongewoge darin wie
der Mensch, sie weifi aber nichts von dem, was urn sie her vorgeht.
Eine Welt ist um sie herum, und sie ist in dieser Welt, sie hat aber
keine Ahnung von dieser Welt. Und dennoch, diese Welt des Ton-
gewoges ist nicht an einem anderen Ort, an dem sich die Schnecke
nicht befindet, sondern an demselben Ort, an dem auch alles das-
jenige ist, was die Schnecke braucht. Der Raum, in dem die Schnek-
ke sich befindet, ist also ausgefullt von den Tatsachen, die die
Schnecke wahrnehmen kann, er ist aber auch ausgefullt von einer
Summe von Tatsachen, die die Schnecke nicht wahrnehmen kann.
Wir haben damit festgestellt, dafi um ein Wesen herum Erschei-
nungen leben konnen, ohne dafi das Wesen eine Ahnung davon
hat, und wir konnen die Frage aufwerfen, ob wir Menschen nicht
vielleicht auch in einer Welt leben, die angefxillt ist von Tatsachen
und Erscheinungen, von denen wir zunachst nichts wahrnehmen,
von solchen Tatsachen und Erscheinungen, die sich zu unserer
Welt so verhalten wie das Tongewoge der Neunten Symphonie zu
dem, was eine Schnecke wahrzunehmen vermag. Die Frage mufi
uns also beriihren, ob dasjenige, was wir in einem Raume, in dem
wir sind, empfinden und wahrnehmen, alles ist, was in unserer
Umgebung vorkommt. Es konnten ja Tatsachen in unserer Umge-
bung sein, die fiir uns einfach deshalb nicht da sind, weil wir die
Organe fiir die Wahrnehmung dieser Tatsachen nicht ausgebildet
haben. Es konnten ja Wesen in unserer Welt sich befinden oder wir
Menschen selbst konnten durch Entwicklung uns zu Wesen aus-
bilden, die imstande sind, noch weitaus anderes wahrzunehmen als
das, was in unserer Welt um uns ist. Es konnte vergleichsweise ein
ahnliches Verhaltnis bestehen zwischen mehr oder minder entwik-
kelten Menschen, wie zwischen der Schnecke und den Menschen.
Das ist die Frage, welche in uns Vermutung iiber Vermutung
erwecken mufi iiber die uns umgebenden unbekannten Welten, und
das ist auch die Frage, welche durch die theosophische Bewegung
beantwortet werden soil. Es ist im wesentlichen die Aufgabe der
theosophischen Bewegung, uns bekanntzumachen mit Welten, die
uns taglich und stundlich umgeben, mit Welten, innerhalb derer
wir leben, von denen wir aber unter gewohnlichen Verhaltnissen
nichts wissen. Nicht mit Welten, die jenseits der unsrigen Hegen,
will uns die Theosophie bekanntmachen, nicht mit Welten, die an
uns unzuganglichen Orten zu finden sind, sondern mit denjenigen
Welten, die in unsere Welt fortwahrend hereinragen, die uns immer
umgeben, die uns aber unbekannt bleiben, weil unsere Organe
dafur nicht aufgeschlossen sind. Zunachst konnen wir von diesen
Welten nur sprechen. Wir konnen auf sie nur hindeuten und dazu
auffordern, teilzunehmen an denjenigen Arbeiten, durch welche
sich dem Menschen die Sinne erschliefien zu diesen hoheren Wel-
ten, so dafi er diese hoheren Welten wahrzunehmen vermag, so wie
er heute nur die gewohnliche Welt wahrzunehmen imstande ist.
Von solchen Welten mochte ich Ihnen in den nachsten Vortragen
sprechen.
Zunachst mochte ich von der Welt sprechen, welche wir in der
Theosophie die astrale Welt nennen. Sie wird sich uns zeigen als
eine Welt, die nicht fern von uns ist, die iiberall ist, wo wir uns
befinden. In dem Raume, in dem wir uns gegenwartig befinden, ist
sie geradeso wirklich wie die Welt, die Sie sehen. Die astrale Welt
ist eine hohere Welt, welche mit ihren Erscheinungen die Welt, in
der Sie sich befinden, genauso durchwogt und durchwellt, wie
das Symphonie-Tongewoge die Welt der Schnecke durchwogt, von
ihr aber nicht wahrgenommen wird. Also wir sprechen nicht von
etwas, was aufterhalb unserer Welt zu finden ist, sondern wir spre-
chen von etwas, was unsere Welt in jedem Punkte ihres Daseins
durchsetzt. Die theosophische Anschauung lehrt uns verschiedene
solcher Welten erkennen; sie lehrt uns zunachst diejenige Welt
erkennen, welche uns aus dem alltaglichen Leben bekannt ist: die
physische Welt - diejenige Welt also, welche jeder Mensch mit
seinen Sinnesorganen zu empfinden imstande ist, die Welt, die wir
sehen, horen, riechen, schmecken, greifen, die Welt, in der wir die
Naturgegenstande, die Mineralien, die Pflanzen und die Tiere
finden. Diese Welt wird durchsetzt, durchgeistigt, wenn ich mich
so ausdriicken darf, von einer hoheren Welt, von der sogenannten
Astralwelt, die wir nun kennenlernen wollen. Genauso, wie sich
eine Fliissigkeit mit einer anderen, feineren Fliissigkeit mischt, so
daft die eine Fliissigkeit die andere in alien Teilen durchsetzt, so
durchsetzt die astrale Welt unsere Welt des Physischen; und diese
astrale Welt ist wiederum durchsetzt von einer noch hoheren Welt,
welche wir die mentale Welt nennen, das ist die eigentliche geistige
Welt. So sind drei Welten ineinandergefugt, die eine immer die
andere durchsetzend, von denen der Mensch mit seinen gegenwar-
tigen Organen aber nur die physische Welt wahrnimmt. Allmahlich
den Sinn aufzuschliefien fur die unsichtbaren und unter gewohn-
lichen Umstanden unhorbaren Welten, das ist die Aufgabe der
Theosophie.
Was ist die astrale Welt? Wenn wir von der astralen Welt spre-
chen, so kommen wir am schnellsten dadurch zum Verstandnis,
wenn wir innerhalb all der Weltanschauungen, die aufter dem Phy-
sischen noch ein Geistiges erkannt haben, diejenigen aufsuchen, in
welchen von der Astralwelt und ihrer Beziehung zum Menschen
gesprochen wurde. Auch die christliche Weltanschauung kennt diese
Astralwelt. In den ersten Jahrhunderten des Christentums hat man
bei dem Menschen nicht blofi zwei Naturen unterschieden, wie spa-
ter und oberflacherlicher: Korper und Seele, sondern man unter-
schied drei: Korper, Seele und Geist. Seele und Geist hat man in alien
tieferen Weltanschauungen seit Urzeiten immer als die Bestandteile
des Menschen angesehen. Gehen Sie zuriick zu jenen Volkerschaf-
ten, welche in unseren Gegenden lange vor den Germanen gelebt
haben. Sehen Sie sich die Tempel jener uralten keltischen Volker an,
so werden Sie finden, dafi sie in der Mitte einen Altar hatten, der
umgeben war von drei Saulenkreisen. Diese drei Saulenkreise bedeu-
teten nichts anderes als die dreifache Natur des Menschen: Korper,
Seele, Geist. Die korperliche Natur ist bekannt. Unter der seelischen
Natur verstand man in alien tieferen Religionen und Weltanschau-
ungen das, was wir in der theosophischen Weltanschauung das
Astrale nennen. Unter dem Ausdruck «Geist» verstand man das
eigentlich Ewige der Natur des Menschen. Korper, Seele und Geist
machen die dreifache Natur des Menschen aus. Den Korper hat die
moderne Naturwissenschaft ziemlich genau studiert. Durch ihn ste-
hen wir mit allem, was um uns herum ist, in Verbindung. Wir sind
nicht einzelne, abgeschlossene Wesen. Wir konnten nicht korperlich
leben, wenn unsere Umgebung eine andere ware. Denken Sie sich die
Temperatur der physischen Welt um zehn bis zwanzig Grad hoher,
als die Temperatur unseres Luftkreises ist, so konnte der Mensch
darin nicht leben. Nicht allein davon hangt unser Leben ab, was
innerhalb unserer Hautbegrenzung vorgeht, sondern auch von dem
Leben der Erscheinungen in der Natur um uns herum. In gewisser
Beziehung sind wir nur ein Ergebnis dessen, was rings um uns herum
vorgeht. Waren keine Pflanzen in der Welt, wir konnten uns nicht
ernahren. Nur dadurch, daft wir den physischen Stoffwechsel unter-
halten konnen, sind wir imstande, korperlich zu leben. Ganz ab-
hangig ist der Mensch von seiner physischen Umgebung, das heilk,
er ist ein physisches Wesen innerhalb der ganzen physischen Natur,
er gehort zu dieser physischen Natur. Die Materialisten des 19. Jahr-
hunderts haben das mit Recht so gesehen. Unser Korper ist die
Wirkung der physischen Umgebung. Wir leben in der physischen
Welt mit der physischen Welt.
Nun wissen Sie, dafi fur diesen Korper ein ganz bestimmter
Augenblick eintritt, in dem er denjenigen Gesetzen nicht mehr
gehorcht, denen er unter den gewdhnlichen Lebensverhaltnissen
gehorcht hat, das ist der Moment des Todes. Im Augenblick des
Todes gehorcht der Korper, der uns angehort, nicht mehr den-
selben Gesetzen, denen er das ganze Leben hindurch gehorcht hat;
und dennoch sind es Naturgesetze, denen er gehorcht. Wenn wir
gestorben sind, kehrt unser kdrperlicher Organismus zu den Na-
turstoffen zuriick, die wahrend unseres Lebens in diesem Korper
wirkten. Chemische und physikalische Krafte wirken wahrend
unseres Lebens in unserem physischen Korper. Unsere Verdauung
ist ein physischer Prozefi, unsere Atmung ist ein physischer Pro-
zefi. Auch was beim Sehen in unserem Auge vorgeht, ist ein phy-
sischer Prozefi; es ist etwas ganz Ahnliches wie der Prozeft auf der
photo graphischen Platte, wenn Sie sich photographieren lassen.
Wir sind korperlich ein Zusammenflufi von physikalischen und
chemischen Kraften, aber wir horen auf, ein Zusammenfluft von
chemischen und physikalischen Kraften zu sein, wenn wir dem
Tode anheimfallen. Dieser Korper halt dann nicht mehr zusam-
men; er fliefk iiber in den Strom der allgemeinen physischen Er-
scheinungen. Der menschliche Korper als solcher ist aber unmog-
lich nur eine chemische und physikalische Zusammensetzung, denn
in demselben Augenblick, in dem die chemischen und physikali-
schen Krafte sich selbst tiberlassen sind, gehen sie ganz andere
Bahnen, sie fiigen sich in den Strom der allgemeinen chemischen
und physikalischen Prozesse ein. Sie erzeugen nicht mehr die
Seh-, Hor- und Denkprozesse, sondern sie gehen ganz andere Pro-
zesse ein. Es muE also etwas dagewesen sein, was sie dazu auf-
gerufen hat, wahrend unseres Lebens einen Organismus aufzustel-
len. Dieser Organismus ist eine Stunde vor dem Tode von keinen
anderen Stoffen zusammengesetzt als eine Stunde nach dem Tode.
Die physische Zusammensetzung ist genau dieselbe; es ist aber das
Lebenselement nicht mehr da. Es ist das nicht mehr da, was diese
physischen Stoffe aufruft zu einem machtigen Wirken, wie sie
niemals wirken wiirden, wenn sie sich selbst iiberlassen blieben.
Das fuhrt uns dahin einzusehen, daj& dieser physikalisch und
chemisch aufgebaute Korper, weil er in nur physikalischer und
chemischer Beziehung eine Unmoglichkeit ist, durchlebt und
durchstromt sein mufi von einem hoheren Prinzip, welches das
niedere durchorganisiert, durchseelt und durchlebt. Das nachste
Prinzip, das unseren Korper durchseelt und durchlebt, ist das, was
bewirkt, dafi seine Teile nicht schon bei Lebzeiten auseinander-
fallen; und das, was das bewirkt, nennen wir das astrale Element
im Menschen.
Wir konnen ganz genau sagen, was das astrale Element im Men-
schen ist. Es ist das, was alle Menschen, die ein solches Element in
sich haben, dazu veranlalk, in sich etwas geschehen zu lassen, was
wir im weitesten Sinne mit Lust und Unlust bezeichnen. Lust und
Unlust ist etwas, was in unserem Korper und in den Korpern,
welche in astraler Beziehung uns ahnlich sind, auftritt und was
nicht bewirkt werden kann durch die chemischen und physika-
lischen Stoffe. Nehmen Sie einen Kristall oder irgendeine andere
aus chemischen Stoffen zusammengesetzte physische Substanz.
Alles kann mit ihm vorgehen, was sonst im Physischen vorgeht,
nicht aber Lust und Unlust. Das ist nur im Menschen selbst zu
finden und in denjenigen Wesen, die so wie der Mensch organisiert
sind. Diese Wesen sind durchsetzt von einem Elemente, welches
Lust und Unlust empfinden kann. Wenn Sie einen Stein stofien, so
wird er weiterfliegen oder irgendwo auffallen und einen Eindruck
machen. Wenn Sie ein solches Naturobjekt in dieser oder in einer
anderen Weise beeindrucken, so konnen Sie das von aufien sehen;
sie konnen es sogar einem Vorgang unterwerfen, der es zerstort,
aber es wird nie Lust oder Unlust empfinden. Lust und Unlust
reichen so weit, wie die astrale Welt reicht. Und genauso, wie ich
durch die in mir sich vollziehenden Prozesse chemischer und phy-
sikalischer Art der aufieren Welt angehore, so habe ich wirklich
und real alle die verschiedenen Nuancen von Lust und Unlust in
mir, und durch diese verschiedenen Nuancen und Erscheinungen
von Lust und Unlust gehore ich einer Welt an, die unsere korper-
liche Welt durchsetzt und durchseelt und die ebenso aufier mir ist
wie in mir. Im Raume ist nicht nur Luft, die das korperliche phy-
sische Leben unterhalt, sondern der Raum ist auch durchsetzt von
einer astralen Welt, an der wir Menschen ebenso teilnehmen, wie
wir an der aufieren physischen Welt teilnehmen. Und so, wie wir
nicht leben konnten als physische Wesen, ohne dafi wir die physi-
sche Kraft durch unseren Organismus fliefien lassen, ebensowenig
konnten wir als Lust- und Unlustwesen, als astrale Wesen leben,
ohne dafi wir an dem teilnehmen, was in der astralen Welt vorgeht,
was in ihr lebt und webt und was uns fortwahrend durchzieht und
durchgeistigt. So, wie wir in der physischen Welt durch unsere
Haut abgegrenzt und dadurch individualisiert sind, so sind wir
auch in der allgemeinen astralen Welt abgeschlossen. Wir sind in-
nerhalb derselben als einzelne astrale Wesenheiten individualisiert
und nehmen teil an dieser astralen Welt um uns herum.
Wir haben nun auf eine Welt hingedeutet, welche unsere physi-
sche Welt durchsetzt und durchzieht und durchwogt, wie die Ton-
welt der Neunten Symphonie die Welt durchwogt, in welcher auch
die Schnecke lebt. Im gewohnlichen Leben nimmt der Mensch die
Welt durch seine Sinne wahr, aber er ist nicht imstande, jene Welt
wahrzunehmen, die ihn selbst durchgeistigt und durchwebt und
seinen eigenen Astralorganismus ausmacht. Der Umstand, dafi wir
eine Welt nicht wahrnehmen, ist nun aber kein Grund zu sagen,
dafi diese Welt nicht da ist. Warum nehmen Sie jeden anderen hier
sitzenden Menschen als physisches Wesen wahr? Weil Ihre Augen
darauf eingerichtet sind, die physischen Lichtstrahlen durch Ihre
Augen wahrzunehmen. Ihre Augen konnen die physischen Korper
der anderen Menschen um Sie herum wahrnehmen. Diese phy-
sischen Korper sind fur Sie wirklich. Sie waren fur Sie nicht da,
wenn Ihre Augen nicht da waren, sie zu sehen. Ebenso ist in jedem
dieser anderen Menschen Lust und Unlust in unzahligen Nuancen
vorhanden. Eine ebenso reiche Welt wie die, welche Sie mit Augen
sehen, ist in jedem von Ihnen; es ist eine reiche Welt von Lust und
Unlust. Und ebenso wirklich wie Ihr physischer Korper, ist ein
zweiter Korper, der den physischen Korper durchsetzt, von dem
dieser physische Korper ganz durchdrungen ist. Sie diirfen nicht
sagen, dafi nur das wirklich ist, was Sie sehen, was Sie physisch
wahrnehmen konnen, denn jeder von Ihnen weiE, dafi eine Welt
von Lust und Unlust in ihm ebenso wirklich lebt, wie MuskeL
fleisch und Nervenfasern in ihm leben. Nur weil die geistigen
Augen nicht aufgeschlossen sind, deshalb sehen Sie diese Wirklich-
keiten nicht. Waren Ihre Augen dafur aufgeschlossen, dann wiirden
Sie bei jedem anderen Menschen, ebenso wie Sie seine Hautfarbe
und seine Kleider wahrnehmen, ihn auch wahrnehmen konnen
durchstrdmt von Kraften und Substantialitaten, von Wesenheiten,
die wirklich sind, die wir als Lust- und Unlustwesen bezeichnen
konnen. Fur denjenigen, dessen Sinn aufgeschlossen ist fur diese
Wirklichkeiten, ist diese Welt ebenso wirklich wie die korperliche
Welt.
In jedem Menschen ist so aufter dem physischen Korper noch
der astrale Korper, der so genannt wird, weil er fur den Seher in
einem hellen Lichte erglanzt, das ein Ausdruck ist fur sein ganzes
Lust- und Unlustleben, fur alles, was als Gefiihl in ihm lebt. So wie
nicht nur Sie selbst wissen, dafi Sie aus Fleisch und Blut bestehen,
sondern die anderen Menschen dies auch wahrnehmen konnen, so
sind die Lust- und Unlustgefiihle nur solange fur Sie allein da, als
nicht ein anderer sie wahrnimmt. Etwas grower als Ihr physischer
Korper ist Ihr astraler Organismus, etwas herausragend iiber
denselben. Denken Sie sich einen Saal, in dem eine Versammlung
abgehalten wird und in dem die verschiedenen Redner sprechen.
Wenn ein Hellseher mit seinen Seheraugen den Saal durchschaut,
nimmt er nicht nur die Worte wahr, die gesprochen werden, nicht
nur die funkelnden Augen und die sprechenden Physiognomien, er
sieht noch etwas anderes: er sieht, wie von dem Redner zu den
anderen Menschen die Leidenschaften heriiberspielen, er sieht, wie
die Empfindungen und Gefuhle in dem Redner aufleuchten, er
sieht, ob ein Redner zum Beispiel aus Rache oder aus Enthusias-
mus spricht. Bei dem Enthusiasten sieht er das Feuer des Astral-
korpers ausstromen, und bei der grofien Menge der Menschen sieht
er eine Fiille von Strahlen; diese rufen wiederum in dem Redner
Lust oder Unlust hervor. Da ist eine Wechselwirkung der Tempe-
ramente, die offen und klar vor dem Seher sich abspielt. Das
ist eine ebenso wirkliche Welt, von der wir ein Teil sind, wie die
aufiere Welt, in der wir leben.
Nicht umsonst, nicht zwecklos hat die theosophische Bewegung
den Menschen hingewiesen auf diese unsichtbaren Welten, von
denen die Menschen ein Teil sind, in die wir fortwahrend unsere
Wirkungen hineinsenden. Sie konnen kein Wort sprechen, keinen
Gedanken fassen, ohne daft Gefuhle in den Raum hinauswirken.
Wie unsere Handlungen in den Raum hinauswirken, so wirken
auch die Gefuhle; sie durchsetzen den Raum und beeinflussen die
Menschen und die ganze astrale Welt. Der Mensch ist unter
gewohnlichen Verhaltnissen sich nicht bewuftt, daft ein Strom von
Wirkungen von ihm ausgeht, daft er eine Ursache ist, deren Wir-
kungen uberall in der Welt wahrzunehmen sind. Er ist sich nicht
bewuftt, daft er dadurch auch Unheil anrichten kann, daft er Strome
von Lust und Unlust, von Leidenschaften und Trieben in die Welt
hinaussendet, die auf andere Menschen auf die schadlichste Weise
wirken konnen. Er ist sich nicht bewuftt, was er mit seinem
Gefuhlsleben bewirkt.
Unser Wissen ist nicht zu einem zwecklosen Dasein bestimmt;
es ist nicht dazu da, um blofi zu erkennen, nicht urn seiner selbst
willen ist es da. Es ist eine schone Phrase der abendlandischen
Gelehrsamkeit geworden, das Wissen sei um seiner selbst willen da.
Wer sich in die morgenlandische Weisheit vertieft, der findet noch
etwas anderes als das Wissen um seiner selbst willen. Er weift, daft
es sich beim Wissen darum handelt, sich im Sinne dieses Wissens in
der Welt zu betatigen. Wir lernen die physische Welt kennen, um
in der physischen Natur nicht wie in einem Chaos zu wirtschaften.
Und wir lernen die hohere Natur kennen, um in dieser hoheren
Natur in bewuftter Weise zu wirken. Wer diese hohere Natur er-
kennt und beherrscht, lernt, in ihr bewuftt zu wirken; er lernt, seine
Gedanken zu beherrschen und sie nicht zufallig wirken zu lassen,
sie auch nicht zufallig loszulassen, sondern sie im Zaume zu halten;
er lernt, sein Innenleben zu beherrschen, sein Innenleben zu regeln,
so daft es im idealsten Sinne auf die Umwelt veredelnd wirkt.
Dadurch erlangen die hoheren Welten, die - lassen Sie mich das
betonen - ebenso wirklich sind wie unsere physische Welt, ja noch
wirklicher, eine immense Bedeutung fur die physische Welt. Wer
weift, dafi das, was in der astralen Welt vorgeht, viel wichtiger ist
fiir den WeltprozeE als das, was Sie in der physischen Welt zu
sehen und zu tun vermogen, der wird diese Welt auch richtig in
ihrer Bedeutung einschatzen.
Wenn Sie noch weiter hinaufsteigen, wurden Sie Welten finden,
die noch wichtiger sind als die astrale Welt. Davon spricht auch die
christliche Religion. Was diese als «Seele» bezeichnet, ist die astrale
Welt, was sie als «Geist» bezeichnet, ist das, was Sie in der Theo-
sophie als «Mentalebene» kennen. Warum ist die hohere, die astrale
Welt so unendlich viel wichtiger als die physische Welt? Weil die
physische Welt nichts anderes ist als der Ausdruck dieser astralen
Welt, als die Wirkung der astralen Welt. Ich mochte Ihnen als
Erlauterung eine Erscheinung anfiihren, die Ihnen zeigen wird, wie
unendlich viel bedeutsamer das ist, was in der astralen Welt vor-
geht, als das, was in der physischen Welt sich abspielt. Was ich zu
sagen habe, bezeichnet man in der Lehre der Mystik und in der
Theosophie als das Mysterium von Geburt und Tod. Es ist das
eines der grofken Mysterien oder Weltengeheimnisse. Wir spre-
chen von sieben Weltengeheimnissen.
Wer trivial denkt - und die heutige Welt ist nur allzu geneigt,
trivial zu denken -, der wird uns leicht der Schwarmerei und Un-
klarheit bezichtigen. Aber wir Theosophen wissen, was die drei
Worte bedeuten, die in den ersten Jahrhunderten des Christentums,
in welchen das Christentum noch zu den tiefsten Religionen der
Welt gehorte, haufig genannt wurden: Wahrnehmen, Denken, Ver-
muten. - Diese drei Worte wurden nebeneinander genannt. Dafi
das Vermuten neben dem Wahrnehmen und Denken genannt
wurde, das zeigt uns, dafi die Menschen in bezug auf die Erkenntnis
nicht so unbescheiden waren wie heute. Ja, unbescheiden sind heute
die Menschen in bezug auf die Erkenntnis, unbescheiden deshalb,
weil sie ablehnend sind gegeniiber allem, was ihre Sinne und ihr
Verstand nicht begreifen. Denken Sie sich, wenn die Schnecke sich
unterfinge zu sagen, hier im Saal sei nichts anderes als das, was
sie wahrnehme -, miifiten wir nicht von dieser Schnecke sagen, sie
habe in bezug auf die Erkenntnis eine grofie Unbescheidenheit?
Tauschen Sie sich nicht. Im schlimmsten Sinne des Wortes ist es
ebenso mit dem Menschen, wenn er sagt: Was mein Verstand nicht
wahrnehmen und nicht begreifen kann, das gibt es nicht in dieser
Welt. - Zwei Dinge, Wahrnehmen und Denken, sind es, die uns in
der Welt Schonheit, Grofie und Zahl vermitteln. Aber es gibt noch
ein drittes, das uns immer bescheiden sein lafit, das uns strebend
sein lalk, das uns immer tiefer hineinfiihrt in die Welt: das ist das
Vermuten, das Vermuten, dafi es noch etwas anderes geben konnte
als das, was wir wis sen.
Die theosophische Bewegung unterscheidet sich darin von alien
iibrigen Erkenntnisbewegungen. Was will der gewohnliche Wis-
senschaftler, der stolz ist auf seine Kultur und unbescheiden ist in
bezug auf sein gewohnliches Erkennen? Er will alies das, was er
wahrnehmen und erkennen kann, weiter verfolgen, und er will
seine Erkenntnisse auf unzahlige Sachen verbreiten. Das ist so, wie
wenn die Schnecke nach alien Seiten herumkriecht und wahr-
nimmt, was sie wahrnehmen kann - sie wurde nichts wahrnehmen
als das, was ihre Schneckenorgane wahrnehmen konnen. So ist es
auch bei den Menschen. Deshalb hat man dem Wahrnehmen und
dem Denken das Vermuten hinzugefugt, das Vermuten, daft -
wenn wir uns weiterentwickeln - uns hohere Sinnesorgane auf-
gehen werden, die uns das aufschliefien, was uns fur gewdhnlich
verschlossen ist in der Welt. So unterscheidet sich die Gesinnung
des Theosophen von der des gewohnlichen Wissenschaftlers da-
durch, daft er sich entwickeln will, dafi er ehrlich und rechtschaffen
an die Entwicklung seiner Fahigkeiten glaubt und sich bemuht, an
sich selbst zu arbeiten. Das, verehrte Anwesende, ist theosophische
Gesinnung: an sich zu arbeiten, damit uns hohere Organe auf-
gehen, damit wir in die Lage kommen, in dem, was uns umgibt,
Bedeutungsvolles, Wichtiges wahrzunehmen. Das mufi immer
mehr und mehr abendlandische Gesinnung werden, wenn die
abendlandische Menschheit nicht ganz in der materialistischen
Stromung aufgehen will. Wenn diese theosophische Gesinnung
sich immer mehr und mehr verbreitet, dann wird man einsehen,
dafi alles dasjenige, was aufiere physische Tatsachen und Erschei-
nungen sind, die Folgen, die Wirkungen tieferliegender Ursachen
sind, die in der astralen Welt oder in noch hoheren Welten liegen.
Gewohnlich ist die abendlandische Wissenschaft damit zufrieden,
den Korper in alien seinen Bestandteilen zu erforschen. Aber die
theosophische Gesinnung fragt: Hat dieser Korper sich selbst zu-
sammengefugt? Wo konnte der Grund dafur sein? Konnen wir
glauben, dafi die Krafte draufien in der Natur das Bediirfnis fuhlen,
sich zum Menschen zusammenzufiigen? Nein. Wer in der hoheren
Welt zu sehen vermag, der weifi, daft der Mensch, bevor er im
physischen Organismus lebt, vor seiner Geburt in einem astralen
Dasein lebte. So wahr wir vor unserem physischen Dasein, vor der
Geburt, ein astrales Dasein hatten, so wahr haben wir ein astrales
Dasein auch nach unserer Geburt, und dieses reicht weiter als unser
physischer Korper. Alles das ist eingeschlossen in dem, was wir das
Mysterium von Geburt und Tod nennen.
Die Theosophie versteht die Wichtigkeit des dritten Wortes: das
Vermuten. Was ich heute vermute, wird vielleicht morgen schon zu
Erkenntnis, und was ich gestern noch vermutet habe, wurde mir
heute zur Gewifiheit. Wer auf das Tiefere dieses Vermutens ver-
traut, der glaubt nicht an Erkenntnisgrenzen; er sagt sich: Ich glau-
be nicht daran, dafi dasjenige, was ich zu irgendeiner Zeit erkenne,
das Tiefste ist. - Und so sind wir uns klar dariiber, dafi auch bei
den wichtigsten Erscheinungen der Natur ihre Gesetze, ihre We-
senheiten tief verhullt sind. «Geheimnisvoll am lichten Tag, lafit
sich Natur des Schleiers nicht berauben.». Geheimnisvoll, myste-
rios, ist die Natur, ist das ganze Leben, und darin einzudringen ist
die Aufgabe des Menschen. Denn mit den Mysterien zu arbeiten,
ist des Menschen Aufgabe.
Wir sprechen von sieben grofien Geheimnissen des Lebens.
Sieben grofie Geheimnisse gibt es, die uns die sieben grofien Pha-
sen des Lebens enthullen. Die «unaussprechlichen» werden sie
genannt. Das vierte dieser groEen Geheimnisse, in die wir nach und
nach durch diese Vortrage eingefiihrt werden sollen, ist das Ge-
heimnis von Geburt und Tod. Es ist nicht so, dafi wir notig haben,
einen Schleier zu liiften, urn das Geheimnis von Geburt und Tod
zu verstehen. Der Korper, der zwischen Geburt und Tod lebt, wird
aufgesucht von einem anderen Korper, der nur in der astralen
Welt lebt. Unser Astralkorper ist vor unserem physischen Korper
vorhanden. Er ist die Grundnote unseres Empfindungslebens, die
Grundnote unseres Temperamentes und unserer Leidenschaften.
Das sieht der Seher in der astralen Welt. Bevor der Mensch geboren
wird, baut sich diese Grundnote, die jeder von uns in sich tragt,
den physischen Korper auf. Unsere physischen Korper erbauen
nicht unsere Leidenschaften, Begierden und Temperamente, son-
dern diese kommen aus einer anderen Welt und suchen sich die
entsprechenden Korper aus. Daher ist jeder Mensch ausgestattet
mit einer ganz bestimmten seelischen Wesenheit. Wer imstande ist,
den Menschen wirklich zu studieren, der weifi, dafi sich die Men-
schen voneinander unterscheiden, dafi es nicht zwei Menschen gibt,
die einander in bezug auf Leidenschaften, Begierden und physische
Korpernatur gleich sind. In bezug auf die physische Korpernatur
sind sie vielleicht nur wenig voneinander verschieden, aber un-
geheuer verschieden sind die Menschen hinsichtlich ihrer astralen
Wesenheit.
Bevor ein Mensch geboren wird, sieht der Seher der Statte der
Geburt zustromen den Astralkorper des Menschen, die Summe
seiner Begierden, Triebe und Leidenschaften, die sich spater in dem
physischen Korper entwickeln und sich mit der aufieren Welt in
Wechselwirkung setzen. Und innerhalb dieses Astralkorpers, als
das innerste Wesen des sich verkorpernden Menschen, ist das
eigentliche hohere Geistwesen des Menschen. Aus einer noch ho-
heren Welt herab steigt dieses hohere Geistwesen des Menschen,
und innerhalb der astralen Welt umgibt sich dieses hohere Geist-
wesen des Menschen mit dem, was wir Begierdenstoff, Astralstoff
nennen. So durcheilt er die astrale Welt mit Windeseile. Der Seher
sieht es in der Astralwelt lange vor seiner Geburt. Es ist in einer
leuchtenden glockenformigen Gestalt vorhanden und senkt sich
nieder auf den menschlichen Korper, um diesen zu durchgeistigen.
Das, was wir iiber einen solchen Astralstoff heute sagen, zieht uns
leicht den Vorwurf der Schwarmerei zu, und es ist natiirlich, daft,
wenn wir in der heutigen Welt so sprechen, wir diesen Vorwurf
erhalten konnen. Wir mussen daher umso vorsichtiger sein. Wir
diirfen uns nicht erlauben, so davon zu sprechen, und wir sollten
auch nicht davon sprechen, wenn wir nicht ebenso fest und sicher
in dieser Welt zu Hause sind wie in der physischen Welt.
Ich betrachte es als eine Anforderung an einen Lehrer der Theo-
sophie, daft er nur soviel von der Lehre vertritt, wie er nach seinem
besten Gewissen verantworten kann, das heiftt, ich verlange von
jedem theosophischen Lehrer, daft er nur das sagt, wovon er selbst
eine unmittelbare Kenntnis, ein unmittelbares Wissen hat. Nicht
ein Wort sollte der theosophische Lehrer iiber diese hoheren Wei-
ten sprechen, wenn er nicht imstande ist, selbst zu forschen; genau
mit demselben Recht, wie auch niemand iiber Chemie sprechen
kann, der sie nicht studiert hat. Deshalb werde ich in den Vortra-
gen nur das sagen, was ich mit absoluter Sicherheit zu sagen in der
Lage bin. Niemand ist in der Lage, die astrale Welt in ihrer Ganz-
heit zu schildern; sie ist reichhaltiger und umfangreicher als unsere
physische Welt. Ich gebe zu, daft auch der Geistesforscher im ein-
zelnen sich irren kann, so wie man sich in der physischen Welt
irren kann, wenn man zum Beispiel die Hohe eines Berges bestim-
men will. Aber ebensowenig wie ein solcher Irrtum im einzelnen
ein Anlaft sein kann, die physische Welt abzuleugnen, ebensowenig
kann ein Mensch versucht sein, wegen eines Irrtums im einzelnen
die Wirklichkeit der astralen Welt zu leugnen.
Bevor der Mensch fur die physische Welt geboren wird, lebt er
als Triebwesen mit seinem «K6rper des Verlangens» in der astra-
len Welt. In der astralen Welt gibt es nicht Geburt und Tod in
demselben Sinne wie in der physischen Welt. In der astralen Welt
gilt das Mysterium von der sogenannten Wahlanziehung. Es geht
dabei so zu wie in dieser physischen Welt mit unseren Begierden
und Wiinschen. Wie eine Begierde sich aus der anderen entwik-
kelt, so geht es in der astralen Welt zu. Ein Wesen entwickelt sich
aus dem anderen durch eine ewige Fortpflanzung, ohne daft wir
Geburt und Tod zu verzeichnen hatten. Die Wesen unterliegen
nur der Wahlanziehung, nicht der Geburt und dem Tode. Woher
kommt es, dafi die physischen Wesen der Geburt und dem Tode
unterliegen? Auf diese Frage wollte ich heute besonders hin-
weisen. Woher kommen Geburt und Tod in die physische Natur?
Ich habe gesagt, bevor der Mensch auf der physischen Welt lebt,
lebt er in der astralen Welt und unterliegt da der Wahlanziehung;
Geburt und Tod wiirde es da nicht geben. Nun gibt es aber
Geburt und Tod, weil das Astrale den mittleren Punkt bildet
zwischen zwei anderen Welten.
Der Mensch ist ein Burger zweier Welten. Er deutet hinunter
nach der physischen Welt und hinauf nach der hochsten, der
geistigen Welt. Durch seine astrale Natur verbindet der Mensch
die geistige Welt in ihrer Ewigkeit mit der physischen Welt. Der
Mensch war lange, lange Zeit, durch mehrere kosmische Epochen
hindurch, ein blofi astrales Wesen. Wir stehen heute in der funften
«Wurzelrasse», der nachatlantischen Zeit, ihr gingen die vierte und
die dritte voran. Erst in der dritten «Wurzelrasse», in der lemuri-
schen Zeit, ist der Mensch ein physisches Wesen geworden; vorher
war er der Astralwelt naher. Damals aber, als der Mensch noch
Astralwesen war, hatte er noch nicht die Kraft des Geistes. Die
hohere, die geistige Seele hat sich erst mit dem Astralwesen verei-
nigt in dem Augenblicke, in dem das Geistige mit dem Physischen
sich vereinigt hat. Und dieses vereinigte Geistig-Physische fordert
fur das Physische Geburt und Tod. Deshalb, weil der Mensch
der Schauplatz des hochsten Geistigen ist, mufi er innerhalb des
Physischen geboren werden und sterben. Das astrale Wesen wird
weder geboren noch stirbt es. Das geistige Wesen wird dadurch
seine Ewigkeit bewahren, dafi es das physische Wesen von Zeit zu
Zeit immer wieder zerstort, um wieder aufzusteigen in das Geistige
und dann wieder herunterzusteigen in die physische Welt. Das hat
Goethe angedeutet in seinem Prosahymnus «Die Natur»: Leben ist
ihre schonste Erfindung, und der Tod ist ihr Kunstgriff, viel Leben
zu haben.
Dieses Zusammenwirken von Geburt und Tod, das Mysterium
des ganzen Lebens, soil uns weiter in diesen Vortragen beschafti-
gen, und auch die Wesen der astralen Welt, von denen wir bisher
wenig erwahnt haben, werden wir kennenlernen, urn so einzu-
sehen, dafi es mehr Wesen gibt, als der Mensch in seiner heutigen
materialistischen Gesinmmg sich traumen lafit.
ZWEITER VORTRAG
Berlin, 4. November 1903
Die hdheren Welten und der Anteil
des Menschen an ihnen
Nachdenkliche Menschen konnten vielleicht ein Ereignis, das in
den letzten Tagen ganz uberraschend eingetreten ist, als einen Be-
weis dafiir nehmen, dafi vieles Unbekannte in dem Raume sein
kann, in dem wir uns alle befinden, von dem wir plotzlich Wirkun-
gen wahrnehmen, ohne dafi wir vorher von seinem Vorhandensein
eine Ahnung gehabt haben. Sie werden ja schon erraten, dafi ich
damit auf ein Ereignis hinweise, das letzte Woche stattgefunden
hat: An einem schonen Mittag, es war letzten Sonnabend, horten in
Frankreich plotzlich alle Telegrafenleitungen auf zu funktionieren;
man konnte nach keinem Orte in Frankreich telegrafieren oder
telefonieren und kein Physiker konnte sich eine Vorstellung ma-
chen, wovon das kam. Abends ging der Strom wieder wie vorher.
Diese Stoning war auf der ganzen Erde zu spiiren. Man hatte vor-
her keine Ahnung, daft etwas derartiges auf unserer Erde vorgehen
konnte, dafi plotzlich alle telegrafischen Leitungen stillestehen. Die
Wissenschaft wird die Ursache schon finden. Aber man wird sich
klar sein miissen, dafi fortwahrend in der Welt eine Kraft wirken
kann, von der wir uns keine Vorstellung machen konnen - Zu-
sammenhange, von denen wir nichts wissen, deren Wirkungsweise
wir nicht im voraus kennen.
Wir Menschen gehoren der astralen Welt ebenso an, wie wir der
physischen Welt angehoren. Wir gehoren auch noch anderen Wel-
ten an, aber das Dasein dieser Welten verstehen wir erst, wenn wir
sehen, was fur Krafte aus dem hoheren Dasein hereinspielen. Dem-
jenigen, dessen Augen fur die astrale Welt geoffnet werden, geht
ein neues Dasein auf: die Welt, in der wir alle Triebe und Instinkte,
alle Leidenschaften und Temperamente so vor uns sehen, wie wir
die Dinge um uns herum in der physischen Welt sehen. Diese
astrale Welt ist aber nicht die hochste. Sie ist diejenige, welche um
eine Stufe hoher liegt als unsere physische Welt, sie ist eine feinere
Welt, die unsere ganze Welt durchdringt. Dann ist unsere Welt
auch durchdrungen von einer noch hoheren Welt, der eigentlichen
geistigen Welt, die wir in der Theosophie die devachanische oder
die mentale Welt nennen und die, wenn wir den Blick dafiir geoff-
net haben, es uns moglich macht, die Gedanken, welche nicht von
Gefuhlen und Wiinschen durchzogen sind, die also reine Gedanken
sind, wie Dinge zu sehen. Das sind die drei Welten, welchen der
Mensch angehort, das sind die drei Welten, welche er durchlauft in
seinen Leben von Verkorperung zu Verkorperung. Also nicht die
hochste Welt ist es, mit der wir es bei der Astralwelt zu tun haben.
Der geistigen Welt soil ein besonderer Vortrag gewidmet werden.
Wir betrachten nun also diese Zwischenwelt, die aber, weil sie
unserer physischen Welt zunachstliegt, fur uns von ganz besonde-
rer Wichtigkeit ist. Demjenigen, dessen Auge geoffnet ist fur diese
Sphare, sprechen wir ein sogenanntes psychisches Sehen zu. Es
erscheinen ihm nicht nur physische Dinge, sondern es erscheint
ihm auch alles, was in den Menschen als Triebe, Wiinsche und
Leidenschaften lebt, als Dinge. Diese astrale Welt ist abgestuft. Sie
ist so grofiartig, daft sich unsere physische Welt nicht damit ver-
gleichen laftt. Nur eine skizzenhafte Schilderung kann ich davon
geben. Wer das Auge dafiir geoffnet hat, der sieht Dinge, die der
gewohnliche Mensch zwar wahrnimmt, die er aber sich noch nicht
entratseln kann. Das ist psychisches Sehen.
Aber es gibt ein noch hoheres Sehen, das spirituelle Sehen. Die-
ses verhalt sich zum psychischen Sehen etwa so wie der Blick von
der Spitze eines Berges, also von einem erhabenen Standpunkte
oder doch von dem Abhange eines Berges aus auf die im Tale
liegenden Orte und Gegenstande. Denken Sie sich ein Dorf, eine
Stadt, ihre Umgebung, aber von unten gesehen, vom Boden aus,
auf dem Sie stehen, so konnen Sie das vergleichen mit dem physi-
schen Sehen des gewohnlichen Durchschnittsmenschen. Steigen Sie
den Berg hinan und bleiben etwa in der Mitte des Berges stehen,
dann konnen Sie den Uberblick, den Sie da erhalten, mit dem psy-
chischen Sehen vergleichen. Steigen Sie ganz auf den Berg hinauf,
dann konnen Sie den Uberblick vergleichen mit dem spirituellen
Sehen. Dieses spirituelle Sehen haben nur wenige Menschen in
unserem Zeitalter. Spater werden es mehr Menschen sein. Diejeni-
gen Menschen haben es, welche es sich durch fruhere Verkor-
perungen erworben haben, indem sie ein reines, mentales Leben
gefuhrt haben, diejenigen, welche auf dem Gebiete des Denkens die
Wege des reinen, kristallklaren Erkennens der Welt gesucht haben.
Derjenige Mensch, fur den das Verfolgen der reinen moralischen
Tat so selbstverstandhch war, wie fur den gewohnlichen Menschen
das Verfolgen seiner alltaglichen Beschaftigungen, Vergniigungen,
Leidenschaften und Triebe, derjenige, fur den das Leben in reinen
Gedanken selbstverstandlich war, der bringt dann im nachsten
Leben die Fahigkeit mit, diese Dinge, denen er sich in den friiheren
Leben hingegeben hat, so um sich zu sehen, wie andere Menschen
die physischen Dinge sehen. Er durchschaut die Welt, er blickt
gleichsam von oben her nicht nur in die physische Welt hinein,
sondern auch in diejenige, welche ich als die astrale Welt beschrie-
ben habe. Er kann diese beschreiben, in grofien Ziigen allerdings,
so wie sie sich von oben ausnimmt, aber er kann sie klarer be-
schreiben als derjenige, welcher blofi das psychische Schauen hat.
Teile des psychischen Schauens sind das, was wir durch Hypno-
tismus und Magnetismus haben. Teil des psychischen Schauens ist
auch das somnambule Schauen. Aber dennoch, wenn wir auf der
psychischen Ebene stehenbleiben, stehen wir nicht auf dem Gipfel.
Da wird auch noch Irrtum moglich sein. Nur der, welcher das
spirituelle Schauen hat, kann die Welt nach alien Seiten hin iiber-
schauen. Nur der, welcher die Dinge von oben sieht, hat einen
freien Ausblick iiber die Dinge der psychischen Welt. Derjenige,
der in diese psychische Welt hineinzuschauen vermag, weift als
Tatsache, da£ des Menschen Ursprung, sein Anfang, nicht inner-
halb der physischen Welt liegt. Er weifi, daft dasjenige, was sich an
dem Menschen als physischer Korper findet, auserwahlt worden ist
von einem hoheren Korper, von etwas, das friiher da war als der
physische Korper.
Zweierlei Ansichten sind moglich, die materialistische und die
geistige. Die materialistische Ansicht ist die, welche glaubt, dafi
der Mensch sich sein physisches Dasein aus physischen Stoffen
bestehend schafft und dafi dann, so glaubt diese Anschauung,
diese materiellen Stoffe das Geistige erzeugen. Diese Anschauung
verfolgt dann irgendeine materieile Erscheinung, indem sie zum
Beispiel fragt: Was geht vor im Organismus, was geht vor in den
feinen Funktionen, die sich im Gehirn abspielen, wenn ein Gefiihl,
wenn eine Vorstellung in uns ist? Derjenige, welcher das psychi-
sche Sehen hat, weifi, dafi dieser Korper sich nicht selbst auferbaut
hat; er weifi, dafi der Korper von seinem eigenen hoheren Men-
schen, welcher in ihm wohnt, ausgewahlt worden ist. «Schaffen»
bedeutet nicht das, was wir heute schaffen nennen, sondern es
bedeutet Wdhlen. Das heifit: die Seele des Menschen, die Psyche,
welche aus anderen Regionen kommt, hat sich diesen Korper
erwahlt, so dafi er ihr ein Instrument sein kann zur Verfolgung
derjenigen Ziele, die aus einer hoheren Welt stammen.
Nachdem ich dies vorausgeschickt habe, lassen Sie mich in kur-
zen Ziigen darstellen, wie der Mensch seine Erdenpilgerschaft vor-
bereitet. Lassen Sie mich jetzt zeigen, wie der Mensch zustande-
kommt, und in einer anderen Stunde wollen wir seinen kosmischen
Ursprung zeigen. Heute nur das, was zum Dasein des Menschen in
unserer Zeitepoche fiihrt. Ich sage Tatsachen, denn ich sagte schon,
dafi derjenige, der iiber die astrale Welt vortragt, jedes Wort abwa-
gen mufi, dafi er es nicht einmal, sondern viele Male priifen mull.
Nehmen Sie meine Worte nicht als zufallig gesprochen an, sondern
so, dafi ich mich vollstandig verantwortlich fuhle fur das, was ich
sage. Was ich als Tatsachen hinstelle, konnen Sie ebenso nehmen
wie das, was der Naturforscher als Tatsachen hinstellt, die er mit
dem Teleskop, mit dem Fernrohr und so weiter sehen kann.
Der Mensch ist ein Wesen, das nicht einmal lebt, sondern das in
vielen, vielen Verkorperungen immer und immer wieder lebt. Der
Mensch nimmt die physische Hulle oft an. Diese physische Hulle
ist die aufierste der Hiillen, in welche der eigentliche Mensch
eingehiillt ist. Dieser eigentliche Mensch, der von Inkarnation zu
Inkarnation geht, der Schuld und Siihne von einer Inkarnation zur
anderen hinubertragt, wird als das hohere Selbst bezeichnet. Bei
der Geburt tritt dieses hohere Selbst in unseren Korper ein. Nach
dem Tode verlafit dieses hohere Selbst den Korper, um wiederum
in eineinhalb bis zwei Jahrtausenden in einer neuen Verkorperung
in der Welt zu erscheinen. In der Zwischenzeit halt sich dieses
hohere Selbst in den hoheren Welten auf, und, nachdem dieses
Selbst in eine Art von Reifezustand iibergegangen ist, sucht es
sich wieder zu verkorpern. Es lebt in ihm gleichsam der Wunsch,
wiederum innerhalb des materiellen, irdischen Daseins tatig zu
sein, wiederum eine Lektion zu erlernen innerhalb des irdischen
Daseins.
Nun miissen wir ein zweifaches, ein doppeltes Entstehen des
Menschen betrachten. Diese Betrachtung liefert uns zwei Tatsa-
chenreihen: die eine, welche ablauft innerhalb unserer physischen
Welt, die andere, welche ablauft in der hoheren Welt. Ich werde
vorlaufig nur diese hohere Welt skizzieren.
In der Zwischenzeit, [zwischen dem Tode und einer neuen
Geburt], ist der Mensch in der rein geistigen Welt - in der mentalen
Welt oder dem Devachan -, in einer Welt, welche zwei Regionen
hat, eine rein geistige, hohere Welt und eine niedere. Die hohere
geistige Welt, welche wir auch als die «Arupa-Sphare» bezeichnen,
betritt der Mensch zwischen zwei Verkorperungen immer. Der
Unentwickelte halt sich kiirzere, der Entwickelte langere Zeit darin
auf. Jeder Mensch mufi durch diese Region hindurchgehen. Wir
werden spater sehen, warum. Aus dieser Region mufi er in die
untere Region, in diejenige, in welcher fur uns der subjektive Ge-
danke ist, der Gedankenstoff. In dieser Region nimmt das Selbst
einen Gedankenkorper an. Es umgibt sich mit Gedankenstoff, so
dafi wir dieses Selbst verfolgen konnen, wie es aus der hoheren
Region nun in die Gedankenstoffwelt eintritt. Diese Spharen sind
eigentlich nicht iibereinander, sondern ineinander geschoben. Es ist
wie ein lebendiger Organismus, nur ist dieser tatiger als unser
physischer Organismus. Nachdem das Selbst in diese Gedankenre-
gion eingetreten ist und dort einen Organismus aus Gedankenstoff
gebildet hat, treibt es ein Wunsch weiter herunter. Es umgibt sich
mit Stoff aus der astralen oder psychischen Welt, so daft das hohere
Selbst, bevor es in den physischen Organismus einzieht, bereits ein
hoherer Organismus ist. Jeder von uns war in den hoheren Regio-
nen ein hoherer Organismus. Er war Gedankenstoff, und dieser
war wiedemm eingewebt in den Astralstoff. Ein solcher Orga-
nismus waren wir, bevor wir den physischen Leib betraten. Diese
astrale Welt ist fur den Seher, der in der psychischen Sphare
forschen kann, ebenso klar und durchsichtig, wie die physische
Welt fur die Augen des physischen Forschers.
In der physischen Welt unterscheiden wir dreierlei Arten des
Daseins, dreierlei Aggregatzustande: fest, fliissig und gasformig;
aufterdem noch den sogenannten Ather, die atherische Stofflich-
keit, die der Grand ist, warum Licht durch den Raum geht, Warme
und so weiter. Dieses ist der feinste Zustand auf dem physischen
Plan. Genau ebenso hinsichtlich der Einteilung, aber ganz anders
hinsichtlich der Qualitat, hinsichtlich der Eigenschaften, ist es in
der astralen Welt. In der astralen Welt haben wir es mit verschie-
dener astraler Stofflichkeit zu tun. Etwas dringt herein in unsere
Welt, die wir kennen, etwas durchdringt uns Menschen alle, und
wir nennen es die astrale Welt. In der astralen Welt sehen wir, ohne
daft wir es recht fassen konnen, die Astralstoffe. Noch im Mittel-
alter haben die Leute, die davon etwas wufken, von Stoffen gespro-
chen, durch welche das Hereinziehen des Selbstes [in das Physi-
sche] sich vollzieht, und sie haben diese Stoff e «Humores» genannt.
Was in unserer physischen Welt diese verschiedenen Stoffzustande
sind, fest, fliissig, gasformig und atherisch, das sind in der psychi-
schen Welt die vier Humores, aber wir konnen diese nur benennen
nach ihrem Abglanz, wie sie in uns sind, wie sie in uns leben. Den
physischen Stoffzustanden fest, fliissig, gasformig, atherisch ent-
spricht in der Astralwelt das, was wir die vier Temperamente nen-
nen. Das, was in uns verursacht, daft wir dieses oder jenes Tempe-
rament haben, dem entspricht ein ganz bestimmter Stoffzustand.
Wer im Astralkorper ein cholerisches Temperament hat, bei dem
findet sich derjenige der Humores besonders ausgebildet, welcher
dem Stoffzustande des Cholerischen entspricht - cholae. So haben
wir in der astralen Welt die Temperamente als Entsprechung fiir
die vier Stoffzustande. Wie die Alten von Erde, Wasser, Luft, Feuer
sprachen, so sprachen sie auch von vier Stoffzustanden im Astra-
lischen, und diese bestehen aus Astralstoffen. Je nachdem der eine
oder der andere Astralstoff uberwiegt, je nachdem tragt der
Mensch das eine oder das andere Temperament.
So wie unserem physischen Dasein der Raum mit seinen drei
Dimensionen eigen ist, so gibt es auch einen Astralraum, der aber
anders geartet ist als unser physischer Raum. Und weil er anders
geartet ist, wird es dem Anfanger schwer, sich dort zurechtzufin-
den. Etwas den physischen Dimensionen Entsprechendes gibt es
auch im Astralen. So wie unser physischer Raum Hohe, Breite und
Tiefe hat, so gibt es auch auf dem astralischen Felde bestimmte
Dimensionen. Und nun besteht ein merkwurdiger Zusammenhang
zwischen den Dimensionen auf astralen Felde und dem, was wir im
physischen Leben «Zeit» nennen, Vergangenheit, Gegenwart und
Zukunft im Physischen sind nur Projektionen, schattenhafte Bilder
derjenigen Dimensionen, welche die Dimensionen in der Astral-
welt sind. Es gibt auch in der astralen Welt etwas wie Vergangen-
heit, Gegenwart und Zukunft als Dimensionen. Aber das unter-
scheidet die astrale Welt von unserer physischen, dafi es noch eine
fiir unser physisches Dasein unvorstellbare Dimension gibt, welche
aufier Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft besteht, welche oft-
mals als vierte Dimension gezahlt wird. Es ist dies ein bildlicher,
aber nicht ganz ungeeigneter Ausdruck. Es sollte niemand von der
vierten Dimension sprechen, der keinen Blick dafiir hat.
Die astrale Welt ist verwirrend fiir den, der zum erstenmal einen
Blick in sie tut. Sie unterscheidet sich auch dadurch von der physi-
schen Welt, da£> die Dinge nicht fest sind, sondern durchlassig. Wir
nennen sie daher auch die Region der Durchlassigkeit. Es gibt da fiir
das astralische Auge keine Grenzen des Korpers wie in der physi-
schen Welt; von jedem Korper ist seine Riickseite ebenso sichtbar
wie die Vorderseite. Wir sehen im Grunde genommen in der Astral-
welt gar nicht von aufien wie im Physischen. Sie wissen, im Physi-
schen sehen wir die Dinge so, wie sie sich sozusagen vor uns hinstel-
len, zum Beispiel sehen wir in einer von uns abgehenden Allee die
Baume perspektivisch. Der Raum bietet uns ein perspektivisches
Schauen. Die entf ernteren Baume scheinen einander nahergeriickt zu
sein, die naheren Baume scheinen weiter voneinander entfernt. Diese
Art zu schauen hort vollstandig auf im Astralen. Dort schauen wir
die Dinge von innen. Wenn Sie einen Wiirfel von auften anschauen,
so erscheinen Ihnen die Seiten des Wurfels perspektivisch. Das astra-
le Schauen ist gleichsam so, als wenn Sie in der Mitte des Wurfels
stehen wiirden und ihn nach alien Seiten von innen beschauen konn-
ten. Das hat ja auch Leadbeater in seiner «Astralebene» gesagt. Wir
konnen davon nur eine Art Sinnbild, eine Art Projektion geben.
Unsere Worte beziehen sich nur auf die physische Ebene; wir miis-
sen daher das, was wir astral schauen, erst in die physische Sprache
iibertragen. Wenn wir sagen, wir sehen im Astralen die Dinge von
innen an, so ist das nur eine Ubersetzung dessen, was im Astralen
vorhanden ist, in die physische Projektion hinein. Fur den Anf anger
wird dadurch eine Art Verwirrung ges chaff en, dafi er die Dinge von
einer anderen Seite sieht [als von der gewohntenj. Sein Gesichts-
punkt andert sich vollstandig. Allen Anfangern ist diese Erfahrung
gemeinsam. Wenn Sie zum Beispiel eine Zahl im Astralen schauen,
zum Beispiel 265, dann sehen Sie sie nach alter Gewohnheit so, wie
Sie sie im Physischen von aufien sehen. Im Astralen haben Sie aber
den Standpunkt, die Dinge von innen zu sehen. Die Zahl mufi im
Astralen 562 gelesen werden, weil der Standpunkt von innen ist, also
von der anderen Seke symmetrisch umgekehrt gelesen werden mufi.
Das sind die Griinde fur das Verwirrende, das bei Anfangern zu-
nachst auftritt, denen das Auge geoffnet wird. Es ist jedoch ein theo-
sophischer Grundsatz, daft niemandem das Auge geoffnet werden
darf, wenn es nicht an der Hand eines Adepten geschieht, wie wir die
Kenner auf diesem Gebiete nennen. Wer gefuhrt wird von Meistern,
der kann unmoglich solchen Irrtiimern ausgesetzt sein.
Diese Welt ist es, in der der Mensch vor seiner physischen Ver-
korperung sich befindet, bevor sein physischer Korper sich gebil-
det hat. Wir wollen nun das betrachten, was von der physischen
Welt dem astralen Organismus entgegeneilt, des Menschen phy-
sische Korperlichkeit, die durch physische, durch physiologische
Krafte geboren wird. Ich mache Sie auf erne Tatsache aufmerksam,
die zugleich das Mysterium von Geburt und Tod betrifft. Dadurch,
dafi der Mensch einzieht in die physische Welt, dadurch, dafi er
von der physischen Welt Besitz ergreift und sich physische Materie
einwebt, dadurch unterliegt er den Gesetzen der Fortpflanzung,
den Gesetzen derjenigen Geburt und desjenigen Todes, wie wir sie
in der physischen Welt heute kennen. Zwar gibt es noch eine an-
dere Geburt und einen anderen Tod.; aber die Geburt und der Tod,
welche wir kennen, gibt es erst in unserer Menschheitsepoche in-
nerhalb der atlantischen Zeit und eines Teiles der lemurischen Zeit.
Diesen drei Menschheitsepochen [Wurzelrassen] gingen zwei ande-
re voran, in denen die Menschen keinen so dichten Korper hatten
wie wir. Sie hatten einen feinen, noch nicht grobstofflichen Korper,
und mit diesem Korper war noch nicht das verbunden, was wir
jetzt als physischen Fortpflanzungsvorgang kennen. Dieser tritt
erst innerhalb der dritten Wurzelrasse, [in der lemurischen Zeit],
ein. Vorher gab es eine Art der Fortpflanzung innerhalb der Lebe-
wesen, an die uns heute noch die niedersten Naturwesen erinnern,
die sich einfach durch Zellteilung fortpflanzen. Eine Zelle schniirt
sich ein und teilt sich; das ist eine ungeschlechtliche Fortpflanzung.
Die Menschen pflanzten sich wahrend der ersten und zweiten
Wurzelrasse, [in der polarischen und hyperboraischen Zeit], durch
eine solche Teilung des atherischen Korpers fort. Diese beiden
Menschenrassen, welche der dritten vorangingen, pflanzten sich so
fort, dafi der eine Korper den anderen aus sich heraustreten liefi.
Diese Art der Fortpflanzung bildet nur noch ein Erinnerungsstuck
an diese altesten Zeitepochen.
Sie wissen vielleicht, dafi die alteste Zeit die Verehrung des
Adam Kadmon hatte. Sie wissen das aus der indischen Geheim-
lehre, und Sie kennen auch aus der Bibel die doppelte Schopfungs-
geschichte. In der ersten Schopfungsgeschichte wird erzahlt: Gott
schuf den Menschen, und - wie es dort wortlich heifk - er schuf
den Menschen mannlich-weiblich. - Die geschlechtliche Fortpflan-
zung war nicht die erste. Das, was man oftmals bei einer aufter-
lichen Betrachtung der Bibel als Widerspmch empfindet, die dop-
pelte Schopfungsgeschichte, ist kein Widerspmch, denn die erste
Schopfungsgeschichte erzahlt von jenen Menschenrassen, bei denen
es noch keine Geschlechtlichkeit gab, welche noch mannlich-weib-
lich waren. Erst in der dritten Wurzelrasse, in der lemurischen Zeit,
trat die Spaltung der Geschlechter auf und das, was wir im heutigen
Sinne im Physischen Geburt und Tod nennen. Es trat [in dieser
Zeit] aber auch etwas anderes auf, was friiher noch nicht da war:
Die Menschen hatten noch nicht das Vorstellungsvermogen [im
heutigen Sinne]. Daft wir heute einen Gegenstand uns vorstellen
konnen, das ist etwas, was erst in der funften Zeitepoche so gewor-
den ist. Ich kann mir ein Gedankenbild schaffen, zum Beispiel von
einer Flasche. Das konnten die [fruheren Menschen] noch nicht.
Gleichzeitig mit der physischen Stofflichkeit entwickelte sich die
Fahigkeit des Vorstellens.
Nun treffen wir hier merkwiirdigerweise auf eine jener wichti-
gen historischen Tatsachen, die dann in der Gegenwart zur Griin-
dung der theosophischen Bewegung gefuhrt haben. Die Naturwis-
senschaft ist in den letzten zwei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts
dazu gekommen, uber die geschlechtliche Fortpflanzung und liber
Geburt und Tod sich Vorstellungen zu machen, die die Theoso-
phen schon vor Jahrhunderten gehabt haben. Die letzte Zeit, die
wir alle miterlebt haben, hat Licht hineingebracht in die physische
Fortpflanzung des Menschen und damit auch der hoheren Tiere.
Heute steht die Naturforschung nicht mehr auf demselben Stand-
punkt wie vor zwanzig Jahren, daft die Zweigeschlechtlichkeit
notwendig sei. Sie konnen das heute in naturwissenschaftlichen
Werken lesen. Sichere und maftgebende Forschungen haben erge-
ben, daft die heutige Fortpflanzungsart einen ganz anderen Sinn hat
als den, welchen man ihr bisher gegeben hat. Denn die Natur hatte
ausreichen konnen auch mit der Eingeschlechtlichkeit. Es ist heute
durchaus naturwissenschaftlich erwiesen, daft zwei Geschlechter
nicht notwendig sind zur Fortpflanzung, daft etwas anderes beab-
sichtigt war mit der Zweigeschlechtlichkeit, denn es ware ja zur
Fortpflanzung das eine Geschlecht geniigend gewesen. Was hat die
Zweigeschlechtlichkeit also fur einen Sinn? Da sagt uns die Natur-
wissenschaft: Die Zweigeschlechtlichkeit ist eingetreten, damit eine
Qualitatenmischung stattfindet. Es wiirde sonst eine viel geringere
Mannigfaltigkeit in dem physischen Korperlichen vorhanden sein;
die spateren Nachkommen wiirden immer denselben Typus zeigen
wie die friihesten Vorfahren. Um moglichst viele Stoffe zu mi-
schen, um die Eigenschaftsmischung herbeizufuhren, hat die Natur
zwei Geschlechter entstehen lassen. Eine Mannigfaltigkeit sollte
hervorgebracht werden in der dritten Menschheitsrasse. Und da
sind auch die ersten Tiere entstanden. Es hat die Natur den Zweck
verfolgt, moglichst mannigfaltige Wesen hervorzubringen, damit
die aus dem Geistigen und dem Astralischen herunterkommenden
Wesenheiten moglichst mannigfaltige Korper finden. Der Mensch
sollte einen neuen Korper finden, der durch die mannigfaltigste
Mischung hindurchgegangen ist, um nicht der alte Typus zu blei-
ben. Sie sehen, von der Naturwissenschaft ist hier das erforscht
worden, was auch die Theosophie seit alten Zeiten gelehrt hat.
Nachdem wir nun beides gesehen haben, das Herabsteigen des
Geistigen und wie das Physische dem herabssteigenden Geistigen
entgegenkommt, wollen wir nochmals den Vorgang betrachten.
Was ich sage, sind Tatsachen, es ist durchaus sicher. Ich werde von
beiden Seiten die Elemente darstellen, welche bei der Menschwer-
dung vorhanden sind. Zuerst haben wir es bei der Menschwerdung
zu tun mit der Entwicklung des Keimes, der in den ersten Tagen
einem kleinen Fischchen ahnlich sieht. Diesen Keim brauche ich
nur skizzenhaft anzudeuten; er ist etwa so. (Es wurde an die Tafel
gezeichnet; die Zeichnung ist nicht erhalten). Diesem kommt etwa
am siebzehnten Tag das Astralwesen entgegen; und dieses Astral-
wesen kennt der psychische Forscher so gut wie der physische
Forscher das Physische. Der Seher sieht im Astralen viele trichter-
formige Gestalten. Das sind die werdenden Menschen; das sind die
Wesenheiten, die ihre physische Verkdrperung suchen. Von dem
dringenden Wunsche beseelt, sich zu verkorpern, durcheilen diese
Gebilde mit grofier Geschwindigkeit den Astralraum und suchen
nach physischer Stofflichkeit. Wer den zweiten Teil des «Faust»
gelesen hat und sich an die Szene mit dem Homunculus erinnert,
der wird sie nur verstehen, wenn er weifi, dafi Goethe diesen Vor-
gang hat darstellen wollen. Diese astralen Gebilde haben die ver-
schiedensten Farbungen, von denen wir uns kaum eine Vorstellung
machen konnen. Innerhalb dieses Astralkorpers befindet sich ein
Streifen, der sich ins Unbestimmte verliert. Er ist von hellgelber
Farbe. Dieser Astralkorper verbindet sich mit dem von ihm selbst
gewahlten physischen Korper, wenn der Embryo ungefahr die
Gestalt eines Fischchens hat. Dann tritt eine Veranderung ein. Es
spaltet sich der Lichtstrahl in zwei Teile, in zwei hell-leuchtende
Strahlenstreifen. Das ist bei der Mehrzahl der Menschen der Fall,
und so wiirde Ihnen das erscheinen, wenn Sie die Menschen bei
ihrer Entstehung verfolgen konnten. Nur bei wenigen Menschen
zeigt sich ein etwas anderer Vorgang. Nur wenige Menschen zeigen
einen bleibenden hellen Streifen, der allerdings etwas verblalk in
dem Augenblick, wo er bei anderen Menschen ganz verschwindet,
aber er bleibt doch. Das sind diejenigen Menschen, welche ein
spirituelles Schauen haben.
Wir halten zunachst fest an dem gewdhnlichen Vorgang, wo das
Lichtstreifchen sich teilt. Nun vereinigt sich das astrale Gebilde mit
dem physischen Menschenkeim. Von dem einen Tropfchen wird
alles durchstromt, gleichsam von einer hellgelben Flussigkeit. Die-
ses wachst spater zu dem sogenannten sympathischen Nerven-
geflecht aus, welches das physische Nervensystem des Menschen
versorgt. Wir haben ja aufier dem Gehirn- und Ruckenmarksystem
ein anderes Nervensystem, das sympathische, das die niederen
Funktionen dirigiert. Der eine Tropfen durchstromt das sympathi-
sche Nervensystem, der andere Gehirn- und Ruckenmarksystem.
So wird der Mensch beseelt. Gesetzmafiig gehen die beiden Licht-
kegel in das Physische iiber und durchgeistigen es. Bei jedem Men-
schen tritt erneut dieser Lichtschein auf, der das Gehirn im beson-
deren durchzieht. Wenn der Moment eingetreten ist, dann ist
tatsachlich das, was der Mensch mitgebracht hat aus dem fruheren
Leben, und das, was er aus der physischen Welt hat, miteinander
vereinigt. So kommen die beiden Wesenheiten zusammen, welche
den vollen Menschen ausmachen.
Wir haben gelebt in friiheren Inkarnationen; wir sind durch die
geistige Welt hindurchgegangen; da waren wir Geist. Der Geist
geht herunter durch die astrale Welt und umgibt sich mit dem
Astralstoff. Das ist das, was der Mensch mitbringt aus dem friihe-
ren Leben und was er anzieht aus der astralen Sphare. Diese beiden
Dinge sind es, die der Mensch mitbringt, das Geistige und das
Astrale. Der Lichtschein, das sind die Fahigkeiten, die wir mit-
brachten aus friiheren Leben. Diese ziehen ein, nachdem das Wesen
den brennenden Wunsch gestillt hat, mit einem astralen Organis-
mus verbunden zu sein. Von jetzt ab wachst der Menschenkeim
nicht nur durch die physische Kraft, sondern auch von innen her-
aus. Was er in friiheren Leben gewonnen hat, das arbeitet jetzt von
innen heraus an der Herstellung des Korpers. Nicht Ihr Organis-
mus baut Ihre Seek auf, sondern Ihre Seele baut Ihren Organismus
auf. Der Menschenkeim ist erst wenige Tage alt, wenn er mit der
Seele vereinigt wird. Er ist das einzige, was uns von aufSen gegeben
wird. Er wird uns durch ganz bestimmte Gesetze gegeben. Wir
werden sie noch genauer besprechen
Tatsachlich verstehen wir des Menschen Geburt und seinen Tod
nur dann, wenn wir wissen, aus welchen zwei Wesenheiten er
besteht und wie diese zwei Wesenheiten zusammengestromt sind,
welche den ganzen Menschen bilden. Es ist also so, daft wir selbst
an unseren aufieren Organen arbeiten; sie sind nicht ein Produkt
der aufieren Welt, sie sind ein Abbild dessen, was wir mitgebracht
haben.
DRITTER VORTRAG
Berlin, 11. November 1903
Ursprung und Wesen des Menschen
Wir miissen heute einen Blick werfen auf die wichtigen Fragen von
Ursprung und Wesen des Menschen. Wenn nach diesen wichtigen
Dingen gefragt wird, so kann man nicht sagen, dafi die Antwort
darauf eine besonders leichte ist. Die folgenden Vortrage werden
uns weniger Schwierigkeiten bereiten.
Aus drei Bestandteilen im wesentlichen, so sagte ich im Beginne
dieser Vortrage, haben wir uns den Menschen zusammengesetzt zu
denken: aus Korper, Seele und Geist. Wie sich diese Teile des
Menschen zusammensetzen, das werden wir im weiteren Verlaufe
der Vortrage noch sehen. Die theosophische Einsicht zeigt uns
einen dreifachen Ursprung unserer eigenen Natur, und um diesen
dreifachen Ursprung, den korperlichen, den seelischen und den
geistigen zu besprechen, miissen wir zu den denkbar entlegensten
Gebieten des Universums gehen, wir miissen einen Blick werfen
auf diejenigen Vorgange, die wir als Theosophen auffassen als
Vorgange in dem Gottlich-Geistigen selbst und in seinem Leben.
Die esoterische Philosophic aller Zeiten bezeichnet das Weltall in
seinen Tiefen als ein rhythmisches Leben des Weltengeistes. Die
indische Philosophic zum Beispiel spricht von dem Ein- und Aus-
atmen Brahmas. Brahma macht verschiedene Stadien seines gott-
lichen Lebens durch. Diese Stadien verlaufen so, da$ sie mit einem
Ein- und Ausatmen des gottlichen Urgeistes verglichen werden
konnen. Das Ausatmen wurde ein Weltentstehen, das Einatmen ist
der Ubergang von einer Welt, die ihre Aufgabe erfullt hat, in eine
Art von Schlafzustand, der dann iiberzugehen hat in ein neues
Dasein, in eine neue Ausatmung. So wechseln fortwahrend die
Zustande der offenbaren Welt und die Zustande der Ruhe. Man-
vantara und Pralaya, das sind die Zustande der Offenbarung und
die Zustande der in sich selbst ruhenden Gottheit. Das ist ein Bild.
Welcher Vorgang diesem Bilde zugrundeliegt, das zu schildern
wurden Menschenworte in unserer Zeit nicht ausreichen.
Nach unserer menschlichen Anschauung, das heifit nach der
Anschauung derjenigen, deren geistiger Blick geoffnet ist fur diese
geheimnisvollen Zustande des Weltenalls, haben wir dreierlei
Atemziige des gottlichen Urgeistes zu unterscheiden, und diese
drei Atemziige stellen zugleich den dreifachen Ursprung des Men-
schen dar. Dafi der Mensch aus den drei Teilen besteht, aus Korper,
Seele und Geist, das verdankt seinen Ursprung drei Wesensteilen
des gottlichen Atems. Wir wollen versuchen, diesen dreifachen
Ursprung der menschlichen Wesenheit zu verfolgen.
Wir denken uns zunachst einmal sieben Stufen der Entwicklung,
von der ersten Stufe bis dahin, wie uns der Mensch in seinem ge-
genwartigen Entwicklungsstadium entgegentritt. Auf der ersten
Stufe der Entwicklung, die wir das erste Elementarreich des Uni-
versums nennen, ist noch nichts vorhanden von dem, was uns in
unserer Welt jetzt entgegentritt. Es ist noch gar nichts vorhanden
von der Mannigfaltigkeit der Steine, der Pflanzen- und Tierwelt,
wie sie uns heute entgegentreten, auch nichts von der Mannigfaltig-
keit unserer Gedankenwelt, auch nichts von der unserer Welt-
bildung zugrundeliegenden Gedankenbildung, auch nichts von
Naturgesetzen. Wohl aber ist im ersten Elementarreich vorhanden
das System der Anlagen zu allem Spateren.
Wer einen Blick hat fur dieses System aller weiteren Weltenkeime,
der werft, dafS diese Keime von einer unendlichen Schonheit und
Erhabenheit sind. Alles, was spater zum Vorschein kommt, ist nur
ein schwacher Abglanz von dem, was keimartig im ersten Elemen-
tarreich vorhanden ist. In diesem sind vorhanden die grofien Absich-
ten des gottlichen Urgeistes, die Absichten, die er mit den einzelnen
Welten hat. Und wie die [Entwicklungen] hinter den Absichten zu-
riickbleiben, so bleiben sie auch in bezug auf das Weltensein zuriick,
nicht im Ganzen, aber in Einzelheiten. In der grofien Mannigfaltig-
keit der Unendlichkeit sind die Absichten wunderbar erfiillt. Des-
halb nennt die Theosophie dieses erste Elementarreich die Welt des
Formlosen, die spater erst die Form aus sich heraus gebiert.
Erst im spateren Verlaufe nimmt diese Welt des Urgeistes Form
an. Dies laftt sich nur vergleichen mit den Formen, welche unsere
Gedanken in uns haben. Denken Sie sich, das, was Sie aufterhalb
von sich selbst haben, ware verschwunden und nur das ware Ihnen
gegenwartig, an was Sie sich erinnern konnen. Sie hatten um sich
ein Meer von Gedanken. Was Sie gesehen und gehort haben, haben
Sie vergessen, auch was Sie an Korperlichem gesehen haben. Solche
Gedankenformen - nur eben grofie - sind der Inhalt des zweiten
Elementarreiches. Das ganze Weltenall ist ein geformtes Gedan-
ken-All gewesen. Wie einst Plato die Welt der Ideen sich vor-
gestellt hat, so miissen wir uns das Reich der geformten Gedanken
vorstellen, das Reich der Vernunftwelt, wie es sich die Mystiker im
Mittelalter vorgestellt haben.
Und weiter zeigt die Entwicklung eine dichtere Stufe. Die Welt-
gedanken pragen sich zum ersten Male einem Stoffe ein, den man
erst in Wahrheit Stoff nennen kann. Das ist das Astralreich. Die
leichten Gedanken sind zu astralen Wesen geworden, die wir nun
wahrnehmen konnen, und zwar als den Raum durchflutende Trie-
be und Leidenschaften. Nur der Seher nimmt diese Stromungen
wahr, er nimmt sie wahr in leuchtenden Gestalten. Diese Stromun-
gen sind im dritten Elementarreiche vorhanden. Alte Philosophen
sprechen von diesen drei Elementarreichen, aber die Leute, die dies
heute verfolgen, wissen nicht, was einmal damit gemeint war. Wir
brauchen nur zu Empedokles zuriickzugehen, so finden wir, daft er
davon wuftte. Er sagte: Alles ist bewirkt durch Liebe und Haft. Auf
dieser zweiten und dritten Stufe haben sich die Gedanken herun-
terverdichtet. Nachdem die dritte Stufe erreicht war, da konsoli-
dierte sich die astrale Materie, Sie wurde dichter und dichter und
webte sich diejenigen Stoffe und Tatigkeiten ein, die der physische
Mensch jetzt erst kennt. Sie webte sich ein ein Gespinst von Natur-
gesetzen und Kraften. Die Theosophie nennt dieses Reich das
Mineralreich. Sie diirfen sich nicht vorstellen, daft das Mineralreich
auf dieser Stufe schon ausgebildete Mineralien, Kristalle und so
weiter enthielt. Nein, alles dasjenige, was spater, auf viel spateren
Stufen Mineral wird, was chemische Verbindungen und Zersetzun-
gen durchmacht, das durchzieht noch blitz- und donnerartig dieses
Reich, das vierte Reich, das wir das kosmische Mineralreich oder
das vierte Elementarreich nennen.
Was heute in unserem physischen Korper lebt, was heute alle
Gesetze in unserem physischen Korper regiert, alles, was gesetz-
ma£ig in unserem Leibe vorhanden ist, das war damals aufgelost in
diesen den Weltenraum durchzuckenden Kraften, in diesen Mine-
ralkraften. Alles, was den heutigen Korper konstituiert, war in
jenem Mineralreich vorhanden. Von daher stammt der Ursprung
der Krafte und Stoffe, die in unseren Korpern sind und einen Teil
unseres Wesens zusammensetzen. Aus diesen elementarischen Vor-
gangen heraus bildete sich das Korperliche des Menschen. Und in
dem Zeitmomente, wo diese elementarischen Vorgange so weit
vorgeschritten sind, wie ich es beschrieben habe, in diesem Zeit-
momente tritt etwas anderes in dieses mineralische Universum
herein, und dieses andere, von dem ich jetzt sprechen werde, das ist
das, was in uns als unser seelischer Bestandteil lebt. Ursprunglich
waren sowohl die korperlichen als auch die seelischen Bestandteile
in dem einen gottlichen Urwesen enthalten. Gleichsam der erste
Teil des gottlichen Atemzuges war es, den ich jetzt beschrieben
habe. Den andern Teil will ich jetzt beschreiben.
Den ersten Teil [der Entwicklung] konnen wir so zusammenfas-
sen, daft wir den Menschen ein Gattungswesen nennen. In bezug
auf die Gattung sind die Menschen mehr oder weniger gleich. Wir
sprechen ja auch von pflanzlicher und tierischer Gattung. So gibt es
auch eine Menschengattung, welche die ganze Erde bewohnt. In
jedem Einzelwesen der Gattung ist die Personlichkeit vorhanden.
Dadurch, daft ich ein Wesen der Gattung Mensch bin, bin ich alien
anderen Menschen physisch gleich gebildet, aber in dieser Gattung
Mensch steht das darin, was ich meine Personlichkeit nenne, und
dieses macht die Seele aus. Ich bin Personlichkeit dadurch, dafi ich
personliche Interessen, personliche Sympathien und Antipathien
habe und so weiter. Trotzdem sich die Menschen als Gattungswe-
sen gleich sind, unterscheiden sie sich in bezug auf die Personlich-
keit so, da£ nicht eine Person der anderen gleicht. Dieses Person-
liche im Menschen ist nicht durch denselben Teil des gottlichen
Atemzuges entstanden, das kommt von einer anderen Seite her, um
sich mit der Mineralsubstanz zu vereinigen. Der Gattungscharakter
entstand durch [den ersten Teil des gottlichen Atemzuges], die
Personlichkeit entsteht dadurch, dafi sie bis zu dem Punkte, wo sie
sich [mit dem Gattungswesen] vereinigt, einen anderen Weg ge-
macht hat durch das Weltenall. Auf diesem anderen Weg hat das,
was spater die menschliche Personlichkeit ausmacht, schon eine
Reihe von Stadien, von Lektionen im Weltenall durchlebt, das war
bereits auf anderen Stufen verkorpert, das war vorhanden in Na-
turen, welche ahnlich sind unserer physischen Natur, ahnlich den
Pflanzenwesen, ahnlich den Tierwesen, nur in anderer, verschie-
dener Art. Die Krafte, welche fahig sind, uns zur Personlichkeit zu
machen, sind schon durch viele Stufen hindurchgegangen, und dies
mochte ich nun beschreiben.
Die Personlichkeit des Menschen kommt also von einer anderen
Welt heriiber; sie hat bereits Stufen der Entwicklung durch-
gemacht, um sich dann mit dem anderen Teil, dem Gattungsmafii-
gen, zu verbinden. Triibe Begierden sind es, welche wie von einem
Nebenstrom heruberkommen zu einem Hauptstrom. Stellen Sie
sich vor, dafi in diesen Strom von universaler Mineral-Elementar-
Substanz jetzt einflieften unzahlige solcher Personlichkeitswesen,
welche bereits einmal physische Korperlichkeit hatten, die zwar als
Wesen ganz anders ausgesehen haben als wir Menschen, die aber
dennoch unsere Vorfahren waren. Stellen Sie sich vor, dafi diese
Wesen eine Korperlichkeit hatten, die viel dichter und grofter war
als unsere Korperlichkeit. Wir konnen sagen, sie haben sich ab-
gespalten von dem gottlichen Atemzug. Ein Kraftstrom war ent-
standen, der durch die Stadien der Entwicklung gelernt hat, zur
Personlichkeit zu werden. Alle Seelen, welche menschliche Korper
bewohnen, sind heriibergekommen von diesem Strome. Nachdem
Sie einen schlimmen Zustand absolviert haben, lassen sie sich als
Keim gleichsam einsenken in die Substanz des Universums, wie ich
vorhin beschrieben habe, als triibe Begierden und Leidenschaften
und haben sich als Personlichkeit konstituiert. Sie verbanden sich
mit dem, was selbst Leidenschaft und Begierde ist. Dieser Strom
hat sich herunterentwickelt, bis er zur astralen Welt geworden ist.
Diese kosmische Trieb- und Leidenschaftsnatur wird in den
physischen Menschenkeim hineinversenkt mit der Anlage der Ent-
wicklung. In diesem Augenblicke ist der Anfang der Entwicklung
unseres irdischen Wesens gegeben. In dem Augenblicke der Ver-
einigung dieser beiden beginnt unsere irdische Laufbahn. Wir
bezeichnen diesen doppelten Ursprung des Menschen auch so, dafS
wir sagen: Der universelle Logos, dem der Urgeist zugrundeliegt,
hat einen Strom heruntergeschickt, den dritten Logos, und der
dritte Logos hat verschiedene Formen angenommen, die ich be-
schrieben habe als das erste, zweite und dritte Elementarreich. Sie
diirfen sich nicht vorstellen, daE dieser dritte Teil des Logos, dieser
dritte Teil des Atems der gottlichen Weltenseele, bisher untatig
war. Nein, die ganze Reihe der Elementarreiche, die ich aufgezahlt
habe und die ganze Hinleitung der Triebnatur bis zur Personlich-
keit, hat diese geistige Wesenheit, der dritte Teil des gottlichen
Atems, von au£en her geleitet. Was notig war, um diese beiden
Seiten vorzubereiten, bis sie den Entwicklungsstandpunkt erreicht
haben, um sich zu vereinigen, das alles ist von dem dritten Atem-
zug der gottlichen Weltseele bewirkt worden. Und auch der zweite
Logos hat verschiedene Stufen absolviert, bis er zur Keimanlage
der Personlichkeit geworden ist. Der dritte und der zweite Logos
stromen zusammen, und aus diesem Zusammenstromen des dritten
und des zweiten Logos entstehen diejenigen Gebilde, welche
allmahlich unsere irdische Sphare auferbauen.
Nun beginnt die menschliche Entwicklung, wie wir sie bei uns
sehen. Das, was fahig ist, einen mineralischen Korper zu bilden aus
Begierde, Sinnlichkeit, Instinkt, und dasjenige, was gelernt hat,
diese Eigenschaften zu entfalten als Personlichkeit, das vereinigt
sich. Und nun beginnt der Mensch seine Erdenwanderung. Nun
beginnt die Vereinigung zwischen dem menschlichen Gattungs-
wesen und der menschlichen Personlichkeit. Sie lernen sich nach
und nach ineinander zu schicken. In uns stecken diese zwei. Sie
stecken so in uns, dafi das Gattungswesen als Physisches in uns
wirkt, und das Personliche, das von der anderen Welt heriiberge-
kommen ist, als unser Seelisches wirkt. Erst allmahlich finden sie in
sich die Harmonie, so zusammen zu wirken, daft das Seelische, das
von dem zweiten Logos kommt, mit dem Physischen harmoniert.
Der Korper ist zunachst ein ungefiiger Trager des Psychischen.
Das Psychische kann noch nicht die notigen Organe und Krafte im
Korperlichen finden, um sich voll und ganz zum Ausdruck zu
bringen. So arbeitet sich das Psychische gleichsam durch, es pragt
sich dem Stoffe ein. In einer Reihe von Entwicklungszyklen nimmt
sich der Geist der materiellen Natur an. Die Entwicklung geht
dahin, daft der Korper immer mehr der Ausdruck, das Werkzeug
des Seelischen wird, des Bewohners. Dann tritt das Stadium ein, in
dem sich der eigentliche Geist, das, was wir das Spirituelle des
Menschen nennen, mit diesen zwei anderen Elementen verbindet.
Jetzt stromt dieser gottliche Atemzug selbst in das ein, was sich
erst aufgebaut hat, nachdem die zwei Teile sich aneinander an-
gepaftt haben, so daft der eine der Trager und der andere die Kraft
ist. Dann stromt in diese Natur das Hochste ein. Das, was bisher
nur der zentrale Dirigent war, die allgemeine universale Welten-
weisheit, stromt jetzt in die Weltwesen ein. Das ist der Moment,
den wir als das Einstromen des ersten Logos bezeichnen. So reif ist
jetzt alles geworden, daft es als Trager des ersten Logos dienen
kann. Diesen Moment des Einstromens des ersten Logos will ich
Ihnen so zeigen: Stellen Sie sich einen Raum vor, der durch ein
zentrales Licht erleuchtet ist. An den Seiten des Raumes befinden
sich spiegelnde Kugeln, die das Licht tausendfaltig zuriickspiegeln.
Jede einzelne Kugel wirft das Bild des Lichtes zuriick. So miissen
wir uns den Menschen im Universum vorstellen, den der Geist von
auften leitete. Nehmen wir an, daft die Kugeln sinnbildlich, sym-
bolisch die Menschen als Gattungswesen darstellen. Das Licht, das
alien Licht gibt, kommt von auften her, so daft die Kugeln von
innen nur ein wesenloses Spiegelbild geben konnen. So war es mit
der menschlichen Entwicklung bis zu dem Zeitpunkte, von dem
wir jetzt sprechen. Bis dahin war der Mensch wie ein Spiegel, der
beschienen wurde von dem ersten Logos, von der Geistseele der
Weit. Der Mensch warf das Licht der Weltenseele zuriick, er
spiegelte das, was das Geisteslicht ausstrahlte.
Nun aber denken Sie sich das Licht so verwandelt, daft das
zentrale Licht ausflieftt und anfangt, in die Kugeln einzudringen,
um mit einem Teil seiner Wesenheit die einzelnen Kugeln zum
Leuchten zu erwecken. Das Licht flieftt aus, um dasjenige, was bis
jetzt nur Spiegelbild sein konnte, zum lebendigen Selbstleuchten zu
bringen. Aus den Kugeln strahlt jetzt eigenes Licht, das abgetrennt
ist von dem zentralen Licht. So miissen wir uns vorstellen, daft in
einem bestimmten Momente der Entwicklung der erste Logos,
die Geistseele, einen Teil des Leuchtens hingeopfert hat, um ihn
hineinzugieften in die Menschen.
Jetzt ist das Menschenwesen ausgestattet mit alien drei Teilen
seiner Wesenheit. Der erste Logos hat Besitz ergriffen von der
menschlichen Wesenheit. Der Mensch besteht fortan aus drei
Teilen. Der Teil, der durch das Mineralreich gegangen ist, hat sich
vereinigt mit der Seelenentwicklung und ist dann weiter bis zu dem
Zustande der Reife gelangt, so daft der Geist, die Sonne der Welt,
die Geistseele, von ihm Besitz ergreifen konnte.
In drei aufeinanderfolgenden Entwicklungsstadien haben sich
diese drei Teile mit dem Menschen verbunden. Den Zeitpunkt
konnen wir genau angeben, an dem das stattgefunden hat. Wir
leben jetzt in der funften Menschheitsepoche. Dieses Einstromen
des Geistes geschah in der Mitte der dritten Menschheitsepoche, in
der lemurischen Zeit. Die dritte Menschenrasse, die Lemurier,
bewohnte einen Kontinent, der langst untergegangen ist, der aber
vorhanden war sudlich von Vorder- und Hinterindien, das so-
genannte Lemurien. Damals bildete sich zuerst das aus, was wir das
Vorstellungsleben der Menschen nennen. Danach kam die vierte
Menschenrasse, die Atlantier, die auf einem Kontinente lebte zwi-
schen Afrika und Amerika, von dem uns noch in Platos Schriften
erzahlt wird. Nach dieser entwickelte sich die funfte Menschenras-
se, der wir angehoren. In der dritten Menschenrasse, in der lemu-
rischen Zeit, fing der Mensch an, eine dreiteilige Natur zu haben.
Damals entwick,elten sich die ersten Wesen zu dem, was wir heute
als Menschen kennen. Wie waren nun aber jene Wesen? Das, was
wir in Wahrheit sind, das, was ewig ist in uns, das war vorher rein
geistiger Natur. Unsere hohere Natur lag vorher im Schofie des
Weltenurgrundes beschlossen. Sie ist ewig und unverganglich, nicht
in der Gestalt, die sie angenommen hat, sondern in der innersten
Wesenheit. Bevor unsere Geistnatur Besitz ergriffen hat von der
menschlichen Natur, war sie ein rein geistiges Wesen und bildete
einen Bestandteil dessen, was als zentrale Sonne, als Geisteslicht
der Welt vorhanden ist. Das, was bis zum physischen Menschen
herunterkam, war noch nicht das, was heute im Menschen ist, das
war nur ein Spiegelbild seines wirklichen Wesens; es bewohnte nur
spirituelle Weltenspharen, die Spharen des ersten Logos. Als Geist-
wesen ruhten wir im Logos, als erste Funken in der Flamme des
zentralen Lichtes. Dann senkte sich unsere Geistwesenheit tief in
das, was fur uns vorbereitet war als Trager, und das, was sich
herabsenkte, das, was lcbt von Ewigkeit zu Ewigkeit in den ver-
schiedensten Formen, das ist das dritte Element der menschlichen
Natur. Das bezeichnen wir als die eigentliche Individualist des
Menschen.
Der Mensch besteht also aus dem Gattungswesen, das fur alle
auf der Erde lebeaden Menschen die gleiche Gestalt hat. Da unter-
scheiden sich die Menschen nicht voneinander. Das ist die physi-
sche Natur des Menschen. Die andere Natur, die seelische - Freude
und Schmerz, Begierde und Leidenschaft -, das ist sein person-
liches Wesen. Das entsteht und verschwindet und entsteht von
neuem in der astralen Welt. Dafi solche Personlichkeiten entstehen
konnen, dazu ist die Anlage gegeben in dem Strome, den ich als
den zweiten Strom beschrieben habe. Daneben haben wir die In-
dividualist oder auch den Kausalkorper. Warum nennen wir die
Individuality auch Kausalkorper? Die Kausalkorper waren immer
vorhanden. Sie sind unverganglich. Sie haben, bevor sie diese Kor-
per bewohnten, einen anderen Korper bewohnt in den friiheren
Rassen, bis zuriick zur lemurischen Menschenrasse, die auf der
Insel Lemuria lebte. Immer hat sich dieser Kausalkorper verkor-
pert, aber er ist ein erstes Mai eingezogen in ein menschliches,
psychisches Korperwesen in der lemurischen Zeit. Vorher war er
noch nicht in die Materie und noch nicht in die Psyche verstrickt.
Er fiihrte ein spirituelles Dasein, das er wieder fuhren wird, wenn
er seine verschiedenen Lektionen, die er zu machen hat, durch-
gemacht haben wird. Das, was wir Kausalkorper nennen, das ist
das, was unser Ewiges bildet. Was wir als Seele in uns tragen, was
als Seele unseren Korper bewohnt, das hat sich mit unserem phy-
sischen Korper vereinigt, so dafi wir sagen konnen: Die Moglich-
keit, dafi ein Personliches in einem physischen Korper entstand, hat
sich dadurch ergeben, dafi sich Seele und physischer Korper ver-
einigten im Beginne unserer Erden-Entwicklung. Das hat sich nicht
aus Urnebeln herausgebildet, wie die Physiker und Astronomen es
sich vorstellen, sondern es ging hervor aus dem, was die Alten die
«Wasser» nennen, iiber denen der Geist schwebte. Dies bedeutet
nichts anderes als den Geist, von dem ich gesprochen habe, den
Geist, der aus ganz anderen universalen Welten herkam.
Damals begann das Vorbereitungsstadium des Menschen. Lange
hat es gedauert, bis der physische und der astralische Korper dazu
vorbereitet waren, ein Trager werden zu konnen der eigentlichen
Geistseele. In der «Geheimlehre» von Blavatsky wird auf diesen
Zeitpunkt der Vereinigung des Psychischen mit dem Korperlichen
und auch auf den Zeitpunkt der Vereinigung des Spirituellen mit
dem Psychisch-Korperlichen hingedeutet; und zuletzt wird hin-
gedeutet auf die drei Teile des Atemzuges der Weltseele mit den
Worten: Die Weltseele hatte wieder durch sieben Ewigkeiten ge-
schlummert. - Das war ein Pralaya, Aus diesem Weltenschlummer
ging hervor jenes Dasein, wo das Menschenwesen lernte, dafi es
einen mineralischen Gesetzen unterworfenen Korper durchseelen
konnte.
Aus drei Stromungen ist das Menschenwesen zusammengeflos-
sen. Drei Entwicklungen mufiten durchgemacht werden, bis sie im
Menschen zusammenkommen konnten. Einen Ursprung hat das
Gattungsweseh, einen anderen Ursprung hat das Seelische und
einen anderen Ursprung hat das Geistige, das spirituelle Wesen.
Dasjenige, an das das ganze Sein sich kettet, das ist unser Kausal-
korper, das Ewige. Dieser kommt aus rein geistigen Spharen her
und soil wiederum zuriickkehren zu rein geistigen Spharen; aber er
soil so zuriickkehren, daJS er innerhalb des Erdendaseins, das er
durchmacht, gelernt hat, da$ er Ergebnisse gesammelt hat, urn
sie zuriickzutragen in das Reich des Spirituellen. Er soil, in sich
bereichert, wiederum in das Spirituelle zuriickkommen.
Wenn wir diese drei Ursprtinge des Menschen uns bildlich ver-
anschaulichen wollen, konnen wir sie mit etwas vergleichen wie
mit dem Bau eines Hauses. Das Haus ist aus Bausteinen errichtet;
dann haben wir die Hauseinrichtung, dasjenige, was die inneren
Raume erfullt, was die Behaglichkeit des Hauses ausmacht; das ist
zu vergleichen mit der menschlichen Seele. Innerhalb des Ganzen
ist der Gedanke. Der laEt sich vergleichen mit dem Kausalkorper,
mit dem ideellen Geist, der den Korper bewohnt. Die Sinnesorgane
sind die Fenster, durch die der Kausalkorper hinaussieht in die
Welt. Bevor wir in den Korper eingezogen sind, waren wir mit
spirituellen Sinnesorganen begabt und sahen alles um uns her
ungehindert. In ein «Haus» eingezogen, mufi der Mensch durch die
Fenster hinaussehen, durch die Fenster der Sinnesorgane muli die
Natur zu ihm hineindringen. Wie der Mensch nicht immer im
Freien leben kann, sondern in ein Haus zuriickkehren mufi, so
mufi der Geist immer wieder einziehen in das fur ihn praparierte
Gebaude, um durch die Sinnesorgane, die Fenster, das anzusehen,
was er friiher von aufien gesehen hat. Warum das so ist und wie die
Gesetze sind, nach denen es sich gestaltet, davon das nachste Mai.
VIERTER VORTRAG
Berlin, 18. November 1903
Die Wesen der astralen Welt
Ein alter Schriftsteller, Olympiodoros, erzahlt gelegentlich einer
Besprechung eines Werkes von Plato von der Hadesfahrt des
Odysseus. Wir wissen ja, daft uns in einem grofien Homerischen
Epos, der «Odyssee», erzahlt wird, dafi Odysseus auch in die
Unterwelt hinabgestiegen sei. Wer die Sprache der griechischen
Eingeweihten, die so etwas geschrieben haben, versteht, wird wis-
sen, dafi das Hinabsteigen in die Unterwelt immer bedeutet das
Eingeweihtwerden in die Mysterien, das Uberschreiten der Pforte
des Todes schon wahrend des Lebens. In unserem besonderen Fall
bedeutet es auch das Kennenlernen der astralen Welt. Nichts
anderes also bedeutet dieses Hinabsteigen des Odysseus in die
Unterwelt, als daft Odysseus kennenlernt die Welt des Astralen.
Unter anderem wird uns erzahlt, daft Odysseus in der Unterwelt
drei Verstorbene gesehen hat: den Tityos, den Sisyphos und den
Tantalos. Er sah den ersten, Tityos, wie er auf dem Boden lag und
zwei Geier ihm an seiner Leber fraften. Den Tantalos sah er an
einem See stehen und brennenden Durst leiden; wenn er sich
hinabbeugte, um zu trinken, versiegte das Wasser, so daft er es
nicht erreichen konnte. Er litt auch an Hunger. Uber ihm war ein
Baum mit Apfeln; wenn er ihn aber erreichen wollte, so entglitt er
ihm. Das sind Bilder, die uns zeigen sollen, welche Formen die
Begierden des Menschen in der astralen Welt nach dem Tode
annehmen, wie der Mensch an Begierden hangt und wie sie sich
ausleben. Der erste, Tityos, liegt auf der Erde und an seiner Leber
nagt eine bose Macht, ein Geier. Das deutet darauf hin, daft er am
niederen, sinnlichen Leben gehangen hat und daft dieses niedere,
sinnliche Leben auf die Dauer keine Befriedigung bringen kann.
Sisyphos, der Habgierige, wird dadurch gequalt, daft er seine
Wiinsche, die immer von neuem entstehen, niemals befriedigen
kann. Tantalos hangt an den Bildern einer phantastischen Ein-
bildungskraft und muE das ewig Unbefriedigende einer solchen
Einbildungskraft auskosten.
Da sind Bilder fur unser astrales Leben gegeben. Wem der Blick
geoffnet wird fiir die astrale Welt, der kann nur in solchen Bildern
sprechen. Der Seher weift, wie wenig die Worte aus unserem
taglichen Leben ausreichen, um das zu schildern, was er in der
Astralwelt schaut. Unsere Sprache kann nur ein sehr sparliches
Ausdrucksmittel sein, um das in Worte zu bringen, wovon zu be-
richten ist. Darum werde ich Ihnen heute kaum etwas anderes
geben konnen als Bilder, als bildliche Vorstellung von den Wesen,
die demjenigen bekannt werden, dessen Seherblick geoffnet ist. Es
sind dies Wesen, die unseren Raum bevolkern, auch wenn wir sie
im physischen Leben nicht wahrnehmen. Die Astralwelt ist voller
Farben, die der Seher wie eine auftere Wirklichkeit sieht. Wer nur
auf das Aufiere des Menschen den Blick richtet und nur darin die
ganze Wesenheit des Menschen sieht, der gleicht dem, der behaup-
ten wiirde, ein Mensch sei verschwunden, wenn er zur Tur eines
Hauses hineingegangen und nun nicht mehr sichtbar ist. Wir wis-
sen, dafi er noch vorhanden und nur verdeckt ist durch die Mauer
des Hauses. Und so wie ihn die Mauer des Hauses verdeckt, so
verdeckt die Korperlichkeit des Menschen das, wovon wir jetzt
sprechen; sie verdeckt es, weil es unsichtbar ist fiir die gewohn-
lichen Sinne. So sind auch Wesen, die keine physische Korperlich-
keit haben, im astralen Raum vorhanden, obwohl sie fiir das
physische Auge nicht sichtbar werden. Und Sie alle sind ebenso
wie im physischen Raum auch im astralen Raum vorhanden.
Das erste, was der Mensch kennenlernt, wenn er den Astralraum
betritt, das heifk, was er sieht, wenn ihm das astrale Auge geoffnet
wird, ist: Er findet sich eingehiillt in den Astralkorper. Dieser
Astralkorper ist es, in dem alle Begierden, Leidenschaften, Empfin-
dungen und so weiter wogen. Da sehen wir das klar, was sonst
verschlossen liegt in der menschlichen Natur. Alles Verborgene
wird sichtbar, wenn wir diese menschliche Aura betrachten. Aus
ihr stromt heraus in wellenartigen Bewegungen mit einer gewissen
Leuchtekraft das, was ich das Astrale genannt habe, des Menschen
ganze Empfindungsnatur.
Ich mochte einige Einzelheiten erwahnen, die Ihnen zeigen
werden, wie manches, was wir sonst unverstandlich finden, sofort
verstandlich wird. Man kann oft sehen, dafi gewisse Menschen,
wenn sie an einem Abgrunde stehen, die uniiberwindliche Begierde
zeigen, sich in ihn hinein zu stiirzen, trotzdem sie sich mit alien
Kraften dagegen wehren. Oder man kann sehen, was fur Gedanken
durch eines Menschen Seele Ziehen, wenn er ein Messer in der
Hand hat. Alle diese Dinge haben ihre tiefe Begriindung im
menschlichen Astralleib. Sie beruhen darauf, dafi wir im Astralen
eine ganz andere Wesenheit haben, als sie uns im menschlichen
Aufieren entgegentritt. Sie sind aber dem Schicksal, dem Karma
unterworfen. Wer gewisse Begierden hat im Leben, der hat in
einem friiheren Leben Erlebnisse durchgemacht, die durch den ge-
genwartigen Verstand tief in den Hintergrund gedrangt sein kon-
nen. Sie schlummern aber im Astralkorper. Nehmen Sie an, jemand
hat in einem friiheren Leben an einem grausamen Krieg teilgenom-
men; da werden Sie in seiner Aura sehen, wie durch sein Karma alle
diese Grausamkeiten in seinen Astralkorper eingebaut wurden, mit
denen er nun im jetzigen physischen Leben harte Kampfe zu fiih-
ren hat. So wie die Faden sich spinnen zwischen einem friiheren
und dem jetzigen Leben, so werden auch Faden gesponnen von der
Gegenwart aus zu spateren Leben. All dies sieht der Seher. Er sieht,
wie das Karma eines Menschen sich gestaltet, und er sieht auch, wie
zum Beispiel ein Mensch aus Klugheit einen Hang zu unterdriicken
sucht oder wie er Gefuhle zuriickdrangt. Bis auf den Grund der
Seele sieht der Seher. Diejenigen, die die Gabe des Sehens haben,
halten das nicht fur eine wiinschenswerte Gabe, die in alien Fallen
Freude bringt, hauptsachlich dann nicht, wenn die Menschen
Gefuhle haben, die sie besser nicht haben sollten. Und fur den
Anfanger, den Chela, ist es oft verhangnisvoll, denn leicht wird er
angezogen von all dem, was er nun schaut.
Dann finden wir im Astralraum das Wesentliche des Wachens
und Schlafens des Menschen. Was heilk das: Wachen und Schlafen?
Das ist etwas, was der gewohnliche Mensch hinnimmt, ohne dafi er
einen genauen und bestimmten Begriff davon hat. Was in uns lebt,
ist etwas, was der Mensch in unserer gegenwartigen Zeitepoche
nicht unmittelbar erkennt. Das hohere Selbst ruht im Menschen. Er
denkt und handelt aus dem hoheren Selbst heraus. Aber der
Mensch der funften Wurzelrasse [der gegenwartigen Zeitepoche]
sieht nicht dieses hohere Selbst. Alles, was das Bewufitsein uns
bietet, ist nur ein Spiegelbild des hoheren Selbst. Der Mensch sieht
sich selbst nur als Spiegelbild, sein Gehirn ist der Spiegel. Was das
Gehirn als Spiegelbild zuriickwirft, ist nicht der wirkliche Mensch;
dieser schlummert tief in uns und kann nicht unmittelbar gesehen
werden. Der physische Korper allein ist es, der ermuden kann, er
stellt wahrend des Schlafes seine Tatigkeit als Spiegel ein. Das
hohere Selbst, dessen Spiegelung der aufiere Mensch ist, ermiidet
nicht, es zieht sich nur von dem Physischen mehr oder weniger
zuriick. Wahrend der Korper schlaft, verlalk es, befreit von der
aufieren Korperlichkeit, den aufieren Menschen und kann seine
Tatigkeit im astralen Raum verrichten. Der Seher schaut diese
Tatigkeit im astralen Raum.
Der Mensch der gegenwartigen Entwicklungsstufe verlafit im
Schlafe seinen Korper. Er wandert, manchmal in grofien Ent-
fernungen von seinem physischen Korper, in der Astralwelt und
kommt dort mit anderen Wesen der Astralwelt zusammen und
pflegt Austausch mit deren Gedanken. Doch wenn der Mensch
aufwacht, erinnert er sich daran nicht. Das hangt mit seiner
gegenwartigen Entwicklungsstufe zusammen. Die Entwicklung
kann aber eine immer hoher und hohere werden. Der Schuler,
der unter Anleitung eines sogenannten Meisters lernt, kann all-
mahlich sein Bewufksein zu einem kontinuierlichen, zu einem
fortdauernden machen. Dann wird er die Erfahrungen der Nacht
sich in seinem Wachzustande als Erinnerung ins Bewulksein
bringen konnen. Wenn der Schuler, der Chela, ein fortdauerndes
Bewufksein erreicht hat, dann erinnert er sich dessen, was er in
der astralen Welt empfing. Diese Erkenntnisse des Chela sind
nicht in der physischen Welt erlernt, sondern sie sind in der
astralen Welt erfahren und hineingebracht in sein physisches
Leben. Das meint Plato, wenn er von Wiedererinnerung an
hohere Seelenzustande spricht.
Das Bewulksein, das beim Durchschnittsmenschen fortwahrend
abreilk, das ist der Chela imstande, zu einem fortdauernden zu
machen, wenn er die Gabe errungen hat, sein Spiegelbild nicht blo$
im physischen Korper, sondern in den hoheren Wesenselementen
der menschlichen Natur entstehen, erzeugen zu lassen. Aus dem
festen, physischen Korper heraus entsteht fur den Durchschnitts-
menschen das Spiegelbild seines Selbst; man kann auch sagen: Er
wird sich seiner selbst bewufit. Derjenige, welcher die hohere Stufe
erreicht hat, wird sich seines Selbstes nicht blofi im Physischen
bewufk, sondern im Astralischen; es leuchtet ihm aus dem Astra-
lischen entgegen. So begegnen Sie auf dem astralen Plan vor allem
den Chelas, den Schulern, die imstande sind, ihr Bewufitsein in die
Astralregion hinaufzubringen. Das Bewufitsein in die Astralregion
hinaufzubringen ist das, was auch den Inhalt der theosophischen
Lehre bildet und den Inhalt des Unterrichtes, den ein hochentwik-
kelter Meister seinen Schulern erteilt. Dieser Verkehr zwischen
Meister und Chela spielt sich im Astralraum ab. Ein Ubersetzen
des Unterrichtes im Astralen in physische Worte, in physische
Satze ist dasjenige, was die Theosophie zu bieten vermag.
So haben wir bereits zweierlei Wesenheiten kennengelernt, die
wir im Astralraum treffen: Meister und Schiller. Dazu kommen
noch diejenigen Menschen, die auch psychisch entwickelt sind,
aber keinen regelmafiigen Unterricht hatten, die Somnambulen, die
ein mehrdeutiges Bewufksein haben. Sie wissen, dafS es Menschen
gibt, fiir die es moglich ist, ohne dafi sie eine Unterweisung von
einem Meister erhalten haben, zu gewissen Zeiten ganz besondere
Wahrnehmungen zu machen, Wahrnehmungen, die unabhangig
sind von ihren Sinnen. Aber nur fiir denjenigen, welcher durch
theosophische Schulung in die Astralregion eindringt, gibt es kei-
nen Irrtum. Der Theosoph weifi zu unterscheiden, was von patho-
logischen Zustanden herriihrt und was tiefere Wahrheiten sind.
Wenn wir den Somnambulen verfolgen im wachen und im Trance-
Zustande, so sehen wir, dafi die Seek heraustreten kann aus dem
Leibe und sehend werden kann. Wir wiirden aber den Somnambu-
len nicht ein Wortchen glauben, wenn wir nicht Beweise dafur
hatten, dafi dieses undisziplinierte Sehen ubereinstimmen kann mit
dem Sehen des Sehers. Der Schuler, der das kontinuierliche Be-
wufksein entwickelt hat, der die astralen Dinge so sieht, wie er
Tische und Stiihle sieht, der weifi auch, da£ die Somnambulen in
ihren besonderen Zustanden bisweilen Wahres erblicken. Sie haben
die Fahigkeit, ihr Selbst zeitweilig herauszuheben aus der Korper-
lichkeit und dadurch zu sehen, was mit den gewohnlichen Sinnen
nicht gesehen werden kann. Diese zeitweilig leibbefreiten Seelen
sind die dritten, die Sie als Bewohner des Astralraumes antreffen
konnen. Das vierte, was wir antreffen in der astralen Welt, ist
etwas wenig Erfreuliches, es sind die Zerstorer und Verwiister im
Astralen.
Ich habe ofter erwahnt, dafi unserer physischen Welt eine andere
vorangegangen ist, deren Friichte wir genieften. Wir konnen unsere
Erde den Kosmos der Liebe nennen, wo der Mensch in Liebe
geschult wird, bis er die hochste Stufe in unserer Runde erreicht
haben wird. Wenn wir diese Entwicklung iiberblicken und unseren
Blick richten auf das, was in der Zukunft da sein wird, so wissen
wir, dafi die Erde eine Schule der Liebesentfaltung ist. Doch wir
mussen auch den Blick richten auf das, was schon in einem friihe-
ren Zustande dagewesen ist. Unser Weltenkorper ist aus einem
anderen herausgeboren. Der Erde ist ein anderer Weltenkorper
vorangegangen, der alte Mond, auf dem sich das vorbereitet hat,
was wir brauchen, um unsere irdische Bahn zu durchwandeln. Aus
dem, was der Mensch durchgemacht hat, haben sich seine phy-
sischen Organe gebildet. Er hat auf dem friiheren planetarischen
Zustande, dem Kosmos der Weisheit, aufgebaut das menschliche
Empfinden, die empfindenden Organe. Der Korper der Empfin-
dung ist damals aufgebaut worden.
Damals, als wir Menschen unsere Entwicklung begannen, wurde
die Fahigkeit des Empfindens in unseren physischen Organismus
hineinverwoben. Bedenken Sie, welche Weisheit hinzutritt zu der
chemischen Beschaffenheit des physischen Korpers durch das
Hineinverweben der Empfindungen und Gefiihle. Diese Empfin-
dungen und Gefiihle zu lautern, zu veredeln zu sittlichen Empfin-
dungen, zu moralischen Gefiihlen - das ist die Aufgabe unseres
irdischen Lebens. So wie wir auf der Erde die Aufgabe haben, mo-
ralische Empfindungen und Gefiihle auszubilden, so war es dazu-
mal auf dem Kosmos der Weisheit, der dem unseren vorangegan-
gen ist, die hochste Aufgabe der Wesen, einen weisheitsvollen
Aufbau des Sinnesorganismus zu schaffen. Die Wesen muftten sich
hingeben daran, die Sinnlichkeit auszubilden. Durch unendliche
Weisheit sind die Funktionen der Sinne entstanden.
Bedenken Sie nun, dafi in den verschiedenen aufeinanderfolgen-
den kosmischen Zustanden die Wesen verschiedene Aufgaben
haben. Um diese verschiedenen Aufgaben verstandlich zu machen,
denken Sie sich einen Klavierbauer und einen Klavierspieler. Der
Klavierbauer mufi sich mit Liebe und Hingabe dem Aufbau des
Klaviers widmen, er hat also eine andere Aufgabe als derjenige, der
auf dem Klavier spielen soil. Beide, der Klavierbauer und der
Klavierspieler, haben ihre bestimmte Aufgabe, und beide bewirken
an ihrer Stelle Gutes. Wenn aber der Erbauer des Klavieres im
Konzertsaale auch sagen und hobeln und hammern wollte, so
wiirde er dort nur zerstorend wirken. Ja, er taugt dort nicht, so
grofi er auch als Meister des Klavierbaues sein mag.
So finden sich auch in der astralen Welt Wesen solcher Art, die
eine hohe Fertigkeit erlangt haben im Aufbau des sinnlichen Orga-
nismus, die aber diese Neigung nicht abgelegt haben beim Uber-
gang in eine andere Entwicklungsstufe. Sie sind Meister im Auf-
bauen der sinnlichen Materie, aber sie taugen in unserer jetzigen
Entwicklung so wenig wie der Klavierbauer im Konzertsaal. Sie
wirken zerstorend, verwustend, sie wirken am falschen Platz als
bose Geister, denn sie hangen an Kraften, welche der Mensch als
«Unterbau» braucht, aber sie fuhren die Entwicklung des Men-
schen nicht weiter. Diese Wesen konnen eine hohe Entwicklung
haben, sie haben aber eine Neigung, die nicht mehr in unsere Ent-
wicklung pafit, deshalb konnen sie dem Chela, dem Anfanger, der
erst lernt, in der astralen Welt zu schauen, gefahrlich werden, denn
er kann durch diese Wesen angezogen werden und dadurch auf
Abwege kommen.
Es gibt in der astralen Welt auch andere Wesen, solche, die nicht
in eine physische Verkorperung hinuntersteigen und nur im Astral-
raum zur Offenbarung kommen. Sie kann derjenige nicht wahr-
nehmen, der nur den Blick fur das Physisch-Korperliche hat. Diese
Wesen sind edel, und ihr Bestreben ist nur auf das Ziel der mensch-
lichen Entwicklung gerichtet. Sie haben nicht menschliche Begier-
den, sie hangen nicht am Irdischen, sie haben sich diejenige Ent-
wicklungsstufe erarbeitet, durch die sie Heifer der Menschheit
geworden sind. Sie sind nicht Geniefier, dennoch finden wir sie im
Astralraum, denn sie warten hier auf ihre kiinftige Bestimmung.
Um zu verstehen, wie dies geschieht und welche Bedeutung es
hat, miissen wir uns mit ein paar Worten klarmachen, was dann
Gegenstand des sechsten Vortrages sein wird: den Zustand im
Kamaloka. Wenn der Mensch den physischen Korper verlafit, so
wird derselbe der Erde iibergeben; auch die Lebenskraft wird
abgelegt. Dann kommt er in die astrale Welt, in das Gebiet der
Begierden. Der Mensch macht in dieser astralen Welt eine Periode
durch, geht dann in das Devachan iiber, um darauf wieder zur
Verkorperung hinabzusteigen. Das ist die normale [nachtodliche]
Entwicklung des Menschen, dafi er zwei Welten durchschreitet, die
Welt des Astralen und die Welt des rein Geistigen, um danach
wieder reif zu werden fur die nachste Verkorperung. In dieser
nachsten Verkorperung geniefit er dann die Friichte des friiheren
Lebens. «Gott lafit seiner nicht spotten. Denn was der Mensch sat,
das wird er auch ernten.»
Bedenken Sie, da$ der Hoherentwickelte eine reiche Ernte in der
geistigen Welt haben konnte. Aber es steht ihm frei, nach kurzer
Zeit wieder zur Erde zuriickzukehren und denjenigen zu helfen,
welche zuriickgeblieben sind in ihrer geistigen Entwicklung. So
kann er auf den geistigen Aufenthalt im Devachan verzichten und
warten, bis ihm ein Meister eine neue Verkorperung anweist. Diese
Gestalten treffen wir unter den sogenannten Entkorperten.
Sichtbar nur fur die Hochstentwickelten unserer Zeit sind noch
hohere Wesen, die sich nur noch selten in der Astralwelt aufhalten,
weil sie ihre Heimat in noch hoheren Gebieten, auf noch hoheren
Stufen der geistigen Welt haben. Wenn der Chela sich weiterent-
wickelt, dann erlangt er die Fahigkeit, das Bewufitsein nicht nur im
Astralen zu haben, sondern das Bewufitsein auch zu haben in der
noch hoheren Welt, in der geistigen oder devachanischen Welt, die
hoher ist als die astrale Welt. In dieser hoheren Welt wird ihm das
Selbst gespiegelt. Der Mensch erlebt sich in den hoheren geistigen
Regionen als das Spiegelbild, das er in der physischen Welt sieht.
Die Wesen, welche hierher gehoren, sind nur fur Hochentwickelte
sichtbar. Auch diese Wesen konnen auf das verzichten, was als
hochste Aufgabe unseres irdischen Daseins zu verstehen ist, sie
konnen verzichten auf das «Nirwana». Eine solche Wesenheit kann
verzichten auf das Nirwana, sie kann zuruckkehren in die irdische
Welt, in die sie selbst gar nicht zuriickzukehren brauchte, um den
Menschen zu helfen. Solche Wesen nennt man Nirmanakayas. Sie
sind in der Lage, aus der geistigen Welt herabzusteigen in die astra-
le und in die physische Welt, und um da einen «Angriffspunkt» zu
haben, nehmen sie einen Astralkorper an. Sie tun das, um den
Menschen zu helfen. Das sind die Nirmanakayas, welche wir in der
astralen Welt antreffen konnen, wenn auch selten. Ich spreche hier
von solchen Wesenheiten, welche fur physische Augen nicht er-
blickbar sind, sondern nur fur solche Augen, die vom astralen
Raum Eindriicke empfangen konnen. Wenn die Augen Eindriicke
in der astralen Welt wahrnehmen konnen, dann konnen sie dort
Nirmanakayas wahrnehmen und auch solche Menschenwesenhei-
ten, die zwischen dem Tode und der nachsten Verkorperung sich
befinden. Hieriiber will ich im nachsten Vortrage noch sprechen.
Wir treffen in der Astralwelt auch noch Wesenheiten, welche
namentlich dem Anfanger unverstandlich sind. Das sind Wesen-
heiten, welche von hochster innerlicher Beweglichkeit sind und
verschiedene Formen und Gestalten annehmen und in ganz anderer
Art ihren Zusammenhang mit der Welt zeigen als der menschliche
Astralleib. Der menschliche Astralleib hat eine in Grenzen ein-
geschlossene Gestalt, er hat bestimmte Konturen. Solche bestimm-
ten Umrisse hat der Astralkorper der Tiere nicht. Die Astralkorper
der Tiere sehen ganz anders aus. Sie gehoren nicht zu einem einzel-
nen Wesen, sondern fur ganze Gruppen von Tieren sind Gruppen-
seelen vorhanden. Gleichsam an einem gemeinsamen Stamm
hangen die einzelnen physischen Tiere, und von diesen einzelnen
Tieren fiihren dann eine Art Strange zu den Gruppenseelen, welche
die Tiere bewegen. Sie konnen auch gewisse Tiergestalten, welche
nicht im Physischen angetroffen werden konnen, im Astralraum
entdecken. Diese Astralkorper sind werdende Menschen, die ihre
Astralkorper ausbilden und weiter entwickeln, um fiir solche, die
aus der geistigen Welt herabkommen, ein geeignetes Vehikel zu
bilden.
Das sind aber noch nicht alle Wesenheiten der astralen Welt.
Wir treffen in der astralen Welt auch Wesen von schwer zu be-
schreibender Natur, Wesenheiten, deren Grofie wir nicht iiber-
schauen konnen, Wesenheiten von einer Grofte, als wenn sie sich
uber unser ganzes Planetensystem ausdehnten. Diese Wesenheiten,
die die ganze Erde umspannen, zeigen deutlich, dafi sie mit unserer
irdischen Entwicklung etwas zu tun haben, aber der irdische
Mensch kann sich von ihnen nur schwer eine Vorstellung machen.
Diese Wesenheiten, welche in den verschiedensten Variationen
vorhanden sind, hangen mit dem Ganzen unserer Entwicklung
zusammen. Sie machten eine Entwicklung durch in den fruheren
Runden der Erdenentwicklung. Drei Runden gingen unserer Erde
voran und drei Runden werden folgen. Diese Wesenheiten, die in
den altesten und noch geistigeren Religionen «Devas» genannt
wurden, werden eine hohere Entwicklung erreicht haben, wenn
unsere Erde ihr Ziel erreicht haben wird. Sie werden menschenahn-
lich gedacht, weil die Menschen sich keine rechte Vorstellung von
ihnen machen konnen. Die Menschen aber, die davon etwas
wissen, finden damit angedeutet, wie die kosmologische Entwick-
lung vor sich geht.
Wenn ein «Kosmos» beginnt sich zu entwickeln in der ersten,
zweiten und dritten Runde, dann ist es so, wie ein Kind sich ent-
wickelt in den ersten drei Lebensjahren. Es wird damit gleichsam
der Weg angezeigt, den es im Leben nehmen wird. Erst dann
kommt das, was die eigentliche Aufgabe des Kosmos ist; wir nen-
nen das die «Wahrheit» des Kosmos. Auf unserer gegenwartigen
Erde ist die Wahrheit zum Vorschein gekommen; die drei voran-
gegangenen Runden des Entwicklungsweges stellen den «Weg»
dar. Die «Wahrheit» ist die aufiere Ausgestaltung dieses «Weges»
in unserer gegenwartigen Erdenentwicklung. Den dritten Teil der
Entwicklung, das «Leben», werden wir durchmachen, wenn wir
unsere Seelen immer mehr durchdrungen haben werden von der
Wahrheit. Wir lernen die Wahrheit erkennen, die Wahrheit aber
wird unser Leben werden; dann werden wir die Wahrheit nicht
mehr zu erringen brauchen. Jetzt ist das noch notig, um uns zu
einem moralischen und sittlichen Leben zu fiihren. Diese Wahrheit
wird uns aber kiinftig durchziehen, sie wird unser Lebensblut sein.
Deshalb hat derjenige, der ein Reprasentant der den Kosmos
durchstromenden Wahrheit ist, aufgenommen dieses Dreifache in
sein Bewufitsein und hat es ausgedriickt in den Worten: «Ich bin
der Weg, die Wahrheit und das Leben».
FUNFTER VORTRAG
Berlin, 25. November 1903
Charakter der astralen Vorgdnge
In dem vorhergehenden Vortrag sprach ich von den Wesem die in
der astralen Welt anzutreffen sind. Ich charakterisierte die Bewohner
dieser Welt, indem ich sie unterschied in solche, die gegenwartig
verkorpert sind, und solche, die gegenwartig nicht verkorpert sind.
Heute mochte ich iiber die Vorgange im Astralraum sprechen, und
ich mochte im allgemeinen charakterisieren, wie wir uns die Ereig-
nisse dort vorzustellen haben. Natiirlich konnen wir nur ganz allge-
mein eine Skizze geben, denn die Welt, der wir hier begegnen, ist so
iiberwaltigend grofi, dafi jeder, der diese Welt einmal betritt, iiber-
waltigt wird von der Fulle der Erscheinungen, so dafi niemand etwa
aus eigener Erfahrung die ganze astrale Welt beschreiben konnte.
Ebensowenig wie jemand die ganze physische Erde gesehen hat,
ebensowenig hat jemand die ganze astrale Welt gesehen. Da die
Mannigfaltigkeit der astralen Welt weitaus grower ist als die der phy-
sischen Erde, so werden Sie sich vorstellen konnen, da$ es manches
im Astralen gibt, wovon der einzelne keinen Bericht erstatten kann.
Jedoch kann der einzelne ein kleines Stuck beschreiben.
Ich rechne zu den Vorgangen im astralen Raum auch die Begeg-
nungen mit Wesenheiten, welchen wir in der physischen Welt nicht
begegnen konnen oder nur ganz ausnahmsweise. Der Astralraum
ist sozusagen ein Ort, an dem Wesen verschiedener Welten sich
treffen konnen. Es ist genauso, wie Menschen in der irdischen
Laufbahn sich begegnen konnen, wie ein Mensch einmal mit einem
anderen zusammentreffen kann, der an einem ganz anderen Orte
wohnt, vielleicht eine kurze Wegstrecke mit ihm zusammen zu-
riicklegt, ihn wieder verliert und ihm dann nicht mehr begegnet.
Wie dies im kleinen ist, so kann es auch in grofiem Mafistabe ein-
treten, und so konnen wir uns manches aus der astralischen Welt
erklaren.
Wir sind als Menschen nicht von Anfang an so gewesen, dafi
wir uns in der Welt in einem physischen Korper zwischen Geburt
und Tod verkorpert haben, sondern wir haben es in einer Art
kosmischer Entwicklung dazu gebracht, dafi wir durch drei Sta-
tionen hindurchzugehen haben: durch das physische Leben zwi-
schen Geburt und Tod, durch das Leben im Kamaloka und durch
das Leben im Devachan. Nicht alle Wesen durchlaufen diese Sta-
tionen, und auch wir Menschen haben eine Zeit gehabt, die der
unsrigen vorangegangen ist, in welcher wir mit unserer Wesenheit
der astralen Welt viel naherstanden. Wir waren, bevor wir uns die
Fahigkeit erarbeitet hatten, uns physisch zu verkorpern, Wesen,
welche rein in der astralen Welt lebten und welche astralische
Sinne hatten. Aus den astralischen Sinnen heraus entwickelten sich
im Laufe von Jahrmillionen erst unsere Augen und Ohren zu der
physischen Gestalt, die sie heute haben. Wir waren astrale Wesen,
und wir werden im Laufe unserer Entwicklung wieder astrale
Wesen sein.
Wir stehen jetzt in der funften Wurzelrasse der vierten Runde,
das ist die fiinfte Menschheitsepoche der vierten Runde der Erden-
entwicklung. Wir haben uns durch vier vorhergehende Epochen
entwickelt und werden uns in drei folgenden wiederverkorpern.
Dann wird diese Gestalt unseres Planeten, die er jetzt hat, abgelost
sein durch eine andere Gestalt, und auch wir Menschen werden
anstelle unserer irdischen Gestalt eine andere Gestalt haben. Wir
werden uns dann nicht mehr in der gleichen Weise wiederverkor-
pern, wie wir das heute tun. Wir werden wiederum astrale Wesen
sein, Wesenheiten, welche sich nicht der Sinne bedienen, die wir
jetzt haben, sondern wir werden Wesenheiten sein, die astral han-
deln. Seelenwesen waren wir, Seelenwesen werden wir wieder sein,
wenn der physische Erdball seine Aufgabe erfullt haben wird.
Durch sieben sogenannte «Rassen» gehen wir hindurch, oft durch
schlimme Zustande, und in der Zukunft werden wir dann wieder-
um in einem astralen Zustand sein und ein ganz anderes Dasein
fiihren. Wir waren fruher rein passive Wesen, hingegeben den Ein-
driicken der Aufienwelt, bevor unser physischer Korper sich ver-
dichtet hatte zu dem physischen Kern, durch den erst moglich
wurde, physische Muskeln in Bewegung zu setzen, urn irdische
Handlungen auszufiihren. Wir werden uns wiederum verwandeln,
aus passiven zu aktiven Wesenheiten. Alles, was wir irdisch in uns
aufgenommen haben, was wir verarbeitet haben, das wird als
Frucht in uns gereift sein; wir werden aktive Wesen sein, Tatig-
keitswesen.
Weil wir noch etwas von unserer friiheren astralen Gestalt mit
uns herumtragen, weil etwas davon zu unserem astralen Korper
gehort, und weil Vergangenheit und Zukunft in uns sich durch-
dringen, deshalb leben wir auch heute in der astralen Welt. Und
wir konnen unser Geistesauge so entwickeln, daft wir in der astra-
len Welt ebenso sehend werden, wie der Durchschnittsmensch se-
hend ist in der physischen Welt. Die Menschen sind sich dessen
nicht bewuftt, weil ihr geistiges Auge nicht geoffnet ist. Das Auge
des Schiilers aber wird allmahlich geoffnet. Wer die Schulung
durchgemacht hat, der kann erwarten, da£ das geistige Auge ihm
geoffnet wird, so dafi er das sehen kann, was in der theosophischen
Lehre beschrieben wird.
Wir sind Burger der physischen Welt und der astralen Welt. In
der astralen Welt begegnet der Schuler auch Wesen, welche nicht
unserer Erde angehoren, niemals ihr angehort haben und niemals
ihr angehoren werden. Diese Wesen haben andere Entwicklungen
durchgemacht, sie kommen von einer ganz anderen Seite der Welt,
sie durchkreuzen unsere Astralebene. Sie haben nur eine Wegstrek-
ke durch den astralen Raum mit uns gemeinsam zu machen. Sie
sind gleichsam wie die Kometen, die durch unser Planetensystem
gehen. Solche Wesenheiten sind Fremdlinge fiir unsere menschlich-
irdische Entwicklung; ihre Entwicklung in der Astralwelt wird eine
von der unsrigen ganz verschiedene sein. Nur ein Stuck treffen sie
mit uns zusammen, um dann ihre Entwicklung in einer Weise
weiterzufiihren, die nichts mit der unsrigen weiter zu tun hat.
Das sind Tatsachen, von denen die mystischen Schriften aller
Zeiten sprechen. In diesen Wesenheiten, denen die mystischen
Schriften verschiedene Namen gegeben haben, ist nichts anderes
dargestellt als diejenigen Bewohner der Erde, welche ihre Entwick-
lung abseits von unserer Entwicklung durchmachen, sogenannte
Elementarwesen, Elementargeister. Fiir diese Wesenheiten ist das,
was sie durch die Menschen erfahren, ebenso fremd, wie einem
Menschen das fremd ist, was er beim Betreten des Astralraumes
erfahrt. Sie verhalten sich zumeist ablehnend gegen das, was von
der physischen Welt an sie herantritt. Der Chela wird durch diese
Wesen die mannigfaltigsten Anfechtungen erfahren, er kann durch
diese Elementargeister angezogen werden und dadurch leicht von
der ihm vorgezeichneten Bahn abgelenkt werden. Diese Wesenhei-
ten zeigen Sympathien oder Antipathien mit dem, was ihnen von
unserer menschlichen Sphare entgegentritt. Das war nicht immer
so. In einer friiheren Epoche waren sie nicht so ablehnend gegen-
uber den physischen Menschen. Jetzt aber haben diese Wesen eine
grofie Antipathie gegen alles, was von der physischen Welt kommt.
Diese Erscheinungen der Astralwelt sind ja oft bildlich beschrie-
ben worden. Man halt heute manches nur fiir Volksaberglauben
und weifi nicht, dafi den Ausdriicken in den alten Schriften Wahr-
heiten zugrundeliegen. Gnomen, Undinen, Sylphen und Salaman-
der wurden im Mittelalter diese Wesen genannt, die niemals ein
physisches Dasein haben. Es ist naturlich leicht, etwas zu sagen von
diesen Dingen, aber nur derjenige spricht mit vollem Verantwor-
tungsgefuhl dariiber, der zu unterscheiden weifi, was Aberglaube
und was Wirklichkeit ist. Aberglaube tritt auf verschiedenen Stufe
auf. Es gibt nicht blofi den Aberglauben, der uns anhaftet, wenn
wir an irgendwelche Erscheinungen glauben, die nicht wirklich
vorhanden sind. Nein, ein Aberglaube kann auch vorhanden sein
bei den grdftten Gelehrten, auch bei denjenigen, die die Natur nach
alien Seiten durchforscht zu haben glauben. Der Glaube an die
Materie kann auch ein Aberglaube sein. Die zweite Stufe des
Sehens, das spirituelle Sehen, mufi der Schiiler erreicht haben, um
unterscheiden zu konnen, was physische Wirklichkeit und was
Tauschung ist. Dann lernt er auch erkennen, was in der Literatur
[iiber Elementarwesen] auf Wirklichkeit zuriickzufuhren ist und
was nur phantastische Sachen sind.
Die Elementarwesen brauchen Sie sich nicht als besonders hoch-
entwickelt vorzustellen; sie machen nicht Geburt und Tod durch
wie der Mensch. Die wenigsten haben etwas durchgemacht, was
einer Menschheitsentwicklung auch nur ahnlich ware. Den meisten
stehen derartige Entwicklungen auch nicht bevor. Manche kom-
men — wie Kometen — von anderen Planeten, verschwinden wieder
und setzen ihr Dasein woanders fort. Was diese Wesenheiten voll-
bringen, ist nicht ohne Einflufi auf die Menschen. Manches geht da
im menschlichen Astralkorper vor, was auf Wirkungen dieser
Wesen zuriickgeht. Nur dem, der im Astralraum sehen kann, sind
solche Vorgange, die im menschlichen Astralkorper sich abspielen
konnen, erklarlich.
Es gibt auf dem Astralplan auch solche Wesenheiten, die hoher
stehen als die Menschen. Religionen, die etwas wissen von Esote-
rik, sprechen von solchen hoheren Wesenheiten; die indische Reli-
gion zum Beispiel spricht von Devas. Auch in der christlichen
Religion hat man von solchen Wesen gesprochen. Nach und nach
hat man im Christentum diese Kenntnis verloren, aber es gibt noch
Kreise, die diese Wesen kennen. Die Devas nehmen eine bestimmte
«K6rperlichkeit» an. So wie der Mensch seinen physischen Korper
aus den Naturelementen nimmt und so wie unser physischer Kor-
per das niedrigste fur uns mogliche Element ist, so ist der niedrigste
Korper der Kama-Devas der astrale; er ist aus Astralstoff zusam-
mengesetzt - gemafi ihrer Entwicklungsstufe. Andere Devas nen-
nen wir Rupa-Devas. Die leben im Devachan, durch welches wir
zwischen dem Tod und und einer neuen Geburt hindurchgehen.
Die Stofflichkeit der Rupa-Devas ist der Mentalkorper, die der
Arupa-Devas der Kausalkorper. Der Kausalkorper hat mit dem zu
tun, was uns von Verkorperung zu Verkorperung hinzieht. Das,
was physische Stofflichkeit ist, vergeht, verfliegt; der Leichnam
wird der Erde, den chemischen und physischen Kraften wiederge-
geben. Auch der Astralkorper und der niedere Mentalkorper losen
sich nach dem Tode auf. Es bleibt nur die eine Seele in uns, welche
immer wieder in einer neuen Verkorperung wiederkehrt, wenn die
eine Entwicklung am Ziele angelangt ist, um dann einzutreten in
eine nexie Entwicklung. Diese eine Seele ist aus dem Stoff des
Kausalkorpers gewoben, in welchem wir die Riickerinnerung an
friihere Leben haben konnen und darin die ganze Entwicklung
erkennen. Wer diese Tatsachen kennt, der weifi, dafi Buddha nicht
ein Bild gab, als er sprach: Ich erinnere mich an friihere Leben, ich
erinnere mich, wie ich da und dort geboren wurde, wie ich da
geholfen habe, da und dort Kinder gehabt habe, ich erinnere mich
an Weltenstehen, an Weltvergehen, durch die ich hindurchgegan-
gen bin, und so weiter. - Das sprach diese hochentwickelte Indivi-
dualist, welche die Entwicklung vorausgenommen hat, zu der die
Menschen erst in der sechsten Runde kommen werden, in welcher
der Mensch ein rein geistiges Dasein haben wird. Das hat Buddha
schon jetzt entwickelt; er erlangte die Fahigkeit, die hoheren Zu-
stande zu sehen. Die gewohnlichen Menschen werden dies erst
spater erlangen. Jeder wird einst alle seine verflossenen Zustande
der Entwicklung an sich voriiberziehen sehen. Das kommt daher,
weil etwas immer bleibt, namlich die feinste Stofflichkeit des
Kausalkorpers. Und aus dieser Stofflichkeit sind die hoheren Arten
von Devas, die Arupa-Devas, gebildet. Das sind die drei Arten von
Devas, denen wir im Astralen begegnen konnen: Kama-Devas,
Rupa-Devas, Arupa-Devas. Zuerst begegnen wir denjenigen,
welche aus Astralmaterie sind; aber auch die anderen Devas haben
die Fahigkeit, sich mit Astralmaterie zu umspinnen, so dafi sie von
Astralsehern gesehen werden konnen.
Dadurch, dafi sich ein solcher Mensch frei bewegen kann im
Astralraum, dadurch kann er mit den Devas in Verbindung treten;
ein Gedankenaustausch findet statt. Die Entwicklung zu hoherem
Wissen, die Entwicklung zum Adepten, zum Meister, besteht dar-
in, das zu erreichen, was in einzelnen okkulten Schriften genannt
wird: «Der Adept macht sich die Gotter dienstbar.» Der Adept
gelangt allmahlich dahin, in diesen hoheren Welten Taten zu tun,
und unter den Helfern seiner Taten sind nicht blofi Menschen,
sondern auch solche Wesen, welche niemals unsere irdischen
Spharen betreten. Die Intelligenz mancher Devas ist aber niedriger
als die Weisheit des Budhi, der aufopferungsvollen Liebe und der
weisheitsvollen Schopferkraft. Der Mensch kann in den Besitz
eines solchen Grades dieser Kraft kommen, daft er hinausragt iiber
die meisten der Devas, denen wir begegnen. Dann macht er sie
sich dienstbar. Manches, was geschieht, geschieht dadurch, daft
die Adepten ihre Heifer haben in diesen Deva-Wesenheiten, die
niemals in unsere physischen Spharen kommen.
Bis zum 15. Jahrhundert besaften die Menschen Kenntnis davon;
im 14., im Anfang des 15. Jahrhunderts verlieren sich aber jegliche
Spuren von Mitteilungen iiber die Devas; nicht mehr wurde von
diesen Dingen geredet im 15., 16., 17., 18. und 19. Jahrhundert;
niemand hat von diesen Dingen ein Wissen gehabt - aufter in ganz
intimen Kreisen. Es war die Zeit, in der die Kraft des Verstandes
ausgebildet wurde. Heute ist es moglich - wenigstens zum Teil -,
wieder vorzutragen iiber diese Wahrheiten, die sich auf die Devas
beziehen und iiber die ganze Jahrhunderte lang absolutes Still-
schweigen geherrscht hat; es ist moglich, weil die Menschheitsent-
wicklung gegenwartig Ereignissen entgegengeht auf geistigem Ge-
biete, die groft und bedeutungsvoll sind und weil die Menschen den
Dingen so gegeniiberstehen miissen, daft sie gewappnet sind. Das
nachste, was sehr bald eintreten wird, kann ich damit charakterisie-
ren, daft ich sage: Die Menschen werden in einem ganz anderen
Mafte die Hintergriinde von Gut und Bose iibersehen als heute.
Tief hinein werden Sie schauen in diejenigen Faden, welche die
Machte spinnen, sie werden schauen das Weltgewebe, das den
Menschen der Gegenwart erscheinen wird wie ein Netz von Gut
und Bose. Diese Wahrheit wird eine Erkenntnis von unendlicher
Bedeutung sein. Und jetzt gibt es schon die Moglichkeit, diese
Erkenntnis von Gut und Bose zu erwerben.
Das sind grofte Dinge, von denen jetzt gesprochen worden ist;
es gibt nun noch andere Dinge, die sich im Astralen abspielen.
Davon will ich Ihnen jetzt etwas erzahlen. Der Mensch muft sich
bewuftt sein, daft er in jedem Moment seines Lebens auch im
Astralraum lebt. Wie die physischen Tatsachen mit physischen
Augen gesehen werden konnen, so kann im Astralraum gesehen
werden, daft zum Beispiel ein Wunsch, der sich bei Ihnen erhebt,
ausstromt wie eine Wolke. Jeder Wunschgedanke geht wie eine
Kraft von Ihnen aus und stromt in den Astralraum aus. Solche
Gedanken sind wie blitzartige Gebilde, andere wie feine Wolken-
gebilde. Es bildet sich das, was an Kraft in den Gedanken ist, zu
Pfeilen oder zu wohltuenden Wolkengebilden; es bilden sich auch
Strahlen und Sterngebilde. Alles nimmt Gestalt und Form an, je
weiter es von uns hinweggeht. Alles ist von proteus-artiger Natur;
alles verandert seine Gestalt und Farbe. An Farbe und Form kann
man genau erkennen, welche Gedanken der Mensch hinaus in den
Raum sendet. Senden Sie einen zornerfiillten Gedanken, so geht er
von Ihnen aus wie ein Blitzstrahl durch die Luft, bis zu dem
Astralkorper eines anderen Menschen; das kann beobachtet wer-
den. Es hangt von der Intensitat des Wunsches ab, ob der Gedanke
schnell durch den Astralraum schielk, und es hangt von dem Cha-
rakter der Wiinsche ab, in welchen Farben sie erscheinen. Jahzor-
nige Gedanken erscheinen braunrot bis blutigrot; Gedanken mit
still ruhigem, kontemplativem, wohlwollendem Charakter erschei-
nen in intensiv blaulicher bis violetter Farbung. Scharfsinnige,
logische Gedanken konnen Sie sehen als gelbe Sterngebilde, die sich
ineinander verspinnen. Solche Gedankenformen im Astralraum
bewufk hervorzurufen, das lernt der Chela, indem er die Gesetze der
astralen und der mentalen Welt kennenlernt. Wer Chela ist, weifi
ganz genau, wie seine Gedanken, die er hinaussendet, im Astralraum
wirken. Das ist Chela-Entwicklung: sich dieser Tatsachen immer
bewulker und bewufiter zu werden und nur Gedanken zum Heile
der Menschheit hinauszusenden. Das ist eine der tiefen Wahrheiten,
zu der die Theosophie die Menschen hinfiihrt.
Die Vorgange im Astralraum sind Vorgange, die uns immer
umgeben, die in unserer Umwelt sich abspielen. Sie sind hohere
Tatsachen als die unserer physischen Welt. In der Zeit zwischen
Tod und neuer Geburt geht der Mensch durch diese hoheren
Welten hindurch. Der Chela kann diese Regionen bewufit betreten,
noch bevor er den Tod erleidet. Die Entwicklung des Menschen im
Kamaloka, also das, was den Menschen erwartet, wenn er die
Schwelle des Todes uberschreitet, das soli Gegenstand einer geson-
derten Betrachtung sein. Ich wollte heute nur diejenigen Dinge
beriihren, welche nicht mit diesem speziellen Kapitel zusammen-
hangen. Ich habe alles das ausgelassen, was im Zusammenhang mit
Kamaloka und Devachan besprochen werden kann. Das nachste
Mai werden wir den sechsten, den letzten Vortrag in dieser Reihe
horen.
Ich habe gezeigt, dafi der Mensch herabgekommen ist aus hohe-
ren Welten und da£ er wiederum in hohere Welten geht. Manches
geschieht hier, wozu die Ursachen in den hoheren Welten liegen.
Der Unterricht eines Chela vollzieht sich auch in einer hoheren
Welt. Es mag der Chela in der physischen Welt Unterricht erhal-
ten; das ist aber nicht der wichtigste, wichtiger ist der Unterricht,
welcher bewirkt wird in den hoheren Spharen. Es gehen mit den
Menschen Dinge vor in den hoheren Spharen, deren sich die Men-
schen im gewohnlichen Leben nicht bewufit sind. Von diesen
Welten kann der Verstandesmensch nur dadurch etwas wissen, dafi
ihm zuerst Kunde davon gebracht wird. Mitteilung davon zu be-
kommen, ist ein Weg, in die hoheren Welten hineinzuschauen. Es
ist nicht unnotig, von diesen hoheren Welten erst etwas erzahlt zu
bekommen. Das, was erzahlt wird, senkt sich in das Geistige der
Menschen hinein und wird jedenfalls im zukunftigen Leben leben-
dig werden. Das, was als Saat heute gesat wird, wird kiinftig als
Frucht aufgehen. Das war ein Ausspruch des Paulus, des christ-
lichen Initiierten: Gott lalk seiner nicht spotten. Denn, was der
Mensch sat, das wird er auch ernten.
j<m d *
Notizbucheintragung zum Vortrag vom 25. November 1903
(Archiv-Nr. NB 393)
Hohe Adepten andrer Weltensysteme.
Zwei Entwicklungsreihen.
Elementarwesen.
absteigender aufsteigender Bogen. -
proteusartige Natur
Elementaressenz die Vorgange, die unerklarlich
sind.
Naturgeister. - Andere Entwicklungslinie.
(Konnen menschliche Aura schwer vertragen)
Wie der Mensch ihnen ausgesetzt ist.
Verantwortung im Denken.
Devas. Nicht durch Menschheit
hindurchgefuhrt. -
Solche die im Astralkorper
Kamadevas
Solche die im Mentalkorper
Rupadevas
Solche die im Causalkorper
Arupadevas.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch; 88
Seite:79
SECHSTER VORTRAG
Berlin, 2. Dezember 1903
Kamaloka
An dieser astralen Welt, die wir nun kennengelernt haben, hat der
Mensch auch wahrend seines physischen Lebens Anteil. Taglich
und stiindlich nehmen wir teil an den Vorgangen der astralen
Welt. Wir haben die Vorgange und Wesenheiten kennengelernt,
welche in der Astralwelt von denjenigen angetroffen werden
konnen, deren Blick fur diese Astralwelt geoffnet ist. Heute soli
wiederum ein besonderer Gegenstand herausgehoben werden; wir
wollen heute dasjenige naher betrachten, was die Theosophie
«Kamaloka» nennt.
Wenn wir verstehen wollen, was Kamaloka ist, so miissen wir
uns vor alien Dingen dariiber klar sein, daft wir innerhalb unserer
Entwicklung schon durch viele Inkarnationen hindurchgegangen
sind, daft unserer gegenwartigen Inkarnation im Fleische viele an-
dere vorangegangen sind und viele andere nachfolgen werden. Das
Wesentliche ist, daft wir in dieser Inkarnation, in diesem irdischen
Leben unsere Aufgaben zu erftillen haben.
Es ist ganz falsch, wenn behauptet wird, die Theosophie lenke
vom Leben ab oder sie wolle den Menschen in eine Art von Wol-
kenkuckucksheim fiihren, sie predige eine vom tatsachlichen Leben
sich abkehrende Askese. Das ware eine ganz falsche Auffassung
von dem, was die theosophische Bewegung will. Die Theosophie
betrachtet vielmehr gerade dieses Leben als das Instrument, als das
Werkzeug, dessen wir uns bedienen miissen, um unsere hochsten
geistigen Aufgaben in der Entwicklung zu erfiillen. Wer sich vom
Leben zuriickzieht, wer nicht die geistigen Krafte auch im Physi-
schen anwendet, der erfullt die Aufgaben nicht, die er auf der Erde
hat. Deshalb gehort es zu den Idealen der Theosophie, daft wir aus
unserem physischen Dasein fur das hochste geistige Leben den
grofttmoglichen Nutzen ziehen.
Wir wissen, verehrte Anwesende - und wir miissen das heute vor-
aussetzen -, dafi dasjenige, was der menschliche Geist ist, was das
eigentliche wahre Selbst in uns ist, dafi das nicht einmal, sondern
unzahlige Male innerhalb des irdischen Daseins verkorpert wird.
Wir wissen, dafi unser gegenwartiges irdisches Dasein sich ange-
schlossen hat an unzahlige friihere und dafi an dieses jetzige Leben
weitere Verkorperungen sich anschliefien werden. Die Frage miissen
wir nun stellen: Was vollbringt das menschliche Selbst in der Zeit
zwischen zwei Verkorperungen? Wie hat das menschliche Selbst
Anteil an den anderen Welten, die nicht wie unsere physische Welt
sind? - Allein dadurch, dafi es in der entsprechenden Weise durch die
anderen Welten pilgert, ist es imstande, aus dem physischen Dasein
den grofitmoglichen Nutzen fur seine Entwicklung zu ziehen. Die
Welten, durch die das menschliche Selbst in der Zwischenzeit zwi-
schen zwei Verkorperungen pilgert, sind zunachst das Kamaloka
und dann das Devachan. Wenn die physischen Hullen [nach dem
Tode] von dem Menschen abgefallen sind, dann tritt er ein in die
Welt, welche wir in der Theosophie «Kamaloka», den «Ort des Ver-
langens» nennen. Und hat er sich da eine Weile aufgehalten, dann
durchpilgert er die hohere geistige Welt, das Devachan, das wir auch
die «Welt des Geistigen» nennen. Durch diese Welten also pilgert die
menschliche Seele nach ihrer irdischen Pilgerschaft. Will man nun
verstehen, welchen Anteil an der ganzen menschlichen Seelenpilger-
schaft diese beiden anderen Welten, Kamaloka und Devachan,
haben, dann mufi man vor allem an die Aufgaben denken, die der
Mensch in seinem irdischen Dasein zu vollbringen hat. Diese sind
immer in den Geheimwissenschaften gelehrt worden und werden
uns heute auch durch die Theosophie gelehrt.
Es sind ganz bestimmte Aufgaben, welche das menschliche
Selbst zu ubernehmen und durchzufuhren hat innerhalb seiner
Erdenpilgerschaft. Der Mensch hat bestimmte Tugenden auszubil-
den, die er nicht aufierhalb der Erdenpilgerschaft ausbilden kann.
Sieben solcher Tugenden sind es. Mit den Anlagen zu diesen Tu-
genden kam der Mensch auf die Erde, und am Ende seiner Erden-
pilgerschaft soil er diese sieben Tugenden voll entwickelt haben.
Wenn ich einen Vergleich gebrauchen darf, so mochte ich sagen:
Stellen wir uns einen Menschen vor, der der Anlage nach mit dem
groftten Wohlwollen fur die Mitmenschen ausgestattet ist, einen
ganz freigebigen Menschen, der aber ganz arm ist und deshalb
nicht in der Lage ist, von dieser seiner mildtatigen Anlage Ge-
brauch zu machen. So ist auch der menschliche Charakter seiner
Anlage nach ein im hochsten Grade vollendeter; der Mensch kann
aber noch keinen wirklichen Gebrauch davon machen. Nun stellen
wir uns vor, dieser Mensch zieht in ein noch unbebautes, femes
Land und versucht, es produktiv zu machen; er erzeugt durch harte
Arbeit dort so viel, da£ er sich nun die Mittel erwirbt, die er, wenn
er zuriickkommt in sein ursprungliches Land, nun seinen Mitmen-
schen zugutekommen lassen kann. Nun kann er das ausfuhren, was
als Anlage der Freigebigkeit in ihm enthalten war.
Die Anlagen zu sieben solcher Tugenden liegen im Menschen
bei seiner ersten Verkorperung. Nach Millionen von Jahren wird er
wieder hinausziehen aus seiner Erdenpilgerschaft, und diese An-
lagen werden dann zu Tugenden ausgebildet sein. Er wird dann
diese Fahigkeiten verwenden konnen in einer zukunftigen planeta-
rischen Entwicklung. Diese sieben Tugenden sind:
1. Gerechtigkeit
2. Urteilsenthaltsamkeit
3. Starkmut
4. Klugheit
Das sind die vier niederen Tugenden. Die Klugheit falk alles das
zusammen, was uns befahigt, iiber unsere irdischen Verhaltnisse
ein Urteil zu fallen und dadurch selbst einzugreifen in den Gang
der irdischen Verhaltnisse. Durch das Sich-Erarbeiten dieser Fahig-
keiten gewinnt der Mensch die Kraft, durch die er kraftvoll und
fuhrend in die Welt eingreifen kann.
Die drei hoheren Tugenden sind:
Glaube
Hoffnung
Liebe.
Goethe hat es ausgedriickt mit den Worten: «Alles Vergangliche
ist nur ein Gleichnis». Wenn der Mensch in allem, was er sehen
und horen kann, nur ein Sinnbild sieht fur ein Ewiges, das es aus-
driickt, dann hat er den «Glauben». Das ist die erste der drei ho-
heren Tugenden. Die zweite ist, ein Gefiihl dafiir zu entwickeln,
dafi der Mensch nie auf dem Punkte stehenbleiben soil, auf dem er
stent, ein Gefiihl dafiir, daft wir heute Menschen der fiinften Rasse
sind, spater aber uns hoherentwickeln werden. Das ist die Hoff-
nung. Wir haben also den Glauben an das Ewige, und dann das
Vertrauen, die Hoffnung auf die hohere Entwicklung. Die letzte
Tugend ist die, welche als letztes Ziel unseres Kosmos auszubilden
ist, es ist die Liebe. Deshalb nennen wir auch unsere Erde den
«Kosmos der Liebe». Was wir in uns entwickeln miissen, indem
wir der Erde angehoren, das ist die Liebe, und wenn wir unsere
Erdenpilgerschaft vollendet haben werden, dann wird die Erde
ein Kosmos der Liebe sein. Die Liebe wird dann eine selbstver-
standliche Kraft aller menschlichen Wesen sein. Sie wird mit einer
solchen Selbstverstandlichkeit auftreten, wie beim Magneten die
magnetische Kraft der Anziehung und Abstofiung selbstverstand-
lich ist.
Nach und nach, durch verschiedene Verkorperungen hindurch,
mufi der Mensch diese Tugenden entwickeln. Ungefahr auf der
Mitte dieses Weges ist er jetzt angelangt. Was diese Tugenden
einmal sein werden, ist von der christlichen Theologie richtig so
bezeichnet worden: «Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehoret
hat und keinem Menschen ins Herz gekommen ist»; das soil bedeu-
ten, daft niemand sich eine Vorstellung machen kann, in welch
vollendeter Weise diese Tugenden einmal in dem Vollendeten vor-
handen sein werden. Von Stufe zu Stufe arbeiten wir uns in den
verschiedenen Verkorperungen. Wir steigen gleichsam mit der
Anlage zu diesen sieben Tugenden aus der geistigen Welt herunter
und miissen diese Tugenden im Leben ausbilden, um sie dann
wirklich zu haben. So ist das irdische Leben nichts anderes als das
Hindurchziehen durch ein Land, um daran zu arbeiten, die An-
lagen in wahre Fahigkeiten umzusetzen. Wer hineinzieht in dieses
Land, der mufi sich zunachst hingeben an die Arbeit, und wahrend
der Arbeit wird er vielleicht nicht hinblicken konnen auf jenes
hohe Ziel. Er entwickelt die Tugenden, indem er mit den anderen
Menschen in Verbindung tritt, um so Starkmut, Gerechtigkeit,
Hoffnung, Liebe und so weiter auszubilden. Er kommt mit ande-
ren Menschen zusammen, und er mufi diese Begegnungen beniit-
zen zur Ausbildung der Tugenden. Um die Tugenden auszubilden,
mufi der Mensch heruntersteigen aus der geistigen Welt in die
physische Welt. Er wird verstrickt in dasjenige, was die physische
Welt enthalt, und immer enthalt diese auch das Astrale, die Welt
der Begierden, der Liiste: Kamaloka.
Wir konnen nicht unsere Klugheit so [umfassend] ausbilden,
dafi sie die ganze Welt erschuttert. Nein, wir miissen zufrieden
sein, dafi wir an dem Ort und zu der Zeit, in die wir hineingeboren
sind, in entsprechender Weise wirken konnen. Galilei, Giordano
Bruno haben in ihrem Volk und in ihrer Zeit ihre hoheren Seelen-
krafte, ihr Kama-manas ausgebildet. Giordano Brunos Verstand
taugte fur sein Volk und fur seine Zeit. Wiirde er in ein anderes
Volk gesetzt worden sein und zu einer anderen Zeit geboren wor-
den sein, so hatte er andere Fahigkeiten haben miissen. Der Mensch
ist durch seine Aufgaben mit der physischen Umwelt verstrickt,
und so ist es auch mit unseren hoheren Fahigkeiten; wir sind in
jeder Inkarnation auf ein enges Gebiet beschrankt. Auch unser
Verstand und unsere hoheren Seelenkrafte sind auf ein gewisses eng
begrenztes Gebiet beschrankt, und erst recht unsere Wiinsche,
Begierden, unsere Leidenschaften und Instinkte.
Wir miissen das, was wir mitgebracht haben aus dem Geistigen,
in die Wiinsche hineingiefien. Wenn ich das Hochste will, so mufi
ich das Hochste mit dem Wunsche umgeben. Um seine Aufgaben
in der physischen Welt zu erfiillen, mufi der Mensch zusammen-
wachsen mit der physischen Welt, und er bildet eine Art von Schale
um sich, durch die er zusammenhangt mit der Welt der Wunsche
und Begierden. Wie Sie mit den Gegenstanden der physischen Welt
so zusammenhangen, dafi Sie sich an ihnen stofien, so hangen Sie
durch Ihre Wunsche, Begierden und Leidenschaften mit der Welt
des Astralischen zusammen. Und wie Sie unmittelbar mit dem
Tode sich aus der Welt des Physischen loslosen, so miissen Sie nach
dem Tode auch von der astralen Welt nach und nach sich losreifien.
Mit denjenigen Menschen, mit denen der Mensch zusammenwirk-
te, ist er zusammengewachsen. Er mull diese Schale erst abstreifen.
Das geschieht im Kamaloka. Hat der Mensch die Erdenhiille
unmittelbar mit dem Tode verloren, so ist er noch verbunden mit
der Welt seiner Wiinsche, Begierden und Leidenschaften. Durch
eine Leidenschaft, durch die er noch innig verbunden ist mit die-
sem irdischen Dasein, hat er eine Zeit der Auseinandersetzung mit
diesem irdischen Dasein durchzumachen. Dieses nennen wir den
Aufenthalt im Kamaloka.
Wie die irdisch-physische Welt aus verschiedenen Gebieten be-
steht, so besteht auch die astrale Welt aus verschiedenen Gebieten,
und diese konnen wir gliedern nach den sieben Tugenden, die ich
genannt habe. Dadurch, dafi wir diese Tugenden ausbilden, sind
wir in einer ganz bestimmten Weise mit der Welt des Astralischen
verstrickt und verkettet.
Der Mensch mufi lernen, Gerechtigkeit bewufit zu uben. Das
kann er nur durch Uberwinden der astralen Krafte. Gerechtigkeit
kann es nur geben in einer Welt, wo die Einzelnen Sonderwesen
sind; nur von Einzelwesen zu Einzelwesen ist Gerechtigkeit mog-
lich. Bewufit mu!5 ich mich zu anderen Einzelwesen [gerecht] ver-
halten. Ich mufi mich also zuerst als Sonderwesen fuhlen, um ge-
genuber den Mitmenschen Gerechtigkeit iiben zu konnen. Vorbe-
dingung dazu ist das Abgesondertsein des einen von dem anderen.
Erst sondert sich der Mensch als Einzelwesen ab, und dieses Son-
dersein fuhrt es zu einem Kampf urns Dasein. Der Kampf urns
Dasein ist der Gegensatz, der entgegengesetzte Pol zur Gerechtig-
keit, er mufi iiberwunden werden durch die Tugend der Gerechtig-
keit. Abstreifen mufi der Mensch alles, was gegen den anderen
Menschen sich stellt, abstreifen alle Untugenden, welche aus dem
Kampf urns Dasein entspringen. Die Region, in der die Krafte des
Kampfs urns Dasein walten, ist die dunkelste Region des Kama-
loka. In agyptischen Urkunden wird uns erzahlt von dieser Region,
die schwarz ist wie die Nacht, in der die Wesen hilflos herumirren.
«Hier ist keine Luft, kein Wasser, hier vermag kein Mensch mit
Ruhe im Herzen zu Ieben.»
Die Enthaltsamkeit des Urteils, die Urteilsenthaltsamkeit gegen-
uber der Umgebung, das ist die zweite Tugend, die geiibt werden
mufi. Gewohnlich urteilt der Mensch nach Sympathie und Anti-
pathie, mit der er anderen gegeniibersteht. Nach und nach lernt er
erkennen, dafi, wenn man einen Menschen begreifen will, man iiber
Sympathie und Antipathie hinauskommen muli, sie iiberwinden
mufi. Und wie die Gerechtigkeit als Gegenpol den Kampf uns
Dasein hat, so hat die Enthaltsamkeit des Urteils als entgegenge-
setzte Untugend das Sich-Hingeben an alle Reize der Aufienwelt.
Antipathie und Sympathie mussen abgestreift werden in der zwei-
ten Region von Kamaloka.
Die Tugend des Starkmutes kann nur der entwickeln, der nicht
bewahrt ist vor Versuchung. Wir konnen diese Tugend nur da-
durch entwickeln, dafi die ihr entgegensetzten Pole da sind und wir
in sie hineinverstrickt sind. Tag fur Tag, Stunde fur Stunde sind wir
den Versuchungen ausgesetzt. Das mussen wir auf der dritten Stufe
ablegen, indem wir in dieser Region die Tugend des Starkmutes
entwickeln.
Klugheit kann nur dadurch ausgebildet werden, dafi der Mensch
durch unzahlige Irrtumer hindurchgeht. Goethe sagt: «Es irrt der
Mensch, solang er strebt.» - So wie das Kind dadurch lernt, daE
es sich beim Fallen verletzt, so haben alle grofien Menschen aus
Erfahrungen gelernt, die sie durch Irrtiimer gemacht haben. Das
geschieht in der vierten Region des Kamaloka.
Nun die hoheren Tugenden. Die erste ist der Glaube; das ist das
Erkennen des Ewigen im Zeitlichen und Irdischen, die Anschau-
ung, dafi alles Vergangliche nur ein Gleichnis ist. Die verschiede-
nen Weitanschauungen sind fortlaufende Versuche, die Menschen
da oder dort, dieser oder jener Nation, auf den verschiedensten
Wegen zur Erkenntnis des Ewigen zu fuhren. Der Mensch mull
durch den Buchstaben zum Geist vordringen, vom Dogma zur
wahren, inneren Erkenntnis. Der Mensch wird immer in Versu-
chung kommen, in ein umgrenztes Buchstabenfeld verstrickt zu
sein. Weil wir im Leben notwendigerweise ein Glied eines
bestimmten Zeitalters sind, so miissen wir erst das ablegen, was
unserer Zeit zum Dogma geworden ist, urn zu der Wahrheit zu
kommen, welche sich in alien Weltanschauungen und Religionen
ausspricht. In der funften Region treffen wir die Frommen, die
Buchstabenglaubigen aller religiosen Bekenntnisse, aller Welt-
anschauungen: buchstabenglaubige Hindus, buchstabenglaubige
Mohammedaner, buchstabenglaubige Christen und auch Theo-
sophen, die an den Buchstaben glauben.
Die nachste Tugend ist diejenige, die das Christentum «Hoff-
nung» genannt hat. Hoffnung kann der Mensch nur ausbilden,
wenn er an eine Fortentwicklung glaubt. Nach und nach konnen
wir das begreifen lernen durch die theosophische Lehre, die uns
hinfuhrt zu dem Gedanken der Fortentwicklung. Gewaltig war
schon die menschliche Entwicklung vor unserer Zeit. Noch grofier
ist der Ausblick in eine zukiinftige hdhere Entwicklung fur den
Chela. Er entwickelt ein Gefiihl dafur, dafi der Mensch nicht ste-
henbleiben darf bei den endlichen, den begrenzten Idealen, bei den
Idealen, die nur seiner Zeit angehoren. Sehen Sie sich Sokrates an
oder Robespierre oder die Idealisten unserer Zeit. Versuchen Sie,
ob deren Ideale fur irgendein anderes Volk, fur irgendein anderes
Zeitalter gepalk hatten. Versuchen Sie, ob die Ideale und Hoffnun-
gen eines Kolumbus in einer anderen Zeit und in einem anderen
Volke in die Wirklichkeit hatten umgesetzt werden konnen. Diese
Beschrankung auf eine Zeit oder auf ein Volk, das mufi der Mensch
in dieser lichtvollen sechsten Region des Kamaloka abstreifen.
Damit der Mensch die «Liebe» lernt, mud er im Endlichen an-
fangen. Um einen hoheren Begriff der Liebe zu lernen, raulS er mit
dem Kleinen anfangen, mit dem Verganglichen und dem Endlichen
und sich weiterentwickeln. Die Liebe mu6 eine Selbstverstandlich-
keit, eine selbstverstandliche Kraft werden. Sie mufi das Ziel sein
und das Streben der Menschen. Wenn der Mensch die Liebe ent-
wickelt, dann erlebt er sich in der siebenten und hochsten Region
des Kamaloka.
Sieben Lauterungsfeuer gibt es im Kamaloka, durch die die Seele
hindurchziehen mufi. Dann steigt sie auf in das Devachan, wo es
wiederum sieben Regionen gibt. Nur das, was Fracht eines hohen
Ideals ist, das kann mit hinubergenommen werden in ein neues
Dasein, in eine neue Verkorperung. Was an Ort und Zeit gebunden
ist, das mufi abfallen im Kamaloka.
So hat der Mensch, je nachdem, ob er die eine oder die andere
Lauterung durchzumachen hat, die sieben Regionen des Kamaloka
zu durchlaufen. Wenn ein Mensch zum Beispiel Starkmut ausbil-
den und deshalb gestarkt werden mufi gegeniiber Wiinschen und
Verlangen, so wird er in der Region, in der er das Negative lautern
kann, erwachen. Die iibrigen Regionen wird er mehr schlafend
durchgehen. Das ist dasjenige, was die Theosophie den Aufenthalt
im Kamaloka nennt. Was wir auf der Pilgerfahrt unseres irdischen
Lebens durchzumachen haben, ermoglicht uns, dafi wir von Ent-
wicklungsstufe zu Entwicklungsstufe gehen und dafi wir in den
Zwischenzustanden [zwischen dem Tod und einer neuen Geburt]
durch Seelenlauterungsorte hindurchgehen mussen und die
Schlacken in Kamaloka abstreifen.
Erst dem Sehenden erscheinen die verschiedenen Orte in Kama-
loka verstandlich. Fur den Chela kommt die Stufe, wo er die Helle
verstehen lernt, der Augenblick, in welchem unser Auge fur die
astrale Welt geoffnet wird. Was in der physischen Welt ist, ist dann
nicht mehr da. Er sieht die Sonne um Mitternacht glanzen. Die
anderen Menschen konnen die Sonne nicht um Mitternacht glan-
zen sehen. Es ist dies kein Symbol, es ist so wortlich wie nur
moglich zu verstehen: Fur das astrale Auge wird die Sonne um
Mitternacht sichtbar. Der Chela kann diese Schwelle iiberschreiten,
er erkennt das, was der Mensch normalerweise nur sieht, wenn er
die Pforte des Todes iiberschreitet. Das ist nicht Theorie, sondern
es ist wirkliche Erfahrung, von der so erzahlt werden kann, wie
zum Beispiel jemand Ihnen seine Erlebnisse erzahlen kann, der eine
Reise nach Amerika gemacht hat. Dafi es solche hoheren Welten
gibt, davon hatten die materialistischen Weltanschauungen und
Gesinnungen der letzten Jahrhunderte wenig Ahnung. Wieder ein
Bewufitsein davon zu erwecken, dafi es solche hoheren Welten
gibt, das hat sich die Theosophie zur Aufgabe gemacht. Dafi eine
solche Kunde notwendig ist, besonders in unserer gegenwartigen
Kultur, das hat der Theosophischen Gesellschaft ihren Ursprimg
gegeben. Es ist notwendig, daft wiederum die Stimme einer hohe-
ren Welt in diese unsere Welt hineintont. Wir miissen hingefiihrt
werden zu dem, was die sieben Tugenden uns lehren und was
durch sie gelernt werden kann. Wir miissen erkennen, wie diese
Tugenden ausgebildet werden konnen.
Die letzte Aufgabe ist: «Weisheit in der Liebe» und «Liebe in
der Weisheit». Liebe in der Weisheit ist es, was der Mensch nach
der Ausbildung der sieben Tugenden erlangen wird und was er mit
hinaustragen kann aus dieser Weltentwicklung. Dies finden Sie
schon ausgesprochen in der Salomonischen Weisheit in den
Worten: «Und weil ich gebetet habe um Klugheit, ward sie mir
gegeben, und weil ich gefleht habe um Weisheit, ist der Geist der
Weisheit zu mir gekommen. Und ich habe gelernt, diesen Geist der
Weisheit hoher zu achten als Fiirstentiimer und K6nigreiche».
Das ist dasjenige, worauf es ankommt: Nicht asketisch uns
von dem physischen Dasein zurtickzuziehen, sondern es zu einem
hoheren zu erheben; die «Reiche der Welt» zu hegen und zu
pflegen und dasjenige zu entwickeln, was das Mittelalter «Spiritus
sapientiae» nannte - Geist der Weisheit. Und mit dem Geist der
Weisheit werden die Menschen hinausziehen zu einem neuen
planetarischen Dasein.
Das alles konnen wir in der astralen Welt erfahren. Einen klei-
nen Blick zu geben in diese astrale Welt, die unserer physischen
Welt am nachsten steht, das war der Zweck dieser Vortrage. Das
nachste Mai wollen wir iiber die geistige Welt sprechen, die Welt
des Devachan.
II
DIE WELT DES GEISTES
ODER DEVACHAN
Vier Vortrage, gehalten in Berlin
zwischen dem 28. Januar und 5. Februar 1904
(Horernotizen)
ERSTER VORTRAG
Berlin, 28. Januar 1904
Verehrte Anwesende! Vor acht Tagen habe ich mir gestattet, das
Gefuge desjenigen Gebietes zu schildern, das jeder zu durchschrei-
ten hat, der in den Zustand zwischen zwei Verkorperungen ein-
geht, das sogenannte Mentalreich oder die Welt des Devachan. Ich
habe Ihnen geschildert, dafi wir da zunachst dreierlei Gebiete zu
unterscheiden haben, und ich habe auch bemerkt, dafi die Worte,
welche wir in unserer gewohnlichen Sprache zur Verfiigung haben,
zur Ubermittlung der Wahrnehmungen im Mentalreich nicht
ausreichen, so dafi wir oft nur andeutungsweise und manchmal
nur sinnbildlich auszudrticken imstande sind, was in diesem Lande,
das der Mensch zwischen zwei Verkorperungen durchschreitet,
wahrzunehmen ist. Diejenigen, welche als Eingeweihte von diesem
Lande wissen, schildern es in Worten, die mehr andeutend als der
Wirklichkeit entsprechend zu nehmen sind. Deshalb miissen Sie
auch die Schilderungen, welche ich letztes Mai gegeben habe,
mehr andeutend hinnehmen, denn es ist fast unaussprechlich, was
derjenige wahrnimmt, dessen Sinn fur die devachanische Welt
geoffnet ist.
Ich habe Ihnen drei Gebiete des Devachan dargestellt und
bemerkte, dafi diese entsprechen wiirden den drei Gebieten auf
unserer Erde: dem festen, gebirgigen - das ist das kontinentale
Gebiet des Devachan -, dem flussigen - das ist das Ozeangebiet des
Devachan -, und dem Gebiet des Luftmeeres.
Einer derjenigen deutschen Dichter, die etwas von diesem Lande
wufiten, war, wie ich auch das letzte Mai gesagt habe, Goethe.
Goethe hat dieses Land mehr aufterlich durch seinen Mephistophe-
les beschreiben lassen. Aber schon an dieser Beschreibung konnen
Sie sehen, dafi Goethe gewufit hat, wie schwer es ist, von diesem
Lande zu sprechen. Er schildert es, indem er Mephistopheles den
Faust darauf aufmerksam machen lafk, was er dort finden wird.
Mephistopheles sagt das folgende:
Und hattest du den Ozean durchschwommen,
Das Grenzenlose dort geschaut,
So sahst du dort doch Well auf Welle kommen,
Selbst wenn es dir vorm Untergange graut.
Du sahst doch etwas! sahst wohl in der Grune
Gestillter Meere streichende Delphine,
Sahst Wolken ziehen, Sonne, Mond und Sterne -
Nichts wirst du sehn in ewig leerer Feme,
Den Schritt nicht horen, den du tust,
Nichts Festes finden, wo du ruhst!
Wir konnen dies - fur denjenigen, der es verstandesmafiig betrach-
tet - als eine annahernde Schilderung dieses Reiches ansehen. An
einer anderen Stelle sagt Mephistopheles zu Faust:
Hier diesen Schliissel nimm!
Der Schliissel wird die rechte Stelle wittern;
Folg ihm hinab: er fuhrt dich zu den Miittern.
Auch zur Zeit des Plutarch wurde von dem Reich der Mutter ge-
sprochen; fur Goethe ist es das Reich des Unentstandenen. Deshalb
lalk er Mephisto zu Faust sagen:
Versinke denn! Ich konnt auch sagen: steige!
Also nicht oben und nicht unten, sondern iiberall ist Devachan.
Entfliehe dem Entstandnen
In der Gebilde losgebundne Reiche!
Ergotze dich am langst nicht mehr Vorhandnen!
Das ist die Schilderung eines Europaers. Ich will Ihnen nun
noch die Schilderung eines Hindu-Weisen geben; sie ist in orienta-
lischer Weise gefarbt, gleichwohl aber desselben Inhalts; sie besagt:
Viele tausend Weltsysteme gibt es. Dieser Welt liegt ein Reich der
Seligkeit zugrunde. Durch sieben Zaunreihen sind die Reiche
begrenzt, durch den Tathagata werden sie regiert, und sie gehoren
den Bodhisattvas. Die Wasser fliefien durch diese Reiche und
sieben Eigenschaften haben sie.
Drei Reiche des Devachan habe ich Ihnen geschildert, welche
unserem festen Land, unserem Ozean und dem Luftmeer entspre-
chen. Ich habe gesagt, da$ im Devachan das Land anders aussieht
als unser heutiges Land, und ich habe gesagt, dafi wir Gestalten da
wiederfinden, die wir auch hier sehen, aber eingegraben wie ein
Siegelabdruck. Diese Kontinentalmasse bildet den Grundstock des
Devachan. Innerhalb derselben bewegt sich die lebendige Meeres-
masse; rosafarben durchdringt sie alles Sein und bildet den Lebens-
quell aller Formen, aller Gebilde, die als Pflanzen, Menschen und
Tiere erstehen sollen. Der Luftkreis ist von ganz besonderer Art im
Devachan. Unseren physischen Luftkreis sehen wir blau; der Luft-
kreis im Devachan ist rotlich strahlend. Er ist von einer aufieror-
dentlichen Empfindungsfahigkeit, die in jedem seiner Atome ruht,
die jedes einzelne Atom beseelt. Alles, was in dem Luftkreis sich
geltend macht, ist Empfindungsleben. Alles, was ich in den unteren
Reichen an Schmerz und Lust erlebe, driickt sich in dem Luftkreis
des Devachan aus. Derjenige, welcher auf dieser Ebene wahr-
nimmt, der versteht, was ein Eingeweihter der christlichen Reli-
gion, Paulus, sagt: Alle Kreatur seufzet unter Schmerzen, der
Annahme an Kindesstatt harrend. - Der Luftkreis ist aufierdem
durchdrungen von einem Spharenklingen, von einer Musik, welche
die alten Pythagoraer die Spharenharmonie genannt haben. Der-
jenige, der diese Harmonie schon gehort hat, welche der Ausdruck
der Harmonie des Kosmos ist, der hort sie iiberall, trotzdem sie
iibertont ist von dem Gerausch des Alltagslebens. Dies ist in der
Beschreibung des Hinduweisen als Zaune ausgedriickt.
Nun kommen wir in die vierte Region des Geistesreiches. Dies
ist ein ganz besonderes Reich; die Schopfer und Beseeler aller
Dinge sind dort am Werke. Der sogenannte Akashastoff ist die
Substanz, der Ton, aus dem alles geformt wird. Das ist ein Bild,
von dem alle Magier sprechen. Goethe spricht auch davon, an der
Stelle, wo er von Feuerluft spricht. Es ist derjenige Stoff, der die
grolke Plastizitat hat, der Stoff, in den man von einer Seite die
materiellen Gebilde, auf der anderen Seite den Geist eindriicken
kann. Es ist der Stoff, den man nicht mehr kannte seit dem Anfang
des Christentums, nicht mehr kannte, bis die Theosophische Ge-
sellschaft auftrat. Als die erste Aufforderung an Sinnett erging, der
abendlandischen Welt von diesen Dingen Kenntnis zu geben, da
horen wir in seinem Buch «Die okkulte Welt» eine Beschreibung
dieses Stoffes, der Zauberkrafte enthalten soli. Und wir lesen da,
wie der Meister selbst es ausdriickt, daft die abendlandischen
Kulturmenschen nur schwer und langsam dazu kommen werden,
die Bedeutung des Stoffes Akasha zu verstehen.
Wie ich vor acht Tagen geschildert habe, kann die devachanische
Welt in drei niedere Reiche und drei hohere Reiche eingeteilt
werden. Die drei hoheren Reiche klingen und leuchten in die drei
unteren Reiche hinein. Wenn wir die unteren Devachanreiche - in
der theosophischen Sprache «Rupa-Reiche» - bezeichnet haben als
Festland, als Ozean, als Luftraum, so dehnen sich jenseits des vier-
ten Reiches - [Akasha] - die drei hochsten Reiche des Devachan
aus, die in der theosophischen Sprache «Arupa-Reiche» genannt
werden. Zu alle dem, was diesseits von Devachan ist - also Astral-
reich und physisches Reich -, sind die Urzustande im hoheren
Devachan vorhanden. Diese Arupa-Reiche sind bewohnt von We-
senheiten erhabenster Art. Die Meister der ursprunglichen christ-
lichen Weisheit haben diese Reiche noch beschrieben; man hat sie
gekannt in der christlichen Weisheit bis zum 13. Jahrhundert; dann
ging die Kenntnis davon verloren. Niemand versteht die christliche
Weisheit der frtiheren Jahrhunderte, wenn er nicht erkennt, dafi in
manchen Schriften von den drei obersten Reichen des Devachan
die Rede ist. Diese drei Reiche werden, wie gesagt, von erhabenen
Wesenheiten bewohnt, die alle Vorgange in den unteren Reichen
lenken und leiten.
Auf die erste Stufe des hoheren Devachan deutet auch Goethe
hin an einer Stelle des Marchens von der griinen Schlange und der
schonen Lilie. Sie konnen dort lesen: <Was ist herrlicher als das
Licht? Das Gesprach.> - Das ist eines der tiefsten Worte, die
Goethe gesprochen hat. Aus dem Lichtreich im Devachan ent-
springt das sogenannte Gesprachsreich, jenes Reich, in dem nicht
nur Licht, sondern Erkenntnisstrom als Licht dahinstromt, und
durch diesen Strom sprechen die hoheren Wesenheiten im Men-
schen die ewigen Wahrheiten aus, durch ihn tont das Gesprach des
Kosmos. Damit kommen wir zu dem hoheren Reiche hinauf, in
dem gleichsam die Worte gezeugt werden zu diesem Gesprach, in
dem die Stimme ertont, in der der Ursprung der Welt liegt, von
dem die Menschen sprechen als von dem «Wort», aus dem die
Welten hervorgegangen sind. In dem Reiche des Gesprachs, des
Erkenntnislichtes, leben eine Reihe erhabenster Wesenheiten, wel-
che man in der christlichen Weisheit bezeichnet hat als die Exusiai.
Das sind Wesenheiten, die schwer zu bezeichnen sind mit einem
Ausdruck des Abendlandes. Diese Wesenheiten, werden sichtbar
im Kleide des Erkenntnislichtes. Ich habe ja schon darauf hinge-
deutet, dafi Moses ein solches Wesen im brennenden Dornbusch
erschienen ist. Da wird hingedeutet auf ein Wesen der Exusiai. Aus
dem Stoffe dieses Reiches webt sich das Kleid dieser Wesenheiten;
sie werden sichtbar und verkiindigen die Wahrheit denjenigen, die
reif sind, sie zu horen.
Wir steigen nun hinauf in noch hohere Regionen. Da treffen wir
Wesen, die nicht mehr sichtbar werden konnen, die aber zu dem
Menschen sprechen konnen, wenn er reif dafiir wird. Die ersten
Lehrer christlicher Weisheit bezeichneten sie als Dynamis. Das
sind Wesen, die weithin strahlen als schaffende Krafte. Im nachsten
Reiche finden wir die Herrschaften, die Kyriotetes. Damit haben
wir die Hierarchie dieser erhabenen Wesenheiten, die tonend in
den drei hochsten Reichen des Devachan sind. In der christlichen
Esoterik deutet manches darauf hin, daE diese Erkenntnisse noch
lebendig waren in den ersten Jahrhunderten des Christentums,
da£ sie aber verloren gegangen sind, weil es immer weniger und
weniger christliche Eingeweihte gegeben hat.
Auch in dem Reiche, das ich vorhin beschrieben habe, in dem
Luftkreise des Devachan, finden sich Wesenheiten, deren Kleid aus
dem Luftkreise des Devachan gewoben ist, die aber ganz entgegen-
gesetzte Eigenschaften haben, wie wir Menschen sie besitzen. Es ist
schwer zu beschreiben, welche Eigenschaften diese Wesenheiten
besitzen, die im Luftkreise des Devachan leben. Wenn wir Men-
schen uns Empfindungen zuschreiben, so rmissen wir diesen Wesen
zuschreiben, dafi sie Empfindungen nicht empfangen, nicht ent-
gegennehmen, sondern daft sie Empfindungen hinaustragen durch
den Luftkreis. Es sind also Wesenheiten ganz anderer Art. Da, wo
sie hinkommen, strahlen sie Krafte der Empfindung aus, wahrend
bei uns Menschen die Empfindungen einstromen. Nur in dieser
Weise kann ich beschreiben, was diese Wesenheiten charakterisiert.
In der christlichen Esoterik wurde dies dadurch ausgedriickt, dafi
man diese Wesenheiten Erzengel nannte. Heute wird dieser Aus-
druck nicht mehr verstanden. Er darf nicht auf physische Machte
bezogen werden, das ware ein Aberglaube. Er mufi auf devachani-
sche Wesen bezogen werden, welche die Botschaft der Empfindung
durch den Luftkreis des Devachan tragen und \iberall dasjenige
verbreiten, was reinste Empfindung ist.
Der Ozean des Devachan ist vergleichbar einem rosenfarbenen
Strom, der sich iiber alles ergiefk. Er wird belebt von einer Reihe
von Wesenheiten, welche man als Boten, als Angeloi bezeichnet.
Diese tragen nicht die Empfindung, sie tragen das Leben durch die
Reiche des Devachan, sie sind Lebenstrager.
Und das feste Reich, das Kontinentalreich des Devachan wird
belebt und beseelt von den Wesenheiten, welche in der christlichen
Esoterik Archai - auf deutsch Urkrafte - genannt werden. Das
untere Reich des Devachan, das feste Reich, das Kontinentalreich,
wird belebt von diesen Archai. Sie sind es, die das Leben in alles
einhauchen.
Dies sind die Wesenheiten, die in der christlichen Esoterik die
Hierarchien der Archai, der Archangeloi und der Angeloi genannt
werden. Diese Wesenheiten trifft der Mensch an, dessen devacha-
nische Sinne geoffnet sind, aber es trifft sie auch jeder Mensch an,
der gestorben ist und die Zustande der Zwischenzeit zwischen zwei
Verkorperungen durchmacht. Ich habe schon darauf hingewiesen,
daft der Mensch, wenn er seinen Korper abgelegt hat, eine Zeitlang
in der astralen Welt zuzubringen hat. Ich werde noch darauf
zuruckkommen. Ich mochte jetzt nur sagen, was in diesem Lande
sich vollzieht, wo der Mensch reif gemacht wird, das Devachan
zu betreten. Alles, was der Mensch mitgebracht hat von der phy-
sischen Natur, das wird in der astralen Welt gereinigt von den
Kamakraften. Auch das sogenannte Selbstgefiihl lost sich in der
astralen Welt langsam auf; es losen sich alle die chaotischen Krafte
auf, wenn der Mensch das Devachan betreten soil.
Ich nenne nun noch einmal die vier hoheren Reiche des Astral-
reiches, die auch Sympathieschichten genannt werden. Sie sind er-
fullt von feinem Astralstoff, von dem Stoff der Sympathie - im
Gegensatz zu dem Stoff des Egoismus der unteren drei Stufen. Im
vierten Reiche lost sich der Egoismus, das Selbstgefiihl, im funften
Reiche lost sich der Sinnengenufi auf. Der Mensch lernt in diesem
funften Teile des Astralreiches, die Schonheit der Welt nicht des-
halb zu bewundern, weil sie angenehm ist, sondern weil alles Ewige
und Reine schon sein soil. Und im sechsten Astralreich lernt der
Mensch kennen die tieferen Krafte des Mitleids, des Wohlwollens,
der Hingabe an die Welt. Im siebenten Reiche schmilzt alles Leben,
das der Mensch aus den unteren Reichen mitgenommen hat, wie
Schnee im Sonnenlicht. Und dann hat der Mensch die vier unteren
Stufen des Devachan zu durchschreiten, die ich vorhin beschrieben
habe. Eine grofie Bedeutung hat das Leben auf diesen vier Stufen.
Ich habe gesagt, die Urkrafte, die Archai, sind in diesem ersten
Reiche des Devachan zu finden. Mit diesen setzt sich der Mensch in
Verbindung. Wir finden dort die entkorperten Seelen, neue Krafte
sammelnd fur ihr spateres Leben. Was die Menschen zusammenge-
halten hat in Familienbanden, in Stammeszugehorigkeiten, in Volks-
verbanden, in Staatsverbanden, kurz alles, was mehr oder weniger
auf Blutsverwandschaft des menschlichen Geschlechtes hindeutet,
alles das wird in diesem Reiche der Urkrafte vergeistigt, damit der
Mensch durch das, was er gelernt hat, gelautert wird und mit hohe-
ren Fahigkeiten begabt werden kann. Das Reich des Devachan hat
fur den Menschen den Sinn, dafS das, was er wahrend des Erden-
lebens gelernt hat, als hohere Fahigkeit ausgebildet werden kann.
Der Mensch soil in der physischen Welt Erfahrun-gen sammeln
und diese sollen in Fahigkeiten umgewandelt werden, Wir sollen
gebessert und gestarkt aus der Schule des Lebens hervorgehen.
Nun ruckt der Mensch in die zweite Region des Devachan. Der
Ozean des Devachan ist das Reich, welches das Verbindende aus-
macht. Wie das Wasser die Lander verbindet, so verbindet im
Devachan das fliefiende, rosenfarbene Wasser alles dasjenige, was
im unteren Reiche Grenzen hat. Grenzen werden iiberall auf-
gerichtet, wo Familien-, Stammes-, Volks-, Staatsverbande vorhan-
den sind. Diese Abgrenzungen miissen sein, aber gleichzeitig mufi
die Zusammengehorigkeit, die Harmonie aller Wesen begriindet
werden. Die Wesen miissen sich zusammenfinden in dem Strom,
der alles durchfliefit. Wenn der Mensch eintritt in diesen Strom, der
alles durchflielk, dann geniefk er die Friichte dessen, was er gesat
hat. Da wird jeder das finden, was ihn erhebt iiber die Schranken
des Daseins; der Mensch wird gereinigt von dem, was dem Men-
schen innerhalb des irdischen Reiches an Grenzen anhaften mufi.
Er wird dahingefuhrt, sich neue Fahigkeiten zu erwerben. Es sind
zwar nur Keime, aber die Blumen, welche daraus aufgehen, sind die
Fahigkeiten, welche er sich bildet und in das neue Leben wieder
mitbringt.
Das dritte ist das, was ich als Luftkreis des Devachan beschrie-
ben habe. Auch diesen Luftkreis betritt der Mensch zwischen zwei
Verkorperungen. Da, wo innerhalb des Luftkreises das tiefe Seuf-
zen der Natur wahrzunehmen ist, wo jeder Donner ein Evozieren
von Schmerzen bedeutet, wo das Sonnenlicht dem entspricht, was
wir ewige Wonne und Seligkeit nennen, da bildet sich dasjenige
aus, was spater bei der Wiederverkorperung als Sinn fur Philan-
thropic, fur edle Menschlichkeit entsteht. Hier entsteht tatige und
verstandige Hingabe, werktatige Liebe, und dies ist die Pflanze,
welche hier vor alien Dingen gedeiht, die der Mensch in sich aus-
bildet. Hier wird der Mensch das, was er in der egoistischen Welt
erlebt hat, in seinen Friichten anschauen. Hier wird er zum werk-
tatigen Menschen, zu dem Menschen, der erst die Worte Humani-
tat und Philanthropic im vollen Sinne des Wortes kennt.
Dann kommt das vierte Reich [Akasha], das Reich des Tonens
des ganzen Weltendaseins. Hier lernt der Mensch dasjenige erken-
nen, was im ganzen Weltendasein den Wesen und Dingen Form
und Gestalt gibt. Hier lernt der Mensch erkennen, wie sich Ton zu
Ton fiigt zu einer Symphonie, wie Naturkraft zu Naturkraft sich
fiigt und sich verwandelt in «Werkzeuge». Hier lernt der Mensch
die Wesen kennen, die entdecken und erfinden. Hier lernt er nicht
nur erkennen, was die Krafte als solche sind, sondern er lernt sie als
lebendige Wesenheiten kennen. Hier durchdringt sich der Mensch
mit der lebendigen, produktiven Schopferkraft. Dasjenige, was
hier an Aufterungen des menschlichen Daseins geschaffen wird,
was geschaffen wird an menschlichen Einrichtungen, die den Men-
schenerdkreis lebendig machen und geeignet machen fur das
menschliche Leben, das lernt er erkennen, aber auch dasjenige, was
in das Gebiet der hoheren Kiinste gehort. In alldem leben Gesetze,
welche im Akasha als lebende Wesen erfahren werden. Indem der
Mensch in deren Glanz sich vertieft, vertieft er sich im vierten
Reiche des Devachan in die Art und Weise, wie gewoben wird «am
sausenden Webstuhl der Zeit». Das lernt er erkennen.
Das sind die vier Stufen, in denen der Mensch das, was er im
irdischen Dasein vorbereitet hat, auslebt und zu neuen Fahigkeiten
entfaltet. Damit ist ein wichtiger Moment fur den Menschen ein-
getreten. Wenn er dieses vierte Reich durchlaufen hat, dann ist der
Moment gekommen, wo er auf die andere Seite unseres Welt-
systems versetzt wird, in das eigentliche Reich des Geistigen, in das
Reich, wo von der anderen Seite her die Eindriicke geformt wer-
den. Nur kurze Zeit kann das Menschenwesen dort zubringen;
langere Zeit bleiben nur diejenigen, welche schon eine hohere Ent-
wicklung erreicht haben. Die noch unentwickelten Menschenwesen
haben nur einen Augenblick des Aufblitzens in diesem hoheren
Reiche, um dann wieder hinabzusteigen in die tieferen Gebiete und
dort Erfahrungen zu sammeln, um, wenn sie wiederkehren, dann
immer langer und langer dort zu verweilen. Wenn der Mensch
dieses Reich wieder betritt, dann entwickeln sich die Fahigkeiten,
die fruher eingeschrankt waren durch die stoffliche Welt. Ich nenne
es einen wichtigen Augenblick, weil das, was fruher durch die
Materie zusammengehalten war, vollstandig abgelegt, entfernt
wird. Was fruher eng war, wird jetzt weit, was fruher aneinander-
und ineinanderhaftend war, wird jetzt sich entfalten; es wird
fliissig, der Mensch wird frei. Nicht mehr eingeengt sind die Fahig-
keiten durch die Stofflichkeit. Man kann das nur vergleichen etwa
mit einer Pflanze, welche nicht frei wachsen kann, sondern die
wachsen mu£ zwischen Felsspalten und sich in der Form den Fels-
spalten anpassen mufi; sie wachst empor, aber eingeengt von der
Felsspalte. So ist es auch fur die menschliche Seele. Nehmen Sie an,
die Felsspalte wird weicher und weicher, so dalS die Pflanze sich
etwas mehr entfalten kann. Ist die Menschenseele eingetreten in das
Akashareich: da ist absolute Gleichheit. Fiir denjenigen, dessen de-
vachanisches Auge geoffnet ist, ist es wunderbar anzusehen, wie
sich die Seele entfaltet beim Ubergang aus dem Akashareich in die
hoheren Reiche des Devachan. Wir sehen sie als eine feine, atheri-
sche Substanz inmitten einer ei- oder kugelformigen, schwebenden
Substanz. Hiille um Hiille legt sie ab. Die feine Hiillenfarbe des
Akasha wird beseitigt, und die reine Wesenheit entfaltet sich, strah-
lend im neuen Licht, in einem Lichte, das mit irdischen Worten
nicht zu beschreiben ist. Sie bekommt eine vollig freie Form. Jede
Fahigkeit, die im irdischen Leben eingezwangt war und die selbst
im unteren Devachanreiche nicht vollstandig frei war, wird nun
frei. Der Mensch wird frei nach alien Seiten. Er kann all seine
Fahigkeiten zum vollen Wachstum bringen. Je mehr der Mensch an
Fahigkeiten entwickelt, desto mehr «quillt er auf» und desto mehr
nimmt er in die neue Verkorperung mit. Solange er da verweilen
darf, macht er auch die Bekanntschaft mit den Meistern der Weis-
heit und des Mitleids. Das ist das Reich, wo er von den noch
erhab eneren Wesenheiten entgegennehmen darf aus Gnade die Ab-
sichten, die dem Kosmos zugrundeliegen. Von hier aus weben sie
das Kleid der Welt, das aus den Stoffen der unteren Devachan-
reiche, aus dem Astralreiche und dem Reiche der irdischen Sub-
stanzen gewoben wird. Dort oben sind die Absichten, die Grund-
linien der kosmischen Entwicklung vorgezeichnet, und dort kann
auch derjenige, der im Laufe der Entwicklung seine Fahigkeiten
mehr ausgebildet hat, die Bekanntschaft machen mit der dreifachen
Stufenfolge der Wesenheiten, die ich aufgezahlt habe.
Er lernt in der ersten Sphare des oberen Devachan von den
Wesenheiten, die zu Exusiai aufgestiegen sind, die Wunderblume
kennen, die hervorquillt aus den Keimen des Weltalls. Er lernt, wie
sie wachst; er lernt die ewigen Krafte des Universums kennen. Er
trifft in dieser Sphare die Wesen, welche die Kraft des Gedankens
haben; er sieht, wie der Gedanke durch sie wirkt.
Die nachsthohere Sphare beherbergt die Wesenheiten der Dyna-
mis. Sie haben nicht nur die Gedankenkraft, sondern auch die
Quellkraft; sie sind die Wesen, welche gleichsam die Keime der
Gedanken haben. Vergleichen Sie die Exusiai mit der Blume. Ge-
hen Sie dann zu dem Samen, der jetzt durchsichtig, hell und klar
ist, der aber aufierdem die Kraft hat, zur Blume zu werden. Die
geistige, spirituelle Kraft des ganzen Weltalls ist in den Handen der
Dynamis. Kraftstrahlen heifien sie deshalb. So kann durch diese
Wesenheiten der Gedankenkeim gebildet werden, und dann von
der anderen Seite das ganze eingebildet werden in das Akasha, das
der Ton des ganzen Weltgefiiges ist. So wird dort geformt, wie
Goethe es seinen Faust beschreiben lafit, dort, wo die Mutter
sitzen, in Einsamkeit thronen und am gluhenden Dreifufi arbeiten.
Ich sagte schon, zu Plutarchs Zeiten nannte man dieses Reich eben-
falls das Reich der Mutter. Wenn Sie da iiber das Reich der Mutter
bei Plutarch nachlesen, dann wird Ihnen iiber diese Erzahlung ein
ganz neuer Sinn aufgehen.
Im hochsten Reiche tonen die Wesenheiten, die wir Kyriotetes
nennen. Nur die Hochstentwickelten konnen einen kurzen Ein-
blick in dieses Reich gewinnen. Dort ist alles in Harmonie und
Einheit; alles Sondersein ist verschwunden.
Die Exusiai, die Dynamis, die Kyriotetes, das sind die drei ober-
sten Reiche, in denen des Menschen Fahigkeiten vollig frei werden,
die Reiche, die wir in der Zwischenzeit zwischen zwei Verkorpe-
rungen betreten, um von dem, was auf der jenseitigen Seite liegt,
Krafte zu schopfen fur das Wirken in der diesseitigen Welt des
Daseins. Was im diesseitigen Dasein vorgeht, was wir selbst tun
und wirken, das ist die Welt der Ergebnisse, die Welt der Wirkun-
gen. Die Welt der Ursachen liegt jenseits des Irdischen. Wenn wir
zu einer neuen Verkorperung zuriickkehren, dann stromt uns neue
Kraft zum Dasein aus der Welt der Ursachen zu, und alles, was der
Mensch in dieser Welt vollbringt, was in ihm aufleuchtet als sittli-
che Ideale, als Fahigkeiten zu schopferischer Arbeit, als werktatige
Menschenliebe, als Mitleid mit alien Wesen, was aufleuchtet zur
Beherrschung der Naturkrafte in der Technik, das ruht im Verbor-
genen der menschlichen Seele; sie hat es sich mitgebracht aus dem
Reiche des hoheren Devachan, wo die Ursachen zu den diesseitigen
Wirkungen sind.
Wunderbar deutet das Goethe an in dem Marchen von der grii-
nen Schlange und der schonen Lilie, wo er von dem Flusse spricht
- den wir vergleichen konnen mit dem Akashastrom - und das
jenseitige Ufer den Garten der Blume, den Garten der schonen
Lilie nennt. Von einer solchen Blume ist auch in den Mitteilungen
des Hinduweisen die Rede. Sie ist die Kraft, die das ganze Deva-
chan durchstromt. Aus dieser Blume wachsen Fruchte, und die
Friichte sind die Urbilder fur diese Welt. Will der Mensch wirken,
so mull er sich Kraft dazu holen, indem er in diesen Friichten
Nahrung findet. Dann kommt der Mensch zur Entwicklung; er
wird wirksam und kraftvoll.
Wie ich gesagt habe, soli die Theosophie den Menschen nicht
abziehen von der Welt. Sie will ihn nicht versetzen in ein Reich, in
dem er schwach und matt wird fur das irdische Dasein; das will sie
nicht. Sie will etwas ganz anderes. Sie will ihn hinweisen auf ein
Reich, in dem er sich Kraft und Fahigkeiten holt, um im irdischen
Dasein kraftvoll und zu seinen Arbeiten fahig zu sein. Ein Mensch,
der nicht weifi, was hinter und vor ihm liegt in der Entwicklung,
der gleicht einem Blinden, der nur so dahintappt und nicht weift,
wohin er tappt und woran er stofit. Und einem Sehenden gleicht
der Mensch, der seinen Weg vor- und nickwarts kennt.
Die besonderen Wesenheiten, die wir noch antreffen, sollen der
Gegenstand der nachsten Vortrage sein. Wir werden iiber das
ganze Leben im Devachan, auch iiber einzelne Erlebnisse und iiber
das Hereinwirken der devachanischen Welt in unsere Welt noch
weiteres horen. Aus diesen einleitenden Vortragen sollte hervor-
gehen, dafi die Theosophie keine wirklichkeitsfremde, sondern eine
wirklichkeitsfreundliche, eine schaffensfreudige Lehre ist, weil sie
den Menschen nicht hinwegfuhrt vom irdischen Dasein, sondern
ihn ausstattet mit Kraften, die im irdischen Dasein zwar leben, aber
im irdischen Dasein nicht sichtbar sind. Diese mufi der Mensch
erkennen, wenn er hinaufstrebt in die Reiche, die nicht zu betreten
sind fur denjenigen Menschen, der nur an der sinnlichen Welt
hangt. Und alien dem geistigen Reiche feindlichen Naturen, all
denen, die sagen, es sei nichts jenseits der sinnlichen Welt, denen
wollen wir das Goethesche Wort entgegenrufen:
Nur immer zu! Wir wollen es ergriinden:
In deinem Nichts hoff ich das All zu finden.
ZWEITER VORTRAG
Berlin, 4. Februar 1904
Wenn, verehrte Anwesende, die Vorstellungen, die die Theosophie
zu erwecken sucht von der eigentlichen Geisteswelt, der sogenann-
ten Devachanwelt, fiir etwas ganz Unwahrscheinliches gehalten
werden, so darf demgegeniiber erwidert werden, dafi es durchaus
nichts Neues und durchaus nichts Fremdes ist, wenn der Theosoph
auf diese hohere Welt hindeutet, die auEerhalb unserer Sinneswelt
vorhanden ist. Ich mochte heute, um die Gedanken etwas weiter
hineinzufiihren in diese Devachanwelt, meine Ausfiihrungen be-
ginnen mit den Worten eines deutschen Denkers, der Ihnen alien
wohlbekannt ist, der einen grofien Einflufi gehabt hat auf seine
Zeit, der es verstanden hat, von hoheren Welten nicht etwa nur in
traumerischer Weise zu sprechen, sondern der durch die Kraft und
das Feuer seines Wortes in die Ereignisse seiner damaligen Gegen-
wart einzugreifen verstand: von Johann Gottlieb Fichte. Wir wis-
sen alle, welche Kraft er aus der ubersinnlichen Welt gesaugt hat,
die seinen Mund in ziindender Rede uberfliefien machte, mit der er
die Jugend seiner Zeit begeisterte zu der Teilnahme an den damals
notwendigen Ereignissen. Wir kennen die «Reden an die deutsche
Nation», die eine Tat sind, die nicht einer traumhaften Welt ange-
hort, sondern die der unmittelbaren Wirklichkeit angehort. Johann
Gottlieb Fichte hat, als er in Berlin die Einleitungsvorlesungen in
die Wissenschaftslehre hielt, diese reifste Frucht seines Forschens
und Sinnens, vor seinen Studenten begonnen mit folgendem Satz:
«Diese Lehre setzt voraus ein ganz neues inneres Sinnenwerk-
zeug, durch welches eine neue Welt gegeben wird, die fiir den
gewohnlichen Menschen gar nicht vorhanden ist. Dies ist nicht
zu verstehen als etwa eine Ubertreibung, rednerische Phrase, die
nur gesagt wird, um viel zu fordern, mit dem stillen Bescheiden,
da£ weniger gewahrt werden moge -, sondern es ist zu ver-
stehen wortlich, wie es heilk.»
Diese Anschauung iiber die iibersinnliche Welt leitet Fichte -
also in der Zeit, als man noch nicht an irgendeine theosophische
Gesellschaft gedacht hat - mit den Worten ein, da£ man es zu
tun hat mit Kundgebungen eines Sinnenwerkzeuges, das bei dem
gewohnlichen Menschen nicht da ist. Nun fiihrt er weiter aus:
«Denke man eine Welt von Blindgeborenen, denen darum allein
die Dinge und ihre Verhaltnisse bekannt sind, die durch den
Sinn der Betastung existieren. Tretet unter diese und redet ihnen
von Farben und den anderen Verhaltnissen, die nur durch das
Licht fur das Sehen vorhanden sind. Entweder ihr redet ihnen
von Nichts, ... oder sie wollen aus irgendeinem Grunde eurer
Lehre doch einen Verstand geben: so konnen sie dieselbe nur
verstehen von dem, was ihnen durch die Betastung bekannt ist.»
Ganz neue Zustande wiirden aber eintreten, wenn ein Blind-
geborener durch Operation sehend wiirde. Der Vergleich ist richtig
in bezug auf hoheres Schauen. Was bei Fichte nicht zum Ausdruck
kommt, ist, dafi eigentlich jeder Mensch dieses Werkzeug hat und
es nur zu entwickeln braucht. Nur guten Willens bedarf es, urn die
geistige Welt geoffenbart zu erhalten. Jeder geistig Blinde kann
sehend gemacht werden. Das mufi betont werden, damit es klar
wird, daft die Geisteswelt jedem zuganglich ist, der sie aufsuchen
will. Die Mitteilungen, welche dariiber gemacht werden, sollen nur
hindeuten auf dasjenige, was spater gegeben werden soli.
Die erste Stufe ist, zunachst eine Beschreibung der geistigen
Welt zu erhalten. Es ist, wie Theosophen wissen, ein Weg, zu-
nachst durch Beschreibung einen Einblick in diese Welt zu erhal-
ten. Wir haben es nicht zu tun mit einer Welt, die an irgendeinem
anderen Ort des Kosmos liegt, sondern mit einer Welt, welche uns
uberall umgibt, welche uberall urn uns vorhanden ist. An jedem
Punkte unserer Welt ist zugleich diese geistige Welt vorhanden. Es
ist kein Wandern in eine andere Welt, wenn wir von der geistigen
Welt oder von Devachan sprechen, sondern es ist ein Aufschliefien
der Organe, ein Erreichen eines anderen Zustandes. Man konnte
einwenden, dafi ein solcher Zustand beim Menschen etwas Aufier-
ordentliches sei, daft man sich keine Vorstellung davon machen
konne und daft nichts Ahnliches aufgewiesen werden konne im
Leben des Menschen. Das ist nicht richtig; das iibrige Leben flieftt
ruhig dahin, ohne daft ein so radikaler Umschwung eintritt. Tat-
sachlich aber findet ein solcher Ubergang wie derjenige, welcher
den mit den Sinnen wahrnehmenden Menschen zum Seher macht,
fur jeden Menschen einmal wahrend seines Lebens statt, nur weift
man es nicht. Jeder, der hier sitzt, hat bereits eine ahnliche radikale
Revolution seines Bewufttseins einmal durchgemacht wahrend
seines Lebens. Wir miissen nur das Leben nicht rechnen vom Er-
blicken der aufteren Welt an, sondern von dem. ersten Zustande des
Keimes im Leibe der Mutter an. Wenn wir den Menschen betrach-
ten vom ersten Zustande im Leibe der Mutter an, dann hat fur
jeden ein solcher Umschwung stattgefunden. Der Bewufttseinszu-
stand des Menschenkeimes, sein Wahrnehmungsvermogen ist ganz
anders als dasjenige des spateren Menschen. Wer das zu beobach-
ten versteht, der weift, was Wichtiges geschieht mit dem Menschen
in den ersten Monaten des Daseins vor seiner Geburt, der weift,
daft sich das Anschauungsvermogen des Menschen schon [mit der
Geburt] radikal geandert hat. Der Keim hat ein Wahrnehmungs-
vermogen, das sich wesentlich unterscheidet von dem Wahrneh-
mungsvermogen des Menschen, der das Licht der Welt erblickt
und ein Wachbewufttsein hat. Der Menschenkeim nimmt namlich
in einer Art wahr, die wir als astrales Wahrnehmungsvermogen
bezeichnen. Der Menschenkeim hat also eine astrale Wahrneh-
mung. Erst spater bildet sich das aufiere, wache Bewufttsein heraus.
Vom astralen Leben zum wachen Bewufttseinsleben entwickelt
sich der Mensch. Ein ahnlicher Umschwung, etwas wie eine neue
Geburt, ist das Eroffnen des sogenannten devachanischen Sinnes,
der dem Seher beschert wird, damit er eine neue Welt wahrnehme.
Der Menschenkeim nimmt in der Tat die dunklen Stromungen in
der astralen Welt wahr. Er nimmt wahr die in seiner Umwelt
waltenden Gefuhle. Das konnen Sie sehen an den Einfliissen der
vorhandenen Verhaltnisse auf den Embryo im Mutterleib. Dieser
Umschwung, diese Umwandlung des astralen Bewufttseins des
Keimes zum wachen, sinnlichen Bewufksein tritt bei jedem Men-
schen einmal ein.
Es ist also diejenige Welt, in der wir leben, die uns erschlossen
wird in dem neuen Bewufitseinszustande. Was wir wahmehmen in
dieser Welt, ist uns zunachst unverstandlich; ganz stufenweise
werden wir hingefiihrt zu dem Wahrnehmen in dieser Devachan-
oder Geisteswelt. Ebenso wie beim Kinde, wenn in den ersten
Lebenstagen die Sinne sich eroffnen, so ist es mit dem Wahrneh-
men im Devachan. Es eroffnet sich uns eine Welt, welche sich in -
uns zunachst unverstandlichen - Farbtonen glitzernd und in Fol-
gen von verschiedensten Tone kundgibt. Zunachst weifi man diese
Farben und Tone, die nicht unserer physischen Welt angehoren,
die sich wesentlich von den Farben und Tonen unserer physischen
Welt unterscheiden, nicht zu deuten, bis man ihren Sinn und Zu-
sammenhang kennengelernt hat in dieser geistigen Welt. Derjenige,
der, sich selbst iiberlassen, in diese Welt eintritt, weifi sich dann oft
nicht zu helfen. Es kommt manchmal vor, daft der devachanische
Sinn bei einem Menschen plotzlich eroffnet wird; ein solcher
Mensch treibt dann hilflos in dieser Welt des geistigen Daseins
herum. Nur derjenige lernt den Sinn dieser Erscheinungen verste-
hen, der in diese Welt gefuhrt wird von einem Menschen, der schon
fruher Seher war und der ihn methodisch einfuhren kann in diese
geistige Welt. Er lernt dann, die Aufeinanderfolge der Tone und die
Farben zu gliedern und sie zusammenzusetzen, so wie wir Konso-
nanten und Vokale zu einem sinnvollen Wort zusammensetzen.
Wie Vokale und Konsonanten erscheinen uns die Tone und Farben
der geistigen Welt, und wenn wir lernen, was die Vokale und was
die Konsonanten bedeuten, erlangen wir die Moglichkeit, buchsta-
bieren und lesen zu lernen. Wir lernen, daft sich eine bestimmte Art
von Wesenheiten, welche hier in der geistigen Welt leben, mitteilt
durch diese Farben- und Tonsprache. Das ist der Lehrgang, der
dem Chela, dem Schiller, geboten wird, der diese hoheren Welten
zu betreten hat, um dieser hoheren Wahrheiten teilhaftig zu wer-
den. Wir lernen dann zu wissen, dafi es nicht eine zufallige Kom-
bination, eine zufallige Zusammenstellung der Erscheinung von
Farben, Tonen und Formen ist, sondern das, was uns da erscheint,
ist der Ausdruck geistiger Wesenheiten, deren Sprache dies ist.
Wenn wir die Buchstaben kennen und lesen gelernt haben, dann
eroffnet sich uns eine ganz neue Welt.
Ich habe angedeutet, daft eine niederere Welt als die Devachan-
welt unserer physischen Welt eingegliedert ist, die uns zuerst
bekannt wird, das ist die astrale Welt. Sie verschmilzt dem Schiiler
zuweilen mit der Devachanwelt. In der ersten Zeit kann man nicht
genau unterscheiden, was der Astral- und was der Devachanwelt
angehort. Erst allmahlich lernt man, sie zu unterscheiden. Heute
mochte ich an einem Beispiel zeigen, wie man lernen kann, zu
unterscheiden zwischen dem, was astral ist, und dem, was der
Devachanwelt, der geistigen Welt, angehort, die unsere eigentliche
Heimat ist.
Der Mensch, wie er uns in der physischen Welt entgegentritt, ist
nur ein Teil des Menschen. In Wahrheit ist der Mensch fur den
Sehenden ein Wesen, das noch ganz andere Seiten seines Daseins
hat als die, welche dem physischen Auge erscheinen. Ich spreche
von dem, was man als menschliche Aura bezeichnet. Die mensch-
liche Aura ist etwas, was wesentlich zu dem ganzen Menschen
gehort. Ich habe im achten Heft des «Lucifer» einleitend einen Teil
dieser menschlichen Aura beschrieben. Sie ist etwas, was dem Seher
ebenso erscheint, wie dem sinnlichen Auge des Menschen die
gewohnliche, physische Gestalt erscheint. Die physische Gestalt ist
nur der mittlere Teil des Menschen, welcher sozusagen in einer
Nebelwolke von ovaler Form ruht. Diese Nebelwolke, die Aura,
gehort zum menschlichen Geistkorper geradeso wie zum phy-
sischen Menschen. Sie ist viel grofier als der physische Mensch, im
Durchschnitt vielleicht doppelt so lang und drei- bis viermal so
breit. Was dem Seherauge als Fortsetzung des physischen Leibes
erscheint, das sind Lichtbildungen und Farbenbildungen von der
verschiedensten Art. Nicht in unbestimmten, mehr oder weniger in
Farben gegliederten Wolken erscheint diese Aura des Menschen,
dieser Lichtkorper, sondern er erscheint als eine Art Spiegelbild, als
ein Abdruck dessen, was im Menschen vorgeht. Leidenschaften,
Instinkte, Triebe des Menschen pragen sich in dieser Aura aus;
alles, was wir inneres Leben nennen, pragt sich darin aus. Die
Physik der Gegenwart miifite es eigentlich am allerbegreiflichsten
finden, dafS wir davon sprechen, denn was sagt der Physiker? Es
gibt schwingende Bewegungen des Athers; diese schwingende Be-
wegung verwandelt das, was draufien ist, in Farbe. - Ebenso ist es
mit unserer inneren Welt. In uns sind vorhanden Triebe, Instinkte
und Leidenschaften, die von jedem Menschen ausgehen, der vor
uns stent, und wie das als Farbe vor uns erscheint, so erscheinen
uns auch Vorstellung, Empfindung und Gefiihl durch das geistige
Auge umgesetzt als farbige Aura.
Wie die physische Welt dem physischen Auge als Farbe er-
scheint, so erscheint die geistige Welt dem geistigen Auge in einer
wunderbaren Farbenpracht, nur auf hoherem Gebiete. Dieses zeigt
eine ungeheure Beweglichkeit der Farbe. Den Menschen sehen wir
umgeben von einem ovalen Lichtkorper, in dem er schwimmt, und
der sich nicht ruhend ausnimmt, sondern wie fliefiend, stromend,
der ausstrahlt und in einer gewissen Entfernung vom Menschen
sich verliert. Im Devachanraum, der fortwahrend in Bewegung
erscheint, hat der Mensch in sich eine Grundfarbe. Bleibende Stim-
mung des Menschen, auch bleibende Charaktereigentumlichkeiten
verraten sich in der Aura durch eine bleibende Farbentonung,
gebildet von Wolken, welche sie wellenformig durchstromen. Wir
sehen, wie wellenformige Strome von unten nach oben die Aura
durchziehen, sie wie Blitze durchzucken, wie die Aura blaurote,
braunrote und schone blauliche Farben durchziehen. Wir sehen die
mannigfaltigsten und verschiedensten Farben, die sich andern nach
den verschiedenen Anlassen. Gehen Sie in die Kirche und beobach-
ten Sie die Auren der Andachtigen. Sie werden da ganz andere
Farbentone finden als in einer Versammlung, in welcher politische
Leidenschaften oder menschlicher Egoismus sich geltend machen.
Die Seelenstimmungen, welche die taglichen Bediirfmsse bringen,
werden Sie ausstrdmen sehen in Gebilden von ziegelroter und kar-
minroter Farbe, manchmal werden Sie eine dunklere Farbennuance
haben. Und wenn Sie in eine Kirche gehen und die Andachtigen
beobachten, dann werden Sie die blaue, indigofarbene, violette
und rosenrote Farbe spielen sehen. Und untersuchen Sie die Aura
eines Menschen, der in der Gedankenwelt lebt, kontemplativ iiber
wissenschaftliche Probleme nachdenkt, dann werden Sie innerhalb
seiner Aura aufglanzen sehen die Gedankengebilde, die den von
keiner Leidenschaft durchzuckten Gedanken in der Aura wider-
spiegeln.
Wenn wir lernen, was sich in der Aura zeigt, so lesen wir auf der
einen Seite, was an Stimmungen und Temperament im Menschen
lebt und was sich in seinem Bewufksein abspielt; auf der anderen
Seite sehen wir alle Vorstellungen, von den alleralltaglichsten bis zu
den hochsten, geistigsten, bis zu den Gefuhlen der Gottesvereh-
rung und des erhabensten Mitleides sich in der Aura abspiegeln.
Anfangs konnen wir nichts sondieren, aber wir lernen dies allmah-
lich und bemerken, da£ in der Aura zwei streng voneinander ver-
schiedene Gebilde sind. Da sind zunachst wolkenartige Gebilde
mit unbestimmten Umrissen, die mehr von der Hautperipherie ein-
stromen. Diese wolkenartigen Gebilde lernen wir sondern von den
Erscheinungen, die mehr von Herz, Brust, Kopf ausgehen und die
einen strahlenden Charakter haben. Diese Ausstrahlungen gehen
immer von einem inneren Mittelpunkt aus. Wir lernen also zu
unterscheiden die wolkenartigen Gebilde von denen, die einen
strahlenden Charakter haben. Das Wolkenartige, das von Braun ins
Dunkelorange heriiberspielt, das kommt aus der Korperlichkeit,
aus der niederen Natur des Menschen, aus den Leidenschaften und
Trieben. So unterscheiden wir in der Aura den geistigen Teil von
dem niederen, dem astralen Teil. Wir lernen verstehen die haufig-
sten Farben. Die Aura der heutigen Europaer hat meist griine
Farben, die oft ins Gelbe iibergehen. Dieses Griin stellt den eigent-
lichen Verstandesteil, den Bewufkseinsteil dar; es bringt also die
Grundstimmung des Seelenlebens der heutigen Europaer zum
Ausdruck. Bei einem Menschen, der in Trance ist, machen Sie die
merkwiirdige Wahrnehmung, dal$ alle griinen Tone aus der Aura
verschwinden. Wer also die Aura wahrzunehmen versteht, der
wird es nicht schwer haben, zu unterscheiden einen Simulanten
von einem wirklich in Trance Befindlichen. Ebenso konnte ein
Arzt, der in einer Klinik mit Hypnose experimentiert - wir
betrachten das als etwas Nicht- Statthaftes, aber es geschieht doch
manchmal -, ganz genau unterscheiden, ob ihn die Versuchsperson
betrtigt oder ob sie wirklich im Zustande der Trance oder der
Hypnose ist, wenn er das Verschwinden der griinen Farbe in der
Aura beobachten kann. Es verschwinden die Gruntone in der
Aura auch bei einem Menschen, der in Ohnmacht ist, und ebenso
verschwinden sie immer in der Aura eines Schlafenden.
Die Fahigkek, die astrale Aura zu sehen, ist dasjenige, was sich
beim Seher zuerst entwickelt. Verhaltnismafiig sehr bald nimmt der
Seher diese Kundgebung des Menschen wahr, und er lernt, die
astrale Aura von der mentalen Aura zu unterscheiden. Die strah-
lende Aura ist aus der Devachanwelt; sie ist Geist und gehort zu
dem, was iiber den Tod hinaus mit dem Menschen geht. Es ist das,
was aus der wahren geistigen Heimat stammt. Was aus Braun-
lichem ins Griinliche, in griinliche Tone heriiberspielt, das gehort
dem Verganglichen an; der Mensch streift es ab mit der physischen
Hiille oder im Kamaloka, um dann in die eigentliche geistige Welt
einzugehen. Das ist eine hohere Art der Wahrnehmung, eine ho-
here Art von geistigem Sinn, wenn sich uns der Devachan-Sinn
erschliefit. Die devachanische Welt unterscheidet sich ganz wesent-
lich von der physischen Welt. Die physische Welt ist unbeweglich
und tot, wahrend die devachanische Welt von einer Vielgliedrigkeit
und einer Leichtbeweglichkeit ohnegleichen ist. Es ist eine immer
und immer in sich bewegliche Welt, die in einer fortwahrenden
Aktivitat ist.
Nun mufi der Schiiler, der einer hoheren Entwicklung zustrebt,
lernen, sich innerhalb dieser Devachanwelt zurechtzufinden. Wenn
wir in der physischen Welt wahrnehmen, so bleiben die Dinge, wie
sie sind, und unsere Vorstellung richtet sich nach den Dingen. Der
Tisch, der Stuhl, sie bleiben ruhig, sie richten sich nicht nach mei-
nen Vorstellungen, sondern meine Vorstellung hat sich nach dem
Tisch und dem Stuhl zu richten. So ist es nicht in der geistigen
Welt. Im Devachan gibt es so ruhige Dinge nicht; und deshalb liegt
eine ungeheure Verantwortung auf dem, der das Devachan bewulk
betritt. Wir miissen uns klar dariiber sein, dafi jeder Gedanke, der
unser Gehirn durchzuckt, ein wirklicher, realer Vorgang in der
Devachanwelt ist. Der Gedanke in der aufieren, physischen Welt ist
nur ein Schattenbild der Wirklichkeit gegenuber dem Gedanken im
Devachan. Der wirkliche Gedanke lebt nicht in unserem Gehirn.
Er ist nicht ein Schattenbild, ein Reflexbild, das in unserem Be-
wiriksein auftritt, sondern er ist eine Wesenheit, die im Devachan
lebt. In Wahrheit sind unsere Gedanken Wesenheiten, die der
geistigen Welt angehoren. Fassen Sie einen Gedanken, so bewirken
Sie eine Veranderung in der Devachanwelt. Um dies deutlich zu
machen, mochte ich Ihnen an einem Beispiel zeigen, was in der
Devachanwelt geschieht, wenn Sie einen Gedanken fassen. Derjeni-
ge, welchem der devachanische Sinn erschlossen ist, sieht nicht nur
Schattenbilder der Gedanken, sondern er sieht das Wesen derselben
als einen wirklichen Gegenstand. Denken Sie sich, Sie hegen ir-
gendeinen Gedanken, einen Gedanken, der sich auf einen anderen
Menschen bezieht. Der Gedanke wird fur den Seher sichtbar, der
Gedanke strahlt aus wie eine Lichtwelle, die von einer Lichtquelle
ausgeht; und wie die Flamme das Licht nach alien Seiten ausstrahlt,
so strahlt die denkende Wesenheit des Menschen nach alien Seiten
aus. Und wie Licht in der physischen Welt sich verbreitet, so ver-
breiten sich die Gedankenstrahlen in der Devachanwelt, so dafi wir
in der Tat sehen konnen, wie von jedem Menschen die Gedanken
ausstrahlen. Daher werden Sie auch verstehen, dafi der Christus mit
einer Strahlenkrone dargestellt wird. Das ist nicht irgend etwas
Phantastisches, sondern es entspricht in bezug auf das hohere
Schauen einer Wahrnehmung.
Wenn die Gedanken ausstrahlen, so sind sie zunachst im Raume,
und sie verbreiten sich im Raume, so wie das Licht ausstrahlt und
sich im Raume verbreitet. Nehmen wir einen bestimmten Gedan-
ken; wenn dieser in der Weise gefaftt wird, daft er nur auf Sie
eingestellt ist, daft er nur Sie angeht, dann strahlt er das auch so aus.
Bezieht er sich aber auf einen anderen Menschen, dann nimmt er
sich im Devachan so aus, wie wenn das Licht auf einen Gegenstand
trifft und von ihm zuriickgeworfen wird; und wie ein Gegenstand
beleuchtet erscheint vom Licht, so erscheint der Betreffende von
der Gedankenwelt beleuchtet. Wenn jemand einen Gedanken aus-
strahlt, der sich auf einen anderen Menschen bezieht - nehmen wir
an, zum Beispiel den Wunsch, daft der andere Mensch gesund
werde -, dann konnen wir diesen Gedanken ausstrahlen sehen, so
wie wir das Licht nach alien Seiten sich verbreiten sehen. Aber
dieser Gedanke, der sich auf einen bestimmten Menschen bezieht,
stromt nicht einfach so durch den Devachanraum, sondern er sucht
sich im nachsten Umfeld des Menschen zu realisieren, zu verwirk-
lichen. Dieser Gedanke stromt dann zu dem Menschen hin, auf den
er sich bezieht. Das sind Vorgange, wie Sie sie in der Devachanwelt
wahrnehmen konnen. Sie konnen wahrnehmen, wie erhabene Ge-
danken des Menschen aufgefangen werden im Devachanraum und
sich zu einer Art Blumengebilde formen, zu schonen geometri-
schen Figuren, wie sie im Irdischen nicht vorhanden sind. Obgleich
es phantastisch erscheint, ist das alles wahre Wirklichkeit fur die,
welche im Devachan beobachten konnen. Wer lernt, sich im Deva-
chan zu bewegen, der lernt, in bewufiter Weise seine Gedanken
auszusenden und sich bewufit zu werden der Ernte, die er haben
wird durch diese Gedanken. Er lernt, dafi jeder Gedanke im Deva-
chan eine Tatsache ist, und er bemiiht sich, mit seinen Gedanken
nur giinstige Wirkungen hervorzubringen. Der Uneingeweihte sen-
det seine Gedanken blindlings in das Devachan hinein, wahrend
der Eingeweihte lernt, den Gedanken Form zu geben. Das ist es,
was sich dem Schuler nach und nach ergibt.
Ich mochte noch auf etwas besonders aufmerksam machen. Ich
habe das letzte Mai davon gesprochen, dafi im Devachan gleichsam
zwei Abteilungen zu beobachten sind. Zunachst eine untere Ab-
teilung, das Rupa-Devachan, das ist die Welt des devachanischen
Kontinents, das devachanische Meer und die devachanische Atmo-
sphare; diese sind im Grunde genommen durch und durch von
Empfindung durchdrungen. Dann beschrieb ich den Akashastoff,
den reinen Atherstoff des Devachan. Das alles sind die niederen
Gebiete des Devachan. Dann kommen die drei hoheren Gebiete
des Arupa-Devachan. In diesen hoheren Gebieten halten sich
hochste geistige Wesenheiten auf: die Dhyani-Chohans, die Plane-
tengeister, und so weiter. Zu diesen hohen geistigen Wesenheiten
gehdren auch diejenigen, die wir als Mahatmas, als die geistigen
Fiihrer der Menschheit kennen. Diese haben eine so hohe Stufe der
Entwicklung erreicht, daft sie die iibrige Menschheit belehren und
ihr die grofien Wahrheiten des Daseins iiberliefern konnen. Dem
Menschen, welchem der devachanische Sinn erschlossen ist, der
imstande ist, im Devachan zu beobachten, dem erschliefit sich auch
der Verkehr mit diesen vorgeschrittenen Menschenbriidern. Er
lernt die Sprache verstehen, in der diese miteinander verkehren,
und er lernt auch, mit ihnen zu sprechen. Ihm obliegt dann, diese
so empfangenen Mitteilungen umzusetzen in die alltagliche Spra-
che. Eine solche in alltagliche Sprache umgesetzte Lehre ist das,
was wir als theosophische Wahrheiten verkiindigen. Urspriinglich
von hochentwickelten Menschenbriidern ausgehend, herunterstro-
mend aus hochsten geistigen Welten, wurden uns diese von einzel-
nen geeigneten Personlichkeiten iibermittelt. Nachdem wir aber
«lesen« gelernt haben, verstehen wir die urewigen Geheimnisse des
Weltendaseins. Um sie umsetzen zu konnen in die gewohnliche
Sprache des alltaglichen Lebens, miissen wir lernen, aufzuschauen
zu diesen hohen Geistern, zu den Meistern, die wir in der Theo-
sophie Mahatmas nennen.
Es ist von besonderem Interesse zu beobachten, wie sich der
Chela zu diesen Meistern in der Devachanwelt verhalt. Ich habe
bereits beschrieben, wie der Gedanke im Devachan wirkt, wie er
ausstromt, um seiner Bestimmung zuzueilen. Das ist nicht oder
nicht in gleicher Weise der Fall bei den Gedanken, die der Chela
verehrungsvoll zu den Meistern oder Mahatmas hinaufsendet, um
sie um Aufschliisse zu fragen tiber tiefere Wahrheiten. Derjenige
Gedanke, den der Chela zu den geistigen Fuhrern hinaufsendet,
macht noch einen ganz besonderen, von den ubrigen Gedanken
sich unterscheidenden Weg. Es ist so, als ob dieser Gedanke nicht
voll hinaufstromte zu dem Ziel, an das er sich wendet. Dieser
Gedanke, dieser Ruf um Aufschlufi liber die hoheren Welten,
stromt zunachst bis in das Gebiet, das ich als Akashagebiet
bezeichnet habe. Dann kehrt der Gedanke wieder zu dem Schiiler
zuriick, aber nicht so, wie er hinaufgestiegen ist, sondern berei-
chert, durchstromt und durchgliiht von dem, was von dem Meister
ausgeht. So ist es zu verstehen, wenn immer betont wird, daft der
Meister das hohere Selbst des Menschen ist. In gewisser Beziehung
sprechen unsere eigenen Gedanken wieder zu uns, wenn wir mit
diesen hoherentwickelten Menschengeistern in Verkehr treten.
Nichts Fremdartiges soil in uns hineingetragen werden; nicht zu
Sklaven wollen die Meister uns machen, nicht einmal zu Sklaven im
Geiste. Die Meister schicken uns daher nicht ihre, sondern unsere
eigenen Gedanken, auf dafi wir erkennen, dafi es die Substanz
ist, die wir selbst ausgestromt haben. Das sind einzelne Vorgange,
die derjenige erfahrt, der in der Lage ist, sich als Verkorperter
zwischen Geburt und Tod innerhalb des Devachan zu bewegen,
dessen Sinn fur das Devachan schon hier in der Korperlichkeit
erschlossen ist, der den Geist herausheben kann aus der Schale der
Korperlichkeit.
In der Devachanwelt finden wir auch niederere Wesenheiten in
grofier Anzahl, die dort als regulare Bewohner vorhanden sind: das
sind die zeitweilig Entkorperten, diejenigen also, welche zwischen
zwei Verkorperungen stehen. Zwischen zwei Verkorperungen
bringen die Menschen eine lange Zeit im Devachan zu.
Habe ich Ihnen heute die Erlebnisse geschildert, welche derjeni-
ge im Devachan durchmachen kann, der im Korper ist, so mochte
ich Ihnen das nachste Mai schildern, was derjenige durchmacht, der
entkorpert im Devachan ist, also den Verlauf des Aufenthaltes im
Devachan zwischen zwei Leben. Das wird uns das Bild wesentlich
erganzen; und wenn Sie dieses Bild dann dem heutigen hinzufugen,
so werden Sie die Moglichkeit haben, diese Welt des Devachan in
einer klareren Vorstellung zu erfassen. Sie werden manches verste-
hen, was Eingeweihte sagen, ohne dafi es im gewohnlichen Tages-
gebrauch oder in unserer Literatur als das ausgesprochen wird, was
es eigentlich ist. Eingeweihte haben bis ins 19. Jahrhundert hinein
immer nur in Andeutungen gesprochen. Die Andeutungen sind
immer verstandlich gewesen fiir diejenigen, deren Sinn erschlossen
war. Fur denjenigen, der die Welt der Ursachen kennt, fiir den
wird das Wort eines Eingeweihten, der gewohnlich nicht als ein
solcher genommen wird - Goethe — , richtig verstehen. Goethe hat
selbst gesagt, daft er in den zweiten Teil seines «Faust» manches
hineingeheimnifk hat, das nur der Eingeweihte verstehen kann.
Und er hat in mystisch-klarer Sprache darauf hingedeutet, was fiir
ihn das Irdische, das Sinnlich-Wahrnehmbare ist: dafi es hindeutet
auf eine hohere Welt, deren Ausdruck es ist. Wenn wir das richtig
verstehen, dann werden wir wissen, daft Goethe als Eingeweihter
hoheres Wissen aus ubersinnlicher Welt sog, und dann verstehen
wir, was er sagen wollte mit den Worten:
Alles Vergangliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulangliche,
Hier wird's Ereignis;
Das Unbeschreibliche,
Hier ist's getan.
Die theosophiache Bewegung will das, was viele fiir «unbe-
schreiblich» gehalten haben, nach und nach beschreiben.
DRITTER VORTRAG
Berlin, 11. Februar 1904
In den Vortragen iiber die astrale Welt habe ich darzustellen ver-
sucht, welchen Weg die menschliche Seele zu durchwandeln hat,
nachdem sie die Pforte des Todes durchschritten hat. Dieser Weg
durch die Seelenwelt - oder die astrale Welt, wie sie in der theo-
sophischen Literatur genannt wird -, ist verhaltnismafiig kurz. Den
langsten Teil der Zeit, welche die menschliche Seele braucht, urn
von einer Verkorperung zur nachsten zu kommen, verbringt sie in
der geistigen Welt, in dem, was man in der Theosophie Devachan,
das Land der Gotter nennt. Ich werde, um einen deutschen Aus-
druck zu gebrauchen, mich des Ausdrucks «Geisterland» oder
«Geisteswelt» fur «Devachan» bedienen. Wir mussen darauf sehen,
da$ wir allmahlich deutsche Ausdriicke einfiihren. Und wenn wir
wissen, dafi wir mit dem sogenannten Geisterlande nichts anderes
meinen als das, was in der Theosophie «Devachan» ist, so werden
wir uns verstandigen konnen.
In der Welt des Astralen wird sich die Seele zu reinigen haben
von dem, was sie ans Irdische kettet, von den Trieben, Leidenschaf-
ten und Instinkten, welche notwendig sind zum irdischen Leben,
aber unmoglich der menschlichen Seele auf der weiteren Wande-
rung anhaften konnen. Nachdem sie sich von alledem befreit hat,
durchwandert sie das eigentliche Geistesland. Will man verstehen,
was es heifk, durch das Geistesland zu gehen, so mufi man sich das
einmal klarmachen. Ich habe schon ofters betont, dafi die Theo-
sophie keineswegs sich abkehrt von irdischer Wirksamkeit, keines-
wegs verweist auf irgendein Jenseits, im Gegenteil: sie legt klar, dafi
die hauptsachliche Aufgabe des Menschen wahrend des Verlaufes
seiner Verkorperung hier im Irdischen liegt, dafi es Aufgabe des
Menschen ist, dieses irdische Dasein zu immer grofierer und gro-
fierer Vollkommenheit zu bringen. Der Mensch hat das, was er in
der hoheren Welt erleben kann, als Frucht in die irdische Sphare
hineinzutragen, er hat das, was er in der Zwischenzeit zwischen
zwei Verkorperungen beobachtet, anzuwenden in der physischen
Verkorperung. Fur diese physische Verkorperung ist es die Auf-
gabe der Erde und des Menschen, so vervollkommnet zu werden,
da$ das Vervollkommnete hinaufgetragen werden kann in hohere
Reiche. Es ist unsere Aufgabe, mitzuarbeiten an der irdischen Ver-
vollkommnung, denn diese Erde soli nach dem kosmischen Erden-
plan nicht bleiben, wie sie ist, sondern sie soil eine hohere Welt
werden. Und das, was sie befahigen wird, aufgenommen zu werden
in eine hohere Welt, das sollen die Menschen in ihr bewirken;
deshalb miissen sie von Zeit zu Zeit in das Geistesland zuriickkeh-
ren. Der Mensch soli auf der Erde wirken, um sie ihrem Ziele
zuzufuhren, das geistig ist. Dafiir mufi er sich befahigen, geistig zu
wirken. Er muft immer wieder und wieder in diesen Zustand zu-
riickkehren, rein geistig in der Geisteswelt zu leben, um von da aus
sich zu beschaftigen mit den Absichten und Zielen fur das irdische
Leben. Was wir erfahren in der geistigen Welt, das tragen wir hin-
ein in das irdische Leben. Geradeso, wie beim Bau eines Hauses das
erste und Wichtigste nicht auf dem Bauplatz geschieht, wo die
Ziegel zusammengemauert werden, sondern in der Kammer des
Architekten, wo der Bauplan ausgearbeitet wird, und geradeso, wie
die Arbeiter nur das, was der Architekt ausgearbeitet hat, in die
Wirklichkeit umsetzen, so ist das erste und das Wichtigste das, was
wir aus der iibersinnlichen Welt holen: die Ziele, die Absichten, die
Plane, um sie innerhalb der Korperwelt anzuwenden.
Das Wichtigste wird wahrend der irdischen Verkorperung
getan. Der Geist zieht sich von Zeit zu Zeit zuriick, um die eigent-
liche Grundlage des irdischen Daseins kennenzulernen. Das ist der
Sinn des Aufenthaltes im Devachan oder im Geistesland. Wenn der
Mensch beim Tode seinen Korper verlalk, dann macht er zunachst
einen Zustand der Bewufklosigkeit durch; er durchschreitet die
astrale Welt und erwacht endlich im Geisteslande. Da hat er dann
alles dasjenige auszubilden, worin er sich in der irdischen Welt
geiibt hat. Wir haben uns vorzustellen - um bei demselben Bilde zu
bleiben -, der Mensch arbeitet wie ein Architekt, der den Plan zu
einem Haus entwirft. Hat der Architekt einen Plan gemacht, so
lernt er bei der materiellen Realisation des Planes auch die Unvoll-
kommenheiten, die Fehler desselben kennen; er ist ein Lernender,
und genauso lernt auch der Mensch wahrend seiner Verkorperung.
Genauso, wie der Architekt die Erfahrungen und Beobachtungen,
die er bei einem ersten Bau gemacht hat, erkennt, beniitzt und
fiir einen spateren ausniitzt, so verwandelt auch der Mensch seine
Erfahrungen und Beobachtungen in vollkommenere Erkenntnisse
und tritt danach, mit diesen Erkenntnissen bereichert, in die neue
Verkorperung ein. Das ist der Sinn.
Aus einer Art von Bewufitlosigkeit wacht der Mensch [zwischen
Tod und neuer Geburt] im Devachan auf. Er hat dann die verschie-
denen Stufen zu durchwandern. In jeder dieser Stufen bildet sich
eine ganz bestimmte Art von Fahigkeiten aus. Sieben Stufen haben
wir kennengelernt. Ich werde dieselben nochmals vor unserem
Geiste voriiberziehen lassen und gleichzeitig angeben, was der
Geist auf jeder Stufe zu vollbringen hat. Ich habe auseinanderge-
setzt, dafi die unterste Region das Reich der Urbilder ist. Aber das
ist bildlich zu verstehen; es ist ein Zustand. Da haben wir innerhalb
dieser Welt anzutreff en die Urbilder fiir alles, was in der sinnlichen
Welt uns entgegentritt. Ich habe gesagt, dafi wir in der Geisteswelt
geradeso innerhalb des Geistigen leben, wie wir innerhalb der Sin-
neswelt mit den Sinnen leben, und wir fuhlen die geistige Welt so,
wie wir die Sinneswelt mit den Sinnen fuhlen, wie wir diese Sinnes-
welt horen und sehen und so weiter. Was in dieser irdischen Welt
ein Gedanke ist, das ist in der geistigen Welt eine lebendige Wesen-
heit. Was als Gedanke durch unseren Kopf zieht, ist nur der Schat-
ten einer geistigen Wesenheit. Diese geistige Wesenheit erscheint
uns als Gedanke, weil sie durch den Schleier der physischen Kor-
perlichkeit hindurchdringen raufi. Der Mensch pragt seine Gedan-
ken und Vorstellungen der Welt ein, und durch sie macht er die
Erde vollkommener. In der geistigen Welt sind diese Gedanken
Dinge, zwischen denen der Mensch wandelt. Und so, wie wir hier
zwischen physischen Dingen wandeln, wie wir an sie stofien und
sie beruhren, so wandeln wir im Geisteslande zwischen den Ge-
danken. Die Urbilder zu der Sinneswelt sind in der untersten
Region des Geisteslandes zu finden. Da sind wir in der «Werkstat-
te», in welcher die sinnlichen Gegenstande «gemacht» werden. Wir
sehen da die Urbilder der physischen Pflanzen-, Tier- und
Menschenformen. Wir mussen uns Gedanken iiber das Gesehene
machen. Diese Gedanken halten sich wie ein schattenhafter Sche-
men im Hintergrunde, und der Mensch glaubt nicht an die Realitat
der Gedanken, weil sie ein so schattenhaftes Dasein haben. Wie die
Uhr so geschaffen ist, wie ihr Erfinder sie zuerst im Kopfe getragen
hat, so ist jedes Ding geschaffen nach dem Gedanken, und das
Gedankenwesen erscheint uns im Geisteslande.
So also erscheint uns im Geisteslande die ganze sinnliche Welt,
die wir hier sehen, in ihren Urbildern. Wir sehen dort alles, wie es
gemacht wird, wir sehen, wie die Pflanze, das Tier hervorspriefit
aus der tier- und pflanzenschaffenden Kraft. Wir lernen das, was
hier ist, von einer anderen Seite zu sehen; wir sehen gleichsam das
geistige Negativ gegemiber dem physischen Positiv. Wir treten in
die Welt ein, deren Schilderung demjenigen, der kein Gefiihl dafur
hat, phantastisch erscheinen mufi, die aber dem, dessen Sinne
geweckt sind fur diese Welt, unendlich viel wirklicher ist als die
physische Welt. Sie ist die Urbilderwelt, die Welt der Ursachen. Da
tritt mit uns eine geistige Wandlung ein, die sich immer mehr und
mehr verstarkt, je mehr wir heimisch in dieser Welt werden.
Die Wanderung durch diese Welt mochte ich Ihnen charakteri-
sieren. Sie ist bedeutungsvoll, weil sie ein Licht wirft in diese Welt,
ein Licht von unsagbarer Bedeutung. Unsere eigene Leiblichkeit,
der Korper, den wir den unsrigen nennen, erscheint uns als ein
Ding unter Dingen; er erscheint uns als der aufieren Wirklichkeit
angehorig. Wir sehen, wie er entsteht und vergeht. So erscheint uns
das Urbild unseres Leibes als ein Glied innerhalb der aufieren
Wirklichkeit; wir fiihlen uns ihm gegeniiberstehend. Wir sagen
nicht mehr zu dem Leibe «Das bin ich», sondern wir wissen, da£
er der objektiven Wirklichkeit angehort. Und man lernt einen Satz
der hochsten indischen Vedanta-Weisheit kennen, den Satz: Du
mulk erkennen, dafi du selbst ein Glied des ganzen Grofien bist -
«Das bist du.»
Dasjenige, was unseren Leib aufbaut, sehen wir so, als wenn
wir auf einen Felsen treten. Es ist etwas vollig Fremdes. Wir lernen
aus der Erfahrung den Satz verstehen: «Das bist du». Und wenn
wir diesen Satz iiben, dann ist das nichts als die Erinnerung daran,
was wir fruher im Geisteslande erfahren haben. Wir bringen diese
Erinnerung ins Bewufksein herein und erleben einen schwachen
Abglanz der Geisteswelt in der Korperwelt. Das entruckt uns aber
der Sinnenwelt, das erhebt uns in hdhere Spharen. Wir fiihlen uns
als geistiges Wesen; wir wissen, daft wir ein Glied des Urgeistes
sind, gleichsam ein Strahl, der von ihm ausstromt. Das wissen wir
aus unmittelbarer Erkenntnis.
Der zweite Hauptsatz der Vedanta-Weisheit erfullt sich ebenfalls
unmittelbar in der ersten Region des Devachan: «Ich bin Brahman>>.
Mit «Brahman» wird der Urgeist bezeichnet. Wenn der Mensch da-
hin gekommen ist, sich als ein Glied dieses Urgeistes zu fiihlen, dann
sagt er: In mir lebt der Urgeist, er selbst ist meine Wesenheit. - «Ich
bin der Urgeist» ist eine unmittelbare Erfahrung, welche die Seele
schon in der untersten Region des Geisteslandes macht. Das ist der
Sinn des Lebens in der ersten Region des Devachan.
Die zweite Region habe ich geschildert als diejenige, wo die
Urbilder des gesamten Lebens auf unserer Erde sind. Wenn wir das
Leben in unserer irdischen Welt betrachten, so finden wir dasselbe
in einzelne Wesen gebaut, in Pflanzen, in Tiere und in Menschen.
Das Leben dieser Pflanzen, Tiere und Menschen ist aber eine gro-
fte, lebendige Einheit. Es stammt aus dem gemeinsamen Born des
Lebens. Das Urbild desjenigen Lebens, das hier auf der Erde in
seinem Abglanz lebt, das stromt dort wie ein Ozean durch alle
Wesen des Geisterreiches. Der Okkultist weift, daft dieses stromen-
de Leben eine rosenrote Farbe hat, gleichsam wie ein rosenroter
Ozean; als flussiges Element durchstromt es alle Wesen des Gei-
steslandes. Dieses stromende, rosenrote, flussige Leben durchzieht
und durchpulst alles Leben des Geisteslandes. Wenn der Mensch
die erste Region des Geisteslandes durchschritten hat, dann identi-
fiziert er sich auf der zweiten Stufe mit diesem flieftenden Leben.
Dann lernt er das flieftende Leben als seine Wesenheit kennen.
Machen wir uns, um dies vollig zu verstehen, nochmals klar, was
es fur einen Sinn hat, [in der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt]
in diesen Regionen zu leben. Man lebt besonders lange in der
ersten Region des Devachan. In der physischen Welt werden wir in
ganz bestimmte, durch die physische Natur des Erdenkreises be-
stimmte Verhaltnisse geboren. Wir werden geboren in einem Lan-
de, in einer Familie, damit wir durch physische Verkettung diesen
oder jenen Freund erwerben. Wir kniipfen, durch physische Ver-
haltnisse veranlaftt, an etwas an, was den Inhalt des Alltagslebens
ausmacht: das Leben in der Familie, das Leben im Stamm, in der
Nation - das ist Karma. Alles, was aus physischen Verhaltnissen
stammt, das lernen wir in seinen Urbildern in der ersten Region des
Geisteslandes kennen und beurteilen. Und die Fahigkeiten, die wir
uns erwerben durch Uben im Familienleben, im Freundesleben
und so weiter, die erfahren ihre vollige Durchbildung in der ersten
Region des Devachan. Sie werden gesteigert und ausgebildet, so
da£ wir mit diesen gesteigerten und ausgebildeten Fahigkeiten zu
einer neuen Verkorperung auf diese Erde zuriickkehren konnen.
Daher machen wir die Erfahrung, da$ Menschen, die ihre ganze
Aufgabe in den Verhaltnissen des taglichen Lebens sehen, die
nicht iiber die nachste Umgebung, iiber ihr Geschaft und so weiter
hinauskommen, ein langes Leben in dieser ersten Region des
Devachan haben.
In der zweiten Region des Devachan halten sich diejenigen auf,
welche schon eine gewisse Vorbereitung mitbringen. Diese wird
geschaffen durch eine hohere Ausbildung innerhalb des irdischen
Lebens selbst. Der Mensch lernt erkennen, dafi die Dinge des irdi-
schen Lebens verganglich und nur Aufierungen ewiger Urgriinde
sind. Er lernt, die Einheit in allem Leben zu erkennen und zur
Einheit verehrungsvoll aufzublicken. Wenn der einfache Wilde in
den Gegenstanden gottliche Eigenschaften sieht und sie als ein
Sinnbild des Gottlichen betrachtet, so geht das schon iiber die all-
taglichen Verhaltnisse hinaus. In dieser Region lernt der Mensch
erkennen das Schaffen und Wirken der Gottheit. Da sehen wir die
Bekenner der verschiedenen Religionen ausbilden die devotionellen
Gefiihle, indem sie sich demiitig, verehrend ihren Gottern nahern.
Mit einem hoheren Grade der Frommigkeit erreicht der Mensch
seine Verkorperung, nachdem er durch diese zweite Region hin-
durchgegangen ist. Menschen, die einen Sinn fur die allem zugrun-
deliegende Einheit haben, sehen wir lange Zeit verweilen in dieser
zweiten Region. Wir sehen sie sich einleben in die Einheit alles
Seins, und wir sehen, wie diese Geister, wenn sie zuriickkehren auf
die Erde, fuhrende religiose Personlichkeiten werden. Diese Men-
schen sehen, daft die Interessen des einzelnen nicht mehr getrennt
werden konnen von den Interessen der Gemeinschaft. Dieser
Sinn fur das Gemeinschaftsleben wird in der zweiten Region des
Devachan ausgebildet.
Steigen wir auf in die dritte Region. Hier finden wir nicht mehr
die Urbilder fur das, was in dem irdischen Dasein lebt, sondern
wir finden die Urbilder des seelischen Daseins selbst. Hier sind
die Urbilder aller Begierden und Instinkte, aller Empfindungen
und Gefuhle und aller Leidenschaften, von der niedersten Leiden-
schaft bis hinauf zu dem hochsten Pathos. Fur alles das gibt es
rein geistige Urbilder, und die sind in der dritten Region des
Devachan. Ebenso wie alles Leben in der zweiten Region, bildet
in der dritten Region alles Empfinden, Fuhlen, alles Leiden und
so weiter eine grofte Einheit. Da sind die Instinkte des einen
Wesens nicht getrennt von den Instinkten, die ein anderes Wesen
hat. Da ist das «Das bist du» schon durchgefiihrt. Wir konnen
nicht mehr - wie in den beschrankten Verhaltnissen des Sinnen-
daseins - zwischen meinem Gefiihl und deinem Gefuhl unter-
scheiden. Das fremde Weh ist ebenso wie das unsrige. Wir ver-
nehmen das «Seufzen der Kreatur». Wir nehmen wahr jede Lust
und Unlust, ob es unsere ist oder ob es fremde ist. Wir sagen zu
allem: Das bist du. - Wir fuhlen mit allem mit. Ich habe diese
Region beschrieben als die Atmosphare, als den Luftkreis des
Geisteslandes. So, wie unsere Erde umhullt ist vom physischen
Luftkreis, so ist der Geistkontinent umhullt von diesem Luftkreis,
von den Spharen des Wehes und des Unglucks, von den Urbildern
der menschlichen Leidenschaften, wie von Stiirmen und von sich
entladenden, donnernden Gewittern. Leben wir in der dritten
Region des Devachan, so lernen wir verstehen den Satz eines
Inspirierten und erkennen, was es heLRt, man vereinigt sich mit
dem «Seufzen der Kreaturen, die da harren der Annahme an
Kindesstatt». Das bildet in uns eine andere Seite des Empfindens
aus, wir lernen das irdische Empfinden von einer anderen Seite
kennen, nicht als egoistische Einzelempfindung, sondern so, dafi
wir den Sinn, das Mitgefuhl fur alle Wesenheiten ausgebildet
haben in dieser dritten Region. Was wir in unserer Verkorperung
an Selbstlosigkeit entfalten, an Wohlwollen gegenuber unseren
Mitmenschen, das ist die Erinnerung an diese dritte Region des
Devachan; das bringen wir mit aus dieser dritten Region. Philan-
thrope^ die Genies der menschlichen Wohltatigkeit, bilden ihre
Fahigkeiten dort aus; sie machen ein langes Leben in der dritten
Region des Devachan durch.
Wie verhalten sich diese drei Regionen des Devachan zu unserer
irdischen Welt? In der ersten Region finden wir die Urbilder der
korperlichen Dinge, in der zweiten die Urbilder des Lebens, in der
dritten die Urbilder der seelischen Welt, der Triebe, Instinkte und
Leidenschaften. Wir finden das, was wir brauchen, um innerhalb
des irdischen Lebens zu wirken, im Geistesland.
Die vierte Region ist eine Art reines Geistesland, aber nicht im
vollen Sinne des Wortes. Wenn wir den Unterschied zwischen der
vierten Region und den unteren drei Regionen verstehen wollen, so
miissen wir uns klar sein, dafi bei allem, was der Mensch an Schop-
ferkraft mitbringt in die physische Welt, er abhangig ist von dem,
was schon auf der Erde vorhanden ist. Wir sind wie ein Topfer, der
seine Gedanken dem Ton einpragt. Indem wir Botschaften aus dem
Geisterlande hier verwirklichen wollen, sind wir von dem Tone der
irdischen Welt abhangig. Wir miissen uns demjenigen fiigen, was
schon geschaffen ist. Wir miissen studieren, was als physische Kraft
und als physischer Stoff schon in der Welt existiert. Wir miissen
uns an dasjenige halten, was unsere Mitgeschopfe empfinden an
Leid, an Lust- und Unlustempfindungen. Wir miissen uns mit dem,
was wir mitbringen aus dem Geisteslande, richten nach dem, was
wir hier antreffen. Wir schaffen da nur ein Abbild dessen, was im
Geisteslande ist.
In der vierten Region sind die Urbilder fur das, was der Mensch
als eine Art originale Werke innerhalb der Welt schafft, was er
schafft iiber das Bestehende hinaus. Alles, was Kunst und Wissen-
schaft hervorgebracht haben, alles, was wir als technische Erfin-
dungen kennen, alles das, was niemals da sein wiirde ohne den
Einfluft des Menschengeistes, das ist als Urbild in der vierten Re-
gion des Devachan anzutreffen. Wer an den Kulturfortschritten
seiner Zeit teilnimmt, an dem wissenschaftlichen Streben, an dem
Ausbau staatlicher Einrichtungen, an der Vervollkommnung des-
sen, was frei aus dem Geiste geboren wird, was nicht an die Seele
gebunden ist: sie alle sind befruchtet von dem, was sie in der vier-
ten Region des Devachan erlebten. Dasjenige, was wir dort erfah-
ren, pragen wir in die sinnliche Wirklichkeit ein und schaffen es
dadurch um. Wenn wir uns fragen, ob diese vierte Region unab-
hangig ist von der irdischen Region, so mussen wir sagen: in gewis-
ser Weise -, denn der Mensch, der aus ihr kommt, bringt etwas mit,
was noch nicht da ist. Aber doch ist sie wieder abhangig, denn der
Mensch kann immer nur auf einer gewissen Stufe der Vervoll-
kommnung stehen, und er kann nur das ausgestalten, wofiir die
Menschheit reif ist. Die vierte Region des Devachan hangt mit
dem irdischen Dasein so zusammen, dafi sie auf der einen Seite frei,
auf der anderen Seite aber doch wieder abhangig ist von einem
gewissen [Stand des irdischen] Daseins.
Wenn wir aufsteigen zur fiinften Region des Geisteslandes, so
sind wir vollig frei von den Fesseln des irdischen Daseins. Dann
sind wir nach alien Seiten frei und entwicklungsfahig. Dann haben
wir das Element zu unserer Umgebung, in dem unsere eigentliche,
wahre, wirkliche Heimat ist. In dieser hoheren Region erfahren wir
die eigentlichen Absichten, die der Weltengeist mit der irdischen
Entwicklung hat. Wir nehmen teil an den Absichten des Welten-
geistes. Alle Dinge werden dann sprechend. Wir lernen, was der
gottliche Weltengeist fur ein Ziel fiir die Pflanzen, fur die Tiere und
fur die Menschen hat; wir lernen kennen in vollkommener Gestalt
dasjenige, wovon das Geschaffene nur ein unvollkommenes Abbild
ist. Was wir erleben, sind die Absichten, die Intentionen, die Ziele
- die Ziele, die aus dem Ewigen herausstromen, die lernen wir hier
kennen. Und wenn wir, davon gestarkt und gekraftigt, zuriickkeh-
ren in die physische Welt, dann sind wir Sendboten der gottlichen
Absichten, dann vollziehen wir dasjenige, was als wahrhaft Geisti-
ges, als unabhangiges Geistiges dieser Welt eingefugt werden soil.
Nun konnen Sie sich leicht vorstellen, daft dasjenige, was aus
dieser Region geschopft werden kann, davon abhangen wird, wie-
viel das Selbst wahrend seiner Verkdrperung im physischen Leben
schon entwickelt hat. Wenn der Mensch keine Anlage zeigt, sich zu
den hoheren Absichten aufzuschwingen, wenn er am Alltaglichen
haftet und nicht erfassen kann das, was ewig ist, dann wird er nur
ein kurzes Aufblitzen haben in der fiinften Region des Devachan.
Und derjenige, der innerhalb des irdischen Lebens wenig am Irdi-
schen hangt, der nachsinnt in freiem Denken iiber das irdische
Dasein, wer ohne egoistisches Interesse Werke des Mitleids und
der Wohltatigkeit iibt, der hat in diesem Dasein sich die Anwart-
schaft erworben, langere Zeit zu verweilen in den hoheren Regio-
nen des Devachan. Das befahigt ihn, in hoherem Sinne dasjenige
auszubilden, was freie Geistestatigkeit ist. Hier stromt ihm das-
jenige zu, was aus dem Ewigen, dem Gottlichen flielk. Hier
nimmt das Selbst die Gedankenwelt, unbegrenzt durch die irdische
Unvollkommenheit, in sich auf.
Jede Inkarnation ist nur ein unvollkommenes Abbild dessen,
was der Mensch eigentlich ist. Das geistige Selbst ist im Geisteslan-
de, und indem es in den menschlichen Leib, in die menschliche
Seele einzieht, kann es nur ein schwaches Abbild dessen verwirk-
lichen, was es im Grunde genommen eigentlich ist. Wenn der
Mensch heimkehrt in das eigentliche Selbst, in seine ursprungliche
Eigenheit, wenn er die funfte Region kennenlernt, da weitet sich
der Blick iiber seine eigenen Inkarnationen, da ist er imstande, sei-
ne Vergangenheit und seine Zukunft zu iiberschauen. Er erlebt ein
Aufblitzen des Gedachtnisses iiber seine vergangenen Inkarnatio-
nen und kann sie in Zusammenhang bringen mit dem, was er in der
Zukunft vollbringen kann. Er iiberschaut die Vergangenheit und
die Zukunft mit prophetischem Blick. Alles, was er vollbringt, er-
scheint ihm wie aus dem ewigen Selbst herausfliefiend. Das ist das,
was das Selbst sich erwirbt in der fiinften Region des Geisteslandes.
Deshalb nennen wir dieses Selbst, insofern es sich in der fiinften
Region auslebt und sich seiner eigenen Wesenheit bewufit wird,
den Ursachentrager der menschlichen Wesenheit, der alle Ergeb-
nisse des vergangenen Lebens in die Zukunft hiniibertragt. Das,
was wiedererscheint in den verschiedenen Verkorperungen, das ist
der Ursachenkorper, und zwar so lange, bis der Mensch iibergeht
zu hoheren Zustanden, wo hohere Gesetze als die der Wiederver-
korperung gelten. Seit dem Anfang des Planetenlebens unterliegen
wir dem Gesetz der Wiederverkorperung. Der Kausalkorper ist
dasjenige, was das Ergebnis eines friiheren Lebens hiniibertragt in
die kommenden Leben, was als Friichte geniefit dasjenige, was in
den vorhergehenden Leben erarbeitet wurde.
Wenn durch eine Reihe von solchen irdischen Pilgerfahrten das
eigentliche geistige Selbst oder der Ursachentrager im physischen
Leibe sich verkorpert hat und nun im Geisteslande so lebt, dafi er
imstande ist, sich im Geisteslande so frei zu bewegen, wie der sinn-
liche Mensch sich zwischen den sinnlichen Dingen bewegt - denn
das ist eine Erfahrung, die wir da machen: uns bewegen zu lernen
in einer Weise, die viel initiativer und hoher erscheint als innerhalb
der sinnlichen Wirklichkeit -, dann riicken wir auf in die sechste
Region des Devachan, dann erwerben wir uns die Anwartschaft,
gewisse Zeiten zwischen zwei Leben in der sechsten Region zu
verbringen. In der sechsten Region lebt das menschliche Selbst
bereits seine tiefere Wesenheit des eigenen Innern aus; da lebt es
das aus, was wir das Leben im Geistigen, im ewigen Selbst nennen.
Da lebt es aus, was unmittelbar aus dem Borne des gottlichen
Selbst schopft. Da lernt der Mensch, so heimisch zu werden im
Geisteslande, wie der physische Mensch heimisch ist in der phy-
sischen Welt. Die Gesetze der geistigen Welt werden ihm so ver-
traut, dafi er sich als zu ihnen gehorig betrachtet. In dieser sechsten
Region lernt der Mensch, dafi er in diese physische Welt als ein
Sendbote des rein Gottlichen kommt; er nimmt die Absichten fur
das, was er braucht, urn in der physischen Welt zu wirken, nicht
mehr aus der physischen Welt selbst; er vollfuhrt die Plane der
gottlichen Weltenordnung selbst: er schafft aus dem Geistigen, er
wirkt aus dem Geistigen. Er ist aber deshalb kein Fremdling auf
der Erde, und er wirkt auch nicht wie ein Fremdling; er hat sich die
freie Unbefangenheit in dieser sechsten Region erworben. Wenn er
in der physischen Welt als Sendbote der geistigen Welt erscheint,
so ist sein Werk umso fruchtbarer, weil er nicht an den Dingen
dieser Welt hangt; und weil er sie vollkommen objektiv beurteilt,
so wird er das Richtige tun. Seine Tat wird eine Tat der gottlichen
Weltenordnung selbst sein, ein Ausdruck, eine Offenbarung der
gottlichen Weltenordnung selbst.
In dieser sechsten Region des Geisteslandes genielk der Mensch
nun auch den Umgang mit jenen erhabenen Wesenheiten, von
denen ich das letzte Mai gesprochen habe, welche mitwirken an
dem Plane der gottlichen Weltordnung. Ausgebreitet ist ihr Blick
iiber die gottliche Weisheit, offen und unverschleiert. Der Mensch,
der sich bis zur sechsten Region entwickelt hat, kann da verstehen,
was sie zu ihm sagen iiber den gottlichen Weltenplan. Kehrt er
zuriick auf den irdischen Plan, dann ist er befahigt, selbst die Rich-
tung und die Ziele seines Lebens zu bestimmen. Dann handelt er
aus sich heraus, er kann bewufit in die Zukunft wirken; dann ist er
fahig, hier auf dieser Erde ein Eingeweihter zu werden. Derjenige,
welcher befahigt ist, ein Eingeweihter zu werden, der hat sich erst
durch die Taten, die nicht durch Egoismus mit dem Irdischen ver-
bunden sind, sondern die er in selbstloser Aufopferung getan hat,
die Anwartschaft errungen, um im Zwischenzustand zwischen
zwei Verkorperungen in der Gegenwart der Geister zu leben und
vertraut zu werden mit den Kraften und Schatzen des Geisteslan-
des. Kehrt er dann zuriick in die Verkorperung, dann ist sein Ge~
dachtnis offen fur die friiheren Verkorperungen, dann sieht er, dafi
er da und dort schon gelebt hat, und er bestimmt die Zukunft
seiner nachsten Verkorperung - wenn auch nicht in alien Einzel-
heiten, denn das ist nicht zu bestimmen. Diejenigen, welche in dem
Zwischenzustande zwischen ihren Verkorperungen im Geistes-
lande solches erlebt haben, die sind die Aspiranten fur die Einwei-
hung in die Mysterien; es sind die, welche aufgenommen werden in
die Geheimschulen und dort die Weisheiten erfahren, welche sie
der Welt zu verkundigen haben, damit sie den Weg des Fort-
schrittes gehe.
Das sind diejenigen, die aus personlicher Erfahrung bekraftigen
konnen, dafi die Lehren der Theosophie Wahrheiten und Tatsachen
sind. Sie sind es aber auch, die die Pflicht haben, so oft und so gut
sie es konnen, das, was sich ihnen als unumstofiliche Wahrheiten
ergeben hat, den anderen zu verkundigen und in ihnen anzufachen
das hohe Gefuhl und die Kraft, die den Menschen weiter hinauf-
leitet auf der Stufenleiter der Erkenntnis. Derjenige, welcher an die
Wiederverkorperung zu glauben vermag, der weifi, dafi sie etwas
Mogliches ist, der hat schon die erste Stufe erreicht. Wer glaubt -
wenn auch nur dumpf dafi die Wiederverkorperung moglich ist,
der kann erwarten, dafi dieser Gedanke in ihm zur Erkenntnis der
Wirklichkeit wird, denn der Glaube, der als lebendige Kraft in der
menschlichen Seele wirkt, erzeugt Wunder in der Menschenseele.
Wer nicht weifi, wie dasjenige wirkt, das aus geistigen Tiefen her-
auskommt, der nennt solche Menschen Schwarmer und Traumer,
weil er sich nicht bewufit ist, dafi sie aus einem viel tieferen Be-
wuifksein heraus schaffen als er selbst. Aber der Weltengang ist eine
fortwahrende Verkorperung dessen, was die Traumer und Idea-
listen gedacht haben.
Die siebente Stufe kann nur derjenige erreichen, der in diesem
Leben ein Eingeweihter gewesen ist, der den Sinn der Mysterien er-
fafit hat, der mitwirken kann an dem Bau und an dem Plan der gott-
lichen Weltenordnung. Er tritt, nachdem er seine Aufgabe in den
niederen Regionen verrichtet hat, unmittelbar in die hochste Region
ein, woraus der Quell des Daseins kommt, wo alle Lebensimpulse
und Daseinsstrome fliefien. Der Eingeweihte allein hat die Anwart-
schaft auf die siebente Stufe des Devachan oder Geisteslandes.
Wir haben gesehen, dafi die Aufgabe des Menschen in dieser
irdischen Welt liegt, dafi wir uns nicht von ihr zuruckziehen diir-
fen. Aber was in dieser Welt liegt, das mufi befruchtet werden von
den Erfahrangen, die wir im Lande des Geistes machen und die wir
als Botschaften erkennen, die wir im irdischen Leben auszufiihren
haben. Damit wir umso sicherer wirken konnen, miissen wir das
Leben als eine Schule betrachten; wir miissen das Leben uns zu
einer Lektion machen. Wir miissen erkennend betrachten, wie
gleichsam die Strahlen des hoheren Lebens hineinfliefien in die ir-
dische Welt. Dariiber werden wir das nachste Mai weitersprechen.
VIERTER VORTRAG
Berlin, 25. Februar 1904
Verehrte Anwesende! Es obliegt mir heute, die Vortrage iiber den
sogenannten Devachanplan oder, wie wir es deutsch nennen miis-
sen, das Geistesland, zu Ende zu fiihren. Wenn Sie in theosophi-
schen Biichern uber Devachan oder das Land der geistigen Wesen-
heiten lesen, so werden Sie die Schilderung finden, dafi dieses
Gebiet der Geistwelt ein Gebiet der Zufriedenheit, ein Gebiet der
Gliickseligkeit ist. Es wird Ihnen gesagt, das Devachan sei das
«Land der Wonnen», das «Land des Gliickes». Nun, verehrte
Anwesende, es ist sehr leicht, eine solche Schilderung mifizuverste-
hen und sich etwas ganz Falsches unter diesen Worten vorzustel-
len. Wir rmissen uns klar sein dariiber, dafi sehr viele Menschen
dasjenige, was das Gluck des Geisteslandes ist, gar nicht kennen,
dafi die iiberwiegende Mehrzahl der Menschen das Gluck und die
Zufriedenheit in Dingen suchen, von denen allerdings im Devachan
nichts mehr anzutreffen ist. Selbst das, was sich zumeist die Men-
schen in religiosen Vorstellungen als Paradies ausmalen, als Land
des Gluckes und der Wonne, selbst das kniipft noch so sehr an
Vorstellungen der unmittelbaren sinnlichen Wirklichkeit an, an
Vorstellungen, die aus unserer korperlichen Umgebung genommen
sind, dafi wir diese Vorstellungen nicht auf das Land der geistigen
Wesenheiten anwenden diirfen. Was die Menschen sich erhoffen an
paradiesischen Freuden, was sie, ankmipfend an sinnliche Vorstel-
lungen, als Paradies bezeichnen, das finden Sie bereits vor dem
Eintreten ins Devachan, das finden Sie im funften Gebiete des
Kamaloka, im funften Gebiete des Lauterungsfeuers, und zwar
gerade zu dem Ziele und zu dem Zweck, um diesen Hang zu sinn-
lichen Freuden und sinnlichen Begierden abzustreifen. Was zum
Beispiel der Indianer sich vorstellt als paradiesische jagdgriinde, wo
er alien Jagdbegierden wird fronen konnen, das findet er bereits im
funften Gebiet des Kamaloka. Aber gerade davon mufi der Mensch
gereinigt werden, bevor er eintreten kann in die Geisteswelt. Auf
der anderen Seite sagen viele, wenn Sie horen, dafi von alle dem,
was sie hier auf unserer Erde als sinnliche Wirklichkeit erleben,
nichts mehr vorhanden ist im Geistesland, dafi dann das Geistes-
land nichts anderes sei als eine Illusion, eine Art von Traum, den
wir zwischen zwei Inkarnationen durchtraumen. ~ Beides bedarf
einer Richtigstellung. Es bedarf der Hinfiihrung der Vorstellungen,
die der Mensch aus seiner unmittelbar erlebten Wirklichkeit
nimmt, zu ganz anderen und hoheren Vorstellungen. Man kann
eine entsprechende Vorstellung davon gewinnen, was eigentlich
gemeint ist mit dem Land der Wonnen, dem Land der Gliickselig-
keit, was gemeint ist mit jener tiefen Innigkeit und geistigen Be-
friedigung, die wir erleben zwischen zwei Inkarnationen, wenn
man hinhort auf das, was Schuler der grofien Meister durch ihre
Erfahrung schon in diesem Leben zu erzahlen wissen.
Derjenige, der in diesem Leben zur Einweihung, zur Initiation
gelangt, der erfahrt in sich schon in diesem Leben durch den Ein-
blick in das Geistesland etwas von dieser himmlischen Wonne, von
dieser wahren geistigen Befriedigung. Sie werden fragen: Gibt es
denn oder hat es in unseren Landern etwas gegeben, was man Ein-
weihung nennt? Gab es wirklich in unserer abendlandischen Kul-
tur Schuler, welche teilhaftig wurden jenes hochsten Schauens, das
uns das Geistesland eroffnet? - Immer hat es die Moglichkeit ge-
geben, in Geheimschulen, in okkulten Schulen die Einweihung zu
empfangen. Eine Stromung okkulter Weisheit kam im 14. Jahrhun-
dert nach Europa. Diese Stromung, die man die rosenkreuzerische
nennt, wurde von vielen verkannt; sie mufi verkannt werden von
alien denen, die sie nur von aufien kennenlernen. Nur der sollte sie
von innen kennenlernen, dem durch okkulte Schulung der Einblick
gestattet wurde. Als Christian Rosenkreutz die Weisheit des
Orients nach Europa brachte, da griindete er in Europa Schulen, in
denen Schuler hinaufgebracht wurden zu den Stufen, wo das Sehen
im Devachan, das Sehen der hoheren Geheimnisse moglich wurde.
Nur diejenigen, welche selbst eine Schulung erlangt haben, wissen
etwas davon zu erzahlen. Alle aufiere Forschung, alles, was in
Buchern verzeichnet ist, kann Ihnen keinen Aufschlufi geben. Bis
zum Jahre 1875, dem Jahre der Griindung der Theosophischen
Gesellschaft, ist liberhaupt, aufier in den geheimsten Lehrstatten,
iiber diese Dinge niemals gesprochen worden. Erst seit 1875
fiihlten die Meister der Weisheit die Pflicht, der Menschheit einiges
von diesen tiefsten geistigen Wahrheiten zu ubermitteln.
Noch heute finden Initiationen oder Einweihungen statt. Sie
konnen indessen nur stattfinden innerhalb des Geisteslandes, des-
jenigen Gebietes, das ich Ihnen beschrieben habe. Heute mufi jeder
Einzuweihende zur eigenen Anschauung dieser hoheren Geheim-
nisse auf dem Devachanplan kommen. Dies zwingt dazu, wenig-
stens eine kleine Vorstellung davon zu geben, wie derjenige emp-
findet und wie er umgewandelt wird, der auf dem Devachanplan
die Einweihung empfangt. Was ich Ihnen geschildert habe von je-
nen hochsten Wesenheiten, die aus ganz anderen Welten kommen,
um im Devachan zuerst ihre Verkorperung zu geniefien, um dann
herunterzusteigen in die tieferen Regionen, in die drei Welten, die-
se Wesenheiten zu schauen ist derjenige in der Lage, der in diesem
Gebiete zur Initiation, zur Einweihung kommt. Wenn der Mensch
die Initiation erlangt hat, dann fangt er an, einen ganz neuen
Glauben, ein ganz neues Schauen zu gewinnen. Er ist wirklich ein
anderer Mensch geworden. Und was fur viele Menschen, die in
seiner Umgebung leben, gar nicht vorhanden ist, wovon sie niemals
eine Ahnung haben, das schaut er mit dem geistigen Auge.
Lassen Sie mich einen kurzen Abrifi des Glaubensbekenntnisses
geben, welches derjenige, der eingeweiht wird, zu dem seinigen
macht. Dieses Glaubensbekenntnis wird Ihnen in einigen Wendun-
gen bekannt erscheinen. Von alien tieferen Wahrheiten ist immer
etwas in die Offentlichkeit gekommen und in der Offentlichkeit
exoterisch fortgepflanzt worden.
Derjenige, der eingeweiht wird, bekommt einen hoheren Uber-
blick iiber das, was hier in unserer physischen Wirklichkeit
geschieht. Er bekommt diesen hoheren Uberblick dadurch, da£ er
sich aufierhalb dieser physischen Wirklichkeit stellt. Wir sind ja,
wahrend wir in der Sinnenwelt leben, eingeschlossen in die korper-
liche Organisation und konnen nur durch unsere Augen sehen,
durch unsere Ohren horen, durch unsere iibrigen Sinneswerkzeuge
wahrnehmen. Wir sind abhangig von dem, was uns unsere Sinne
vermitteln. Das hort auf durch jene hdhere Schulung, die der Ein-
zuweihende empfangt. Vor dem Einzuweihenden liegt zunachst -
ich kann das nur schildern - seine eigene physische Wirklichkeit
vollig ausgebreitet. Er sieht sich objektiv neben sich, und so, wie
wir irgendeinen anderen Gegenstand der Umgebung unserer sinn-
lichen Wirklichkeit anschauen, so schauen wir unsere eigene phy-
sische Korperlichkeit an, wenn wir eingeweiht werden. Unser
Organismus liegt vor uns wie unser eigener Leichnam. Aber auch
unser Astralkorper, unsere Begierden, Instinkte, unser ganzes sinn-
liches Triebleben, liegt vor uns da, und wir sprechen im Sinne der
angefuhrten Vedantaweisheit: «Das bist du». Wir sehen uns vollig
objektiv, mit alien Fehlern, mit dem, was wir im Leben erreicht
haben durch die verschiedenen Inkarnationen hindurch. Es ist das-
jenige, was Ihnen beschrieben wird als der Durchgang durch die
Pforte des Todes, den jeder Einzuweihende durchzumachen hat. Er
sieht dann dasjenige nicht mehr durch die Sinne, was er sonst in der
Sinnenwelt um sich hat; er sieht in die Aufienwelt vom Geisteslan-
de her, und zwar nicht sinnlich. Er sieht aber auch in die Instinkt-
welt, in die Welt des Kama, der Leidenschaften, in die Welt, wo die
menschlichen Triebe sind, in dasjenige, was die Menschen in Streit
und Hader bringt, was sie erfreut und was ihnen Lust bereitet in
dieser physischen Wirklichkeit; da sieht er hinein so, wie ein
FuEganger, der auf einem hohen Berge steht und in eine Gebirgs-
landschaft hineinsieht.
Und weil er sich erhoben hat liber die Sinnlichkeit, weil er um
sich nur eine Welt des reinen Geistes hat, deshalb sieht er auf der
anderen Seite diejenigen Wesenheiten, die geistiger Natur sind, und
er vernimmt etwas von dem, was man gottliche Weisheit nennt.
Die gottliche Wesenheit selbst ist der Vatergeist aller Religionen;
ihn kann niemand in seiner ureigensten Gestalt sehen. Das Hochste
bleibt unoffenbar, selbst fur die geoffneten geistigen Augen. Aber
eine Vorstellung von dem, was schafft und wirkt in der Welt, die
erhalt der Eingeweihte. Er wird gefiihrt vor die schaffenden, g6tt-
lichen Krafte. Dann spricht er zum ersten Male das Wort aus
Uberzeugung, aus unmittelbarer Anschauung heraus, das Wort,
das ihm vorher als Glaube beigebracht worden ist: [«Ich bin Brah-
man»]. Wird der Einzuweihende nunmehr durch die enge Pforte
gefuhrt, wo ihm das physische und das astrale Leben objektiv ge-
zeigt wird, dann ertont das Wort des einweihenden Priesters: Den-
jenigen, welche schon haben, denen wird viel gegeben werden, und
denjenigen, welche noch nicht haben, denen wird auch das genom-
men, was sie schon haben. - Das ist der Initiations spruch, der bei
der ersten Pforte der Enweihung ertont. Sie finden ihn auch in der
Bibel, wie manchen Spruch, der aus der agyptischen Priesterweis-
heit genommen ist. Diejenigen, welche haben, das sind die, denen
bereits der Geist aufgegangen ist, um geistig zu fiihlen, geistig zu
empfinden. Diejenigen aber, die an diese Pforte kommen und
keinen Glauben und keine Empfindung vom Geistigen haben,
denen wird auch das Verlangen nach geistiger Erkenntnis genom-
men. Wehe dem, der unwiirdig an diese Statte kommt, der neugie-
rig sich zugedrangt hat; ihm gegeniiber ertont eine andere Stimme,
die wieder eine symbolische Bedeutung hat.
Der Mensch erfahrt nunmehr, was universeller Geist ist, univer-
selle Seele. Wir Menschen denken iiber die sinnlichen Dinge nach,
aber der Geist, der in uns lebt, den wir als Gedanken in uns erfah-
ren, der den Gegenstand unseres Nachdenkens bildet, das ist der-
selbe wie die Weisheit, aus der die Welt aufgebaut ist. Wir konnten
nicht die Welt mit ihren Gesetzen erkennen, wenn sie nicht aus
diesen geistigen Gesetzen aufgebaut ware. Die Theosophie lehrt,
da£ das, was im Menschen als Geist, als Manas lebt, wesensgleich
ist mit dem, was im grofien Universum lebt, mit Mahat. Der Manas
des Menschen saugt die Weisheit aus dem Manas des Universums,
aus Mahat. Oder sollte ein Mensch glauben, dafi die Gesetze, die
wir am Himmel wirksam sehen, nach denen sich die Sterne be-
wegen, nur in seinem Verstande eine Bedeutung haben? Der Mahat
des gestirnten Himmels ist das Verstandes- und Vernunftelement
draufien in der grofien Welt, und was Sie davon erfahren, ist
Manas, das Verstandes- und Vernunftelement der kleinen Welt.
Nun steigt der Allgeist, der Universalgeist, auf den Einzuwei-
henden herab. Der Einweihungspriester spricht die Worte: Dies
ist mein vielgeliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe.
- Der Betreffende, nunmehr Eingeweihte, weifi, was Weltengeist
ist. Dann kann er den Glauben an den schopferischen Weltengeist
aus eigener Uberzeugung aussprechen und sagen: Ich glaube an
den gottlichen Vatergeist, der das Geistige, das auch das Himm-
lische genannt wird, und das Korperliche, das Irdische, gemacht
hat. — Im christlichen Glaubensbekenntnis heifit es: Ich glaube an
Gott, den allmachtigen Vater, der Himmel und Erde geschaffen
hat. - Und dann ist dem Menschen eines klar geworden: dafi er
selbst in Wahrheit und Wirklichkeit seinen Ursprung aus dem-
selben universellen Weltengeist genommen hat, der ihm hier im
Geisteslande entgegentritt. Er weifi, daft er zur Tiefe herunter-
gestiegen ist in die sinnlich-physische Materie; er weifi aber auch,
dafi er heruntergestiegen ist aus gottlichen Welten und aus dem
Geist stammt. Er weifi, dafi er die geistige Wesenheit, die er in
sich tragt, aus dem Borne des gottlichen Vatergeistes selbst erhal-
ten hat, daft er ein Strahl ist aus der Sonne des gottlichen Vater-
geistes. Das wird er gewahr als eine wirkliche gottliche Kraft, als
etwas, das er erfahrt und von dem er unmittelbare Gewifiheit hat.
Er fangt an, einen neuen Glauben an die Menschheit zu gewinnen.
Die Menschheit wird ihm zum eingeborenen Sohne Gottes, zu
dem Sohne, von dem er in seinem Glaubensbekenntnis spricht:
Ich glaube an den gottlichen Ursprung der Menschheit - an den
Gott im Menschen selbst, wie die agyptische Priesterweisheit das
ausgedriickt hat - oder an den Christus im Menschen, der herun-
tergestiegen ist aus himmlischen Welten. Und dann wird ihm klar,
dafi der Mensch, bevor diese Zeiten in der Erdenentwickelung
herangekommen waren, diese Zeiten, in denen wir jetzt leben,
diese Zeiten, in denen die Menschen durch ihre Sinne wahr-
nehmen, in der ihre sinnlichen Triebe sie zu ihren Handlungen
veranlassen -, es wird ihm klar, daft der Mensch, bevor er herab-
gestiegen ist in diese Sinnessphare, in einer anderen, in einer rein
geistigen Sphare war.
Der Schiiler hat jetzt das Geistesland kennengelernt, und er
weifi, dafi dieses Land das Land war, in dem der Mensch seinerzeit
war als eingeborener Sohn Gottes, er weifi, dafi der Mensch gebo-
ren ist aus jungfraulicher Geistmaterie - Maria oder Maja -, und er
weifi, dafi der Geistmensch Christus herabgestiegen ist in die sinn-
liche Materie, er weifi, da£ dieser Geistmensch in jedem von uns
enthalten ist und sich nach und nach durch die verschiedenen In-
karnationen entwickelt, er weifi, dafi dieser Geistmensch von sinn-
licher Korperlichkeit umgeben lebt, im physischen Korper lebt.
Die Dinge der auEeren Welt wirken sinnlich auf unseren Korper
ein und bauen uns unsere Augen, unsere Ohren und die anderen
Sinnesorgane auf. Innerhalb dieser korperlichen Sinnlichkeit leben
wir und lassen die Welt in uns eindringen. Durch die Sinnesorgane
schauen wir wie durch Fenster auf die aufiere Welt; wir sind
eingeschlossen in die sinnliche Materie und deshalb durch sie
beschrankt.
Rein und geistig ist der Christus, der in die Menschen einzieht;
jungfrauliche Geistmaterie ist er. Nun ist er herabgestiegen in die
zusammengezogene, sinnliche Materie. Diejenigen, die esoterisch
sprechen, nennen das das Wasser oder das Meer. So heifit es zum
Beispiel in der Genesis: Der Geist Gottes schwebte iiber den Was-
sern. - Das bedeutet, der Geist schwebt iiber der Materie. Man
nennt diese Materie griechisch auch «P6ntos Pylet6s», wortlich
zusammengezogenes Meer. Der Mensch ist eingezogen in diese
zusammengezogene Materie, die seine Organe gebildet hat. Da-
durch ist aus dem tatigen Wesen im Geisteslande ein Wesen gewor-
den, welches passiv die Eindriicke durch die Sinnesorgane von
aufien empfangt: Passiv ist der Mensch geworden, ein Pontos
Pyletos. Das unterscheidet das Anschauen in der geistigen Welt
von dem Anschauen in der Sinnenwelt. Wenn wir in der geistigen
Welt einen Gegenstand vor uns haben wollen, dann haben wir
zuerst den Gedanken, und diesen Gedanken bildet der Geist im
Geisteslande, das heilk, die Abbilder zu allem Schaffen findet der
Mensch im Geisteslande. In der sinnlichen Welt nimmt der Mensch
leidend auf, passiv geworden ist der Mensch. Wir alle sind passiv
geworden, gleichsam leidend in der zusammengezogenen Materie.
Das war das urspriingliche Bekenntnis des agyptischen Priester-
glaubens. Das 1st das Symbolum, daft der Christus zu der Mensch-
heit herabgestiegen ist, daft er Materie angenommen hat und passiv
leidend wurde in dem zusammengezogenen Meer, in dem Pontos
Pyletos. Im Laufe der Zeit ging dies in das Christentum iiber, und
dadurch, daft das Wort Pontos Pyletos grundlich miftverstanden
wurde, ist die miftverstandliche Stelle im christlichen Glaubensbe-
kenntnis entstanden, die heiftt: «gelitten unter Pontius Pilatus», die
nichts anderes ist als die angefuhrte Stelle des Glaubensbekennt-
nisses der agyptischen Priester. Leidend ist der Mensch geworden;
er ist nicht mehr aktiv, sondern passiv. Das ist derjenige Glaubens-
artikel, der im okkulten Symbolum die sogenannte Mensch-
werdung bedeutet.
Hat nun der Einzuweihende erkannt, was in diesen tiefen Wahr-
heiten gesagt ist, dann sieht er sich solange um in der objektiven,
sinnlichen Wirklichkeit, bis er in sich selber klar geworden ist, daft
er nunmehr heruntersteigen kann in diese Sinnlichkeit, um aus
Pflicht und in hingebender Selbstaufopferung innerhalb der sinn-
lichen Wirklichkeit zu wirken. Wenn er so weit ist, daft er nicht
mehr die sinnlichen Triebe zu befriedigen sucht, sondern diese nur
benutzt, um innerhalb der sinnlichen Welt zu wirken, dann ist er
selbst ein Eingeweihter, dann ist er initiiert, dann hat er die feste
Sicherheit, daft er durchschauen kann die allgemeine Weltengerech-
tigkeit. Friiher lebte er in der Sinneswelt eingeschlossen, und un-
klar war ihm das Ratsel von Geburt und Tod, das Ratsel des ewi-
gen Werdens. Jetzt ist ihm klar, daft er ewig ist und erhaben iiber
Geburt und Tod. Er sieht dasjenige, was veranderlich ist und
gleichzeitig die urewige Weltengerechtigkeit, die wir in der theoso-
phischen Sprache Karma nennen. Er ist zu einem Weisen geworden
in Weltengerechtigkeit, er kann richten iiber Leben und Tod, oder,
wie es bei den agyptischen Eingeweihten heiftt, iiber Geburt und
Tod. Und jetzt glaubt er an die erhabene Gemeinschaft der leib-
befreiten Geister. Nur in der sinnlichen Welt sind wir getrennt, im
Devachan sind wir eine Gemeinschaft der leibbefreiten Geister.
Das christliche Glaubensbekenntnis driickt das so aus, dafi es sagt:
Ich glaube an die Gemeinschaft der Heiligen. - Aus dem esoteri-
schen Bekenntnis der agyptischen Eingeweihten ist das christliche
Glaubensbekenntnis erwachsen, das eine ganz esoterische Sprache
spricht. Es ist zum Teil aus mifiverstandenen Symbolen, zum Teil
aus esoterischen Spriichen iibersetzt, die die Einzuweihenden als
unmittelbares Wissen im Devachanlande empfangen haben.
Nun wird Ihnen aus dieser Auseinandersetzung etwas klarer
geworden sein, was man meint mit dem Lande der Wonnen und
der Gliickseligkeit. Es ist die Wonne der Unbegrenztheit, der ewi-
gen Tatigkeit, des ewigen Wirkens. Warum kann uns alles das, was
uns in der physischen Welt bedriickt, im Devachan nicht mehr
bedriicken? Nicht deshalb ist Devachan ein Land der Gliickselig-
keit, weil uns dort Wonnen zuteil werden, wie sie der Mensch in
seiner Sinnenwelt verlangt und begehrt, sondern deshalb, weil er
frei ist von Korperlichkeit, frei ist von dem, was nach sinnlichen
Gelusten verlangt, frei ist aber auch von dem, was ihn begrenzt,
und weil es ihm moglich macht, auf das, was sonst von aufien auf
ihn wirkt, zuriickzuwirken. Was uns begrenzt in der sinnlichen
Welt, ist entfernt, was uns Schmerz machen kann, ist nicht mehr
da. Denn wodurch entsteht der Schmerz? Dadurch, dafi auf unse-
ren Astralkorper oder auf unseren physischen Korper Eindriicke
gemacht werden. Diese Korper haben wir abgelegt, wenn wir im
Devachan sind; es ist der Grund weggefallen zu den Schmerzen
und zu den Unlustgefiihlen, die wir in der physischen Welt er-
leben. Weil niemand mehr egoistisch sein kann, kann auch niemand
mehr egoistische Freuden verlangen; weil niemand mehr einen
Astralkorper hat, ist man frei von allem, was seine eigene Person-
lichkeit bedriicken kann. Deshalb erkennt man das Devachan als
das «Land der Wonne», das «Land der Gliickseligkeit».
Ich habe gesagt, dafi gerade im dritten Gebiete des Devachan
uns offenbar wird jeglicher Schmerz, jeglicher Seufzer der Kreatur,
dafi wir alles das wahrnehmen konnen, was hier auf der Erde vor-
geht an Schmerzen und Leiden, was sich abspielt an Leidenschaften
und Begierden. Aber wir nehmen es so wahr, wie wir die Objekte
hier in der Sinnenwelt wahrnehmen - eine Wahrnehmung, welche
nicht so stark und nicht so grell ist, dafi sie uns Schmerz verursacht.
Es ist auch nicht so, wie wenn wir einen Gegenstand betasten,
befuhlen, der einen hohen Temperaturgrad hat, dafi wir uns ver-
brennen - kurz, wir nehmen wahr, ohne dafi wir egoistische
Schmerzen oder personliche Lust empfinden. Wir sehen die Ge-
samtheit aller Schmerzen, aller Leiden an, und wir stehen als geisti-
ge Wesenheiten dariiber und fuhlen, dafi wir mitzuarbeiten haben
daran, diese Schmerzen zu lindern oder zu mindern. Es ist uns ganz
gleich, ob dieser Schmerz oder diese Lust uns angehort oder ande-
ren. Uns ere Personlichkeit ist abgestreift; die Schmerzen sind nicht
mehr personlich. Es ist die Ursache weggefallen, aus der fur uns
personliches Leid entstehen konnte. Weil wir entkorpert gleichsam
frei sind von allem, was uns bedriicken konnte, deshalb nennt man
das Devachan das Land der Wonne, deshalb mufi die Gliickselig-
keit im Devachan als eine solche beschrieben werden, die sich mit
nichts vergleichen lalk, was hier in der sinnlichen Wirklichkeit vor
sich geht. Nur derjenige weifi, was diese «Wonnen» des Devachan
bedeuten, der als ein Eingeweihter selbst schon hier in dieser
physisch-sinnlichen Verkorperung Erfahrungen gemacht und
Kunde und Weisheit von diesem Devachan erhalten hat.
Alles dasjenige, was uns vom Devachanlande erzahlt wird,
stammt aus den Erfahrungen und den unmittelbaren Beobachtun-
gen und aus den Einblicken solcher Eingeweihter, die gelernt
haben, selbst aktiv tatig zu sein innerhalb des geistigen Daseins.
Diese haben auch gelernt, dafi es die grofke Illusion ware, davon zu
sprechen, dafi das Leben im Devachan zwischen zwei Verkorpe-
rungen eine Illusion sei. Das ist gerade die Illusion, dafi wir das
Leben im Devachan als eine Illusion, als einen Traum betrachten.
Und in der Tat: alles wirkliche Leben stammt aus dem Devachan.
Und nur deshalb, weil es die Aufgabe des irdischen Daseins ist, die
Menschen in ihrer geistigen Tatigkeit herunterzufuhren bis in die
irdische Welt, mufi der Christus im Menschen, in sinnlicher Ver-
korperung erscheinen. Deshalb ist nach dem Ausspruch Platos, des
grofien griechischen Philosophen, die Weltseele in Kreuzesform
durch das Universum gelegt und uber den irdischen Weltleib
ausgespannt. Das hat Plato gesagt. Es ist ein Symbolum, das der
Eingeweihte kennt in seiner tiefsten Bedeutung.
So, wie das Instrument, das Werkzeug, den Werkmeister
braucht, so braucht unser physisches Dasein die geistige Welt,
damit die geistige Welt der Baumeister am physischen Leib sein
kann. Wie niemals zum Beispiel ein Hammer ohne Einflufi geisti-
gen Nachdenkens entstanden ware und niemals gebraucht werden
konnte von einem Wesen, das nur physische Krafte hatte und nicht
nachdenken konnte, so konnte auch der Mensch seine Aufgabe
nicht erfiillen, wenn er nicht immer wieder aufsteigen wurde in das
Geistesland und sich dort immer wieder die Krafte holen wiirde,
um in der sinnlichen Wirklichkeit zu wirken. In dasjenige Land
steigt er, wo er Kunde der reinen Geistigkeit erhalt, wo er lernt,
wie die geistigen Krafte wirken, ohne dafi sie passiv werden inner-
halb der Sinne, wo er lernt, frei die Fliigel zu entfalten und zu
wirken. Dann kann er wiederum verkorpert, leidend werden in der
zusammengezogenen Materie des irdischen Daseins, im Pontos
Pyletos. Von Inkarnation zu Inkarnation wandert der Mensch;
immer wieder zieht er ein in den Pontos Pyletos; immer wieder
wird der Geist gekreuzigt in der Materie.
Niemals kann der Theosoph materialistisch sein - auch nicht in
kleinstem Anfluge - und in der physischen Welt das Ganze des Da-
seins erblicken. Und namentlich, wenn er in der Lage ist, eigene Be-
obachtungen im Lande des Geistes zu machen, wird er zu der Er-
kenntnis kommen, dafi Askese wirklichkeitsfeindlich ware. Was der
Mensch als geistiges Wesen fur eine Aufgabe hat, das wird uns klar
im Geisteslande. Die irdische Welt, in der wir leben, ist der uns zu-
gewiesene Aufenthaltsort wahrend unserer gegenwartigen Evolu-
tion. Und was wir aus dem Geisteslande holen, das sollen wir zum
Segen dieser irdischen Welt anwenden. Damit wir auf dieser Erde
wirken konnen, deshalb werden wir immer wieder zwischen zwei
Inkarnationen mit neuen Auftragen aus dem Geisteslande versehen.
Verehrte Anwesende, wir haben nun die Gebiete der drei Wel-
ten durchwandert. Drei Welten sind es, in denen der Mensch lebt:
die irdische Welt, die seelische oder astrale Welt und die geistige
Welt oder Devachan. Hier in diesem Dasein lebt der Mensch in
alien drei Welten. In jedem sinnlichen Menschen ist auch ein
seelischer Mensch und ein geistiger Mensch enthalten. Bewufitsein
hat allerdings der Mensch nur innerhalb des Sinnlichen, aber wir-
ken tut in ihm der astrale und der geistige Mensch ebenso; in jedem
Menschen ist auch die Seele und der Geist wirksam. Das Bewufit-
sein des Menschen erwacht zwischen zwei Inkarnationen im
Kamaloka, im Seelenlande; dann wird der Mensch sehend, er wird
erweckt zwischen zwei Inkarnationen - je nach der Entwicklungs-
stufe, je nachdem, was er mitbringt aus dieser irdischen Inkarna-
tion - im Devachan, im Geisteslande, um wiederum zuriickzukeh-
ren in die astrale Welt, um sich mit Astralmaterie zu umkleiden
und wiederum inkarniert zu werden in der physischen Wirklich-
keit. Das ist der Gang, die Pilgerschaft des menschlichen Geistes.
Aus dem Geisteslande stammt die menschliche Wesenheit. Jung-
frauliche Materie war es ursprunglich, aus welcher der Mensch, als
er noch im reinen Geisteslande lebte, sich selbst einen Leib bildete.
Diesem unserem irdischen Zustande ist vor langer Zeit ein anderes
Leben auf unserer Erde vorangegangen. Da waren die Menschen
noch reine Geister, da war nur geistige Wirklichkeit vorhanden.
Dann stieg der Mensch zunachst herab in das astrale Dasein, noch
nicht bis zur physischen Wirklichkeit. Er war damals noch der
Adam-Kadmon, jene «reine» Wesenheit, in der noch nicht die
physische Triebwelt vorhanden war.
Dann kam dasjenige, was in der Genesis so wunderbar symbo-
lisch ausgedriickt wird, wo es heifit: Jehova formte den Menschen
aus einem Erdenklofi und blies ihm ein den lebendigen Odem. -
Der Geist bekam sinnlich-dichte Materie und damit zugleich das
ganze Dasein der physisch-sinnlichen Wirklichkeit. Der Mensch
war bis dahin in einer Art von Unterbewufitsein. Das wache Be-
wufitsein, das wir heute haben, dieser Verstand, durch den wir die
Dinge erwagen und mit dem wir uns orientieren in der physischen
Welt, ist dem Menschen erst geworden mit dem Heruntersteigen in
die sinnliche Welt; zugleich mit der niederen sinnlichen Wirklich-
keit hat der Mensch die Vernunft bekommen. Dies ist wiederum in
der Genesis in symbolischer Weise dargestellt als die Schlange; sie
beschenkt die Menschheit mit dem irdischen Verstande.
Der tiefste Punkt in der Menschheitsentwicklung ist derjenige,
wo Geburt und Tod stattfinden, wo das Unsterbliche des Men-
schen immer hindurchschreiten mufi durch die Pforte des Todes.
Dies wird in der nachsten Epoche abgelost werden, dann wird der
Mensch, ahnlich wie in der vorhergehenden Epoche, nur noch
Astralwesen sein; und dann wird die letzte Epoche kommen, wo
der Mensch nur ein geistiges Dasein haben wird.
So lehrt uns gerade die Betrachtung des Devachan, wie alles in
der Welt, im groften und im kleinen, in einer Entwicklung steht,
wie alles Dasein aus dem Geiste kommt, durch die sinnliche Wirk-
lichkeit hindurchgeht, um wieder zum Geistigen aufzusteigen. Die
Betrachtung dieses hoheren, geistigen Gebietes zeigt uns, daft
dasjenige, was wir Tod nennen, was wir Vergehen nennen, nichts
weiter ist als ein voriibergehender, fast ein illusionarer Zustand
einer Weltepoche, daft es nicht etwas ist, was Dauer haben kann.
Die Uberzeugung, die Klarheit, das Wissen dariiber, daft der
Mensch aus hoheren Gebieten gekommen ist und daft er zu
hoheren Gebieten wieder gehen wird, das ist es, was uns die Kraft
gibt, daft wir nach und nach, wenn wir in der Theosophie vor-
schreiten, alles nachempfinden konnen, was ein Initiierter des
friihen Christentums - Paulus - empfunden und mit den Worten
ausgedriickt hat: Tod, wo ist dein Stachel?
Andererseits soil man aber auch niemals das irdische Dasein
verachten. So, wie die Biene den Honig in den Bienenstock hinein-
tragt, so haben wir aus der irdischen Welt den Honig zu saugen
und ihn hinaufzutragen in die geistige Welt. Wir finden uns aber
nur zurecht, wenn wir wissen, welches die Grundkrafte unseres
Daseins sind. Aus diesem Grunde habe ich die Vortrage iiber das
Devachangebiet gehalten. Nur eines konnte mich bewegen, diese
Vortrage zu halten, von denen ich weift, daft sie leicht miftverstan-
den werden konnen, das ist ein Satz, den die Verfasserin des theo-
sophischen Grundbuches «Licht auf den Weg» geschrieben hat:
Und so du die Wahrheit erkannt hast, so darfst du sie nicht fiir dich
behalten. - Wer die Wahrheit erkannt hat, darf sie nicht fur sich
behalten. Und wer sich berufen fiihlt, sie zu sagen, der muE sie
sagen, gleichgiiltig, wie sie aufgenommen wird. Hoher als alles
andere ist der Ruf aus der geistigen Welt, wenn wir ihn einmal
vernommen haben. Dieser Ruf erweckt in uns ein Bewufitsein, das
ganz anders ist als alles Bewufitsein, das wir uns aus dem sinnlichen
Dasein kennen. Und dann konnen wir aus der Anschauung des
Geisteslandes heraus einen Spruch Salomons zu unserer Devise
machen:
Deshalb flehte ich um Einsicht, und sie ward mir gegeben,
ich rief den Hochsten an, und Weisheit ward meinem Geiste.
Ich schatze die Wahrheit hoher als alles dasjenige, was im
Sinnenreiche um mich herum lebt.
Der Weise schatzt die Weisheit hoher als alle sinnlichen Reiche,
die um ihn herum sind. Deshalb versucht er es, diese Weisheit zu
verkundigen. Das soli eine Rechtfertigung dessen sein, was mich
bewogen hat, iiber dieses subtile Gebiet des Daseins zu sprechen,
obgleich ich weifi, wie diese Dinge miftverstanden werden konnen
und wie schwierig es ist, dariiber in einer einigermafien verstandli-
chen Sprache zu sprechen. Aber wenn wir diesen Ruf empfunden
haben, dann lassen wir im Sinne der salomonischen Weisheit ihn
austonen in die Worte:
Propter hoc optavi et datus est mihi sensus
et invocavi et venit in me spiritus sapientiae
et praeposui illam regnis et sedibus et divitias nihil esse duxi
in comparatione illius.
Ill
VIER PRIVATE LEHRSTUNDEN
fur Marie von Sivers, Olga von Sivers
und Maria von Strauch-Spettini
Berlin- Schlachtensee, Sommer 1903
Aufzeichnungen von
Marie von Sivers (Marie Steiner)
I
ERSTE STUNDE
Berlin-Schlachtensee, Sommer 1903
Der Sonnenlogos. Die zebn Avatare
Die aufieren Gestalten der Erscheinungswelt haben neben ihrer
aufieren noch eine innere Bedeutung, sie sind gleichsam Symbole
einer friiheren Entwicklungsphase. «Alles Vergangliche ist nur ein
Gleichnis», dem, der tiefer schaut. Dem Psychographen, der mit
astralem Vermogen in das innere Werden, in die Seele der Welt
schaut, entschleiern die Dinge der Erscheinungswelt ihre innere
Geschichte. Das Auge des Dangma sieht in einer Entwicklungsreihe
die Verwandlungen des Logos. Die heiligen Biicher der Veden und
die Rosenkreuzer-Chronik sprechen von zehn solchen Avataras
oder Metamorphosen unseres gegenwartigen Sonnenlogos. Fiir das
Hellseherorgan ist das heutige Lanzettfischchen (Amphioxus lan-
ceolatus) das Erinnerungszeichen einer Inkarnation des Sonnen-
logos und ein Gleichnis fiir den Vorahn der Wirbeltiere. Man kann
sich das vorstellen, wenn man an die Zeichen Sichel, Skorpion, Fisch
und so weiter im Kalender denkt, die Symbole fiir Vorgange in der
Gestirnwelt bedeuten. Die Wirbelknochen, aus denen sich nachein-
ander die Fische, Amphibien, Vogel und Saugetiere entwickelt
haben, waren im Vorahn nur in der ersten Anlage vorhanden, wie in
dem heutigen Lanzettfischchen das Fiihlorgan durch einen einzigen
Nervenstrang angedeutet ist, aus dem sich in spateren Entwicklun-
gen das Gehirn der Wassertiere, der Fische, herausorganisierte.
Die erste Metamorphose des Sonnenlogos driickt die Rosen-
kreuzer-Chronik mit folgenden Worten aus:
Die einige Muttersubstanz des Geisteslichtes dammerte in
sich selbst. Und der dammernden Stoff-Dichte entwand sich
geistige Sonderheit, sich einfiihlend in die Stoff-Dammerung.
Der Weltengeist lebt in diesem Fiihlen als die Seele, deren
Leib die Wasser sind.
Indisch: Matsya = Fisch
Erster Avatar.
Der Sonnenlogos inkarniert sich als Vorbild und Fiihrer inmit-
ten einer neuen Entwicklungsphase. Urspriinghch dammerte der
Geist in sich selbst, Geist und Materie sind noch undifferenziert
ineinander. So zeigen heute die Mollusken und Wiirmer noch kein
gesondertes Nervenleben, die Empfindung durchdringt ihren gan-
zen einheitlichen Stoff, aus dem sie bestehen. Bei dem ersten Avat-
ar trennte sich der Geist von der eiformigen astralen, feinen Stoff -
hiille und bildete einen leuchtenden Punkt in ihr, mit seinen Strah-
len sie durchdringend. Alle Entwicklung ist polarisch.
Und das Geistlicht erzeugt in sich noch eine hohere Geistigkeit, es
bringt aus sich eine noch feinere mentale Materie hervor - darin
sich spater das Gehirn hineinbaut -, die fuhlende, astrale Materie
[wird] zuriickgedrangt, umhiillt sich schiitzend an ihrem aufiersten
Pol mit einer noch festeren Materie, aus der sich die physische
spater entwickelt. Das ware der zweite Avatar, die zweite Meta-
morphose der Gottheit, die die Rosenkreuzer-Chronik mit folgen-
den Worten ausdriickt:
Und dem Wasserleibe entwand sich das Ftihlen, an sich zie-
hend Festigkeit, die in den Wassern schlummert. Zum Kleide
des Fiihlens wurde die stoff liche Festigkeit. Bebend ward das
Kleid dem Leben der Weltenseele angepafk, Harmonie schuf
die Seele in dem bebenden Kleide.
Das Erinnerungszeichen an den zweiten Avatar ist Kurma, die
Schildkrote (Amphibien). Darum hat Paracelsus in den Amphibien
Tiere gesehen, die der Gottheit in ihrer Natur noch naherstehen.
Zweites Drittel der zweiten Runde.
In der dritten Metamorphose des Logos zieht sich die Geistigkeit
noch mehr in sich zuriick, die astrale Materie dehnt sich aus, wird
starker und fester und der sich entwickelnde Mensch lebt ganz in
seiner gewaltigen Kraft und Starke, wahrend der Geist sich in ei-
nem Schlummerzustand befindet. Der astrale Stoff muftte erst in
voller Selbstheit sich widerstandstuchtig machen, um spater wieder
iiberwunden zu werden.
Das Erinnerungszeichen fur den dritten Avatar, im Beginn der
dritten Runde, nennt man Varaha, der Eber. Die Rosenkreuzer-
Chronik sagt:
Dem Kleide soil sein Festigkeit gegen des Stoffes Stiirme: es
soli eine starke Hiille sein seines geistigen Herrn, und in
Selbstheit leben mufi daher die Hiille. Also kleidete sich die
Weltenseele in das Gewand der starken Tierheit.
Im vierten Avatar (erstes Drittel der vierten Runde) wurde dieser
Tiermensch Herrscher. Riese in seiner Stoffkraft, zog er die Gei-
stigkeit ganz in sich hinein und machte sich zum Herrn derselben,
sie schutzend mit seiner gewaltigen Kraft. Ein kleiner Teil blieb als
Warner zuriick, und verbunden mit der Allseele wurde die Seele -
als Zwerg symbolisiert - des Nara-simha, des Menschenlowen
Kraft.
Und zum Selbst wurde die starke Tierheit, Selbst-Kraft stro-
mend durch des Stoffes Lenden, abwehrend die Feindes-
Kraft von dem zarten Geistselbst, das als Warner schlummert
in der starken Tierheit des Menschenlowen.
Doch der Zwerg des Geistes, Vamana, stromt seine belebende
Kraft durch die Glieder des Riesen, lenkt ihn und macht sich zum
Beherrscher des Menschenlowen, wie der Riese Goliath vom
Zwerg David beherrscht wurde. Und auch der Warner wird nun
ganz in den Stoff hineingezogen und verliert den letzten Zusam-
menhang mit der Allseele. Der Mensch ist jetzt ganz auf sich selbst
gestellt und hat den auftersten Grad der Absonderung erreicht.
Zunachst kampft nun dieser im Stoff abgesonderte Geist in Selbst-
sucht und Willkiir gegen die anderen abgesonderten Geister; er
wird schrankenlos, weil der Warner fehlt und die Fiihrung.
Es ist der physische Mensch, und der funfte Avatar lautet:
Und der Warner wurde zum Herrscher der starken Tierheit
des Mens chenlo wen. Der Zwerg besiegte des Riesen gewalti-
ge Kraft: und Geistleben erweckte er in der Tierheit wuchti-
gen Gliedern.
Jetzt tritt der sechste Avatar auf als erster Gesetzgeber und streng
straft das Gesetz nun den Mifibrauch der Kraft des Kriegers. Es ist
die Epoche des Parashu-Rama (Vater des Rama). Er fiihrt die Krie-
ger und beugt sie unter das harte, aber gute Gesetz.
Sechster Avatar:
Nicht ohne des Geistlebens Richtkraft diirften fortan des
Korpers Lenden sich strecken. Denn bose wiirde solches
geistfremde Strecken. Das Geistleben trat in die Mitte der
lendenbegabten Krieger, und das gute Gesetz wollte strafen
die geistfremden Krafte.
Jetzt als siebente Metamorphose des Logos erschien Rama, der
Sohn des Parashu-Rama, und er milderte in Liebe die Harte und
Strenge der Gebote und die Krieger liebten das Gesetz in willigem
Gehorsam. Es war der erste noch sagenhafte Idealkonig der Inder
und aller anderen Volker.
Siebenter Avatar:
Ernst und streng war der Zwang des Geistwesens. Da gebar
es in sich die Milde. In Liebe loste sich hartes Gesetzesgebot.
Jetzt trat Krishna auf als achte Inkarnation des Gottes, er lehrte die
Menschen die Liebe als Seligkeit empfinden und lebte als Vorbild
ihnen in Seligkeit:
Und der Liebessame erbliihte und trieb Liebesfrucht, die da
heifiet die Seligkeit. Und die Seligkeit war selbst Mensch.
Bis hier war des Menschen Leben ein Aufstieg bis zur Budhihohe
der Seligkeit, aber jetzt mufite der Weg wieder abwarts des Bogens
zuriickgelegt werden, um Weisheit zu lernen und Manas durch das
Werk, durch Karma hindurch wieder freizumachen und mit Budhi
zu verbinden. Und so erschien Buddha als Fiihrer und Urbild, der
Menschheitsentwicklung so weit voraus, um ihnen den Weg zu
weisen. So heiik der neunte Avatar: Buddha.
Und die Seligkeit sandte ihren Sohn zur Erde: der da heifiet
die verkorperte Weisheit. Und sie wohnte in dem sterblichen
Leibe des Konigsohnes. - Buddha.
Der zehnte Avatar: Das ist der, der da kommen wird; Kalki, sagt
das Indische. Die Rosenkreuzer-Chronik lautet:
Wenn aber die Zeiten erfiillt sind, das Auge offnet sich, und
Menschenschicksal wird leuchtend im Innern, die leuchtende
Gestalt wahle zum Fiihrer: dann wird dir Schicksal selbst
Gesetz und liebesvolles Wollen. Wes Auge sich offnet, der
sieht lebende Rosen dem Kreuze erwachsen.
Christus war fur die Rosenkreuzer dieser Kommende, Christus als
die sich immer fortentwickelnde Kristallisation zum leuchtenden
Vorbild der sich hinaufentwickelnden Menschheit, der als Jesus
menschliches Karma auf sich nahm und durch immer neue Inkar-
nation mit dem Karma der Christenheit verbunden bleibt, sie fuh-
rend und leitend bis ans Ende dieser Rasse.
Alle Lebenslegenden der Nirmanakayas, der Lehrer der Mensch-
heit, glichen sich, sie sind nach einem bestimmten Schema: Leben,
Versuchung, Opfertod und Verklarung, zu dem gemeinsamen
Zweck bei dem Niederstieg in die Materie ausgewahlt: Zarathustra,
Hermes, die Druidenlehrer, Buddha, Christus. Bis zur Verklarung
ist das Leben Jesu und Buddhas gleich, von hier [ab] tritt eine Ande-
rung ein, und Christus steigt am tiefsten in die Materie hinab, denn
ihm ist eine besondere Aufgabe gegeben. Als die Individuality des
Mahaguru sich als Buddha inkarnierte, hatten die Lehren desselben
zu Mifiverstandnissen und Spaltungen gefuhrt, er hatte zuviel gege-
ben. Noch einmal mufite Buddha als Shankaracharya sich inkarnie-
ren und von ihm sind dann die tibetanischen Lehrer, die Mahatmas,
ausgebildet worden, welche die Lehre der Theosophie zum Teil der
Offentlichkeit iibergeben haben, um durch sie den verschiedenen
Religionen den esoterischen Inhalt, der alien gleich zugrundeliegt,
wiederzugeben und um das gesunkene geistige Niveau der Mensch-
heit zu heben. Als sich die Individuality des Mahaguru in Christo
inkarnierte, wahlte er nicht wie sonst eine jungfrauliche embryonale
Materie, die rein und f rei von Karma war, sondern stieg tief er hinab,
um so karmabeladen in voller Briiderlichkeit mit der Menschheit als
Fleisch von ihrem Fleische auch die dichteste Materie zu geistiger
Verklarung zu bringen. So kam das Mysterium Christo zustande:
Dafi der Mahaguru von dem Leib eines niederen Mahatmas, eines
Chelas der dritten Initiation, des dreifiigjahrigen Jesu Besitz ergriff,
dessen Korper schon durch das Leben hindurchgegangen war und
Karma gebildet hatte. Als Christus trat von nun an der grofie Lehrer
der Menschheit auf . Bis zur Verklarung gleicht das Leben Jesu dem
Buddhas, von hier aber beginnt die Tragodie des Christus. Er hatte
die Bestimmung, Kreuzestod und Wiederauferstehung, die sonst nur
sinnbildlich in der Verborgenheit vollzogen wurden, nun vorbildlich
und offentlich am eigenen Korper zu erleben, um durch dieses
Opfer auch die grofie Masse der Menschheit emporzuheben und sie
der Erlosung aus der niederen Materie entgegenzufuhren. So steht
Buddha einerseits auf einer hoheren Stufe, weil er erhabener, von der
niederen Materie unberuhrt blieb und nur lehrte, und andererseits
steht Christus hoher, weil er das grofiere Opfer vollzogen und
durch seinen Abstieg in die dichteste physische Materie sie vergei-
stigt wieder zuruckbrachte.
Christus hat keine Aufzeichnungen hinterlassen wie andere gro-
Ee Lehrer der Menschheit. Seine Aufgabe war es, diese Lehren, die
schon vorhanden waren, zu leben, vorbildlich fur die Menschheit
zu leben und so die Mysterienlehre freizumachen, um eine mog-
lichst grofie Menschheitsmasse zur schnelleren geistigen Evolution
zu bringen. So brachte er der Menschheit das grolke Opfer: Sein
lichter Geist stieg in die dunkelste Materie hinab.
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Notizbucbeintragung zur ersten Lehrstunde Sommer 1903
(Archiv-Nr. NB 427)
I.
Die einige Muttersubstanz des Geistes- dem Leben der Wekenseele angepafit,
lichtes dammerte in sich selbst. Und Harmonie schuf die Seele in dem beben-
der dammernden Stoff-Dichte entwand sich den Kleide. = Kurma
geistige Sonderheit, sich einfiihlend in die Schildkrote
Stoff-Dammerung. Der Weltengeist
lebt in diesem Fiihlen als die Seele, III.
deren Leib die Wasser sind. = Matsya Dem Kleide soil sein Festigkeit gegen
= Fisch des Stoffes Stiirme: es soil eine
II.
Und dem Wasserleibe entwand sich
das Fiihlen, an sich ziehend Festigkeit,
die in den Wassern schlummert. Zum
Kleide des Fuhlens wurde die stoffliche
Festigkeit. Bebend ward das Kleid
starke Hulle sein seines geistigen Herrn,
und in Selbstheit leben mufi daher
die Hiille. Also kleidete sich
die Wekenseele in das Gewand der
starken Tierheit. - Varatha [Varaha]
Eber
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 8 8
Seite:155
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IV.
Und zum Selbst wurde die starke
Tierheit, Selbst-Kraft stromend durch des
Stoffes Lenden, abwehrend die
Feindes-Kraft von dem zarten Geistselbst,
das als Warner schlummert in der
starke n Tierheit des Menschenlowen.
= Nara-simha
Menschenlowe.
V.
Und der Warner wurde zum
Herrscher der starken Tierheit des
Menschen-Lowen. Der Zwerg besiegte
des Riesen gewaltige Kraft: und
Geistleben erweckte er in der
Tierheit wuchtigen Gliedern.
= Vahama [Vamana] Zwerg
VI.
Nicht ohne des Geistlebens Richtkrait
diirften fortan des Korpers Lenden
sich strecken. Denn bose wiirde solches
geistfremde Strecken. Das Geistleben
trat in die Mitte der lendenbe-
gabten Krieger, und das gute Gesetz
wollte strafen die geistfremden
Krafte. = Paraschurama.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 8 8 Seite: 156
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T
VII.
Ernst und streng
war der Zwang des Geistwesens
Da gebar es In sich die Milde.
In Liebe loste sich hartes
Gesetzesgebot. = Rama
der Ideal-Konig
VIII.
Und der Liebessame erbliihte
und trieb Liebesfrucht, die da
heifiet die Seligkeit. Und die
Seligkeit war seibst Mensch
= Krishna
IX.
Und die Seligkeit sandte ihren
Sohn zur Erde: der da heifiet
die verkorperte "Weisheit. Und sie
wohnte in dem sterblichen Leibe
des Konigsohnes. = Buddha.
X.
Wenn aber die Zeiten erfullt sind,
das Auge offnet sich, und Menschen-
schicksal wird leuchtend
im Innern, die leuchtende Gesialt
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 8 8 Seite: 1 5 7
wahle zum Fiihrer: dann wircl dir
Schicksal selbst Gesetz und liebesvoiles
Wollen.
Kalki
ZWEITE STUNDE
Berlin-Schlachtensee, Sommer 1903
Die Bhagavad Gita
Die Bhagavad Gita, welche in poetischem Gewande die erhabenste
Tugendlehre der indischen Weltanschauung enthalt, bildet eine in
sich abgeschlossene Episode aus einem der beriihmtesten und alte-
sten der beiden grofien Heldenepen der Inder, dem Mahabharata,
das heifit der grofie Krieg.
Was den Griechen die homerischen Gesange, den germanischen
Volkern die Nibelungensage, das ist dem Sanskritvolke das Maha-
bharata. Ihren Kern bilden die uralten Kriegsgesange und Helden-
sagen aus der Zeit der grofien Wanderung und der Eroberungs-
kampfe am Ganges. Die Anfange dieser Dichtung reichen hinauf
bis ins 10. und 11. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung und ge-
ben ein treues Sittengemalde dieser altesten indischen Heldenzeit.
Historische Tatsachen und Personlichkeiten in poetischer Umhiil-
lung liegen diesen Schilderungen gewifi ebenso zugrunde wie den
anderen Volksgesangen.
Im Mittelpunkt stehen die Kampfe der beiden verwandten Ge-
schlechter der Kurus und Pandus, die mit dem Untergange des
Heldengeschlechtes der Kurus enden. Die Bhagavad Gita hat zum
Inhalt ein wundervolles religionsphilosophisches Gesprach zwi-
schen dem Helden Arjuna und Krishna, dem fleischgewordenen,
inkarnierten Gotte. Die lichtvollen und erhabenen Weisheitslehren
und das iiberaus fein differenzierte Empfindungs- und Unterschei-
dungsvermogen in den subtilsten ethischen Fragen lassen nicht nur
auf eine noch unerreichte Kultur unserer Stammeseltern auf diesem
Gebiete schliefien, nein, sie wirken auch wie unmittelbare Offen-
barungen des gottlichen Geistes. Wilhelm von Humboldt war so
erschiittert von der unvergleichlichen Schonheit und Tiefe dieser
Dichtung, dafi er begeistert ausrief: Es lohnt, so lange zu leben, um
ein solches Gedicht kennenzulernen. -
Im Beginn stehen sich die beiden feindlichen Heere kampfbereit
gegeniiber. Arjuna der Held lafit seinen goldenen, mit weifien
Rossen bespannten Wagen in die Mitte des Kriegsfeldes lenken, um
sich die kampfbegierigen Feinde naher zu betrachten. Als er aber in
ihren Reihen Blutsverwandte entdeckt, Vater, Sonne, Enkel, Vet-
tern und Briider, die wutentbrannt sich gegenseitig morden wollen,
da erbebt sein edles Herz in wildem Weh, und von Mitleid iiber-
waltigt, entfallt ihm der schon gespannte Bogen. Er schaudert vor
dem Gedanken einer Blutschuld zuriick, lieber will er auf Ruhm
und Herrschertum verzichten, als diese Siinde auf sich laden; lieber
mochte er von ihrer Hand sterben, als den Tod eines seiner Ver-
wandten verschulden. Doch Krishna naht sich dem Verzagten und
schlichtet den Kampf in seinem Innern, indem er ihn iiber seine
Pflichten als Krieger, iiber sein Dharma aufklart. Arjuna der Held
ist der Mensch, und sein Inneres ist das Schlachtfeld, auf dem die
harten Kampfe der Seele ausgefochten werden. Schwankend zwi-
schen dem irdischen und dem himmlischen Teile unseres Gemiits-
lebens, im Widerstreit der Gefiihle, von bangen Zweifeln geplagt,
wissen wir oft nicht, wohin wir uns wenden sollen, was unsere
Pflicht ist. Denn jedes Sonderwesen hat seine eigene besondere
Pflicht, sein Dharma, das er erkennen mufi.
Was versteht der Inder unter «Dharma»? Dharma hat viele Be-
deutungen, die sich aber gegenseitig erganzen und alle zueinander
in Beziehung stehen. Dharma ist mit Karma eng verkntipft; sie
verhalten sich zueinander wie Frucht und Samen. Dharma ist das
Gewordene, das Resultat des vergangenen Karmas, der vergange-
nen Tatigkeit, und Dharma ist das gegenwartige schaffende Prinzip
in uns und erzeugt wieder das Karma der Zukunft. Dharma ist die
Richtkraft unseres eigenen Denkens und Handelns, unsere eigene,
personliche Wahrheit. Es bezeichnet unsere innere Natur, charak-
terisiert durch den erreichten Grad der Entwicklung; es ist das
Gesetz, welches das Wachstum fur die zukunftige Entwicklungs-
periode bestimmt, der fortlaufende Lebensfaden. Wie Ring an Ring
reiht sich Inkarnation an Inkarnation, eine kontinuierliche Kette.
Dharma ist unsere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu-
gleich und wirkt in uns als Vater, Mutter und Sohn. Der Vater als
Ubersein, als hoheres Selbst, als seine Wahrheit und sein Gesetz;
die Mutter als das sich entwickelnde Wesen und der Sohn als das
Kiinftige. Eine Inkarnation ist wertlos und verloren, die nicht
durch Tatigkeit eine Ubergangsstufe zur hoheren Entwicklung
wird; ebenso zwecklos ist das Streben, der Wunsch nach einer
Vervollkommnung, die nicht durch vorangegangene Tatigkeit er-
worben ist. Es gibt in der Entwicklung keinen Sprung; geduldig
weben wir uns Kleid auf Kleid auf dem Webstuhl der Zeit. Was auf
einer vergangenen Stufe geiibt wurde, wird Anlage auf einer kiinf-
tigen, und Tatigkeit in einer fruheren Periode wird Fertigkeit in
einer spateren.
Schwer ist es fur uns immer, unser eigenes Dharma, das Gesetz
unseres personlichen Daseins zu finden, das Gebot «Erkenne dich
selbst» zu erfullen. Man mufi sich lange gewohnen, um unbeein-
flufit von den Dingen der Sinnenwelt, von unseren eigenen Wiin-
schen und bewunderten Vorbildern, sich still in sich selbst versen-
ken zu konnen und auf die innere Stimme zu horchen, die uns den
Weg unserer Pflicht weist, die unsere Stellung, unsere Beziehungen,
der Kreis, in den wir hineingeboren sind, uns auferlegen. Wenn wir
die Stufe unseres Seins, unseren Unvollkommenheitsgrad richtig
erkennen, wenn wir uns iiber das, was Wahrheit und Pflicht auf
unserer Entwicklungstufe ist, recht klarwerden, dann dient Selbst-
erkenntnis nicht dem Egoismus, sondern das ist Dharma, denn
Dharma ist die Befolgung des Gesetzes im Sinne wahrer Selbst-
erkenntnis. Wir finden dann unsere personliche Note und konnen
sie in der ewigen Weltharmonie zum kraftigen Mittonen bringen.
Wir miissen unseren innigen Zusammenhang mit dem Kosmos, als
einen Teil desselben, begreifen lernen; unsere Schwingungen miis-
sen harmonisch zu der rhythmischen Bewegung des Kosmos stim-
men. Unrecht und Siinde ist ja nichts anderes als Disharmonie,
wenn unsere unregelmafiigen Schwingungen Stockungen und Sto-
rungen in dem gesetzmafiigen Gang des kosmischen Geschehens
verursachen. Je mehr wir uns eins mit dem Kosmos fiihlen, je mehr
wird er uns offenbaren. Nur der Geist spricht zu uns, den zu ver-
stehen wir gelernt haben. Nach dem MaEe unserer Erkenntnis wird
uns gottliche Inspiration zuteil, offenbart sich uns das hohere
Selbst, das gottlicher Natur ist.
Wir konnen ja nur einen Teil jener grofien, ewigen Wahrheit
erkennen, in dem Umfange und der Grofie, als wir durch unsere
eigene Tatigkeit, durch unser Karma, in uns zur Offenbarung ge-
bracht haben. Leben fur Leben steigert sich in unserem Entwick-
lungsgang dieser Umfang, wir schreiten in Wissen und Erkenntnis
fort, denn unsere Bestimmung ist es, den ganzen Ideeninhalt unse-
rer Welt, unseres Kosmos, nach und nach in uns aufzunehmen. Wir
konnen das nie, ohne stufenweise in uns den ganzen Reichtum der
Erscheinungswelt als Erfahrung zu durchleben. Die Natur lebt in
uns, wenn wir sie ganz erfassen. Ruhe, Friede und Zufriedenheit
mit seinem Lebenslose mull jeden uberkommen, der klar erkennt,
dafi er in den Kreis hineingeboren ist, fur den er sich durch sein
vergangenes Karma selbst vorbereitet hatte und den er nun mit der
ganzen Treue auszufiillen und dessen ganzen Umfang er durch
seine Tatigkeit zu erschopfen hat. Damit hat er durch eigenes Er-
leben ein Wissensgebiet sich errungen und arbeitet nun in seiner
eigenen Linie an der Erweiterung desselben, um sich hohere und
bessere Daseinsbedingungen fur kiinftig zu schaffen. So wird er
auch dem Bruder, der unter ihm auf der Stufenleiter der Wesen
emporzuklimmen versucht, in liebevollem Verstandnis die Hand
reichen, um ihm zu helfen, denn er selbst stand ja vor kurzem noch
auf derselben Sprosse und rang sich miihsam empor, die Hande
ausstreckend nach den Brudern, die ihm voraus emporgeschritten
waren.
So sehen wir, wie jeder verschieden von dem anderen seine
eigenen Pflichten hat, wie klar wir unterscheiden lernen miissen,
um nicht uns aus unserer Bahn lenken zu lassen, um unser Gleich-
gewicht zu bewahren, unser Gesetz zu befolgen. Mit weiser Vor-
aussicht hatten die hohen Fiihrer und erleuchteten Konige das in-
dische Volk in Kasten geteilt. So grausam das uns an Freiheit und
uneingeschrankte Wahl gewohnte Abendlander auch erscheinen
mag, so liegt doch diesem strengen Zwange ein tiefer Sinn zugrun-
de. Die Kasteneinteilung der alten Inder entspricht ganz der natur-
lichen Einteilung des Menschengeschlechts. Jeder wird durch sein
eigenes Karma in die ihm gemafie Kaste hineingeboren, er hat erst
den ganzen Umkreis der Pflichten innerhalb derselben zu erfullen,
ehe er fur eine neue Inkarnation in die nachsthohere Kaste reif
wird. Solange auf einer niederen Stufe das eigene Urteil noch
unentwickelt ist, muE der Mensch Gehorsam lernen, er raulS im
Dienen die Tugenden der Treue und Ergebenheit erwerben, und so
bildet die Kaste der Sudra die Schule fur unbedingten Gehorsam
und Unterordnung - diese geiibten Tugenden, die erst fur Selbst-
bezwingung, Selbstbestimmung und eine liebevolle und milde
Herrschaft befahigt machen.
In der zweiten Kaste, den Vaisya, wird der Mensch, Ackerbau
und Viehzucht treibend, in innigsten Zusammenhang mit der um-
gebenden Natur treten. Er wird im Schweifie seines Angesichts den
Mutterboden bearbeiten lernen, er wird saen und ernten und so die
Nahrung fur seine Mitbriider erzeugen; er wird alle Tugenden
eines Ackerbauers iiben. Sodann wird er als Kaufmann Handel und
Gewerbe treiben, Reichtumer sammeln und viele Untugenden sei-
nes Standes durchmachen miissen. Durch Selbstsucht und Geiz
wird er oft erst weise Okonomie erlernen und die richtige Verwen-
dung seines Reichtums zum Nutzen und Frommen seiner Mitbiir-
ger. Hat er bis zur Vollkommenheit seine Lektion auf dieser Stufe
erlernt, so wird er in der folgenden Inkarnation ein Kshatriya und
in die Kriegerkaste hineingeboren. Hier raufi er seine Krafte zum
Schutze und zur Verteidigung seines Vaterlandes einsetzen; durch
Mut und Tapferkeit und Selbstverleugnung Starke gewinnen, um
jeder Gefahr gewachsen zu sein. Das kann er nur, wenn er jeden
Augenblick bereit ist, sein Leben der Pflicht zum Opfer zu brin-
gen. Der Krieger mufi das physische Leben hingeben, dann erwirkt
seine Seele den Geist der Selbstentaufierung und ist Schopfer eines
Ideals. Der Korper ist einzig dazu bestimmt, der Entwicklung des
inneren Lebens zu helfen; er mufi verschwinden, wenn die Seele
einen neuen Korper braucht, das heifit ein passenderes Kleid fur
ihre fortgeschrittene Entwicklung. Der Krieg ist die Schule, die
durchgemacht werden mufi, um in jene hochste Kaste der Brah-
manen zu gelangen, fiir die - auf ihrer Stufe der Entwicklung und
Erkenntnis - Kampf und Totung eine Todsiinde ist. «T6te deinen
Feind» ist dem Kshatriya geboten, er weifi aber, dafi er niemals in
Wahrheit einen seiner Briider toten noch von ihm getotet werden
kann, wie Krishna trostend zu Arjuna sagt.
Nur die Erreichung der hochsten Vollkommenheit in alien
Pflichten der anderen Kasten gibt die Befahigung, in den Brahma-
nen- oder Priesterstand zu kommen. Der Brahmane hat sich von
Kampf und Streit fernzuhalten, er sammelt und bewacht die hoch-
sten Giiter der Menschheit, er ist ihr geistiger Fuhrer und Lehrer.
Friede und Weisheit und Erkenntnis teilt er seinen schwachen
Brudern mit, in ihm ruhen alle die Erfahrungen der vergangenen
Jahrhunderte als Befahigung, die Menschheit zu ihrer ewigen
Bestimmung hinzuleiten.
So sehen wir, wie jede Entwicklungsstufe ihr eigenes Dharma
erfiillen muE. Was auf der einen Stufe als gut gilt, hat die andere als
bose zu meiden. Gut und Bose hat in der ewigen Weltordnung
seinen Platz; in ihr verlieren sie jene Bedeutung, welche wir ihnen
beilegen. Sie sind notwendig, denn sie sind die Pole der Entwick-
lung, sie sind aus einem Ursprung hervorgegangen. Gut und Bose,
Wirkung und Gegenwirkung, bedingen und erganzen sich wie
Schlaf und Wachen, wie Ruhe und Tatigkeit, wie Licht und Schat-
ten, wie Hell und Dunkel, und sie gehoren zueinander wie Geist
und Materie. Es ist Atma als reinstes Licht, Urquell alles Seins, und
Atma als Spiegelbild, dunkelster Punkt und Keimkraft in der dich-
testen Materie, welches den AnstoE zur Entwicklung und Verfeine-
rung der Materie in ewigem Wechsel der Formengebilde gibt, bis
sich die Gegensatzlichkeit zur Lichtquelle des Geistes emporgerun-
gen hat und in Nirwana sich mit seinem Ausganspunkt wieder
vereinigt. Aus der ursprunglichen Einheit der Weltharmonie, des
ewigen Grundes aller Dinge, des Seins, lost sich die Gegensatzlich-
keit los - das ewige Werden der Materie, die sich in zahllosen
wechselnden Formen aus sich heraus und hinauf entwickelt zur
Erfullung, um aus der Mannigfaltigkeit der Erscheinungen, dem
Vielen, wieder zu einer Einheit zu verschmelzen, bereichert mit
den unzahligen Erfahrungen der getrennten Einheiten. Mit Nir-
wana schlieftt sich der Kreis: Ausgang und Riickkehr zum ewigen
Urgeist.
Fiir die abendlandische Weltanschauung, welche in der Ent-
wicklung des gegenwartigen Seins ihr hochstes Ziel sieht, bedeutet
Nirwana das Nichts. Von dem, was ihr als vollkommenes Sein gilt,
ist in Nirwana allerdings nichts vorhanden. Nirwana ist das Nichts
von Karma; es kann kein Karma mehr entstehen, weil Dharma
offenbar geworden ist.
Vergangene Weltanschauungen sahen auf das, was noch nicht
ist, und das gegenwartige Sein war ihnen ein unvollkommener
Ubergang zu Hoherem. Jeden Tatigkeitszustand sahen sie als Zwi-
schenglied zwischen der Unvollkommenheit und der absoluten
Vollkommenheit in Nirwana an. Das Ziel und das Ideal fiir sie war
der Zustand einer Wesenheit, die ihr ganzes Dharma offenbart und
damit ihr Karma verbrannt hat und in Nirwana eingeht.
DRITTE STUNDE
Berlin-Schlachtensee, Sommer 1903
Der erste, zweite und dritte Logos
[Der Anfang der Ausfiihrungen fehlt.]
Wenn nun der selbstlose Strom in zwei zyklischen Ausstromungen
wieder zu seinem Ausgangspunkt zuriickkehrt und die Materie
sich wieder auflost, so ist nichts geschehen, als dafi sie bereichert zu
ihrem Ursprung zuriickkehrt. Nur durch die Aufnahme und Uber-
windung der selbstischen Stromung wird die selbstlose Stromung
eine solche starkschwingende Kraftentwicklung entfalten, dafi sie
iiber sich selbst, das heiik iiber den kosmischen Kreis, der das erste
Treffen der beiden Stromungen bildet, hinausschwingen mufi. Es
wird im AuseinanderflieEen der Selbstlosigkeit ein Neues geboren
werden, aus ihr hervorgerufen, eine neue Region: Paranirwana, die
negative Materie, weil sie im Gegensatz zur Materie, die innerhalb
des kosmischen Kreises durch Anziehung festgehalten wird, aufier-
halb sich ausbreitet. Man kann sich den Vorgang klarmachen, wenn
man sich die Pendelschwingung vorstellt. Das vorwartsschwingen-
de Pendel wird sogleich riickwarts zuriickschwingen und mufi,
wenn es nicht auf seinem Wege durch Hindernisse aufgehalten
wird, in so starke Schwingung geraten, da£ es iiber seinen Aus-
gangspunkt hinausgeht - so wie auch ein vorwartsrollender Wagen
nicht plotzlich anhalten kann, sondern noch eine Strecke weiter-
rollen mufi.
Mit dieser Vorbereitung und stufenweisen Entwicklung der
Materie waren nun die stofflichen Bestandteile zu einer Planeten-
bildung geschaffen, aber das Planetenleben selbst kann noch nicht
entstehen. So konnte der Logos nicht in Paranirwana verweilen, er
muftte zuriick, und auf diesem Riickweg bildete er die Maha-Para-
nirwana-Region. Von hier aus mulke der Logos das Opfer bringen
und wieder den Kreislauf durch die Materie beginnen, damit noch
anderes Leben, aufier ihm, aber aus ihm heraus entstehen konnte.
Alles Leben in mannigfaltigen Formen ist aus der Einheit, dem
einen Logos hervorgegangen. In ihm ruht alle Mannigfaltigkeit
noch ungeschieden, undifferenziert verborgen. So wie er erkennbar
wird, sich als Selbst wahrnimmt, tritt er aus dem Absoluten, aus
dem Unterschiedslosen heraus und schafft das Nicht-Selbst, sein
Spiegelbild, den zweiten Logos. Dieses Spiegelbild beseelt und
belebt er, es ist sein dritter Aspekt, der dritte Logos.
So ware der erste Logos das Undifferenzierte, in dem Leben und
Form ungeschieden ruhen, als der Vater zu betrachten. Mit seinem
Dasein beginnt die Zeit; er trennt sein Spiegelbild von sich ab, die
Form, das Weibliche, das er mit seinem Leben erfullt, der zweite
Logos; und aus dieser Beseelung geht der dritte Logos als Sohn, als
belebte Form hervor. So haben sich alle Religionen ihren Gott in
dreifacher Gestalt gedacht, als Vater, Mutter und Sohn. So Uranos
und Gaa, die miitterliche Erde; und Kronos, die Zeit, ist als Sohn
aus ihrem Schofie hervorgegangen; Osiris, Isis und Horus und so
weiter.
Das Opfer des Logos ist: Der Geist steigt hernieder in die Ma-
terie, beseelt sein Spiegelbild, und damit ist auch der Welt belebter
Formen ihr Dasein gegeben, die alle ihr Sonderdasein fuhren und
den Zyklus der Evolution durchmachen, um als hochstentwickelte
Individualitaten wieder eins mit dem Logos zu werden, der durch
sie den Erfahrungsreichtum empfangt. Hatte er sich nicht aus-
gegossen, um alle diese Formen zu beleben, so wiirde es kein
selbstandiges Wachsen und Werden geben. Alle Bewegung, alles
Entstehen wiirde kein Eigenleben haben, es wiirde sich nur regen
und bewegen nach der Direktion des Gottes.
So, wie den Menschen nur das Unbekannte, das Individuelle an
dem Menschen interessiert und ihn alles, was er berechnen und
verstehen kann, gleichgiiltig lafk, so kann auch der Logos nur an
selbstandig sich entwickelndem Leben seine Freude haben, das aus
ihm hervorgeht, fur das er sich opfert und hingibt.
Es beginnt der Entwicklungsprozefi der Materie, in welcher sich
die Qualitaten des Wesens abspiegeln und wirksam sind, bis diese
Spiegelbilder als abgetrennte Formen selbst ihre Tatigkeit beginnen
und so die Materie immer mehr vergeistigen und beseelen, bis sie
wieder ems wird dem Wesen Atma, Budhi, Manas ... [Liicke]
Zuerst war die kosmische Grundlage durch das Zusammentref-
fen der beiden Eigenschaften Selbstigkeit und Selbstlosigkeit des
ersten Logos geschaffen. Durch die zweite Stromung derselben,
durch Harmonie geleitet, bildete sich die atomistische Essenz.
Diese umhullte sich mit der schon vorhandenen Muttersubstanz,
und es kam die Atombildung zustande. Diese Atome, mit ihren
Hiillen von verschiedenen Dichtigkeitsgraden, bildeten nun stu-
fenweise die Materie, welche dem zweiten Logos, der das Spiegel-
bild des ersten ist, als Medium dienen konnte, um sein Spiegelbild
derselben abzugeben. Der zweite Logos stromt nun in diese
Materie, die auf ihrer ersten, der Nirwana-Stufe, von so feinster
Beschaffenheit ist, dafi er ungehindert und unverandert durch sie
hindurchstromen kann. Er gelangt nun in die Budhi-Region; hier
wird er aufgehalten, und wenn auch die Selbstlosigkeit in dieser
Region so stark ist, dalS sie den Logos nicht fur ihr Reich fest-
halten will, so beansprucht sie ihn doch fur ihren ganzen Kosmos.
Hier beginnt nun das Opfer des Logos, die Stimme, der Ton geht
aus ihm hervor: er will mit seinem Geiste die Materie beleben, daft
seine Gedanken als selbstandige Formen ihr Dasein haben sollen.
Hier, wo der gottliche Gedanke Ton und Stimme wird, in der
Budhi-Sphare, ist fur das Mittelalter das gottliche Reich. Mit
Budhi umhiillt, stromt nun der Logos in die mentale Region, die
sich in die Arupa- und Rupastufe teilt; hier hinein ergiefit sich
nun die gottliche Gedankenwelt, die vorbildlichen Ideen wogen
durcheinander. Was spater Sonderwesenheit wird und in der
Budhi-Sphare noch im Logos eingeschlossen ruht, wird hier als
vorbildliche Idee ins Dasein gerufen. Diese Arupastufe der men-
talen Sphare ist die Ideenwelt Platos, die Vernunftwelt des Mittel-
alters. Auf der Arupastufe nehmen diese Ideen ihre ersten Gestal-
ten an. Als gottliche Genien beginnen sie ihr Sonderdasein und
schweben durcheinander, sie durchdringen einander noch als
gleichartige Geistwesen. Es ist das himmlische Reich des Mittel-
alters.
Diese Geistwesen kommen nun in die astrale Sphare; hier, mit
einem dichteren Stoffe umhullt, erwacht durch die Beriihrung
die Empfindung; sie empfinden sich jetzt erst als Sonderwesen,
sie fiihlen die Trennung. Es ist das elementare Reich, die Welt
des Elementalen. Hinabgestiegen in die Athersphare wird diese
Empfindung von innen nach aufien gedrangt, sie quillt auf,
dehnt sich und wachst durch die atherische vegetabilische Kraft,
um dann von der physischen Materie eingeschlossen und kristal-
lisiert zu werden, weil hier das Selbstische noch in voller Kraft
nach Begrenzung strebt. So ist die Empfindung im Mineralreich
eingeschlossen und die gottlichen Ideen schlafen in erhabener
Ruhe im keuschen Gestein. Der Stein - ein eingefrorener Got-
tesgedanke: «Die Steine sind stumm. Ich habe das ewige Schop-
ferwort in sie gelegt und verborgen; keusch und schamvoll
halten sie es in sich beschlossen.» So lautet ein alter Druiden-
spruch, eine Gebetsformel. Ather- und physisches Reich oder
Mineralreich werden im Mittelalter Mikrokosmos oder das
kleine Reich genannt.
Beim Einstromen hat der Logos sich mit immer dichteren Hiil-
len umgeben, bis er im Gestein gelernt hat, sich fest zu begrenzen.
Die Steine sind jedoch stumm, sie konnen das ewige Schopferwort
nicht offenbaren. Die starre physische Hulle muE wieder abgewor-
fen werden; sie bleibt in ihrem Reich zuriick, wahrend nun die
kristallischen Formen in ihrer weichen Atherhulle sich ausdehnen,
von innen heraus wachsen, das heilSt leben konnen, denn Leben ist
Wachstum; der Stein wird zur Pflanze. Und weiter aufsteigend
streift der Logos auch diese Atherhulle ab und kommt an die astra-
le Empfindungssphare. Hier entfaltet sich durch Wechselwirkung
der Beriihrung und Wahrnehmung die Tatigkeit; lebendig gestaltet
sich aus Empfindung und Wollen das empfindende Tierdasein. So
baut es sich, indem der AnstolS von auften als Empfindung nach
innen wirkt, nach und nach seine Wahrnehmungsorgane aus. Es
formen sich die Typen. Ubergehend in das mentale Reich nimmt
diese Empfindung sich selbst wahr, und mit dem Ich-Bewufitsein
ist die Menschheitsstufe erreicht.
Vom kosmischen Standpunkt ware mit dem Einstromen des
Logos ins mineralische Reich sein tiefster Niederstieg in die Mate-
rie erreicht und mit dem Abwerfen der ersten Hiille das Aufwarts-
steigen des Logos begonnen. Vom Standpunkt des Menschen aber
gesehen, im anthropozentrischen Sinn, wie ihn unter anderem auch
die alten Druidenpriester annahmen, ware das Ruhen des Geistes
im keuschen Gestein eine erhabene Daseinsstufe. Unberiihrt von
selbstischem Wollen gehorcht der Stein einzig dem Kausalitats-
gesetze. Fur den Menschen auf der unteren mentalen Stufe, auf der
wir jetzt stehen, ware das Gestein ein Symbol zu hoherer Entwick-
lung. Durch niedere kamische Leidenschaften und Irrungen hin-
durch entwickeln wir uns zu atherischem Pflanzendasein, leben
und wachsen von innen heraus in selbstloser Selbstverstandlichkeit,
um spater in unserem Kausalkorper zu leben, unberiihrt von allem
Aufien, als reiner Geist in uns selbst beruhend, wie der kristalli-
sierte Geist eingeschlossen im Gestein ruht.
Der zweite Logos, als Beweger und Beleber der Materie, in der
er einschlossen ist, ist nur bis zur unteren mentalen Sphare gelangt.
Das empfindende Tier hat durch das Ich-Bewufksein die mensch-
liche Daseinsstufe erreicht. Es vermag die aufiere Welt in Bezie-
hung zu seiner Personlichkeit zu bringen, es nimmt sich selbst
wahr. So weit hat ihn die Natur gefuhrt und geleitet, hier lalk sie
ihn allein und in Freiheit. Die weitere Entwicklung des Menschen
hangt nun einzig von seinem Willen ab. Er mufi sich selbst zu dem
GefaE machen, die aufiere Hiille der niederen mentalen Sphare
abstreifen, damit er nun die Einstromung des ersten Logos empfan-
gen kann, wie das Samenkorn sich off net und der Befruchtung
harrt, ohne die es nicht wachsen und Frucht tragen kann.
Der erste Logos ist das Ewige in dem All, das unveranderliche
Gesetz, nach dem sich die Gestirne in ihren Bahnen bewegen, das
alien Dingen zugrundeliegt. Die einzelnen Formen sind der Ver-
nichtung und Veranderung unterworfen. Wir nehmen mit unserem
sinnlichen Sehvermogen Farben wahr, die einem anderen Seh-
vermogen anders erscheinen konnen. Der aufierliche, feste Gegen-
stand, der durch seine Teile in der bestimmten Form zusammenge-
halten wird, kann bei einer gewissen Warmetemperatur verschwin-
den, seine Teile konnen sich auflosen, aber das Gesetz, nach dem
er geworden, bleibt und ist ewig. So bewegt sich das ganze Weltall
nach ewigen Gesetzen, der erste Logos stromt ausgebreitet in ihm.
Zu ihm mufi der Mensch sich mit seinem Willen erheben. Er mull
die selbstlose niedere Seelenerkenntnis (Antahkarana) in sich ent-
wickeln. Er mufi durch reine Betrachtung dieses ewige unwandel-
bare Gesetz in dem Verganglichen wahrnehmen, er mufi unter-
scheiden lernen, was nur voriibergehende Erscheinung in einer
bestimmten Form und was sein Wesenskern ist, er mulS das Ge-
schaute als Gedanke in sich aufnehmen und bewahren. So lernt er
allmahlich das Unreale der Erscheinungswelt kennen, der Gedanke
wird ihm das Reale, er steigt allmahlich empor zu der Arupastufe,
er lebt in der reinen Gedankenwelt. Das Viele lost sich ihm auf und
geht ihm unter in der Einheit, er fiihlt sich Eins mit dem All. So hat
er sich denn so hoch erhoben, daft er die Einstromung vom ersten
Logos unmittelbar als Intuition empfangen kann. Aber nicht jedem
einzelnen stromt so eine Einzelseele ein, nein, es ist die All-Seele,
es ist die Seele Platos und anderer, an der er teilhat, mit denen er
eins in Gedanken wird. Stufenweise entwickelt sich aus dem kami-
schen der hohere Mensch.
An diesem Wendepunkt, wo er in Freiheit durch seinen Willen
sich emporringen soil, bedarf er des Lehrers, und darum waren in
der dritten Rasse der vierten Runde, der lemurischen Zeit, die Son-
ne des Manas heruntergestiegen und liefien sich inkarnieren, um als
Fiihrer zu dienen. Mit dem einfachen Zahlen schon, mit dem Ver-
standnis fur die Zahl begann die mentale Entwicklung und schied
den denkenden Menschen von dem nur sinnlich empfindenden
lier.
VIERTE STUNDE
Berlin-Schlachtensee, Sommer 1903
Die hbhere Entwicklung des Menschen
In den Weisheitsschulen von Plato und Pythagoras war es den
Schulern nur nach dem Studium der Mathematik gestattet, zu den
hoheren Erkenntnisquellen vorzudringen. Nur reiner Selbstlosig-
keit erschlofi sich die ewige Weisheit, und die Mathematik war die
einzige Wissenschaft, die dazu erziehen konnte, weil sie keinem
Zweck, keiner selbstischen Befriedigung dient und nur die reinen
Verhaltnisse, die reine Gesetzmafiigkeit der Grundformen lehrt.
Des Menschen Entwicklung ist ein Niederwartssteigen aus der
All-Einheit zur Sonderheit und ein stufenweises Aufsteigen in be-
wufiter Freiheit zur Erkenntnis seines Zusammenhanges mit dem
All und Riickkehr ins Allgemeine. Darum ist dem Menschen, vom
Mentalen gesehen, der tote Stein ein Vorbild des Hoheren, In ihm
ist noch der grofie Zusammenhang bewahrt, in ihm wirkt allein das
Kausalgesetz; was ihn in Bewegung setzt, gibt er der Aufienwelt ab.
Er reicht vom Mentalen ins Physische hinein, denn der reine Ge-
danke ruht in ihm eingeschlossen. Sein Leben ist nur Form. So ist
die Sonne, die als physisches Abbild des Logos im Mentalen zu
Hause ist, und das ganze Mineralreich wie ein grofies Laborato-
rium physischer und chemischer Krafte zu betrachten.
Mit der Pflanze, die eine Stufe niedriger, im Astralen, ihren
Ursprung hat, beginnt das Leben und damit die Absonderung.
Sie zieht Nahrung von auEen in sich hinein, um sich zu vergro-
fiern, sie will wachsen und sich ausbreiten. Es ist der Anfang des
Egoismus. Die Pflanze kann aber eine Stufe hoher sich entwik-
keln; sie entwickelt sich aus dem Astralen durch das physische
Reich hinauf zur Athersphare. Das Tier, das in der Athersphare
entsteht, empfindet bereits, es will nicht nur Nahrung zu seinem
Wachstum, es will aus der AulSenwelt das an sich reifien und
sich zueignen, was ihm Genufi schafft. Es empfindet das Leben
als Lust und Leiden; es steigt auf und entwickelt sich bis zum
Astralen.
Und der Mensch als solcher, der im Physischen seinen Ursprung
hat und als Naturwesen bis zur Vorstellung der Aufienwelt gelangt
und sich als Einzelwesen wahrnimmt, steht in seinem Egoismus
am tiefsten, doch kann er im Gedanken zur mentalen Sphare sich
emporheben, obgleich er nur im Physischen wahrnehmen kann,
denn er lebt mit seinem Gehirn und seinem sichtbaren Korper im
Mineralreich. Aber alle Elemente des Alls tragt er in sich, er ist
durch alle Reiche hindurchgegangen, und die Krafte aller ruhen als
Prinzipien in ihm; er kann sie bewufit aus sich entwickeln. Was wir
sehen, ist der physische Korper, er gehort dem Mineralreich an,
aber durch Prana, das Lebensprinzip, lebt er auch in der Ather-
sphare der Pflanzenwelt, er hat seinen Atherkorper; und weiter lebt
er auch durch die Empfindung in der Astralwelt, in seinem Astral-
korper, und durch verniinftige Vorstellung in der mentalen Welt,
durch das Kama-Manas-Prinzip. Der Mensch besitzt in der niede-
ren Welt vier Korper mit den Prinzipien. Aber er hangt auch mit
der hdheren Welt zusammen, da er dort seinen Ursprung hat. Er
kann seinen Mentalkorper ausbilden und von der Vorstellung des
Einzelnen und Vielen zur Idee des Typus vordringen, er kann den
Kausalkorper entwickeln und zur hoheren Welt der Dreiheit Ma-
nas-Budhi-Atma emporsteigen. In der Budhi- Sphare wird er seine
Gedanken aus astralem Stoff formen, den Mayavi-rupa-Korper
schaffen konnen, wird leben und wirken aus seiner Kausalseele,
selbst Schopfer sein und wieder eins werden mit der Gesamtheit.
Diese obere Dreiheit, zu der der Mensch sich emporentwickeln
mufi, ist aber in Wahrheit tief in ihm verborgen vorhanden, sie liegt
seinem Wesen zugrunde, er mufi sie nacheinander befreien - «Wie
oben, so unten». Die Vielheit, die wir sehen, ist nichts anderes als
das Prinzip der Einheit, der Logos, der sich in die Vielheit aufge-
lost, zerteilt hat. Nur in der Vielheit kann Disharmonie entstehen,
weil die vielen Abgesondertheiten, die alle Teile des Geistes sind,
miteinander in Widerstreit geraten konnen. Schliefit diese Vielheit
sich wieder zur Gesamtheit zusammen, wird unser Kosmos wieder
ein Ganzes, so wird er wieder der Logos, die Harmonie. «Wie
oben, so unten!» - Atma, das hochste Prinzip in unserem Kosmos,
in unserem Mineralreich, wozu wir die Sterne mit ihren Bahnen
und alles Gestirn und alle Krafte in der Natur rechnen, ist zugleich
am tiefsten in die Materie hinabgedrungen; unsere physischen
Organe sind wesentlich von Atma belebt und zusammengehalten.
Atma als hochstes Prinzip hat sein Gegenbild im physischen Reich.
Das Budhi-Prinzip ist nur bis in die Ather- und Astralsphare
gedrungen und bildet da die Wesenheit der Pflanzen- und Tierwelt,
ihren Ather- und Astralkorper. Als der Mensch, ursprunglich noch
in Zusammenhang mit den gottlichen Genien, mit ihnen ein Ganzes
bildend, in der Astralsphare sich zu einem Einzelwesen abson-
derte und durch die Vorstellung zu einem Ich-Bewufitsein gelangte,
da stieg Manas, das dritte Prinzip, in die Astralsphare hinab: Mit
Kama verbunden, eingeschlossen in das Gehirn des Menschen,
bildete er seinen Kama-Manas-Korper. Der Mensch hat auf dem
niedersteigenden Bogen seiner Entwicklung alle Reiche durchschrit-
ten. Wir tragen Atma als mineralischen Kosmos in uns, er ist unser
physischer Korper; Budhi als lebendig empfindenden Kosmos in
unserem Prana und Kamakorper; und Manas, in seiner Verbindung
mit Kama, bildet unseren Kama-Manas-Korper. Er ist das vierte
Prinzip in der niederen Welt und bildet zugleich den Ubergang zur
hoheren mentalen Welt. Er ist die Verbindungsbriicke zu derselben.
Von alien niederen Hullen befreit, vereinigt sich Manas wieder mit
Budhi in selbstloser Ausstrahlung ins Allgemeine.
Am tiefsten von alien Wesenheiten steckt der Mensch im Ego-
ismus und im Sonderdasein. Er hat alles in sich hineingezogen und
tragt die ganze Dreiheit Atma-Budhi-Manas in sich. Im Mineral-
reich ist Atma ausgebreitet, es ruht in seiner ganzen Einheit im
Gestein, das noch in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Kos-
mos steht. In der Pflanzen- und Tierwelt ist schon der Dualismus
vorhanden; Budhi dringt in die Ather- und Astralwelt, und aus
Leben und Empfindung baut sich die Pflanzen- und Tierwelt auf.
Manas, die Weisheit, schwebt iiber ihnen und bewirkt die Weisheit,
die in der Natur zum Ausdruck kommt, in der wunderbaren Ge-
setzmaftigkeit des Baues wie aller Vernunfthandlungen der Tiere.
Der Mensch aber zieht Manas in sich hinein. Die Weisheit kann
nun nicht mehr von aufien auf ihn wirken. Mit Kama verbunden,
in seinem Mentalkorper eingeschlossen, ist ihm die Weisheit
getriibt. Der Mensch ist eine Zusammenziehung von chemisch-
physikalischen Prozessen zur Einzelform, die sich in dem mine-
ralischen Kosmos abspielen. Der Mensch ist durch seine Gefiihle,
Wiinsche und Leidenschaften in der astralen Welt auch tatig. Un-
aufhorlich schafft er selbst astrale Wesenheiten in jener Sphare, die
dort wirklich lebendige, materielle Existenz haben, denn die Mate-
rie der astralen Welt besteht aus durcheinanderwogenden Empfin-
dungen wie Neid, Hafi, Wohlwollen, Zorn und so weiter. Dort
fuhren die von den Empfindungen der Menschen geschaffenen
Wesen als Elementarwesen ihre Sonderexistenz, dort befinden sich
auch Wesen aus anderen Welten, die zu ihrer Entwicklung der
astralen Sphare bediirfen, und dann die astralen Korper der auf ihr
Menschwerden harrenden Seelen. Ferner [befinden sich dort] die
Devas, die auch aus anderen Welten kommen und oft die Men-
schen zu beeinflussen suchen, Dort sind die vier Deva-Rajas, die
aus den vier Elementen Feuer, Wasser, Luft und Erde die phy-
sischen Korper nach dem astralen Schema bilden, den die Lipikas,
die Herren des Karma, aus dem Mentalstoff der Individualist
gebildet haben.
Die hohere Entwicklung des Menschen hangt von der bewu£ten
Konzentration und Meditation ab, die taglich geiibt und nach be-
stimmten Regeln ausgefuhrt werden mufi. Indem der Mensch tag-
lich, in den Morgenstunden, sei es auch nur funf Minuten, sich von
alien Eindriicken der Aufienwelt loslost und die ganze Konzentra-
tion auf einen geoffenbarten Ewigkeitsgedanken richtet, wird er
sich nach und nach mit dem Kosmos in Verbindung setzen und
seine rhythmische Bewegung mitmachen. Durch diese konsequente
tagliche Abschlie£ung von der vorubergehenden Erscheinungswelt,
fur die kurze Zek seiner Meditation, steigt der Mensch allmahlich
zur Arupasphare hinauf. Indem er einen Satz, der eine ewige allge-
meine Wahrheit enthalt, durchdenkt, so dafi er Leben bekommt,
schopft der Mensch seinen ganzen Inhalt aus und nimmt ihn in
sich auf. Die Gedankenkontrolle und taglich streng durchgefiihrte
Meditation darf der eigenen Ausbildung und Erweiterung des Ver-
standes nicht dienen, sie mufi mit dem Bewufitsein geschehen, dafi
wir dadurch mithelfen und -arbeiten an der Entwicklung unseres
Kosmos. All unser unkontrolliertes, «wirkliches» Denken stort
unaufhorlich diesen regelmafiigen Gang. Der Mensch, der seine
astralen Sinne entwickeln will, mufi [auch] seine Empfindungen
beherrschen lernen und das Gefuhl der Ehrfurcht vor der Weisheit
der hochentwickelten Wesen in sich erwecken; und er muE eine
devotionelle Hingabe, in richtiger Abschatzung der Distanz zu
jener hoheren Weisheit, pflegen. Jeden Abend sollte derjenige, der
die Meditation iibt, eine Riickschau iiber den verflossenen Tag
halten, ohne Reue und Bedauern auf Verfehltes schauen, einzig
nur, um daraus zu lernen, um aus seinen Erfahrungen den Nutzen
fur das Bessermachen zu Ziehen. Die Meditation darf kein Zwang
sein, sie darf nicht von der Umgebung trennen, nicht das gewohnte
Dasein verandern; im Gegenteil, sorglos iiberlasse sich der Mensch
seiner Wesensart. Mehr wird er bei der Sammlung und Uberschau
am Ende des Tages lernen, als wenn er sich gewaltsam zu einem
besseren Menschen hochschrauben wollte.
Wenn der Mensch zur hoheren Entwicklung aufsteigen will, wo
der erste Logos in den zweiten einstromt, so mufi er ein Chela
werden und die Eigenschaften eines Chela in sich ausbilden. Er
muE vier Haupteigenschaften stufenweise in sich zur Entwicklung
bringen:
Erstens: Das Unterscheidungsvermogen, die Unterscheidung
zwischen Dauerndem und Verganglichem; das heiftt, der Mensch
muE lernen, in dem Voriibergehenden, in dem, was er wahrnimmt,
die gestaltende Kraft zu erkennen, die bleibend ist. Allen Dingen,
die unsere Sinne wahrnehmen, ist eine nach Kristallisation dran-
gende Kraft innewohnend, so wie das Salz, das in warmem Wasser
[gelost ist, beim Abkiihlen des Wassers] sich zu Kristallen zusam-
menschliefit. Die Ackererde ist zerriebener Kristall, im Samenkorn
steckt die Kraft, Pflanze und Frucht zu werden, und den Wirbel-
knochen ist die Moglichkeit gegeben, sich zur Schadeldecke auszu-
gestalten. So ist das Lanzettfischchen, das nur aus der Wirbelsaule
besteht, ein Abbild im Kleinen der ersten lebendig empfindenden
Form, in der der Logos sich manifestierte. Der ungeheure, erste
Fisch, der nur aus gallertartiger Masse bestand, ist der Urahn,
welcher in seinen Wirbelknochen die Moglichkeit zur Entwicklung
der Amphibien, der Fische, der Saugetiere und des Menschen trug.
So ist der physische Mensch nur als eine voriibergehende Erschei-
nung aufzufassen, der seine mineralischen Stoffe taglich wechselt
und dessen Sinnesorgane nicht bleiben werden, wie sie heute sind,
sondern die sich hoheren menschlichen Entwicklungsstadien an-
passen werden und die Kraft der Umbildung in sich tragen.
Die zweite Eigenschaft, die entwickelt werden mufi, ist die
Schatzung des Dauernden. Die Erkenntnis wird zur Empfindung.
Wir lernen, das Dauernde hoher zu schatzen als das Voriibergehen-
de, das seinen Wert in unserer Schatzung mehr und mehr verliert.
Und so wird der angehende Chela durch die Entwicklung der bei-
den ersten Eigenschaften von selbst zur dritten gefuhrt, zur Ausbil-
dung gewisser seelischer Fahigkeiten.
a) Gedankenkontrolle.
Der Chela darf sich nicht gestatten, die Dinge nur von einem Ge-
sichtspunkt aus anzusehen. Wir fassen einen Gedanken, halten ihn
fur wahr, wahrend er doch nur von dem einen Aspekt oder Ge-
sichtspunkt aus wahr ist; wir miissen ihn spater auch von dem
entgegengesetzten Gesichtspunkt aus betrachten und jedem Avers
auch zugleich den Revers entgegenhalten. Nur so lernen wir einen
Gedanken durch den anderen zu kontrollieren.
b) Kontrolle der Handlungen.
Der Mensch lebt und handelt im Materiellen und ist ins Zeitliche
gestellt. Er kann bei der Fiille der Erscheinungswelt nur einen klei-
nen Teil umfassen und ist durch seirte Tatigkeit an einen bestimrn-
ten Kreis des Verganglichen gebunden. Die tagliche Meditation
dient dem Chela zur Sammlung und Kontrolle seiner Handlungen.
Er wird in ihnen nur das Dauernde betrachten und den Wert nur
auf das Tun legen, mit dem er helfend der hoheren Entwicklung
seiner Mitmenschen dienen kann. Er wird die Fiille der Erschei-
nungswelt wieder auf die hochste Einheit zuruckfiihren.
c) Toleranz.
Der Chela wird sich nicht von Gefuhlen der Anziehung und des
Abgestofienwerdens beherrschen lassen. Er wird alle - Verbrecher
und Heilige - zu verstehen suchen, und obgleich er emotionell
erfahrt, wird er intellektuell urteilen. Was von dem einen Gesichts-
punkt richtig als bose erkannt wird, kann von einem hoheren
Aspekt als notwendig und folgerichtig beurteilt werden.
d) Duldsamkeit.
Gluck oder Ungluck mit Gleichmut hinnehmen, sie nicht zu be-
stimmenden Machten werden lassen, die uns beeinflussen konnen.
Uns nicht durch Freude und Schmerz aus unserer Richtung dran-
gen lassen. Sich von alien aufieren Einflussen und Einstromungen
freihalten und die eigene Richtung behaupten.
e) Glaube.
Der Chela soli das freie, offene, unbefangene Herz fur das hohere
Geistige haben. Auch wo er eine hohere Wahrheit nicht gleich
erkennt, soli er den Glauben haben, bis er diese sich durch Er-
kenntnis zu eigen machen kann. Wenn er nach dem Grundsatz
«Alles priifen und das Beste behalten» verfahren wollte, so wiirde
er sein Urteil als Mafistab anlegen und sich iiber das hohere Gei-
stige stellen und dem Eindringen desselben sich verschliefien.
f) Gleichgewicht.
Die letzte seelische Fahigkeit wiirde als Resultat aller anderen sich
als Gleichgewicht, als Richtungssicherheit, Seelenbilanz ergeben.
Der Chela gibt sich selbst die Richtung.
Und so hatte er nun die vierte Eigenschaft in sich zu entwickeln:
Den Willen zur Freiheit, zum Ideal. Solange wir noch im Physi-
schen leben, konnen wir nicht zur vollen Freiheit gelangen, aber
wir konnen den Willen zur Freiheit in uns entwickeln, hinstreben
zu dem Ideal, Wir konnen uns freimachen von den aufieren Um-
standen und nicht mehr auf die Anstofie von aufien reagieren, son-
dern das Gesetz in uns, das Dauernde, zur Richtschnur unseres
Denkens und Handelns machen, nicht in der voriibergehenden
Personlichkeit, sondern in unserer Individuality leben, die dauernd
ist, die zur Einheit strebt.
IV
NEUN EINZELVORTRAGE
gehalten im Berliner Zweig
von August bis Dezember 1903
Ein Autoreferat, ein Bericht
sowie fragmentarische Horernotizen
WIEDERVERKORPERUNGSFRAGEN
Berlin, 24. August 1903
Ich muE zunachst etwas vorausschicken, was wichtig ist zum
Verstandnis der Evolution und der Wiederverkorperung. Jede Per-
sonlichkeit, jede Individuality mufi das Devachan bis zur Arupa-
Sphare durchleben, urn dadurch den durchgehenden einheitlichen
Faden [durch mehrere Erdenleben] zu erhalten.
Eine so hohe Persdnlichkeit wie Nikolaus Cusanus wirkte schon
im gewohnlichen Leben aus der Arupa-Sphare heraus. Zwar han-
delt jeder Mensch aus der Arupa-Sphare heraus, aber nur wenige
wissen etwas davon. Je hoher sich ein Mensch in der Zeit zwischen
zwei Erdenleben in die Arupa-Sphare erhoben hat, desto mehr
kommt das Gottliche bei ihm zum Durchbruch. Cusanus hat ein
Werk geschrieben uber das Nicht- Wissen aus dem hdheren Wissen
heraus: «De docta ignorantia». Ignorantia heifit Nicht-Wissen, und
Nicht- Wissen ist hier gleichbedeutend mit hoherem Anschauen. In
seinen Buchern hat er das folgende ausgesprochen: Es gibt einen
Wahrheitskern in alien Religionen, wir brauchen nur tief genug in
dieselben hineinzuschauen. - Er hat auch schon ausgesprochen,
daf? die Erde sich um die Sonne bewegt. Er hat das aus einer Intui-
tion heraus gesagt. Kopernikus hatte diese Erkenntnis erst im 16.
Jahrhundert, Cusanus bereits im 15. Jahrhundert. Eine solche In-
karnation wie die des Cusanus ist im Zusammenhang zu betrachten
mit seiner spateren Verkorperung. Cusanus weist schon hin einer-
seits auf die zukiinftige Theosophie und andererseits auf die zu-
kunftige moderne Naturwissenschaft. Das hatte Einflu£ auf seine
folgende Inkarnation. Nikolaus Cusanus war es, der in Kopernikus
wiedererschienen ist.
Es ist moglich, dafi die Riickerinnerung an friihere Verkorpe-
rungen, die in einer Inkarnation verlorengeht, spater wieder er-
wacht, vielleicht nach einer oder auch nach mehreren Inkarnatio-
nen. Die Mittel des Kausalkorpers kann man erst benutzen, wenn
man [im Devachan] in der Ebene iiber der Kausalsphare erwacht.
Jedes menschliche Wesen mufi durch eine Kraft vom Devachan
wieder in die physische Sphare herabgezogen werden, urn dort
Fahigkeiten zu erlernen, die es noch nicht entwickelt hat. In der
obersten Arupastufe lernt der Mensch diese Krafte kennen und
bekommt dadurch Einflufi auf seine spatere Inkarnation. Er nimmt
dann auch sein Leben bis zu einem gewissen Grade in die Hand.
Er ist ein Beispiel regelmafiiger Entwicklung.
Eine Inkarnation hangt aber nicht allein von der eigenen Ent-
wicklung ab, sondern auch von dem Nutzen und von der Bedeu-
tung fur die ganze Evolution. Die Aufeinanderfolge der Person-
lichkeiten hoherer Individualitaten ist nicht mehr unregelmafiig.
Bei den weniger Entwickelten ist die Verkorperung noch unregel-
mafiig. Bei hoch entwickelten Individualitaten werden hervor-
stechende Eigenschaften hervortreten. Dazu gehoren
1. ein ehrfurchtiges Aufschauen zu dem Hoheren,
2. eine ruhige Liebe zu Gott,
3. das Werden in Gott.
Als Beispiel fur eine regelmafiige Entwicklung einer Individua-
list konnen wir betrachten einen Zeitgenossen von Jesus, Philo
von Alexandrien. Seine Individuality kam wieder als Spinoza und
dann als Johann Gottlieb Fichte. Wir haben hier also eine durch-
gehende Individuality in drei Personlichkeiten. Liest man Fichte
ohne Kenntnis dieser Vorgange, so versteht man ihn nur wenig.
Mit dieser Kenntnis aber findet man, dafi seine Worte mit Feuer-
schrift geschrieben sind. Alle diese grofien Geister haben eine
regelmaftige Entwicklung durchgemacht.
Nachbemerkung der Herausgeber:
H. P. Blavatsky schreibt in Band III der «Geheimlehre», Abt. XLI:
«Als ein Beispiel eines Adepten ... zitieren einige mittelalterliche Kabbalisten
eine wohlbekannte Personlichkeit des 15. Jahrhunderts - den Kardinal de
Cusa; infolge seiner wunderbaren Hingabe an esoterisches Studium und die
Kabbala fiihrte das Karma den leidenden Adepten dahin, intellektuelle Er-
holung und Ruhe vor kirchlicher Tyrannei in dem Korper des Kopernikns
zu suchen.»
Rudolf Steiner stellt dies genauer dar in den Vortragen vom 21. Januar, 15.
Februar und 7. Marz 1909 (in «Das Prinzip der spirituellen Okonomie», GA
109/111, S. 16, 52/53 und 290), in welchen er sagt, dafi der Astralleib des
Nikolaus von Kues iibertragen worden ist auf Nikolaus Kopernikus, obwohl
das Ich des Kopernikus ein ganz anderes war als das des Cusanus.
Uber Spinoza und Fichte spricht Rudolf Steiner auch im Vortrag vom 5. Juni
1913 in Helsingfors (GA 158).
GEHEIMNISSE UND GEHEIMHALTUNG
Berlin, 1. September 1903
Ich mochte heme einige Andeutungen machen uber Vorgange, die
in der Astralsphare wahrzunehmen sind.
Die theosophische Bewegung ist eine Notwendigkeit fur unsere
Zeit. Man macht uns zwar den Vorwurf, dafi wir Geheimnisse
ausplaudern, die sonst nur wenige hatten - zum Beispiel in Bla-
vatskys Biichern «Isis unveiled» und «Secret Doctrine» aber von
anderen Menschen wird es wieder als zeitgemafi betrachtet, diese
Dinge mitzuteilen. Es gibt Okkultisten, die sagen, es sei schadlich,
dieses Wissen mitzuteilen. So sehen wir also zwei Richtungen, von
denen die eine sagt, es sei schadlich, ein Ungluck, das okkulte
Wissen mitzuteilen; die andere Richtung aber behauptet, dafi es
notwendig sei, dieses Wissen der Welt mitzuteilen.
Die Astralsphare bleibt sich nicht immer gleich, sie erleidet klei-
ne Veranderungen. Diese sind nicht erheblich, aber dennoch sind
sie deutlich wahrzunehmen. Die allgemeine Szenerie der Astral-
ebene war anders in der Zeit der Atlantier als in unserer Zeit; sie
veranderte sich von Jahr zu Jahr. Gewisse Veranderungen in der
astralen Welt haben dazu gefuhrt einzusehen, dafi es notwendig ist,
einen Teil des okkulten Wissens den Menschen mitzuteilen, und
zwar offentlich und popular und nicht blofi einzelnen Eingeweih-
ten. Es handelt sich dabei um tiefstes okkultes Wissen, und es kann
immer nur ein Teil davon gesagt werden.
Im 19. Jahrhundert sind ganz besondere Zeichen aufgetreten in
der astralen Welt, die mit absoluter Sicherheit beweisen, dafi das
grofie Geheimnis, das in unserer Rasse zum Ausdruck kommen
mu£, einen etwas anderen Charakter zeigt als die friiheren Ge-
heimnisse. Jede Rasse erhalt eines der sieben grofien Geheimnisse
ausgeliefert. Vier von diesen Geheimnissen sind bereits ausgeliefert.
Das vierte wurde der vierten Wurzelrasse ausgeliefert. Das fiinfte
Geheimnis ist das, in welches wir hineinwachsen; das sechste und
siebente Geheimnis werden der sechsten und siebenten Wurzel-
rasse ausgeliefert werden.
In solche Geheimnisse werden zunachst nicht alle Menschen
einer Wurzelrasse eingeweiht. Das Grundgeheimnis war bisher
immer nur im Besitze der Adepten. Durch den Besitz des Geheim-
nisses waren sie die Fiihrer der betreffenden Rasse. Fur unsere
fiinfte Rasse war das bis jetzt ebenso. In der September-Nummer
des «Luzifer» finden Sie dartiber einiges angedeutet. Erst am Ende
der funften Wurzelrasse wird es einer grofieren Anzahl von Men-
schen kund werden und von ihr verstanden werden. Bei den friihe-
ren Wurzelrassen war es so, dafi diese Geheimnisse nur wenige
erhalten haben. In unserer Wurzelrasse ist die Fahigkeit des Intel-
lektes, des Verstandes ausgebildet worden. Die tiefsten Tiefen sind
aber dem Verstande verschlossen, doch einiges Auften-Seitige des
Geheimnisses kann mit dem Verstande erraten werden. Vor dem
Jahre 1875 hat man nichts von diesen Dingen gewuik oder sie doch
nicht beachtet.
Das Geheimnis der funften Wurzelrasse kann jetzt von dem
Verstande dem Verstand iiberliefert werden, ohne daft er speku-
liert. Welcher Art die Zeichen im Astralen sind, kann ich nicht
auseinandersetzen; einiges ist tatsachlich von Personlichkeiten, die
fern von jeder okkulten Stromung stehen, erraten worden. Es liegt
im Charakter der menschlichen Anlagen innerhalb der funften
Rasse, dafi es bald vieie Menschen sein werden, die einiges erraten
werden.
Es gibt Okkultisten, die sagen, das Erraten des Geheimnisses sei
etwas sehr Gefahrliches; es sei sowohl fur den Betreffenden selbst
als auch fur die ganze Menschheit nachteilig. Es sei gefahrlich aus
dem Grunde, weil die Mitteihmg des Geheimnisses der fiinften
Wurzelrasse die Menschen spalten konnte in einige wenige sehr
gute Menschen und viele andere radikal unmoralische Menschen. -
Das ist zunachst eine paradoxe und gewagte Behauptung. Aber
diese Okkultisten glauben wirklich, man konne das Zentralgeheim-
nis der fiinften Wurzelrasse nicht mitteilen, denn, wenn jemand
dieses Geheimnis mitteilen wiirde, so wiirde er der Gewalt der
anderen hingegeben sein, er wiirde die Moglichkeit verlieren, eine
wohltatige Wirkung auf die Menschheit auszuiiben. Aufierdem sei
es zwecklos, das Geheimnis mitzuteilen, weil es nur zu schadlichen
Wirkungen fiihren wiirde. Deshalb gabe es keinen Eingeweihten,
der dieses Geheimnis mitgeteilt hatte. Und es gabe kein Mittel,
einem eingeweihten Menschen das Geheimnis zu entreifien, selbst
Foltern wiirde nichts niitzen, der Betreffende wiirde irrsinnig wer-
den oder durch Qualen urns Leben kommen.
Durch die Theosophie soli nun die Menschheit vorbereitet wer-
den, damit dann, wenn das Geheimnis teilweise enthullt wird, die
schlechten Wirkungen paralysiert werden. Ein Grundunterschied
zwischen dem Geheimnis der fiinften Wurzelrasse und den Ge-
heimnissen der fruheren Wurzelrassen ist der, dafi das Geheimnis
unserer fiinften Wurzelrasse teilweise durch den Verstand erraten
werden kann. Fruher waren die Geheimnisse streng in der Hand
von Adepten, die die Menschheit fuhrten. Es konnte aber in unse-
rer Zeit Menschen geben, die den Adepten iiber den Kopf wachsen
in gewisser Beziehung. Deshalb mussen einige Menschen gewapp-
net sein, wenn von aufien ihnen das Geheimnis entgegentritt. Es
wird der Zeitpunkt kommen, in dem Einzelne mit Teilen der
Wahrheit, welche sie erraten konnen, hervortreten werden. Ohne
die Vorbereitung durch die Theosophie wiirde das aber furchtbar
sein und von verheerender Wirkung fiir die Menschen. Es konnte
dann so sein, dafi einige wenige Gute da waren, und die grofie
Masse der Menschen ware dann fiir das Gute verloren. Die Grund-
lehren der Theosophie sind die Voraussetzung dafiir, dafi den
Menschen diese Wahrheiten iibergeben werden konnen. Ohne die-
se wiirden die Menschen in drei Teile gespalten: in erstens die ge-
dankenlose Masse, zweitens die zerstorenden Verstandesmenschen
mit dem erratenen Geheimnis und drittens die Okkultisten. Die
Menschen wiirden einen Kampf um Leben und Tod gegeneinander
fiihren. Diejenigen aber, welche das Geheimnis erraten haben,
erkennen nicht, warum das Geheimnis nicht ausgesagt werden darf.
Die Theosophische Gesellschaft strebt an, dafi nicht diese Drei-
teilung der Menschheit entsteht, sondern dafi ein Kern einer allge-
meinen Bruderschaft geschaffen werde. Man kann nun einwenden,
eine allgemeine Bruderschaft der Menschheit konne es nie geben.
Wir erwidern darauf: Was ihr sagt, ist zwar richtig, aber wir ken-
nen die Grundlagen der Theosophie und wissen, daft ein solcher
Kern die Menschheit schiitzen wird. - Dies ist eine Art Prophetie,
die aber auf der Grundlage objektiver Wahrnehmung in der astra-
len Welt beruht. Das Geheimnis unserer Wurzelrasse ist also ein
solches, welches bis zu einem gewissen Grade erraten werden kann.
Deshalb mussen die Menschen fur den Zeitpunkt des Erratens vor-
bereitet werden. Die Menschen mussen lernen, sich gegenseitig zu
stutzen, sie mussen zusammenwirken. Schadlich wiirde es wirken,
wenn alle Gedanken der Menschen nur auf die unmittelbare Ge-
genwart gerichtet waren, wenn die Gedanken sich nur auf das
Zeitliche und nicht auf das Ewige richten wiirden. Wir kennen nun
also einen noch tieferen Grund als den der astralen Gesetze, der
uns zwingt, unsere Krafte fur die theosophische Bewegung ein-
zusetzen, weil wir wissen, wohin die Menschheit steuert.
OKKULTE GESCHICHTSFORS CHUNG
Berlin, 18. Oktober 1903
I
Autoreferat Rudolf Steiners
Uber dieses Thema sprach Dr. Rudolf Steiner am 18. Oktober 1903
auf der Jahresversammlung der deutschen Sektion der «Theosophi-
schen Gesellschaft». Es soli hier eine ganz kurze Inhaltsangabe der
Ausfiihrungen gegeben werden.
Durch die Begrunderin der «Theosophischen Gesellschaft» ist
uns die «Geheimlehre» geschenkt worden, in welcher nach zwei
Seiten hin die Grundlage gelegt wird fiir eine Losung der grofien
Ratselfragen des Daseins. In einer umfassenden Weltentste-
hungslehre (Kosmogenesis) wird der Plan gezeigt, nach dem sich
aus den geistigen Urmachten des Universums heraus der Schau-
platz entwickelt hat, auf dem der Mensch seinem irdischen Wandel
obliegt. Aus einem zweiten Bande (Anthropogenesis) ersehen wir,
welche Stufen der Mensch selbst durchgemacht hat, bis er zu einem
Gliede der gegenwartigen Rasse geworden ist. Es wird von der
Entwicklung der theosophischen Bewegung abhangen, davon,
wann sie einen gewissen Zustand der Reife erlangt haben wird, in
welcher Zeit uns dieselben geistigen Krafte, die uns die grofien
Wahrheiten der beiden ersten Bande beschert haben, uns auch
den dritten geben werden. Dieser wird die tieferen Gesetze fiir das
enthalten, was uns, der Aufienseite nach, die sogenannte «Welt-
geschichte» bietet. Er wird sich mit der «okkulten Geschichts-
forschung» beschaftigen. Er wird zeigen, wie sich im wahren Sinne
die Geschicke der Volker erfiillen, wie im grofien Menschheits-
leben sich Schuld und Suhne verketten, wie die fiihrenden Person-
lichkeiten der Geschichte zu ihrer Mission gelangen, und wie sie
dieselbe erfiillen.
Nur derjenige, welcher weifi, wie die grofie Dreiheit: Korper,
Seele und Geist eingreift in das Rad des Werdens, der kann die
Entwicklung der Menschheit durchschauen. Da hat man, vor allem,
einzusehen, wie das korperliche Dasein im weitesten Sinne bedingt
wird von den grofien kosmischen Naturkraften, die in Rassen- und
Volkercharakteren und in dem, was man den «Geist» eines Zeit-
alters nennt, eine bestimmte Gestalt annehmen. Man wird einsehen,
wie die materielle Grundlage zustande kommt, welche sich da-
durch ausdriickt, dafi die Menschen bestimmte Typen (Volker,
Zeitalter) darstellen, in denen sie sich gleichen. Es werden hier die
Gattungscharaktere ihre hellere Beleuchtung erfahren, die sie nicht
erhalten konnen durch die auf das blofi Aufierliche gerichtete
Kulturgeschichte. Man wird begreifen, wie die Einwirkung des
Bodens, des Klimas, der wirtschaftlichen Verhaltnisse und so wei-
ter in Wirklichkeit auf die Menschen stattfindet.
Dann wird auseinandergesetzt werden, welche Rolle das im
eigentlichen Sinne persdnliche Element in der Geschichte spielt.
Die Triebe, Instinkte, die Gefuhle, die Leidenschaften kommen aus
diesem personlichen Element. Und sie kann man wieder nur ver-
stehen, wenn man das Herein wirken derjenigen Welt, die man
astral oder psychisch (seelisch) nennt, in diejenige kennt, die sich
vor unseren physischen Sinnen und unserem Verstande abspielt.
Ein Verstandnis wird durch diesen Teil der okkulten Geschichte
dariiber aufgehen, was man gewohnlich der Willkiir der einzelnen
Personlichkeiten zuschreibt. Und man wird das Zusammenwirken
verstehen von Einzelpersonlichkeit, Volk und Zeitalter. In die
Weltgeschichte wird von dem astralen Felde herein das aufklarende
Licht geworfen werden.
Zum dritten wird man erfahren, wie der Gesamtgeist des Uni-
versums eingreift in die Menschengeschicke, wie in das hohere
Selbst eines gro£en Menschheitsfiihrers sich das Leben dieses Ge-
samtgeistes ergiefit und auf diese Weise durch Kanale dieses hohere
Leben sich der ganzen Menschheit mitteilt. Denn das ist der Weg,
den dieses hohere Leben nimmt: es flielk in die hoheren Selbste der
fiihrenden Geister, und diese teilen es ihren Briidern mit. Von Ver-
korperung zu Verkorperung entwickeln sich die hoheren Selbste
der Menschen und da lernen sie immer mehr und mehr, ihr eigenes
Selbst zum Missionar des gottlichen Weltplanes zu machen. Durch
die okkulte Geschichtsforschung wird man erkennen, wie sich ein
Menschheitsfuhrer zu der Hohe entwickelt, auf der er eine gott-
liche Mission iibernehmen kann. Man wird einsehen, wie Buddha,
Zarathustra, Christus zu ihren Missionen gekommen sind. Diese
allgemeinen Satze eriauterte der Vortragende durch Andeutungen
(iber einige Beispiele, wie man sich die Entwickelung grofier Fuh-
rer der Menschheit durch ihre Wiederverkorperung hindurch zu
denken hat.
II
Bericht (verrcmtlich von Richard Bresch)
Um halb sechs Uhr hielt Herr Dr. Steiner den angekiindigten
Vortrag iiber okkulte Geschichtsforschung, zu dem sich eine Zu-
horerschaft von 40-50 Personen eingefunden hatte. Redner fuhrte
ungefahr folgendes aus:
Nachdem im Jahre 1875 die Griindung der Theosophischen
Gesellschaft erfolgt war, begann H. P. Blavatsky mit Hilfe ihrer
Lehrer an dem machtigen Werke zu arbeiten, das wir unter dem
Titel «Die Geheimlehre» kennen und in welchem uns ein Schatz
von tiefstem Wissen hinterlassen ist. Dieses Werk besteht aus zwei
Teilen, dem kosmologischen und dem anthropologischen, von
denen der erste die Entwicklung des Weltalls, der zweite die des
Menschen behandelt. Im Laufe der Zeit nun wird diese Arbeit eine
Erganzung erfahren, und zwar in einem dritten Teile, der sich mit
dem beschaftigen wird, was die profane Wissenschaft «Geschichte»
nennt. Die Geschichtsforschung mufi sich wohl oder iibel mit den
Tatsachen begniigen, die sich auf der physischen Ebene abspielen;
die Theosophie dahingegen, die direkt auf die Ursachen zuriick-
geht, findet die An wort auf alle jene Fragen, mit deren Losung sich
die profane Wissenschaft so oft und so vergeblich geplagt hat.
Wenn wir die geschichtlichen Tatsachen verfolgen, tritt uns
dreierlei entgegen: Geradeso wie der handelnde Mensch in ein drei-
teiliges System eingehiillt ist - die physische, die seelische und die
geistige Wesenheit — , so unterliegen auch die geschichtlichen Tat-
sachen einer solchen Dreiteilung. Die aufteren Handlungen, die
sich vor unseren Sinnen abspielen, sind im Physischen; im Seeli-
schen liegt das Zentrum, wo Lust und Unlust, Sympathie und
Antipathie herrschen, und im Geistigen finden wir das Gebiet, wo
die Ereignisse der Geschichte entstehen. Hier haben wir die wahren
Ursachen fiir alles Geschehen auf Erden zu suchen, hier beraten
sich die leitenden Personen der Geschichte Aug' in Auge mit den
grofien und unsichtbaren Fiihrern der Menschheit. Erst wenn wir
die Absicht erforschen, die jene zum Handeln trieb, begreifen wir
die oft unerklarlichen Tatsachen der Geschichte.
So zum Beispiel lebte im 15. Jahrhundert ein Kardinal Nikolaus
von Cusa (Cusanus), der tiefe wissenschaftliche Einsichten hatte.
Lange vor Kopernikus hatte er die doppelte Bewegung der Erde
erkannt und gelehrt, ohne daft er von seinen Zeitgenossen verstan-
den wurde. Es war eine Art der Vorbereitung zu dem, was Koper-
nikus (geb. 1473) einer einsichtsvolleren Generation (16. Jahrhun-
dert) mitteilen konnte. Die okkulten Forscher lehren nun iiberein-
stimmend (und auch H. P. Blavatsky hat es offen ausgesprochen
und im III. Band der «Geheimlehre angedeutet), daft Kopernikus
niemand anders war als der wiederinkarnierte Kardinal Cusa, der
auf diese Weise sein Werk zur Vollendung brachte. So werden
Aufgaben gestellt und gelost; die Seele, die etwas Groftes vorbe-
reitet, kommt spater wieder, um ihre Mission zu erfullen und zu
beenden.
Noch zwei andere Beispiele fuhrte der Redner aus, um darzu-
tun, auf welche Art die okkulte Geschichtsforschung auf ihrem
schwierigen Gebiete arbeitet, wie sie uns die scheinbar zusammen-
hanglosen Tatsachen erklarend verbindet; und mit diesen Bei-
spielen gab er gleichzeitig ein Bild von dem einst zu erwartenden
Erganzungswerke der Geheimlehre: Runden und Rassen waren
die Gegenstande der bis jetzt erschienenen Teile; der dritte Teil,
die okkulte Geschichtsforschung, wird sich mit der Reinkarnation
beschaftigen.
Zum Schluft kam Dr. Steiner eingehend auf die theosophische
Bewegung zu sprechen. Dieselbe, betonte er, sei auch im okkulten
Sinne eine gewaltige Notwendigkeit; dafiir lieften sich vielfache
Griinde anfiihren, von denen einer der wichtigsten folgender sei:
Jeder Menschenrasse wird ein Geheimnis ausgehandigt; wir sind
in der fiinften Rasse und bei dem fiinften Geheimnis, und zwar
kann letzteres heute noch nicht ausgesprochen werden, wir sind
aber dabei, uns allmahlich in dasselbe hineinzuleben. Welcher Art
es ist, deutet schon Paulus, der ein Initiierter war, an - kundgege-
ben wird es erst im Laufe der Entwicklung unserer Rasse. Ein
vorzeitiges Erraten dieses Geheimnisses durch rein intellektuelle
Fahigkeiten wiirde eine unbeschreibliche Gefahr fiir die Mensch-
heit bedeuten. Da nun schon zweimal ein solches Erraten beinahe
erfolgt ist und in absehbarer Zeit wieder bevorsteht, haben die
grofien Lehrer der Menschheit die theosophische Bewegung her-
beigefuhrt. Die Menschheit soil vorbereitet werden auf die grofte
Wahrheit. Die Theosophie arbeitet auf einen gewissen Zeitpunkt
hin; ein Kern soil gebildet werden, der diese Wahrheit versteht,
wenn sie dereinst unverhiillt hervortritt - ein Kern, der sie richtig
erfafit und nicht zum Fluche, sondern zum Segen der Menschheit
verwendet. Die fruheren Rassen wurden aus einer schon bestehen-
den, durch Auswahl geeigneter Individuen oder Familien und Fort-
fuhrung derselben durch den Manu in geeignete menschenleere
Landschaften gebildet. Dies Verfahren sei bei dem heute liber den
ganzen Erdball gehenden Verkehr nicht mehr tunlich, aber auch
nicht mehr notwendig; an seine Stelle trete heute die Erziehung
durch die kosmopolitische internationale Theosophische Gesell-
schaft, welche diesen Kern bilde.
Nachbemerkung der Herausgeber:
Am 14. November 1903 schrieb Giinther Wagner aus Lugano, der diesen
Vortrag gehort hatte, an Rudolf Steiner folgendes:
«... Lieb ware es mir, wenn Sie mir eine spezielle Auskunft geben mochten:
Die Andeutung iiber ein Ratsel, das jede Rasse zu losen habe, war mir
vollstandig neu; in der <Secret Doctrine> habe ich nichts dariiber gefunden.
Wurden Sie mir die vier Ratsel nennen konnen, die die vier ersten Rassen
(anscheinend doch) gelost haben? Auch H. P. B.s Andeutung dariiber wiirde
ich gern lesen, vielleicht geben Sie mir die genaue Stelle an.»
Rudolf Steiner antwortete ihm am 24. Dezember 1903:
Verehrter lieber Herr Wagner! Seite 73 der (deutschen Ausgabe)
«Geheimlehre» steht mit Bezug auf Strophe 1,6 (Dzyan): «Von den
sieben Wahrheiten oder Offenbarungen sind uns blofi vier ausge-
handigt, da wir noch in der vierten Runde sind.» - Ich habe nun -
als Sie in Berlin waren - im Sinne einer gewissen okkulten Tradi-
tion darauf hingedeutet, dafi die vierte der oben gemeinten sieben
Wahrheiten zuriickgeht auf sieben esoterische Wurzelwahrheiten,
und dal? von diesen sieben Teilwahrheiten (die vierte als das Ganze
betrachtet) jeder Rasse eine - in der Regel - ausgeliefert wird. Die
fiinfte wird ganz offenbart werden, wenn die funfte Rasse ihr Ent-
wickelungsziel erreicht haben wird. Nun mochte ich Ihrer Frage
entsprechen, so gut ich es kann. Gegenwartig liegt die Sache so,
dafi die vier ersten Teilwahrheiten Meditationssatze fur die Aspi-
ranten der Mysterien bilden und dafi nicbts weiter gegeben werden
kann als diese (symbolischen) Meditationssatze. Aus ihnen geht
dann fur den Meditierenden auf okkultem Wege manches Hohere
hervor. Ich setze also die vier Meditationssatze - in deutsche Spra-
che aus der symbolischen Zeichensprache iibertragen - hierher:
I. Sinne nach: wie der Punkt zur Sphare wird und doch er selbst
bleibt. Hast du erfafk, wie die unendliche Sphare doch nur
Punkt ist, dann komme wieder, denn dann wird dir Unend-
liches in Endliches scheinen.
II. Sinne nach: wie das Samenkorn zur Ahre wird, und dann
komme wieder, denn dann hast du erfafit, wie das Lebendige
in der Zahl lebt.
III. Sinne nach: wie das Licht sich nach der Dunkelheit, die Hitze
nach der Kalte, wie das Mannliche nach dem Weiblichen sich
sehnt, dann komme wieder, denn dann hast du erfalk, wel-
ches Antlitz dir der grofie Drache an der Schwelle weisen
wird.
IV. Sinne nach: wie man in fremdem Hause die Gastfreundschaft
genielk, dann komme wieder, denn dann hast du erfafk, was
dem bevorsteht, der die Sonne um Mitternacht sieht.
Nun ergibt sich, wenn die Meditation fruchtbar war, aus den
vier Geheimnissen das fiinfte. Lassen Sie mich vorldufig nur so viel
sagen, dafi die Theosophie - die Teil-Theosophie, die etwa in der
«Geheimlehre» und ihrer Esoterik liegt - eine Summe von Teil-
wahrheiten des fiinften ist. Eine Andeutung, wie man dariiber hin-
auskommt, finden Sie in dem von Sinnett angefiihrten Briefe des
Meisters K.H. [Kuthumi], der mit folgenden Worten beginnt: «Ich
habe jedes Wort zu lesen ...». In der ersten (deutschen) Ausgabe
der «Okkulten Welt» steht er auf Seite 126 und 127.
Ich kann Ihnen nur die Versicherung geben, in dem Satze
K. H.s (Seite 127) «Wenn die Wissenschaft gelernt haben wird,
wie Eindriicke von Blattern urspriinglich auf Steinen zustande
kommen ...», in diesem Satze liegt fast das ganze fiinfte Geheimnis
auf okkulte Weise verborgen.
Das ist alles, was ich zundchst iiber Ihre Fragen zu sagen ver-
mag. Weiteres vielleicht auf weitere Fragen.
Die vier obigen Satze sind das, was man lebendige Satze nennt,
d.h. sie keimen wahrend der Meditation und es wachsen aus ihnen
Sprossen der Erkenntnis.
[...]
PHYSISCHE KRANKHEITEN
UND KOSMOLOGISCHE GESETZMASSIGKEITEN
Berlin, 27. Oktober 1903
Es wurden die Fragen gestellt: Warum gibt es im karmischen Zu-
sammenhang das Unvollkommene, das Ubel, den Schmerz und die
Krankheit? Wird nicht auch durch den Gedanken eines wohl-
wollenden Menschengeistes der karmische Ausgleich bewirkt? Der
Gedanke an einen verzeihenden Gott liegt doch naher als der an
einen streng-gerechten.
Auf diese Fragen kann folgendes geantwortet werden: Unsere
Gottes-Idee, [so wie sie sich vom theosophischen Gesichtspunkt
darstellt], schliefk die Vorstellung ein, da$ die einzelnen Individua-
litaten im Laufe der Zeit zu ihrer hochsten Vollkommenheit ge-
fiihrt werden, und zwar nicht auf irgendeine unbestimmte Weise,
sondern so, daft sie auf einem bestimmten Entwicklungswege das
gottliche Endziel erreichen.
In unserem Kosmos haben wir es mit sieben planetarischen
Entwicklungszustanden zu tun: Saturn, Sonne, Mond, dann kommt
die Erde, spater wird diese in den nachsten Entwicklungszustand
iibergehen, in den fiinften, dann in den sechsten und schliefilich in
den siebenten. Von drei dieser sieben planetarischen Zustande, das
heifk von dem Mond, von der Erde und dem kunftigen Planeten
Jupiter, konnen wir eine gewisse Vorstellung gewinnen. Unseren
Planeten, die Erde, nennen wir den Kosmos der Liebe, und den
nachstfolgenden, den Jupiter, den Kosmos des Feuers. In dem vor-
angegangenen planetarischen Zustand, dem Mondenzustand, haben
wir den Kosmos der Weisheit zu sehen.
Die hochstentwickelten Wesen des gegenwartigen Erdenzustan-
des nennen wir die «Meister der Liebe und des Mitleids». Die
«Meister der Weisheit» waren die hochstentwickelten Wesen der
Mondentwicklung; sie haben den weisen Aufbau der menschlichen
Organe aus den kosmischen Karmakraften so geleitet, daft zum
Beispiel zur richtigen Zeit Hunger und Durst auftreten. Treten nun
diese «Meister der Weisheit» in unserer Zeit auf, so kommen sie
mit zuviel Weisheit heriiber. Nicht wahr, ein Klavierbauer muE
seine Tatigkeit in der Werkstatt ausfiihren; im Konzertsaal wiirde
seine Tatigkeit nur Unheil anrichten. So kann ein und dieselbe
Tatigkeit an einem Orte gut, am anderen Orte schlecht sein. Dies
gilt eben auch fur diese «Meister der Weisheit»; da sie zuviel
Weisheit haben, wiirden sie infolgedessen hier auf der Erde Unheil
anrichten, so wie der Klavierbauer im Musiksaal Unheil anrichten
wiirde. Wenn die «Meister der Liebe und des Mitleids» zuviel von
unserer Erde mit heriibernehmen in den nachsten planetarischen
Entwicklungszustand, so wiirden sie eine Art «Briider des Schat-
tens» werden, denn diese nachste Epoche wird die Aufgabe haben,
das Manas-Element auf die Ebene von Budhi herauf zu lautern,
Alle diese gereinigten Karmagefuhle werden dann zusammenflie-
fien zu einer einzigen Macht, die zustreben wird dem Urgeist, der
unseren Planeten durchstromt und durchflutet. Alles, was der heu-
tige Mensch fuhlt, wird im nachsten Zustand in gelauterter Form
wie Flammen zusammenstromen, und diese vielen einzelnen Flam-
men werden sich verbinden zu einem Gesamtfeuer. Und so nennt
man diesen Planeten den Kosmos des Feuers, der gebildet wird
aus den gelauterten Gefuhlen der menschlichen Herzen, indem sie
harmonisch ineinanderklingen.
Dieser Kosmos des Feuers verhalt sich zu unserem irdischen
Kosmos so wie dieser zu seinem Vorganger. Das Wesenhafte muE
erst durch die Weisheit hindurchgegangen sein, dann durch die
Liebe, und endlich mufi es im Feuer aufgehen. Das ist das Ziel,
welches der Urgeist, der den Kosmos durchstromt, anstrebt. Er
will die Menschheit alle Zwischenstadien durchleben lassen. Der
Mensch soil nicht nur einfach zur Vollkommenheit gelangen, son-
dern es gilt auch, ihn alle einzelnen Stadien durchlaufen zu lassen,
urn ihn den Reichtum des Daseins erleben zu lassen. Diese Zwi-
schenziele konnten nicht erreicht werden, wenn nicht Mannigfal-
tigkeit in der Zeit und im Raum vorhanden ware. Im Raume sind
verschiedene Daseinsstufen nebeneinander. Aber auch hintereinan-
der in der Zeit leben die Wesen und machen verschiedene Epochen,
verschiedene Stufen durch. So erstrebt der Urgeist die Mannig-
faltigkeit in der Zeit und im Raume. Er lafit die Wesen durch
sich selbst zur Vollkommenheit schreiten. Er lafit die Wesen die
einzelnen Lektionen wirklich durchmachen.
Karma kann also nur so wirken, dafi das eine, das Vollkommene,
dem anderen, dem Unvollkommenen, entspricht. Denken Sie sich,
ein Kind soil sich entwickeln, um sich im Hinblick auf sein spateres
Erwachsensein zu vervollkommnen. Da mufi es alles erst lernen. Es
mufi stehen und gehen lernen, es mufi lernen, sich selbst im Gleich-
gewicht zu halten; dabei wird es auch ofters hinfallen. Wenn mit
dem Hinfallen kein Schmerz verkniipft ware, so wiirde das
Hinfallen keine Wirkung in der Richtung der Vervollkommnung
der Fahigkeiten haben. Um sich zu vervollkommnen, mufi eben
Unvollkommenes im Leben vorhanden sein. Mit jeder Tatsache
muS eine andere so verbunden sein, daft diese erste Tatsache uns zu
einer Lektion wird, daft sie uns etwas lehrt. Das zeigt uns die
Theosophie. Alle Zwischenstadien unseres Planeten sind ein
Lernen, durch das wir aufsteigen bis zu dem hochsten Grade. Wir
haben deshalb das Leben aufzufassen als ein Lernen. Der gottliche
Urgeist gibt uns die Gelegenheit, daft wir aus dem Leben so viel
wie moglich lernen. Ein nur verzeihender Gott wiirde uns ver-
hindern zu lernen.
Jede Tat wird zum Quell einer Erkenntnis. Das wiirde sie nicht,
wenn nicht mit dem Pendeln nach der einen Seite das Ausschlagen
des Pendels nach der anderen Seite verkniipft ware. Es ist not-
wendig, daft das Pendel nach zwei Seiten ausschlagen kann, damit
wir nicht an der Hand eines Schopfers wie Marionetten gelenkt
werden. Weil in bestimmten Stadien unserer Entwicklung nicht die
ganze Mannigfaltigkeit des menschlichen Lebens auftritt, raufi in
anderen Stadien etwas auftreten, was sich ausnimmt wie das Aus-
schlagen des Pendels nach der anderen Seite.
Nun gibt es physische Krankheiten. Den Ursprung der physi-
schen Krankheiten konnen wir im Grunde genommen nicht be-
greifen. Begreifen konnen wir nur, daft uns Unfalle passieren; daft
aber unser Korper einfach aus sich selbst heraus krank wird, ohne
daft ihm ein Unfall geschieht, das ist etwas, was wir nicht so ohne
weiteres begreifen konnen. Im Okkultismus werden die «Briider
des Schattens» auch als die Trager von bosen, von innen heraus
wirkenden Krankheiten angesehen; und wir konnen den kosmisch-
karmischen Ursprung der ohne auftere Veranlassung auftretenden
physischen Erkrankungen in der gleichen Richtung suchen. Durch
das Zuviel an Weisheit am falschen Platz geschieht das Abirren ins
Bose. Das bedeutet im Physischen ein zu starkes Eingreifen in die
Organe durch die Meister der Weisheit. Diese sollen sich aber nur
mit Weisheit beschaftigen und sich im jetzigen Erdenzustand nicht
in die physische Sphare der Organe vertiefen. Genau so werden die
Meister der Weisheit, wenn sie hier dasselbe tun, was sie in einer
friiheren Stufe mit Recht getan haben, zu Erzeugern von phy-
sischen Krankheiten. Dieses sich gleichsam selbst iiberschlagende
Weisheitsprinzip ist der Ursprung des physischen Ubels.
Unserem Kosmos der Liebe, des Mitleids und des Wohlwollens
ging der Kosmos der Weisheit voran, in welchem die Wesen ihre
Tatigkeit dem Ausbau des physischen Leibes gewidmet haben. Dafi
sie ihre Tatigkeit noch in unseren Kosmos hineinerstrecken, das
bewirkt die Krankheiten. Die Krankheiten, die physischen und die
moralischen Ubel, sind auf diesen gemeinsamen Ursprung zuriick-
zufuhren. Dies ist eine Tatsache, die sich uns aus der okkulten
Geschichtsforschung ergibt.
Ich habe gezeigt, wie unsere Zeit durch die aufiere Forschung
dahin gekommen ist, daft eine Vergeistigung durch die Theosophie
notwendig wird. Bis vor das Tor der Theosophie kommt die
abendlandische Wissenschaft und klopft nun an, denn aus sich
selbst heraus kann sie befriedigende Losungen nicht finden.
Lombrosos Forschungen zum Beispiel sind an sich berechtigt;
bei ihm erscheinen das Physische und das Seelische nahe aneinan-
der geriickt. Wie nahe riickt er beim Verbrecher Krankheit und
physische Abnormitat zueinander. Rein physische Abnormitaten
und Unregelmaftigkeiten der Physis hat Lombroso bei Verbre-
chern gefunden; er mifit die Schadel, sucht Asymmetrien und
Abnormitaten auf und sagt, dafi da, wo eine moralische Verfeh-
lung vorliegt, auch eine physische Disharmonie zu finden sei. Auf
diese Weise riickt er moralisches und physisches Kranksein sehr
nahe aneinander. So kommt die physische Wissenschaft zu
Uberzeugungen, zu denen auch der Okkultismus fuhrt. Aber die
Theosophie weifi, dafi es sich im Falle von moralischen und phy-
sischen Krankheiten um ein karmisches Hereinragen der lunari-
schen Epoche in unsere irdische handelt; es sind kosmisch-karmi-
sche Wirkungen, die in diesem zu tiefen Vordringen in die Physis
zum Vorschein kommen.
Nun werden Sie sehen, warum diejenigen, welche die Fahigkeit
zum astralen Schauen haben, ganz andere Arzte sein konnen als
die, welche dieses Schauen nicht haben. Wahrend der lunarischen
Epoche war alles, was damals geschehen ist, viel naher dem Astra-
len als heute; die astralen Krafte waren viel reger, viel fliissiger, sie
waren viel machtiger. Der astrale Seher kann daher den Zusam-
menhang verfolgen, der zwischen unserer Welt und der lunarischen
besteht. Er muE von den physischen Wirkungen in die astralen
Ursachen hineinschauen. Man muft versuchen, sich dies in einem
Bilde vorzustellen. Stellen wir uns vor, das Astrale ware Wasser
gewesen und ware nun gefroren, so dafi man in dem Eis alles sehen
kann, was friiher da war. Ein Arzt wie Paracelsus, der dieses
Schauen hatte, war imstande, eine ganze Menge von Heilenspro-
zessen zu finden, die dem gewohnlichen Arzte nicht verstandlich
sind. Er war imstande, die Ursachen fur die Krankheiten im Phy-
sischen durch sein Schauen zu ermitteln, das heilk die Ursachen der
Krankheiten in den vorhergegangenen Entwicklungsepochen zu
sehen. Er sagte, man miisse nicht blofi den irdischen, sondern auch
den siderischen Menschen kurieren; das heilk in unseren Worten:
man muft auch das Astralische des Menschen kurieren. Paracelsus
sieht das Verhaltnis zwischen der Wirkung des von ihm benutzten
physischen Heilmittels und der Ursache der Krankheit, und er
sieht auch die Wirkung dieses Heilmittels. Der gewohnliche Arzt
findet die Wirkung nur durch das Experiment.
Sie sehen also, wie dasjenige, was auf der Erde als Unvollkom-
menheit erscheint, fur uns nicht mehr unvollkommen ist, wenn wir
es auffassen als verschuldet durch das Hereinwirken der friiher
berechtigten Weisheit in unsere Epoche. Was in unserer Epoche
vollkommen ist, kann in einer fruheren oder spateren unvollkom-
men sein. Jesus sagt: Warum nennt ihr mich vollkommen? Nur der
Vater im Himmel ist vollkommen. - Kein einzelnes Wesen ist
vollkommen; es ist nur unvollkommen - an dem Ort und zu der
Zeit, wo es sich befindet.
UBER FRUHERE GOTTESVORSTELLUNGEN
Berlin, 2. November 1903
Ich mochte heme von gewissen Erscheinungen sprechen, die zu-
sammenhangen mit dem Zustand, der etwa in der Mitte der dritten
Runde, der dritten Zeitepoche der Erdenentwicklung, eintritt und
in dem die bisher atherischen, feineren Menschenrassen dichter,
stofflicher werden. Es entwickelt sich das Vorstellungsvermogen.
In der ersten Wurzelrasse war erst das Empfindungsvermogen aus-
gebildet; die Menschen konnten empfinden, sie konnten den Un-
terschied wahrnehmen zwischen kalt und warm, zwischen hell und
dunkel, zwischen nai$ und trocken, aber sie konnten noch nicht
sich Dinge vorstellen, sie hatten noch nicht die Moglichkeit, die
Gegenstande, die drauften sind, in sich zu wiederholen, das heifit in
sich geistige Gegenbilder zu den Gegenstanden draufien zu schaf-
fen. Das tritt erst bei der dritten Wurzelrasse ein. Auf der einen
Seite sehen wir da heraufkommen das Vorstellungsvermogen und
auf der anderen Seite das Grob-Stoffliche, das sich ausdriickt in
dem Fortpflanzungsvermogen und in dem Auftreten der Gegen-
satze des Mannlichen und Weiblichen.
Diese Entwicklung ist mit noch etwas anderem verknupft, und
zwar mit etwas, das uns ein tieferes Verstandnis der Gottesvorstel-
lung geben kann. Es hat in jener Zeit eine Gottesvorstellung noch
nicht gegeben; erst von der dritten Wurzelrasse an konnte eine
Gottesvorstellung aufdammern, erst dann konnte ein Gottesbe-
wulksein entstehen. Wir verstehen das nur, wenn wir den ProzeE,
[wie sich die Gottesvorstellung entwickelte,] als einen realen fassen.
Wenn wir versuchen zu verstehen, wie die Gottesvorstellungen in
der Menschheit begannen Platz zu fassen, so finden wir, da£ man
zunachst iiberall eine Religionsform konstatieren kann, die sich
unterscheidet von dem Polytheismus und von den anderen Reli-
gionsformen. Deshalb wurde dafiir ein besonderes Wort gepragt:
Henotheismus. Henotheismus war die urspriingliche Religions-
form, die wir in dieser Zeit iiberall finden. Die Vielgotterei ist erst
etwas Spateres. Die urspriingliche Form der Gottesvorstellung ist
die Anbetung und Verehrung einer Urgottheit. Diese Vorstellung
unterscheidet sich aber von der spateren Vorstellung eines Ein-
heitsgottes, dem Monotheismus, da sie nicht so bestimmt ausgebil-
det ist, da sie schwankend ist und verschwimmende Gestalt hat. Es
ist eine unbestimmte Gottesvorstellung, die iiberall auftritt. Klar
ausgedriickt miifite ich sagen: Urspriinglich stellten sich die Volker
nicht einen Gott vor, sondern ein Gottliches, sie stellten sich vor,
dalS ein Unbestimmtes dem Weltenall zugrundeliegt, und daft die-
ses Unbestimmte gottlich ist. Woher und wie kamen die Menschen
zu dieser Vorstellung, dafi der Urgrund der Welt gottlich ist? Man
hat verschiedene Hypothesen aufgestellt und nicht finden konnen,
woher dieser Gedanke kommt. Der Henotheismus, so wie man ihn
heute findet bei den sogenannten wilden Volkern, ist nicht die
urspriingliche Form dieser Gottesvorstellung, denn bei diesen
Volkern haben wir es nicht mit direkten Nachfahren dieser alten
Kulturen zu tun.
Gehen wir zu den Lemuriern, so treffen wir auf einen Zeit-
punkt, wo der Ubergang stattfindet von dem allgemeinen Wirken
der kosmischen Weisheit zu dem Wirken von Kama-Manas in der
einzelnen Menschenseele. Vorher ist die Weisheit ein universelles
Wesen, ein Wesen, das gleichsam iiber dem Ganzen schwebt als
Geist. Es ist noch nicht sehr verschieden von dem Universalgeist,
der wahrend der Mondepoche gewirkt hat. Gerade in der lemuri-
schen Zeit geschieht das Eintraufeln des Allgeistes in die mensch-
lichen Seelen. Stellen Sie sich das so vor: Vorher sahen die Lemu-
rier den einheitlichen Geist, den sie sich noch nicht vorstellen
konnten, aufier sich; er schwebte iiber ihnen. Und in ihrer weiteren
Entwicklung finden sie dasselbe in sich, was sie fruher aufter sich
haben wahrnehmen konnen; sie finden es in sich selbst, in ihrer
eigenen Seele widergespiegelt. Vor ihrer Entwicklung zu vorstel-
lenden Wesen war das Schauen der Lemurier ein halb-astrales
Schauen; die Einheits-Gottheit sahen sie iiber sich schwebend. In-
dem sie jetzt in sich sehen, spiegelt sich das, was sie fruher aufier
sich sahen, in ihrer eigenen Seele. Es ist der Inhalt, der fruher drau-
ften war, derselbe, der jetzt in der eigenen Seele aufleuchtet. Die
erste Gottesvorstellung ist nichts anderes als eine Wiederholung
dieses Prozesses. Die Uberreste einer solchen Religion konnen Sie
in der altesten indischen Religion finden.
Nun gehen wir heriiber zu der atlantischen Rasse. Der Lemurier
konnte nicht nur sehen, sondern sich auch ein geistiges Gegenbild
des Gesehenen schaffen. Es ist etwas anderes, sich ein Bild zu
schaffen und dieses Bild dann mit sich herumzutragen. Das Ge-
dachtnis ist erst ausgebildet worden bei der atlantischen Rasse. In
der ersten Wurzelrasse wurde das Empfindungsvermogen, in der
zweiten das Anschauungsvermogen, in der dritten das Vorstel-
lungsvermogen ausgebildet, und erst die vierte Wurzelrasse konnte
die Vorstellungen behalten und hat dadurch das Gedachtnis ausge-
bildet. Wenn Sie sich das vorhalten, dafi bei den Atlantiern vor-
zugsweise das Gedachtnis ausgebildet wurde, so konnen Sie sich
denken, dafi bei ihnen auch die Religion ganz bestimmte Formen
annehmen mufite.
Die lemurische Menschenrasse ging zugrunde, sie ging iiber in
die atlantische Rasse, welche das Gedachtnis entwickelt hat. Mit
ihrem vorzuglichen Gedachtnis erinnerten die Atlantier sich an die
Bilder, welche sich ihre Vorfahren, die Lemurier, gemacht hatten.
Das ist ungefahr so [vorzustellen], wie wenn Sie zum Beispiel im
Wassertropfen die Sonne sich spiegeln sehen, aber nicht die Sonne
selbst sehen. Daher entwickelten die Atlantier ein zweifaches Be-
wufltsein: In unseren Vorfahren ergriff das Gottliche Platz; sie
waren unsere Ahnen, in deren Seelen Gottliches lebte. - Das war
die Zeit, in der man begann, die Ahnen zu verehren; der Ahnenkult
trat da auf. Die Ahnen wurden verehrt, weil man das Gottliche in
deren Seelen aufblitzen sah. Eine Abart der Ahnenverehrung ist die
spatere Heroenverehrung: Theseus, Iason und so weiter; auch das
gehort zur Verehrung der Vorfahren. Damit wird aber auch die
Vielheit der Gotter eingefuhrt. Wir finden da das Einfliefien der
wirklichen Geistigkeit in die Menschenseele - Erinnerung, Aus-
bildung des Gedachtnisses - innerhalb der vierten Menschenrasse,
innerhalb der Zeit der Atlantier.
Nun kommen wir zur funften Menschenrasse. Bei ihr entwickelt
sich die Denkkraft. Die Atlantier haben nicht in dem Sinne gerech-
net wie wir, denn dazu ist die Denkkraft notig, die Logizitat. Sie
wissen, da£ 2x2 = 4 ist; das wissen Sie, das haben Sie sich durch
das Denken erworben. Der Atlantier hatte das noch nicht. Wenn
er Zwei hatte und dann noch einmal Zwei, so rechnete er nicht:
2x2 = 4, sondern er sagte: Wieviele waren es in fruheren Fallen,
wenn die Dinge so nebeneinander gelegen haben? - Die Vorstel-
lungen des Atlantiers waren also an das Gedachtnis gebunden. Vor
dem Gedachtnis des Atlantiers lag das ganze Leben und auch das
seiner Vorfahren. Das ist nicht zu verwechseln mit der Akasha-
Chronik, sondern es war menschliches Gedachtnis. Friiher emp-
fanden die Menschen mit ihrer ganzen Natur; es war nicht wie bei
uns heute, wo man zuerst etwas beriihren muE. Heute haben wir
Denkregeln, zum Beispiel 2x2 = 4, und wir richten uns danach.
Das religiose Bewulksein in der funften Wurzelrasse mufi sich
herausbilden unter dem Einflufi des Denkens. Der Mensch der
funften Rasse sucht nicht nur, das wahrzunehmen, was um ihn
herum ist, er sucht nicht nur zu einem Empfinden zu kommen,
sondern er sucht es [gedanklich] zu ergreifen. Ihm wird das Den-
ken ein wichtiges Mittel, um zur Weisheit zu dringen. Damit lost
er sich, weil das Gedachtnis iibertont wird, von der Vergangenheit
immer mehr und mehr ab. Die Verehrung des Alten verschwindet,
und nur das, was tief innerlich in der Seele als Manas lebt und als
Manas sich ankiindigt, wird dasjenige, an das die Verehrung sich
heftet. Daher kommt die fiinfte Menschenrasse dahin, das Manas
als das Gottliche zu erkennen.
Die fiinfte Menschenrasse treibt daher auch nicht mehr Poly-
theismus, sondern sie strebt danach, die Meisterschaft des Innern zu
gewinnen und den gottlichen Mittelpunkt des Menschen zu erken-
nen. Daher haben wir in der funften Menschenrasse die grofien
Meister: Laotse, Konfuzius, Buddha, Moses, Zarathustra und so
weiter. Dadurch wurde die Menschheit losgelost von dem Vergan-
genen und von der Verehrung ihrer Ahnen, [und es beginnt die Ver-
ehrung] der in der Zeit sich verwirklichenden gottlichen Weisheit.
Wenn Sie nun die mythologischen Vorstellungen der Griechen
in ihrem tieferen Sinne auffassen, so werden Sie sehen, wie in der
Stufenfolge der griechischen Gottheiten merkwiirdigerweise ein
voiles Bewufksein von der Aufeinanderfolge dieser religiosen Vor-
stellungen lebt. Wir rmissen uns vorstellen, dafi die Kraft, die bei
den Lemuriern iiber allem schwebt, die als einheitliche Weisheit im
Raume lebt, [von den Griechen] Uranos genannt wird. Uranos
wird abgelost von Kronos, dem Gotte der Zeit, von dem Gotte, der
im Gedachtnis lebt; er verschlingt fortwahrend seine Kinder. Er
reprasentiert die ganze Ahnen-Gottlichkeit. Dann folgt Zeus, der
vermenschlichte Gott, der Gott des Heroentums; er ist eine Abart
desselben Prinzips. Dann kommt der Kult des Dionysos. Dionysos
ist der Strebende, Leidende, Empfindende, der denkende Mensch
selbst. Er ist so dargestellt, dafi er urspriinglich getotet, zerstiickelt
wird, dann wieder auferstanden ist und nun wieder in der Welt
emporstrebt. Er ist der Reprasentant der Meisterschaft, der Mahat-
maschaft, der Reprasentant der Gottesvorstellung der funften
Rasse. So haben sich in der griechischen Vorstellung diese drei
Stufen erhalten: Uranos - Henotheismus; Kronos und Zeus -
Polytheismus; Dionysos - Mahatmaschaft. Das wird Ihnen eine
Aufklarung dariiber sein, warum die Dionysos-Religion in Grie-
chenland eine Geheimreligion war.
Die Griechen verbargen diesen Kult in den Mysterien. Aischy-
los wurde vor Gericht gefordert, weil er Geheimnisse der Myste-
rien verraten habe, indem er sie auf die Biihne gebracht hat. Er
konnte aber nachweisen, dafi er gar nicht in die Mysterien einge-
weiht war. Sokrates mufke sterben, weil man glaubte, dafi seine
Lehren aus den Mysterien heraus gegeben waren. Es wurde immer
fur den Verrat der Mysterien die Todesstrafe verhangt. Wo in der
griechischen Mythe von dem Herabsteigen in die Unterwelt ge-
sprochen wird, bedeutet dies immer eine Einweihung; es bedeutet,
da£ die Betreffenden Mysten waren. Dionysos steigt hinunter in
die Unterwelt. Das bedeutet: er war Myste; ebenso Herakles. Jeder
Mythos bedeutet etwas ganz Bestimmtes, nicht etwas Willkiir-
liches. Man brauchte nicht zu glauben, sondern man wulke es; man
wufke es durch die Einweihung. Die Einweihung brachte den Be-
treffenden dazu, die Bedeutung des Mythos wirklich anerkennen
zu konnen. Der Eingeweihte der fiinften Wurzelrasse ist voll aus-
gefiillt von der Anschauung, dafi in ihm das fiinfte Menschheits-
prinzip sich zum Dasein ringt, da£ er Trager des Menschentums
der fiinften Wurzelrasse ist. Dadurch kommt er auch zur Anerken-
nung des Mahatmatums.
Je tiefer man die Dinge betrachtet, desto mehr kommt man auf
den inneren Fortgang der geistigen Menschheitsentwicklung. Jetzt
wird es nicht mehr so unbegreiflich erscheinen, wenn ich oft von
Geheimnissen gesprochen habe. Sie sehen ja, die Theosophie ist
nichts anderes als ein fortwahrendes Enthiillen geheimer Welten-
zusammenhange. Diejenigen Geheimnisse, welche die Theosophie
heute enthiillen kann, sind noch ganz elementar. Sie sind aber
etwas, was den Menschen schon tief hineinstellt in einen grofien
Zusammenhang, der ihm das Dasein auf der einen Seite klein
erscheinen lafit wie eine kleine Perle in einer grofien Muschel, aber
auf der anderen Seite grofi, wenn er auf das hohere Selbst reflektiert
und sich seine Inkarnationen wie die Gesamtheit der Perlen vor-
stellt. Die Theosophie macht uns nicht klein, wie die moderne
Naturwissenschaft uns klein machen will, die da sagt: Im ganzen
Universum sind Millionen von Erden, die alle bewohnt sind, und
von diesen ist unsere Erde ein Staubkorn. - Auch die Theosophie
sagt, der Mensch ist ein solches Staubkorn, aber in dem Menschen
lebt auch das Gottliche. Dieser gottliche Funke, den wir im Mittel-
punkt unseres Bewulkseins finden, ist nicht in uns entstanden,
sondern er ist von aufien in uns hereingezogen; er ist dasselbe, was
draufien im Makrokosmos lebt.
Es ist keine besondere Weisheit, zu der Feuerbach gekommen
ist, [wenn er meint]: Die Alten hatten unrecht, wenn sie sagten, die
Gottheit habe den Menschen nach ihrem Ebenbilde geschaffen,
denn der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde. - Ganz richtig, der
Mensch schafft die Gottheit wieder aus sich heraus. Aber: das ist
die Gottheit, die das schafft. So diirfen wir sagen: Feuerbach hat
recht, nur dafi er sich nicht selbst recht gibt. Was ich Ihnen immer
wieder sagte: Gedankenkontrolle ist das, was notig ist. Und Ge-
dankenkontrolle besteht nicht nur darin, dafi ein Gedanke klar ist,
sondern dafi jeder Gedanke einen Kontrollgedanken hat. Man soll-
te nie einen Gedanken denken oder aussprechen, ohne den dazuge-
horigen Kontrollgedanken anzuwenden. Der Mensch wirkt Wun-
der, wenn er sich nicht gestattet, nur einseitige Gedanken zu fassen.
UBER DEN SUNDENFALL
Berlin, 24. November 1903
Wir werden heute von der Entwicklung des Kausalkorpers spre-
chen. Wir halten dabei daran fest, dafi die Reinkarnationen durch-
schnittlich so geschehen, dafi Jahrhunderte zwischen zwei Inkarna-
tionen verfliefien. Der Kausalkorper ist zunachst auf einer niederen
Stufe, dann [nach weiteren Inkarnationen] auf einer hoheren und
immer wieder hoheren. Die erste Inkarnation der Menschenwesen-
heit und damit die Veranlagung des Kausalkorpers geschah in der
dritten Wurzelrasse unserer Erdenrunde. Vorher waren die un-
sterblichen Menschengeister noch nicht in den Leibern inkarniert,
die wir jetzt tragen, auch nicht in ahnlichen Leibern. Wir werden
iiber die vorhergehenen Zustande noch sprechen.
Ich mochte nun zeigen, wie die Entwicklung geschieht. Sie kon-
nen sich einen Begriff machen von der regelmafiigen Stufenfolge
der Entwicklung, wenn Sie die indische und die europaische Kul-
turepoche betrachten. Die europaische Unterrasse ist nicht auf
einer hoheren und auch nicht auf einer tieferen Stufe als die indi-
sche - die indische Unterrasse ist spiritueller, die europaische ist
intellektueller. Denselben Inhalt, welchen die indische Unterrasse
durch Spiritualitat bekommt, erhalten wir durch Intellektualitat.
Wir konnen heute Spirituelles erf as sen, wenn wir vorher in einer
spirituellen Rasse inkarniert waren. Das, was wir damals, in den
Zeiten, in denen die Genesis des Alten Testamentes entstanden ist,
auf spirituelle Weise gesehen haben, konnen wir heute verstandes-
mafiig leichter begreifen. Daft wir dasjenige, was der Kausalkorper
in friiheren Jahrhunderten geschaffen hat, heute zu verstehen ver-
mogen, das liegt daran, daft wir damals als Menschen noch spiritu-
eller waren; wir konnten damals hohere Wahrheiten noch unmittel-
bar einsehen. Wenn wir die Inder und auch die Juden der alten
Zeiten betrachten, so sehen wir, da£ sie die Wahrheiten spirituell
erfaiRt haben; heute haben auch die Juden das Spirituelle verloren,
und auch die Inder sind materialistischer geworden. Fruher war es
nicht iiblich, die Wahrheiten in einer verstandesmaftigen Form zu
geben, wie wir es heute tun, sondern es wurde alles bildlich gege-
ben; und das, was ursprunglich in bildhafter Weise gegeben wurde,
das ist die spirituelle Wahrheit. Wer die Symbole kennt, der kann
das Spirituelle verstehen.
Die Gelehrten streiten sich iiber die biblische Darstellung der
sieben Schopfungstage und iiber den Mythos vom Siindenfall. Der
Mythos vom Siindenfall schildert aber nichts anderes als das, was
in der dritten Wurzelrasse, wahrend der lemurischen Zeit, geschah:
Da war der Ubergang vom Ungeschlechtlichen zum Zwei-
geschlechtlichen. Kama-Manas und die Zweigeschlechtlichkeit des
Menschen gehoren zusammen; Kama-Manas tritt auf als der werk-
tatige Verstand, das ist der eine Pol, der andere Pol ist die Zwei-
geschlechtlichkeit. Die Trennung in zwei Geschlechter und das
Eintreten des Verstandes in Kama-Manas, das stellt der Siindenfall-
Mythos der Bibel dar. Jede einzelne der Tatsachen mufi lebendig
gewesen sein bei denjenigen, welche diesen Mythos geschaffen
haben. In hoher mythischer Sprache wurden die Tatsachen erzahlt.
In der Bibel sind sie etwas verzerrt wiedergegeben; fur den Kenner
ist es deutlich, wo der Inhalt dieses Mythos verzerrt ist und wie er
ursprunglich gelautet haben mull.
Wir wollen sehen, wie damals, als die Menschheit noch spiri-
tueller war, der Mythos gegeben worden ist. Schritt fur Schritt
konnen wir uns den Mythos vom Siindenfall vornehmen, und wir
werden erkennen, welch tiefe Weisheit in diesem Mythos liegt.
Die Schlange war listiger denn alle Tiere auf dem Felde, die
Gott der Herr gemacht hatte, und sprach zu dem Weibe: ...
Das Schlangensymbol steht iiberall fiir den Initiierten. Derjenige,
der in einer gewissen Weise eingeweiht ist und aus seiner Einwei-
hung heraus einen Inhalt an die Menschheit heranbringt, der wurde
«Schlange» genannt. Die Schlange ist das Symbol desjenigen, der in
der Lage ist, die Menschheit durch Kama-Manas zu fuhren. Alles
Manasische innerhalb der dichten Erde war weniger «listig», des-
halb sagte die Schlange zum Weibe:
... J a, sollte Gott gesagt haben:
Ihr sollt nicht essen von allerlei Baumen im Garten?
(Genesis 3, 1)
Die Baume bedeuten das, was die Menschen bearbeiten sollten mit
Kama-Manas, wodurch sie sich voranbringen sollten innerhalb der
Erde, innerhalb der physischen Materie. Die Verstandeskultur ist
gemeint, die das bearbeiten soil, was innerhalb der Erde wachst
und gedeiht.
Da sprach das Weib zur der Schlange: Wir essen von den
Friichten der Baume im Garten. Aber von den Friichten des
Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon,
riihret es auch nicht an, daft ihr nicht sterbet. (Genesis 3, 2-3)
Solange der Menschengeist sich nicht verkorpert hat, solange gab es
keinen Tod und auch nicht die heutige Fortpflanzung. Die Fort-
pflanzung bei den fruheren Menschenrassen geschah auf eine ande-
re Weise: Der eine Korper cntliefi den anderen. Es war eine Diffe-
renzierung ohne Befruchtung. Nicht Geburt und Tod gab es; es
fand nur ein Anziehen und Abstofien in Wahlverwandtschaft statt.
Die Schlange, der Meister von Kama-Manas, konnte sagen: Er-
werbt ihr euch Kama-Manas, efit ihr von dem Baum, dann macht
ihr eine Entwicklung durch. - Jener Planetengeist, der Jehova heifit
und der die Menschheit fruher allein gefuhrt hat, der wulke, was
geschah, wenn sich durch die Schlange Manas mit Kama vermischt.
Wenn das geschah, dann mufiten die Menschen auch sterben.
Da sprach die Schlange zum Weibe: Ihr werdet mitnichten des
Todes sterben, sondern Gott wei£, da£, welches Tags ihr da-
von esset, so werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein
wie Gott und wissen, was gut und bose ist. (Genesis 3, 4-5)
Ihr werdet mitnichten sterben, aber eure Augen werden euch auf-
gehen -: das heifk, ihr werdet durch Kama das Manas entwickeln
mussen. Ihr werdet durch die Augen alles besehen mussen und
dann Erkenntnis erwerben. - Vorher hatten die Menschen nicht
gewufit, was gut und bose ist, denn sie wurden von oben geleitet.
Und das Weib schaute an, da$ von dem Baum gut zu essen
ware, und lieblich anzusehen, dafi es ein reizender Baum
ware, weil er klug machte; und nahm von der Frucht und aft,
und gab ihrem Mann auch davon; und er afi.
Da wurden ihrer beider Augen aufgetan, ...
Da zogen die Menschen in die Leiber ein und konnten durch die
Sinnesorgane beobachten.
. . . und sie wurden gewahr, daf$ sie nackt waren; und flochten
Feigenblatter zusammen und machten sich Schurze.
(Genesis 3, 6-7)
Friiher konnten sie das nicht wahrnehmen, jetzt erst wurden sie
«nackt». Die physische Materie zeigt die Natur, die mit Kama-
Manas verbunden ist, und die physische Materie «Kleidung» ist das
Ergebnis von Kama-Manas. Friiher hatte der Mensch eine hohere,
feinere Materie gehabt, da hatte er sich nicht zu schamen brauchen.
Die physische Materie mufke er erst seiner hoheren Natur ange-
messen machen. Gott hat nicht Kama gemacht, sondern Manas,
Aber der Mensch schamte sich und machte sich Kleidung.
Und sie horten die Stimme Gottes des Herrn, der im Garten
ging, als der Tag kiihl geworden war. (Genesis 3, 8)
Bis dahin hat der Planetengeist die Menschen gefuhrt. Jehova ist
der Gott der physischen Natur, in der «Geheimlehre» der Gott der
Zeugung, ein Mondgott. Man hat es Frau Blavatsky iibelgenom-
men, daft sie Jehova richtig charakterisiert hat. Der Mensch be-
kommt vom Kosmos durch Jehova die Sexualitat.
Und Adam verbarg sich mit seinem Weibe vor dem An-
gesicht Gottes des Herrn unter die Baume im Garten.
Und Gott der Herr rief Adam, und sprach zu ihm: Wo bist
du? Und er sprach: Ich horte deine Stimme im Garten und
furchtete mich, denn kh bin nackt, darum versteckte ich
mich. (Genesis 3, 8-10)
Friiher hatten sich die Menschen iiberhaupt nicht verstecken kon-
nen, weil Jehova sie fiihrte. Die Kabbala sagt dies viel deutlicher. In
den urspriinglichen Zeiten hat man die Geheimlehre nur bildlich
gegeben. «Adam~Kadmon» heilk der geschlechtslose Adam. Jetzt
ist die Verstandesnatur im Menschen, friiher war sie drauften. Jetzt
versteckt der Mensch sie in der inneren Natur, er versteckt sie vor
der aulSeren Weisheit.
Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dafi du nackt bist? Hast du
nicht gegessen von dem Baum, davon ich dir gebot, du soli-
test nicht davon essen?
Da sprach Adam: Das Weib, das du mir zugesellet hast, gab
mir von dem Baum, und ich afi. (Genesis 3, 11-12)
Aus dem eingeschlechtlichen Wesen ist ein zweigeschlechtliches
Wesen geworden. Das hatte es der Schlange erst moglich gemacht,
daiS sie die Menschen auf die Bahn von Kama- Manas fuhren konnte.
Da sprach Gott der Herr zum Weibe: Warum hast du das
getan?
Das Weib sprach: Die Schlange verfuhrte mich, daft ich aft.
Da sprach Gott der Herr zu der Schlange: Weil du solches
getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh und vor alien
Tieren auf dem Felde. (Genesis 3, 13-14)
«Verflucht vor allem Vieh und vor alien Tieren auf dem Felde» -
das heiftt nichts anderes als: Die Tiere haben sich bis zu einer
gewissen Grenze entwickelt, so wie es ihrem ganzen Kama noch
angemessen ist; sie folgen dem, was ihnen vorgezeichnet ist. Das
menschliche Kama ist losgelassen aus den Banden; der Mensch hat
sich selbst zu entscheiden. Der Lowe ist grausam, weil es in seinem
Kama liegt. Der Mensch aber muft den Trieb zum Moralischen
lautern, sein Trieb ist freigegeben. Du bist mit deinem Kama-Ma-
nas ausgestofien und dir selbst iiberlassen. Du bist nicht so wie die
Tiere - das liegt in diesen Worten. Diejenigen, welche die «Ge-
heimlehre» kennen, werden wissen, wie auch in der einen Dzyan-
Strophe von den hochsten Planetengeistern gesprochen wird, deren
es acht sind eigentlich, aber es sind nur sieben, von denen gespro-
chen wird, denn der eine ist ausgestoften, der das Licht gebracht
hat. So ist Kama-Manas auch ausgestoften.
Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Erde essen dein
Leben lang. (Genesis 3, 14)
Auf dem Bauche kriechen und Erde essen heifit nichts anderes als:
alles, was durch Kama-Manas erreicht werden soil, kann der
Mensch innerhalb der irdischen Entwicklung erreichen.
Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Wei-
be, und zwischen deinem Samen und ihrem Samen.
(Genesis 3, 15)
Von der Mitte der zweiten bis zur Mitte der sechsten Rasse wird
die Polaritat zwischen Samen und Verstand iibernommen von der
tierischen Sexualitat. Niemals kann der Verstand das wollen, was
die Sexualitat will.
Derselbe soil dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die
Ferse stechen. (Genesis 3, 15)
Es sollen feindliche Krafte von da und von dort kommen. Der eine
Pol sind die kama-manasischen Krafte, der andere Pol sind die
kamischen Krafte. Eine neue Unlust kam herein, die friiher nicht
da war, und die ist kamisch.
Und zum Weibe spfach er: Ich will dir viel Schmerzen schaf-
fen, wenn du schwanger wirst; mit Schmerzen sollst du Kin-
der gebaren; und dein Verlangen soli nach deinem Manne
sein; und er soil dein Herr sein. (Genesis 3, 16)
Das heifit also, eine neue kamische Stromung tritt auf. Lust und
Unlust ist im wesentlichen die Natur des Kamischen. Mann und
Weib bedeutet immer in der esoterischen Sprache die zwei Krafte:
Der Mann bedeutet die aufiere Kraft, das Weib die innere Seele.
Mann und Weib bedeuten also auftere Tatkraft und innere, seeli-
sche Gemutskraft. Solange der Mensch auf diesem physischen Weg
begriffen ist, mufi der seelische Mensch dem physischen Menschen
sich fiigen. Das Bewufitsein mufi sich den Gesetzen der physischen
Entwicklung fiigen, das he'i&t «er soil dem Herr sein».
Und zu Adam sprach er: Dieweilen du hast gehorcht der
Stimme deines Weibes und gegessen von dem Baum, davon
ich dir gebot und sprach: du sollst nicht davon essen -, ver-
flucht sei der Acker um deinetwillen, mit Kummer sollst du
dich darauf nahren dein Leben lang. (Genesis 3, 17)
Mit Kummer sollst du dein Brot essen -: Jehova ist der Planeten-
geist, dessen Herrschaft nur bis zu Kama-Manas geht. Da tritt ein
neues Regiment ein. Deshalb kann Jehova es nicht mit ansehen, dafi
Kama-Manas mit in die Entwicklung eintritt. Er sagt daher, ich
mufi einen kosmischen Gegenpol schaffen, weil du der Stimme
deines Weibes, des Bewufitseins, das mit Kama-Manas sich erfullt
hat, gehorcht und gegessen hast von der Erkenntnis des Kama-
Manas, von dem Baume, von dem ich dir gebot, du sollst nicht von
ihm essen. So sei der Acker verflucht um deinetwillen -: Also die
physische Erde. Damals war es dem Menschen gegeben als eine
selbstverstandliche Gabe, und jetzt mulS er es Stuck fur Snick er-
obern. Fruher war das, was den Menschen belebt, mehr aufgelost.
«Verflucht» heifit: selbstandig gemacht, herabgedriickt. Er konnte
jetzt die feinere Materie nicht mehr sehen. Kummer: das ist eine
neue Unlust.
Dornen und Disteln soil er dir tragen, und du sollst das Kraut
auf dem Felde essen.
Im Schweifte deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis
daft du wieder zu Erdc werdest, davon du genommen bist.
Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden. (Genesis 3, 18-19)
Er mufi aber zu Geist werden. Er muft solange im Physischen
arbeiten, bis er wieder sich vergeistigt hat.
Und Adam hieft sein Weib Eva, darum daft sie eine Mutter ist
aller Lebendigen. (Genesis 3, 20)
Und Adam hieft von dieser Stunde an sein Bewufttsein Eva, die
Mutter alles dessen, was der Mensch schafft auf der Erde, die
Mutter alles dessen, was der Mensch auf dieser Entwicklungsbahn
entwickelt hat. Und das wird die Eva sein, die kama-manasische.
Und Gott der Herr machte Adam und seinem Weibe Rocke
von Fellen, und kleidete sie. (Genesis 3, 21)
Den physisch-geistigen Menschen gab er von auften das hinzu, was
sie brauchten, um vorwartszukommen.
Und Gott der Herr sprach: Siehe, Adam ist geworden als
unser einer, und weift, was gut und bose ist. (Genesis 3, 22)
Erinnern Sie sich an das Bild, das ich gebraucht habe, wo die Licht-
quelle in der Mitte ist, und die Kugeln im Umkreis das Licht
widerspiegeln. Jetzt werden die Kugeln selbst leuchtend, und Gott
sagt: Vorher wart ihr nur ein Reflex von mir; ihr wart nur der
Gedanke, den ich aussandte, jetzt seid ihr selbstandige Wesenheiten
geworden, lebendige, losgeloste, selbstandige Wesenheiten.
Nun aber, daft er nicht ausstrecke seine Hand, und breche
auch von dem Baum des Lebens und esse, und lebe ewiglich!
Da vertrieb ihn Gott der Herr aus dem Garten Eden, daft er
das Feld baute, davon er genommen ist. (Genesis 3, 22-23)
Adam wurde aus dem Garten Eden hinausgejagt. Er durfte nicht
mehr darin bleiben; er durfte nicht mehr von dem Baume der
Unsterblichkeit essen, wie er es friiher konnte; er mufite sich eine
andere Nahrung erwerben. Das Manasische geht nicht durch die
Pforte von Geburt und Tod hindurch. Die entkorperte Weisheit
stellt dar den Baum des Lebens. Jetzt wurde der Mensch kama-
manasisch, und jetzt muft er durch Geburt und Tod hindurch-
gehen. Es sind zwei verschiedene Baume im Paradiese, von dem
einen durfte er essen. Jetzt nach dem Siindenfall sollte er dies nicht
mehr. Er hat mit Kama-Manas die Moglichkeit verloren, von dieser
Unsterblichkeit zu essen.
Da trieb Gott der Herr Adam aus, und lagerte vor den Gar-
ten Eden die Cherubim mit einem flammenden, zuckenden
Schwerte, zu bewahren den Weg zu dem Baum des Lebens.
(Genesis 3, 24)
Der Cherub ist der Planetengeist, der Manas, das unsterbliche Le-
ben, bedeutet; er bedeutet nicht Erkenntnis durch Kama-Manas.
Der Cherub, welcher Jehova zur Seite steht, wurde hingestellt vor
den Garten Eden, damit der Mensch nicht eindringe in diesen
Garten, wo die Wahrheit in ihrer urewigen Gestalt zu erreichen ist.
Nun denken Sie sich die Entwicklung der Menschheit vor der
Zeit der dritten Wurzelrasse. Der Dzyan-Chohan war es, der sie
leitete. Dadurch, da£ die Menschen von ihm gelenkt wurden, hat-
ten sie Zugang zur Weisheit. Der Mensch war spirituell unmittel-
bar geleitet, nicht durch Augen, Ohren oder inneres Organ. Jetzt
aber, als er Kama-Manas geworden war, stellte sich der Cherub vor
den Menschen hin und lief? ihn nicht zum Baum des Lebens kom-
men. Der Mensch mull erst durch allerlei Geburten hindurch-
gegangen sein. Das wird solange der Fall sein, bis er wieder die
urspriingliche Unsterblichkeit erworben haben wird.
Die Menschen der dritten, vierten und auch noch der fiinften
Rasse hatten noch ein gewisses spirituelles Leben; heute sind wir
hauptsachlich kama-manasische Menschen, die nur mit einem ge-
ringen spirituellen Einschlag begabt sind. Aber wir haben den tief-
sten Punkt schon erreicht, und die Theosophie, die theosophische
Bewegung, soil den Einschlag der Spiritualitat wieder bringen. Man
konnte friiher Wahrheiten nicht in der Verstandesform lehren, son-
dern es wurde alles in Bildern gegeben; dann ging den Menschen
die hohere Erkenntnis auf. Diejenigen, die noch etwas von der
friiheren Spiritualitat haben, werden heute nur schwer verstanden;
sie driicken manches in schwerverstandlichen Sentenzen aus. Man
muli erraten, was der Fiihrende sagen will, denn alles wird nur
bildlich ausgedruckt. Es ist aber dasselbe, was heute in der Theo-
sophie Ausdruck finden soil. Wir konnten den Siindenfall nicht so
spirituell deuten, wenn wir die Weisheit nicht von anderswoher
hatten. Friiher wurde sie mythisch erworben, heute geht sie uns
durch die fortgeschrittenere Entwicklung unseres Kausalkorpers
auf. In spateren Entwicklungsstadien wird sie Ihnen als eine mana-
sische Weisheit aufgehen.
KOSMOLOGIE NACH DER GENESIS
Berlin, 8. Dezember 1903
Die zwei ersten Kapitel der Genesis kann man besser verstehen,
wenn man die verschiedenen Dinge kennt, die wir schon durchge-
nommen haben. Das erste Kapitel stellt dar die Entwicklung unse-
res Planeten durch die drei ersten Erdenrunden bis herein in die
vierte Runde, bis zu dem Momente, in dem der Mensch erschaffen
wird. Es schliefk also mit der Erschaffung des Menschen, da, wo
der Mensch der vierten Runde in der dritten Wurzelrasse in die
erste Inkarnation eintritt. In ganz ahnlicher Weise stellt das die
mosaische Genesis dar wie die griechische Mythologie. Es ist nur
deutlicher ausgedruckt in der griechischen Mythologie, die hervor-
gehen lafk drei Strome aus den drei Logoi: Uranos, Kronos und
Zeus. Im Anfang unserer irdischen Entwicklung stellt Uranos den
ersten Logos dar, welcher uberhaupt erst die Spaltung hervorbringt
aus dem undifferenzierten Zustande, der in dem vorangehenden
Pralaya vorhanden war. Das treibende Wesen war Uranos; sein
Gegensatz war Gaia. In ihnen wurzelt die Entstehung des irdischen
Planeten. Uranos ist also in Verbindung mit der Gaia das Schopfe-
rische. Man konnte daher auch sagen: Im Anfang waren Uranos
und Gaia. Die zweite Stromung ist die Seelenstromung, Kronos,
der das rein psychische Moment der Seele darstellt. Dann tritt das
ein, was als die Pilgerfahrt der Seele bezeichnet wird, die Verbin-
dung mit Zeus, dem Gott des Kama-Manas.
Und wie heifit es nun in der Genesis?
Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.
Und die Erde war wiist und leer,
und es war finster auf der Tiefe;
Und der Geist Gottes schwebte iiber den Wassern.
(Genesis 1, 1-2)
Das ist der Arupa-Zustand; er hat noch keine Form.
Und Gott sprach: Es werde Licht. Und es ward Licht.
Und Gott sah, daE das Licht gut war.
Da schied Gott das Licht von der Finsternis,
und nannte das Licht Tag, und die Finsternis Nacht.
Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.
(Genesis 1, 3-5)
Das ist die erste Form, der beginnende Rupa-Zustand. Der zweite
Globus ist da.
Und Gott sprach: Es werde eine Feste zwischen den Wassern,
und die sei ein Unterschied zwischen den Wassern.
Da machte Gott die Feste, und schied das Wasser unter der
Feste von dem Wasser iiber der Feste. Und es geschah also.
Und Gott nannte die Feste Himmel.
Da ward aus Abend und Morgen der andere Tag.
(Genesis 1, 6-8)
Wenn in der Genesis von Wasser gesprochen wird, bedeutet das
immer die astrale Materie.
Und Gott sprach: Es sammle sich das Wasser unter dem
Himmel an besondere Orter, daft man das Trockene sahe.
Und es geschah also.
Und Gott nannte das Trockene Erde,
und die Sammlung der Wasser nannte er Meer.
Und Gott sah, daft es gut war.
Und Gott sprach: Es lasse die Erde aufgehen Gras und Kraut,
das sich besame, und fruchtbare Baume, da ein jeglicher nach
seiner Art Frucht trage, und habe seinen eigenen Samen bei
ihm selbst auf Erden. Und es geschah also.
Und die Erde lieft aufgehen Gras und Kraut, das sich besam-
te, ein jegliches nach seiner Art, und Baume, die da Frucht
trugen, und ihren eigenen Samen bei sich selbst hatten, ein
jeglicher nach seiner Art. Und Gott sah, daft es gut war.
Da ward aus Abend und Morgen der dritte Tag.
(Genesis 1, 9-13)
Das war die Zeit, wo das Pflanzenreich entstand. Friiher war das
Pflanzenreich ein durcheinanderwogendes Pflanzenreich; es gab
noch nicht gesonderte Pflanzen. Deshalb soli jetzt jede ihren
Samen haben nach ihrer Art. Jetzt entstehen erst die besonderen
Pflanzen.
Und Gott sprach: Es werden Lichter an der Feste des Him-
mels, die da scheiden Tag und Nacht, und geben Zeichen,
Zeiten, Tage und Jahre, und seien Lichter an der Feste des
Himmels, daft sie scheinen auf Erden. Und es geschah also.
Und Gott machte zwei grofte Lichter; ein groft Licht, das den
Tag regiere, und ein klein Licht, das die Nacht regiere, dazu
auch Sterne.
Und Gott setzte sie an die Feste des Himmels, daft sie schie-
nen auf die Erde, und den Tag und die Nacht regierten, und
schieden Licht und Finsternis. Und Gott sah, daft es gut war.
Da ward aus Abend und Morgen der vierte Tag.
(Genesis 1, 14-19).
Das ist die astrale Welt, der dritte Globus - das Sternenmeer, das
Symbol fiir das astrale Dasein.
Nun kommen wir zum eigentlichen Erdenglobus. Hier bildete
sich nach und nach die Materie. Zuerst die Athermaterie. Wahrend
der ersten zwei Zeitalter haben wir es zunachst mit Athermaterie
zu tun. Die verdichtet sich wahrend der dritten Wurzelrasse, wah-
rend der lemurischen Zeit. Zugleich findet eine Verdichtung der
Materialitat statt, so dafi wir in der lemurischen Zeit ein Immer-
dichter-Werden der physischen Materialitat haben.
Und Gott sprach: Es errege sich das Wasser mit webenden
und lebendigen Tieren, und Gevogel fliege auf Erden unter
der Feste des Himmels.
Und Gott schuf grofie Walfische und allerlei Tier, das da lebt
und webt, davon das Wasser sich erregte, ein jegliches nach
seiner Art, und allerlei gefiedertes Gevogel, ein jegliches nach
seiner Art. Und Gott sah, daft es gut war.
Und Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar, und mehret
euch, und erfiillet das Wasser im Meer; und das Gefieder
mehre sich auf Erden.
Da ward aus Abend und Morgen der fiinfte Tag.
(Genesis 1, 20-23)
Das ist nicht das Tierreich, von dem uns die Naturgeschichte er-
zahlt, sondern das, was im zweiten Teile der «Geheimlehre» von
Blavatsky in den Dzyan-Strophen steht.
Und Gott sprach: Die Erde bringe hervor lebendige Tiere, ein
jegliches nach seiner Art: Vieh, Gewiirm und Tiere auf Erden,
ein jegliches nach seiner Art. Und es geschah also.
Und Gott machte die Tiere auf Erden, ein jegliches nach sei-
ner Art, und das Vieh nach seiner Art, und allerlei Gewiirm
auf Erden nach seiner Art. Und Gott sah, dafi es gut war.
(Genesis 1, 24-25)
Er machte die Gesondertheit der Tiere, wahrend sie friiher durch-
einanderwogten.
Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das
uns gleich sei, die da herrschen iiber die Fische im Meer und
iiber die Vogel unter dem Himmel und iiber das Vieh und
iiber die ganze Erde und iiber alles Gewurm, das auf Erden
kreucht.
Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde
Gottes schuf er ihn; (Genesis 1, 26-27)
und er schuf ihn mannlich-weiblich, das heilk ungeschlechtlich.
Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und
mehret euch, und fiillet die Erde und macht sie euch untertan,
und herrschet iiber Fische im Meer, und iiber Vogel unter
dem Himmel, und iiber alles Tier, das auf Erden kreucht.
(Genesis 1, 28)
Mehret euch in nicht-geschlechtlicher Art, nicht durch Fortpflan-
zung, sondern einfach durch das Auseinanderhervorgehen, wie im
Astralen.
Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte; und siehe da, es
war sehr gut. Da ward aus Abend und Morgen der sechste
Tag. (Genesis 1, 31)
Wir stehen jetzt in dem Zeitpunkt, wo die dritte Wurzelrasse der
vierten Runde beginnt, das dritte Hauptzeitalter der Erde.
Also ward vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen
Heer.
Und also vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die
er machte, und ruhete am siebenten Tage von alien seinen
Werken, die er machte.
Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, ...
(Genesis 2, 1-3)
<Er ruhete> heifit, er hat jetzt die Aufgabe den Menschen ubertra-
gen. Vorher hatte er alles, was zu erregen war, von innen angeregt.
Jetzt geschah das kosmische Pfingstfest: Die Geister senkten sich
herab und setzten das Werk fort.
. . . darum dafi er an demselben geruhet hatte von alien seinen
Werken, die Gott schuf und machte.
Also ist Himmel und Erde geworden, da sie geschaffen sind
zu der Zeit, da Gott der Herr Erde und Himmel machte.
Und allerlei Baume auf dem Felde waren noch nicht auf Er-
den, und allerlei Kraut auf dem Felde war noch nicht gewach-
sen; denn Gott der Herr hatte noch nicht regnen lassen auf
Erden, und war kein Mensch, der das Land bauete.
Aber ein Nebel ging auf von der Erde und feuchtete alles
Land.
Und Gott der Herr machte den Menschen aus einem
Erdenklofi, und er blies ihm ein den lebendigen Odem in
seine Nase. Und also ward der Mensch eine lebendige
Seele. (Genesis 2, 3-7)
Jetzt war der Mensch da.
Und Gott der Herr pflanzte einen Garten in Eden gegen
Morgen, und setzte den Menschen drein, den er gemacht
hatte.
Und Gott der Herr lie£ aufwachsen aus der Erde allerlei
Baume, lustig anzusehen, und gut zu essen, und den Baum
des Lebens mitten im Garten und der Baum der Erkenntnis
des Guten und Bosen. (Genesis 2, 8-9)
Da wird geschildert der Ubergang von den atherischen Rassen zu
den physischen Rassen. Diese werden zusammengefugt von den
vier Seiten, von Ost, West, Slid, Nord, und von den vier Elemen-
ten, die den Fahigkeiten der Geist-Seele entsprechen. Der Baum
des Lebens und der Baum der Erkenntnis des Guten und Bosen ist
das Sinnbild fur das Hohere, das sich mit dem Menschen verbun-
den hat.
Und es ging aus von Eden ein Strom, zu wassern den Garten,
und teilte sich von dannen in vier Hauptwasser.
Das erste heilk Pison, das fliefiet um das ganze Land Hevila;
und daselbst findet man Gold.
Und das Gold des Landes ist kostlich; und da findet man
Bedellion und den Edelstein Onyx. (Genesis 2, 10-12)
Die anderen Wasser heiften Gehon, Hiddekel und Euphrat. Die
vier Gewasser sind die Symbole fur die vier Astralformen der
Materie, die zusammenflieften. Das Wasser bedeutet immer das
Astrale in der esoterischen Sprache. In der esoterischen Sprache ist
Gold das Symbol des Geistigen; der Onyx ist das Symbol der
Materie, die am tiefsten heruntergeht. Der Onyx ist das Symbol
dafiir, wie sich das Lebendige verwandeln raufi, bevor es in das
hohere Prinzip aufgenommen werden kann. Das Lebendige, das
Prana, muft durchgehen durch einen Lauterungszustand; diesen
bezeichnet man als den Onyx-Zustand. Auch in Goethes «Mar-
chen» findet man die Verwandlung des Mopses in einen Onyx.
Und Gott der Herr nahm den Menschen, und setzte ihn in
den Garten Eden, daft er ihn bebaute und bewahrte.
Und Gott der Herr gebot dem Menschen und sprach: Du
sollst essen von allerlei Baumen im Garten;
aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bosen
sollst du nicht essen; denn welches Tages du davon issest,
wirst du des Todes sterben.
Und Gott der Herr sprach: Es ist nicht gut, daft der Mensch
allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei.
(Genesis 2, 15-18)
Jetzt beginnt die vierte Runde; vorher war ein kleines Pralaya.
Wenn die vierte Runde beginnt, enden erst die atherischen Men-
schenrassen. Der Erstling der vierten Runde ist der Mensch. Und
was jetzt entsteht, entsteht durch den Menschen; es wird Deka-
denzprodukt, es fallt ab.
Denn als Gott der Herr gemacht hatte von der Erde allerlei
Tiere auf dem Felde, und allerlei Vogel unter dem Himmel,
brachte er sie zu dem Menschen, daft er sahe, wie er sie nenn-
te;-denn wie der Mensch allerlei lebendige Tiere nennen wiir-
de, so sollten sie heiften.
Und der Mensch gab einem jeglichen Vieh und Vogel unter
dem Himmel und Tier auf dem Felde seinen Namen; aber fur
den Menschen ward keine Gehilfin gefunden, die um ihn
ware.
Da lieft Gott der Herr einen tiefen Schlaf fallen auf den Men-
schen, und er entschlief. (Genesis 2, 19-21)
Der Schlaf bedeutet jenen Ubergang, den man ganz genau verste-
hen mu£. Wir denken uns in der Mitte [des Raumes] ein Licht, das
ringsherum in der mannigfaltigsten Weise gespiegelt wird. Denken
wir uns, dafi das Licht in der Mitte verloscht, und die aufteren
Lichter leuchten weiter. So ist das Hineinsenken von Manas in die
Korper, die nun von innen zu leuchten beginnen, wenn Manas
aufhort, die Menschen von aufien zu bestrahlen. Das Traumbe-
wulksein bildet den Ubergang zwischen dem Erstrahlen im Innern
und dem Verschwinden des Lichtes im Aufieren. Die Geschlecht-
lichkeit ist der Gegenpol fur Kama-Manas, so wie der Siidpol der
Gegenpol des Nordpols ist.
Und er nahm seiner Rippen eine, und schloft die Statte zu mit
Fleisch.
Und Gott der Herr baute ein Weib aus der Rippe, die er von
dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm.
Da sprach der Mensch: Das ist doch Bein von meinem Beine
und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie Mannin hei-
fien, darum dafi sie vom Manne genommen ist.
Darum wird ein Mann seinen Vater und Mutter verlassen,
und an seinem Weibe hangen, und sie werden sein ein Fleisch.
(Genesis 2, 21-24)
Ein jeglicher Mensch wird seinen Vater und seine Mutter verlassen,
das heifk: er wird dasjenige verlassen, was ihn fruher ausgemacht
hat.
In den zwei ersten Kapiteln der Genesis ist die agyptische Ge-
heimlehre enthalten. Moses wurde in Agypten initiiert; er hat die
Geheimlehre dann mitgebracht und sie seinem Volke gegeben.
WELTENGESETZ UND MENS CHENS CHI CKSAL
Weihnachtsvortrag
Berlin, 21. Dezember 1903
Folgen Sie mir einige Augenblicke in Gedanken in die uralten
agyptischen Tempelstatten zu einer Zeremonie, welche um die
Mitternachtsstunde desjenigen Tages gefeiert wurde, der unserem
Weihnachtstag entspricht. An diesem Tage - oder vielmehr um
Mitternacht - wurde eines derjenigen Bildnisse, welche nur viermal
des Jahres gezeigt werden, in dem Tempel enthiillt und vor eine
kleine Menge getragen, die zu diesem Tempeldienst vorbereitet
war. Dieses Bild war im innersten Heiligtum des Tempels das
ganze Jahr hindurch eingeschlossen und wurde streng^ geheim-
gehalten. An diesem Tage wurde es von dem altesten der Opfer-
priester herausgetragen, und es wurde vor ihm eine Zeremonie
verrichtet, die ich Ihnen ganz kurz beschreiben will.
Nachdem der alteste der Opferpriester das strahlende Bildnis
des Horus, des Sohnes der Isis und des Osiris, herausgetragen
hatte, traten vier Priesterweise in weilSen Gewandern vor dieses
Bild. Der erste der Priesterweisen sprach vor dem Bilde das folgen-
de: «Horus, der du die Sonne im geistigen Reiche bist und der du
uns das Licht deiner Weisheit schenkst, wie uns die Sonne das
Licht der Welt schenkt, fiihre uns, auf dafi wir am Ende nicht mehr
das sein werden, was wir heute sind.» Dieser Tempelpriester war
von Osten hereingetreten. Der zweite der Tempelpriester trat von
Norden herein und sprach etwa die folgenden Worte: «Horus, du
Sonne im geistigen Reiche, der du uns der Spender der Liebe bist,
wie die Sonne der Spender der warmenden Kraft ist, die die Krafte
der Pflanzen und Friichte das ganze Jahr hindurch herauslockt,
fiihre uns zu einem Ziele, damit wir sein werden, was wir heute
noch nicht sind.» Und der dritte der Tempelpriester kam von
Siiden und sprach: «Horus, du Sonne im geistigen Reiche, spende
uns deine Kraft, wie die Sonne der physischen Welt ihre Kraft
spendet, durch die sie die dunkelste Wolke zerteilen und \iberall
Licht verbreiten wird.» Nachdem dieser dritte Opferpriester ge-
sprochen hatte, trat ein vierter hervor und sagte etwa folgendes:
«Die drei Weisesten von uns haben gesprochen. Sie sind meine
Briider, aber sie sind hinaus iiber die Sphare, in der ich selbst noch
bin. Ich bin der Vertreter von euch» - und er meinte: der Vertreter
der Menge. Und er sagte: «Ich will eure Stimme fuhren. Ich will
sprechen fur euch, die ihr noch als Unmiindige dasteht. Ich will
meinen alteren Briidern sagen, dafi ihr das grofie Ziel der Welt
ersehnt, wo Menschenschicksal und urewiges Weltengesetz ver-
sohnt sein werden.» Das sollte in dieser Stunde begriffen werden
von denen, die geniigend dazu vorbereitet waren, wie einst un-
wandelbares Weltengesetz und Menschenschicksal eins waren.
Wenn wir die Zeremonien verstehen, die sich am Weihnachtsfest
in Asien, Indien und selbst in China abgespielt haben, dann verste-
hen wir, was uns eigentlich in den Weihnachtsglocken erklingt.
Einen Makrokosmos hat man von jeher die Welt genannt und
einen Mikrokosmos den Menschen. Andeuten wollte man damit,
daft der Mensch die Krafte in sich enthalt, welche draufien im
Grofien vorhanden sind. Aber nicht nur der berechnende Verstand
hat den Menschen die Welt im Kleinen genannt, sondern auch das
Gemut, das uns sagt, dafi man aufblicken mull zu den Gestirnen.
Hier trifft ein Wort des Philosophen Kant zu: «Zwei Dinge erfiil-
len das Gemiit mit immer neuer und zunehmender Bewunderung
und Ehrfurcht ... : der bestirnte Himmel iiber mir und das mora-
lische Gesetz in mir.»
Wie verschieden sind Makrokosmos und Mikrokosmos, wenn
wir sie von einem anderen Gesichtspunkte aus betrachten. Gerade
gegeniiber dem Makrokosmos mit seinen unwandelbaren ewigen
Gesetzen sind diejenigen von tiefster Bewunderung und Ehrfurcht
erfullt, welche zu den tiefsten Wissenden gehoren. Es hat keine
Wissenden gegeben, welche die Weltenweisheit durchschaut und
nicht zugleich voll Bewunderung vor dem schaffenden Weltengeist
gestanden haben. Und einer derjenigen Menschen [der Neuzeit],
die zum ersten Mai in vertraulichem Umgang mit diesem unwan-
delbaren Gesetzesschaffen gestanden haben, Kepler, hat die Worte
gesprochen: Wer sollte hineinschauen in den wunderbaren Bau des
Weltenganzen und nicht den Schopfer bewundern, der diese Ge-
setze der Welt eingepflanzt hat. - Die Wissenden bewundern die
urewigen Gesetze des Sternenhimmels am allermeisten.
Anders scheint es gegeniiber dem Menschenschicksal zu sein.
Goethe sagt, dafi er sich gerne von der Wandelbarkeit des Men-
schen zu den festen Regeln der ewigen Natur fliichte, und das
moralische Gesetz [Kants] mit seinem kategorischen Imperativ
schien ihm in Irrgangen befangen zu sein. Noch in einer anderen
Weise empfinden wir den Unterschied zwischen dem menschlichen
Herzen und dem Weltengeist, dem Makrokosmos; wir empfinden
diesen Unterschied, wenn wir auf den Zusammenhang des
Menschenschicksals mit dem Charakter des Menschen sehen. Wer
wiirde einem Vulkan eine Verantwortung auflasten? Wohl nie-
mand. Dem Menschen aber, der Unheil anrichtet, mussen wir sehr
wohl eine Verantwortung auflasten. Wer wiirde der Natur gegen-
iiber von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit sprechen? Und
woher kommt es denn, daft der Gute leidet und der Bose gliicklich
sein kann?
Wir sehen eine Harmonie innerhalb des Makrokosmos. Welche
Stellung haben wir ihr gegeniiber einzunehmen? Klar und deutlich
ist in jener Zeremonie, die ich beschrieben habe, das vorgezeichnet,
was in dem Fest, das heute so wenig verstanden wird, in einigen
Tagen an uns voriiberzieht. Der Sternenhimmel mit seinen unwan-
delbaren Gesetzen, er war nicht immer der Kosmos, der uns jetzt
erscheint. Dieser Kosmos ist aus dem Chaos hervorgegangen. Aus
ineinanderwogenden Kraften hat sich das erst entwickelt, was wir
heute haben. Nicht immer galten die Kopernikanisch-Keplerschen
Gesetze, die uns die Weisheit des Weltengeistes bewundern lassen.
Sie scheint heute ausgegossen, erhaben iiber Gerechtigkeit und
Ungerechtigkeit; nicht nach Gut und Bose konnen wir da fragen.
Dem Menschen gegeniiber aber konnen wir das wohl fragen. Wir
legen uns heute die tiefere Frage vor: Warum fragen wir dem Men-
schen gegeniiber nach Gut und B6se, nach Gerechtigkeit und
Ungerechtigkeit? Warum diirfen wir dem Makrokosmos gegeniiber
diese Frage nicht aufwerfen? Damals, als die Welt noch em wogen-
des Meer darstellte, gab es mitten zwischen dem, was die Augen
sehen, die Ohren horen, die Sinne wahrnehmen, zwischen dem,
was uns heme in den Gesetzen der Harmonie erscheint, noch ein
wogendes Meer von raumdurchwogenden Gefiihlen, von Wiin-
schen und Leidenschaften draufien im Weltenall. Diese Weltenlei-
denschaften, welche mitten darinnen waren zwischen den Gesetzen
und dem Chaos, mulken erst iiberwunden werden. Wer heute sich
diese Welt der Weltenwiinsche und Weltenleidenschaften einer
Urvergangenheit vor Augen zu fuhren versucht, der kann den
Korper der Leidenschaften kaum mehr wahrnehmen. Glanzend
und durchsichtig, sternenhell, kaum wahrnehmbar mit den feinsten
Werkzeugen des Sehers, leuchtet es in jedem Atom, nachdem das
Chaos iiberwunden ist.
Was den Astralkorper des Kosmos zur Ruhe gebracht hat, das ist
in dem Menschen noch nicht zu demselben Ziele gelangt. Im
Menschen ist der Astralleib noch wogend. Was sich im Laufe der
Jahrmillionen im Kosmos bereits vollzogen hat, was am Ziele
angelangt ist, das ist in dem Menschen noch im Werden. Und wenn
wir den Menschen von Wiederkunft zu Wiederkunft, von Wie-
derverkorperung zu Wiederverkorperung verfolgen, wenn wir ihn in
seinen verschiedenen Leibern sehen und ihn dann in seinen Astral-
korpern verfolgen, dann sehen wir, dafi von Verkorperung zu Ver-
korperung der Astralkorper heller und reiner wird. Im Anfange
sehen wir ihn durchzogen von dumpf en Leidenschaften. Diese erin-
nern an die Leidenschaften jener Zeit, als die Welt noch ein Chaos
war. Aber nach und nach entwickelte sich jene Helle und Klarheit,
wie sie der Astralkorper des groften Weltenalls jetzt hat.
Weil die Weisen der uralten Zeiten den Zusammenhang zwi-
schen dem Werden des Menschen und dem Sein der Welt gekannt
haben, deshalb haben sie die Welt Makrokosmos und den Men-
schen Mikrokosmos genannt. Hinblicken muE der Mensch auf das
Ziel, das er sich vorsetzen kann: zu werden wie der Makrokosmos,
sich zu durchdringen mit derselben Seligkeit und Ruhe, die als
Weltengesetz heute den Kosmos durchflutet. So wenig, wie wir
heute den Gesetzen des Kosmos gegenuber fragen konnen nach
Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, so wenig wird einst der
Mensch fragen konnen, ob sein Schicksal ubereinstimmt mit sei-
nem Gesetz. Reines Gesetz ist das Kosmosgesetz, und reines Men-
schengesetz, reiner Menschengeist soil einst des Menschen Schick-
sal werden. Das ist der Weg des Schicksals, welches der Menschen-
geist in seinen verschiedenen Verkorperungen durchmacht. Immer
sternenglanzender und immer ahnlicher dem Schicksal des Kosmos
werden wir.
Karma ist ein Gesetz, unter dem wir alle leiden. Was wir in einer
Verkorperung vollbracht haben, tragt uns seine Friichte in den
spateren Verkorperungen. Was uns heute zuteil wird, haben wir
verursacht in den fruheren Verkorperungen. Aber Karma ist ein
Gesetz, das nicht nur Schuld und Siihne, Disharmonie und Harmo-
nie in richtiger Weise verteilt, sondern ein Gesetz, das uns hinauf-
leitet zum hochsten Gipfel des Menschengeistes. Das grofie Wel-
tenbuch von Karma wird auf der linken und auf der rechten Seite
seinen Ausgleich gefunden haben. Alles, was wir dem Leben schul-
dig geworden sind, werden wir wieder verwandelt haben in die
helle Lichtglut des Astralkorpers. Alles, was wir als Mangel emp-
funden haben, wird ausgeglichen sein. Karma ist verbrannt. Wenn
die Schuldpunkte des Daseins nicht mehr vorhanden sein werden,
wenn wir selbst unseren Weg gehen wie die Sonne, die nicht
vermag, auch nur ein wenig aus der Bahn herauszutreten, dann
werden wir auch den uns eingepflanzten Gesetzen folgen wie die
Sonne am Sternenhimmel. Das ist unser Weg, das ist unser Ziel.
Das wird einstmals die Harmonie sein zwischen dem Menschen-
schicksal und den Weltengesetzen.
Nicht bei alien Menschen verlauft dieser Gang durch die Lebens-
pilgerschaft in der gleichen Weise. Genau ebenso wie in der aufieren
Natur das Vollkommene neben dem Unvollkommenen ist, wie
neben dem Wurm das hohere Tier heute schon vorhanden ist, so ist
auch in der geistigen Welt der unvollkommene Menschengeist neben
demjenigen, der schon eine hohere Stufe erreicht hat.
Wer ehrlich und aufrecht an die Entwicklung glaubt, mufi
auch den Glauben an die Geisteswissenschaft und deren Lehren
von den Menschen-Erstlingen haben. Das sind solche, welche
auf der Bahn, die wir alle zu durchlaufen haben, schon ein
weiteres Stuck zuriickgelegt haben als wir heute. Einzelne sind
vorausgeeilt. Sie haben uns von den Zeiten ab, von denen uns
die Geschichte berichtet, iiberholt, sie haben eine hohere Stufe
der Menschheitsentwicklung erreicht. Dadurch sind sie Fiihrer,
Leiter der Menschheit geworden. So wie das hoherentwickelte
Tier iiber den Wurm emporragt, so ragen die Rishis, die Meister,
iiber die Menschheit empor. Sie haben dies in den friiheren
Zeiten erreicht, weil sie einen anderen Weg der Erkenntnis
eingeschlagen haben, einen steileren, einen gefahrlicheren Weg,
der mit unendlicher Gefahr verbunden ist. Niemand darf ihn um
seiner selbst willen betreten. Wer dies tut, kann straucheln und
in tiefe Abgriinde fallen oder sein Dasein fur eine Zeit verlieren
oder zum Qualgeist der Menschen werden. Kurz, niemand darf
aus Selbstsucht, aus Egoismus diesen Pfad der schnelleren Er-
kenntnis aufsuchen. Nur derjenige, der das gelobt, den Machten
gelobt, von denen der gewohnliche Mensch keine Ahnung hat -
mit einem Schwur, der niemals gebrochen werden darf -, nur
derjenige, der dieses Gelubde abgelegt hat, kann den Pfad betre-
ten, um ein Fiihrer der Menschheit, ein Erstling der Menschheit,
zu sein. Solche Fiihrer der Menschen haben ihre Erkenntnis
niemals fur sich selber gebraucht.
Dasjenige, was man im Abendlande so hoch schatzt, das Wissen
um des Wissens willen, ist nicht dasjenige, was die Adepten, die
grofien Meister des Wissens, anstreben. Sie streben das Wissen an,
um der Menschheit zu helfen, um sie hinaufzuziehen dahin, wo
Menschenschicksal und Weltenharmonie in Einklang miteinander
stehen. Diese Menschen-Erstlmge sind es, die in unserer Mitte
leben und schon zu alien Zeiten gelebt haben, die sich einen von
Begierden und Leidenschaften gereinigten Astralleib erworben
haben. So hat ihn schon Buddha gehabt, den sternenglanzenden
Astralleib. Als er mit seinem Schiiler Ananda einmal hinausging,
loste sich Buddha in eine lichte Wolke auf, in eine Lichtwolke, in
strahlendes Licht. Das war der zur Ruhe gekommene Astralkorper.
Die Strahlenkrone ist nichts anderes als das Symbol des strah-
lenden Astralkorpers des Griinders des Christentums. Die Men-
schen-Erstlinge sind als wandelnde Menschenbriider ein unmittel-
bares Abbild des Makrokosmos. Es sollte gezeigt werden, dafi sie
ihr Karma verbrannt hatten, daft nichts mehr zu tilgen ist, daft die
urewige Weisheit nicht mehr abirren kann, dafi sie sicher die
Menschheit leiten, so sicher, wie die Sonne ihre Bahn geht iiber das
Himmelsgewolbe und nicht abirren kann von dieser am Firmament
vorgezeichneten Bahn. Das ist das Symbol fiir die Menschen-Erst-
linge. Es bringt zum Ausdruck, dafi sie nicht abirren konnen von
der Bahn, die den Menschen vorgezeichnet ist. Sicher, wie die
Sonne iiber das Himmelsgewolbe wandelt, wandeln sie ihren Weg.
Und so wie die Sonne ihr Licht und ihre Warme iiber die Erde hin
sendet, so senden sie die Liebe ihres Herzens in die Herzen der
Menschen, Liebe erweckend in den Herzen ihrer Mitbriider. Diese
Erstlinge sind aus ihren Kraften heraus fest gegeniiber alien Ver-
suchungen. Man kann ihnen zeigen, man kann ihnen anbieten alle
Reiche der Herrlichkeit dieser Welt - sie nehmen sie nicht hin, sie
wollen einzig und allein eins sein mit dem Urgeist, von dem sie
ausgegangen sind. So wollen diese Menschen in diesem Leben ein
Makrokosmos selbst sein. Das war ihr Bewufitsein. Es ist dies auch
in alien Religionen vorhanden. Diejenigen, welche die Quellen der
Religionen kennen, wissen, dafi es in all diesen Religionen liegt, zu
den Stiftern der Religionen aufzuschauen wie zu den Sternen des
Makrokosmos, wie zu dem urewigen Weltengesetz, das den Ster-
nenhimmel beherrscht. Sonnen waren diese Erstlinge der Mensch-
heit fiir die Eingeweihten und die weiter Vorgeschrittenen.
Wenn der Menschheit gezeigt werden sollte, wie das Karma ver-
lauft, dann wurde ihnen das Abbild der Sonne im Tempel gezeigt.
Dieselbe bedeutet dem Menschen das Schicksal, wie der Gang der
Sonne im Weltenlauf. [A-mi-t'o] war dasselbe fiir die Chinesen, als
sie den Buddha als den «Sohn» unter ihren Himmelsgottern verehr-
ten. Und es war dasselbe fiir die Hindus, wenn sie den Krishna
ruhend in den Armen der Deva- Mutter zeigten. Das Weihnachtsfest
geht durch alle Religionen hindurch. Es ist das Fest, das dem Men-
schen zum Bewufitsein bringen sollte, dafi sein Schicksal einst ein
Abbild des Schicksals des Makrokosmos sein soli.
Im Christentum lebt ebenso die Geistessonne wie in den alten
Religionen. Auch im Leben des Christus sollte sich unmittelbar ein
Abbild der uber das Firmament hineilenden Sonne darleben. Sein
Geburtsfest wurde daher in das Weihnachtsfest verlegt. Fragen wir
uns, warum. Was geschieht mit der Sonne zur Zeit der Winter-
sonnenwende, zur Zeit des Weihnachtsfestes? Da werden die Tage
wieder langer, nachdem der kurzeste Tag voriiber ist. Das Licht
ringt sich wieder heraus aus dem Dunkel. Die Sonne, welche den
grofken Teil des Tages in Dunkelheit gewesen ist, wird neu gebo-
ren, und als solche neu geborene Sonne sendet sie jetzt ihr Licht.
Die Geburt des Lichtes wurde um Mitternacht gefeiert, weil aus
der Dunkelheit heraus das Licht geboren wurde. So soil symbo-
lisch das Licht der Weisheit geboren werden, das dargestellt wird
durch die Menschen-Erstlinge. Die Sonne erscheint wieder von
neuem - sie, die hinzieht liber das Firmament. Mit ihrer Geburt ist
sie ein Symbol fur den geborenwerdenden Menschen-Erstling, der
ebenso sicher auf seiner Bahn hinwandelt, wie das Weltenall die
Harmonie in sich tragt.
Verschiedene christliche Sekten hat es anfangs gegeben, und von
ihnen wurde das Fest des Heilandes zu verschiedenen Zeiten gefei-
ert. 135 solcher Tage gab es in den ersten christlichen Zeiten. Erst
im Anfang des 5. Jahrhunderts setzte man ein einheitliches Datum
fest, namlich unser heutiges Weihnachtsfest. Man hat es mit Be-
wuStsein auf diesen Tag gelegt, um dieselbe Symbolik, welche die
ganze alte Welt durchtont hat, auch fur dieses christliche Fest fest-
zulegen. Ein Kirchenvater selbst, der von der Kirche heilig gespro-
chen worden ist, hat es als berechtigt und im Sinne des Christen-
tums betrachtet. Er erzahlt uns, dafi die Christen recht getan haben,
dafi sie in der Zeit, in der die Romer die Geburt des Mithras, die
Griechen die Geburt des Dionysos feierten, das Christfest, also die
Geburt des Christus, begehen. Es sollte dem Feste der gleiche Sinn
unterlegt werden wie fiir das Mithras-Fest und das Dionysos-Fest,
denn auch in ihnen wurde die Geburt der Erstlinge gefeiert. So hat
das Christentum in dem Weihnachtsfest ein Symbol aufgerichtet,
welches den Menschen immer wieder zum Bewufksein bringen
soli, dafi das Karma verbrannt werden mufi, damit Harmonie zwi-
schen dem Makrokosmos und dem Mikrokosmos, die heute noch
nicht vorhanden ist, einst vorhanden sein wird, damit auch der
Mensch einst den unwandelbaren Gesetzen folgt, von denen er
nicht abirren darf.
So, wie Horus, der Sohn der Isis und des Osiris, das Symbol des
Menschendaseins und des Menschenzieles, in der Mitternacht der
versammelten Menge gezeigt wurde, und so, wie hingewiesen
wurde von den Priestern, dafi er die Sonne im geistigen Reiche sei,
dafi er gleich sei der Kraft der Warme und des Lichtes der Sonne,
so, wie sich die drei weisen Opferpriester freudig geneigt haben, so
stellt uns auch die christliche Legende dar, wie sich die drei Weisen
neigen vor dem Christuskinde. Dem Stern, dem Lichte folgen sie.
Ein tiefer Sinn liegt in dem Besuche der drei Weisen aus dem
Morgenlande. Es sind dieselben drei Weisen, die beim Horusdien-
ste tatig gewesen sind und die nun sagen: Uns ist einer geboren, der
so unwandelbar seinen Weg gehen wird wie der Stern, der uns jetzt
fuhrt. Weit ist noch der Stern von uns. Wenn aber einst dieses
Gesetz unser eigen sein wird, dann werden wir gleich dem sein, der
das unwandelbare Gesetz in sich tragt. Wie der Stern unser Ideal
ist, so ist der, welcher darin geboren ist, unser Vorbild. - Was die
Agypter da gefeiert hatten, das wurde zur Weltentatsache, zum
Weltereignis. Deshalb durfte der, welcher das Christentum gegriin-
det hat, seine Junger zusammenrufen zu der Bergpredigt. Es heifit
deshalb: Er fuhrte sie hinweg von dem Volke, auf den Berg. -
«Berg» bedeutet die Geheimstatte, wo die engeren Vertrauten be-
lehrt wurden. Die deutsche Bibeliibersetzung enthalt an dieser Stel-
le einen ungeheuren Irrtum: [«Selig sind, die da geistig arm sind»].
In Wahrheit heifit es: «Selig sind, die da Bettler sind um Geist,
denn sie finden in sich selbst die Reiche der Himmel.» Zu was
wollte sie Jesus machen? Er wo lite sie selig machen, die Bettler
um Geist. Nur diejenigen, welche hineingefiihrt wurden in die
Tempelgeheimnisse, waren der Weisheit teilhaftig geworden. Hin-
austragen wollte der Stifter des Christentums diese Weisheit in alle
Welt; nicht nur die Reichen des Geistes sollten die Gnade der
Weisheit empfangen -, nein, alle, die da drauften stehen und auch
Bettler sind um Geist, sie sollen in sich finden die Reiche der Him-
mel. Die Menschen haben das friiher in den Tempelgeheimnissen
gefunden. Nicht nur drinnen in den Tempelstatten sollten sie jetzt
die Seligkeit finden, sondern sie sollten die Reiche der Himmel, die
ihnen als das harmonische Vorbild des Menschenschicksals hin-
gestellt wurden, in sich selbst finden, sie sollten hinaufschreiten zu
dem Gipfel, wo ein Ausgleich zwischen dem wandelbaren, irren-
den Menschenherzen und dem unwandelbaren Gesetze des Makro-
kosmos stattfinden kann. Das sollen die Weihnachtsglocken, nach
dem ursprunglichen Willen der Eingeweihten, den Menschen zum
Bewuiksein bringen; sie sind ein Hinweis auf das, was uns zeigt,
wie Karma zum Ziele fiihrt, wie Weltengesetz und Menschen-
schicksal zusammenhangen.
Und das auch wieder zu horen, das soli uns durch die theo-
sophische Vertiefung gebracht werden. Manche Feste, die wir heu-
te gedankenlos feiern, deren tiefere Bedeutung wir nicht kennen,
haben einer tieferen Weisheit ihren Ursprung zu danken. Weil der
alte Mensch verbunden war mit der makrokosmischen Welt, des-
halb waren ihm die Festesereignisse Zeichen. Das Mysterium des
Herzens und des unwandelbaren Gesetzes ertont uns aus den
Klangen der Weihnachtsglocken. Die Theosophie wird in das
unmittelbarste Leben die tiefere Weisheit, den Kern der Reli-
gionsbekenntnisse wieder bringen; sie wird zeigen, inwiefern diese
Wahrheit enthalten. Und wenn wir diese Wahrheit wiedererken-
nen, dann wird im hdchsten Sinne das allmahlich in Erfullung
gehen, was ausgedriickt ist an Harmonie zwischen Weltengesetz
und Menschenschicksal durch das schone Wort: Friede sei mit
alien Wesen!
ENTWICKLUNGSSTUFEN DER MENSCHHEIT
Berlin, 29. Dezember 1903
Wenn wir den Menschen betrachten, so wie wir ihn kennen, so ist
sein physischer Korper gleichsam nur eine kristallisierte feste
Masse. Den physischen Korper umgibt in einer Art Eiform die
sogenannte Aura. Diese ist im ganzen immer grower als der phy-
sische Korper selbst. Sie ist am kleinsten bei dem unentwickelten
Menschen, und sie ist umso grofter, je entwickelter der Mensch ist,
so daft die Aura eines hochentwickelten Menschen seine Lange um
das Sechsfache uberragen kann. Sie miissen sich vorstellen, daft
Sie erst den ganzen Menschen bekommen, wenn Sie seine Hohe
dreimal nach oben und dreimal nach unten auftragen wiirden.
In dieser Aura haben wir dreierlei zu unterscheiden: Erstens den
sogenannten Astralkorper. Das ist derjenige Korper, welcher ob-
jektiv fur das Seherauge das enthalt, was der Mensch sonst nur in
sich spurt: seine Triebe, Begierden und Leidenschaften. Der Seher
kann in dieser astralen Aura genau unterscheiden, ob der Mensch
reine oder haftliche Leidenschaften hat wie Habsucht, Mitleid,
Wohlwollen und dergleichen mehr. Dann, etwas grower, die men-
tale Aura. Sie enthalt dasjenige, was wir subjektiv empfinden als
unseren Intellekt, als unsere Verstandeskraft, die niedere Geistes-
kraft. Diese beiden Auren losen sich nach dem Tode auf, ebenso
wie der physische Korper sich auflost. Die astrale Aura lost sich
auf im Kamaloka, und die mentale Aura im unteren Devachan. Sie
sind noch zu den verganglichen Teilen des Menschen zu zahlen.
Die bleibende Wesenheit des Menschen ist objektiv sichtbar in der
dritten Aura. Diese ist die Aura des Kausalkorpers, desjenigen
Korpers also, der durch alle Inkarnationen hindurchgeht. Der Kau-
salkorper ist bei unentwickelten Menschen, die nur wenig von dem
Bleibenden verstehen, nur angedeutet. Wenn man die Auren eines
unentwickelten Menschen betrachtet, so findet man nur wenig von
dem Kausalkorper. Diejenigen Menschen, welche tieferen Wahr-
heiten nachgehen, entwickeln diese kausale Aura. Je mehr sich der
Mensch entwickelt, desto mehr entwickelt sich diese kausale Aura.
Es gliedert sich dann eine Art von Strahlensystem ein, so dafi der
hoherentwickelte Mensch Strahlen aussendet, die in seiner kausalen
Aura zu bemerken sind. Wenn wir die Aura eines Adepten haben,
so ist sie viel grofier als ein Haus, so dafi der ganze Mensch un-
endlich viel grofier erscheint als der physische Mensch fiir das phy-
sische Auge. Die kausale Aura, die wir beim Hochentwickelten
sehen konnen, ist auch angedeutet bei Unentwickelten, und nicht
etwa als ein kleines Korperchen, sondern auch grofi, aber sie leuch-
tet noch nicht. Sie ist beim Unentwickelten ein schwach glimmen-
des Licht und wird immer leuchtender, je mehr sich der Mensch
entwickelt. Strahlen kommen dadurch hinein, dafi der Mensch
immer mehr Inhalt bekommt. Je mehr der Mensch in sich das ent-
wickelt, was bleibend ist, was wiedererscheinen wird, desto mehr
hat er Leuchtkraft in sich. Es ist das objektiv Sichtbare dessen, was
der Mensch von einer Inkarnation in die andere hinubertragt.
Zunachst werde ich den Menschen mit seiner astralen Aura be-
trachten; wir konnen ihn in drei aufeinanderfolgenden Zustanden
beobachten. Der erste Zustand ware der, in welchem die eigentliche
Vorstellungskraft noch sehr wenig entwickelt ist. Das ist der Fall bei
der dritten Wurzelrasse und im Anfang der vierten, also von der
Mitte der lemurischen bis zur ersten Halfte der atlantischen Zeit. Die
Lemurier und die ersten Atlantier haben nicht aus der Vorstellung,
sondern rein aus dem Gedachtnis heraus gedacht. Erst in der vierten
Wurzelrasse wurde nach und nach die Vorstellungskraft entwickelt;
da anderte sich auch die Aura. In der dritten Wurzelrasse und in der
ersten Halfte der vierten entwickelte sich die astrale Aura so, dafi sie
den Korper des Menschen umgab. Sie war etwas grofier als seine
Haut, und sie war viel nebliger als nachher, sie war wie von dunklen
Nebelmassen durchzogen, und durch die Leidenschaften der Men-
schen war sie viel heftiger und sturmischer. Nur die ersten Ansatze
der mentalen Aura waren damals vorhanden. Die Entwicklung
schritt fort bis in unsere jetzige Wurzelrasse, so dafi heute ein ge-
wisser Hohepunkt erreicht ist. Dies ist das zweite Stadium, in dem
die mentale Aura bis zu einem gewissen Grade ausgebildet wird.
Das dritte Stadium ist das eines vorgeschrittenen Menschen, der
das sogenannte astrale Sehvermdgen entwickelt. Er ist imstande,
diese Aura auch zu sehen. Er kann nicht nur dasjenige sehen, was
in der physischen Welt vorhanden ist, sondern auch das, was in der
astralen Welt vorhanden ist. Bei solchen Menschen sieht die astrale
Aura etwas anders aus. Bei den atlantischen und nachatlantischen
Menschen treten innerhalb der astralen Aura raderformige Figuren
auf. Solche Figuren sind in der Aura jedes heutigen Menschen; bei
den Lemuriern waren sie noch kaum zu merken. Wenn beim heu-
tigen Menschen diese «Rader» in Bewegung sind, so tritt das Sehen
ein. Wenn sie ruhen, so ist das astrale Sehen aufgehoben. Das sind
die drei Zustande.
Der physische Korper ist durchzogen vora Nervensystem. Jedes
Nervenzentrum steht in Verbindung mit einem astralen Zentrum,
so dafS also zum Beispiel der Sehnerv umgeben, eingehiillt ist von
einem astralen Sehnerv, von einer astralen Substanz, die zum
Sehnerv dazugehort. Nun, wie kommt das Sehen zustande? Licht
kommt in das Auge, geht durch den Nerv ins Gehirn. Aber da sieht
man noch nichts; es ist immer noch ein Bewegungsvorgang nur
physischer Art. Nun kommt der astrale Sehnerv in Schwingungen.
Diese bewirken, dafi das Bild erscheint, das man sieht. Ohne daft
der Astralkorper in Tatigkeit versetzt wird, ist es unmoglich zu
sehen. Ebenso ist es beim Denken. Der Astralkorper ist das eigent-
lich Tatige. Wenn Sie sich nun vorstellen, wie es beim Seher ist,
dann sind es nicht Eindriicke, die durch das Ohr, durch das Auge
kommen, sondern es sind Eindriicke, die durch seine astrale Or-
ganisation selbst, ohne Vermittlung des physischen Gehirns und
des Nervenzentrums kommen. Das tritt auf, wenn die Chakrams,
die Lotusblumen, in Bewegung kommen. Das bedeutet, dafi der
Astralkorper ein Organismus ist, der Sinnesorgane hat.
Wenn der Mensch im gewohnlichen Zustand des Schlafens ist, so
ist in der Regel der Astralkorper aufierhalb des physischen Korpers.
Je hoher der Mensch entwickelt ist, desto weiter kann sich der
Astralkorper entfernen. Die vollstandige psychische Entwicklung
besteht darin, dafi man den Korper zuriicklalk und im Astralen frei
herumspaziert. Es gibt noch weitere Stadien. Der Astralkorper kann,
wahrend man schlaft, die sonderbarsten Wanderungen machen, nur
erinnern Sie sich nicht an diese nachtlichen Wanderungen. Sie kon-
nen wahrend der Nacht ein Bewufitsein davon haben, es aber nicht
mitbringen in den Tag. Das hochste Stadium ist, wenn Sie sowohl im
Schlafe als auch im physischen Leibe sich des astralen Bewufitseins
bewufk sind. Sie konnen wahrend der Nacht bekannte Menschen
aufsuchen; sie werden aber nicht Erfahrungen von ahnlicher Art wie
im Physischen machen konnen. Sie werden zum Beispiel nicht erfah-
ren, was jetzt eine Person in Asien tut - das konnen Sie nicht erfah-
ren. Wenn Sie aber von ihr etwas lernen wollen, so konnen Sie das,
wenn Sie das in Ihr Tagesbewufitsein vollstandig heriibernehmen.
Der Chela konnte nicht erfahren, ob ein Meister in Asien schreibt
oder mcht schreibt oder ob und was er ifit und trinkt. Aber er kann
unterrichtet werden im astralen Raum und das bewufit mitheriiber-
nehmen in das Tagesbewulksein.
Wenn Sie einen solchen Astralleib ansehen, so haben Sie an
einem Ort den physischen Korper mit seinen Nervenzentren, der
fiir das physische Auge so aussieht, wie er bei Tage aussieht, und
Sie haben irgendwo den Astralkorper mit seinen Sinnesorganen,
so dafi Sie sehen konnen: zu diesem Zentrum [des Astralkorpers]
gehort der Sehnerv und zu diesem der Hornerv.
Nun entsteht die Frage: Was besteht fiir eine Verbindung zwi-
schen dem Astralleib und dem physischen Leib, was kettet das
astrale Ohr an das physische Ohr? Und warum kehrt der Astral-
korper, [der wahrend des Schlafens vom physischen Korper ge-
trennt ist], wieder zuriick? Es konnten interessante Fragen aufge-
worfen werden. Nehmen wir zum Beispiel an, ein Mensch fuhlte
sich furchtbar unglucklich. Nun ist er wahrend der Nacht in
seinem Astralleib. Das Leid hat seinen Ursprung im Physischen. Er
konnte nun den Entschlufi fassen, [mit seinem Astralleib] nicht
mehr zuriickzukehren, dann ware das ausgefuhrt, was man einen
astralen Selbstmord nennen wiirde.
Also, was verbindet den astralischen Leib mit dem physischen
Leib und seinen Organen, und was fuhrt ihn wieder zuriick? Da
besteht erne Art von Band, eine Verbinchmg, die eine Zwischen-
materie ist zwischen physischer und astraler Materie. Und das
nennt man das Kundalinifeuer. Wenn Sie einen schlafenden Men-
schen haben, so konnen Sie im Astralen immer den Astralkorper
verfolgen. Sie haben einen leuchtenden Streifen bis dahin, wo der
Astralkorper ist. Es ist immer der Ort aufzufinden. Wenn sich der
Astralkorper entfernt, dann wird in demselben Mafie das Kundali-
nifeuer diinner und diinner. Eine immer diinnere und diinnere Spur
ist es; es wird immer mehr wie ein diinner Nebel. Wenn Sie nun
dieses Kundalinifeuer genau ansehen, dann ist es nicht gleichfor-
mig. Es werden in demselben gewisse Stellen leuchtender und dich-
ter sein, und das sind die Stellen, welche das Astrale wieder zu dem
Physischen hinfuhren. Der Sehnerv ist also durch ein dichteres
Kundalinifeuer verbunden mit einem astralen Nerven.
Leadbeater wollte [in seinem Buch «Die Astral-Ebene»] nicht
darauf eingehen zu sagen, ob ein solcher astraler Selbstmord mog-
lich ist. Es kann das Kundalinifeuer mit dem Astralkorper nicht
ganz aus dem physischen Leib herausgehoben werden. Wiirde es
nun eintreten, dafi ein Mensch den Entschluft fafit, nicht mehr
zuruckzukommen, so wiirde das Kundalinifeuer ihn fortwahrend
hinabziehen; es ist so, als ob er noch zum physischen Leib gehorte.
Es ist die Spur des Kundalinifeuers, die er verfolgt. Wenn die Le-
benskraft noch nicht erschopft ist, so ist es sehr schwer, den Astral-
korper aus dem physischen Korper herauszuheben. Es ist sehr
schwer, wenn jemand an dem physischen Korper hangt, den er
nicht mehr gebrauchen kann. In dieser Beziehung ist das Schicksal
des Selbstmorders und das des Verungliickten nicht in erheblichem
Mafie voneinander verschieden.
Nun, bei dem hoherentwickelten Menschen, an dem sich die
Chakrams bewegen, da findet noch ein anderer Vorgang statt.* Er
hat die Moglichkeit, das Kundalinifeuer willkiirlich zuruckzuzie-
hen aus dem Organismus; gleichzeitig eroffnen sich von innen
heraus entgegengesetzte Stromungen: Das, was friiher blofi von
Siehe dazu Hinweis auf S. 250.
aufien hereingestromt ist, das kann der Mensch jetzt willkiirlich
von innen heraus regeln; der ganze Vorgang kann jetzt willkiirlich
herbeigefiihrt werden.
Nun hat der Mensch eine vollkommene Verfiigungsmoglichkeit
iiber den Astralkorper erlangt. Nun bitte ich zu beachten, dafi die-
ser Zustand immer mehr und mehr in der menschlichen Entwick-
lung eintritt. Heute sind es die psychisch Entwickelten, die einen
solchen Astralkorper haben, aber der Mensch eilt allgemein einem
solchen Zustand entgegen. Er wird die Moglichkek zur Beniitzung
seines Astralkorpers in der sechsten Rasse haben. Er wird einen
physischen Korper und innerhalb desselben einen Astralkorper
haben, den er auf diese Weise beniitzen kann. In der nachsten
Runde aber werden die Menschen keinen physischen Korper, son-
dern nur noch einen Astralkorper haben, den sie dann frei beniit-
zen konnen, so wie wir Menschen heute den physischen Korper
benutzen. Der physische Korper wird dann nicht mehr da sein; der
unterste Korper wird dann der Astralkorper sein.
Etwas Ahnliches wie bei den astralen Zentren findet man im
mentalen Korper. Der Astralkorper hat einzelne Sinneszentren: Es
entspricht dem Sehnerv ein astrales Zentrum, ebenso dem Hornerv,
dem Geruchsnerv und so weiter. Der Mentalkorper hat solche
einzelnen Sinne nicht mehr. Er hat nur einen einzigen Sinn, er ist
durchdrungen von dem mentalen Auffassungsvermogen, so dafi er
mit seinem einzigen Sinn mental wahrzunehmen vermag. Daher ist
er imstande, alles aufeinander zu beziehen.
Der Schatten des mentalen Sinnes ist der Verstand. Wenn Sie
eine Glocke anschlagen horen, so drehen Sie sich um, um auch
durch das Gesicht wahrzunehmen. Die astralen Sinne sind mit dem
mentalen Sinn auch durch eine Art von Kundalinifeuer verbunden.
Das Kundalinifeuer ist also der Zwischenstoff, welcher die einzel-
nen Zustande miteinander verbindet.
Jetzt mochte ich noch einige Vorstellungen iiber die Rundenent-
wicklung vorbereiten. Wenn man die Rundenentwicklung verfol-
gen will, so raufi man sich klarmachen, dafi der Mensch im wesent-
lichen aus drei Gliedern besteht: aus Korper, Seele und Geist. Zum
Verstandnis der Runden ist es wichtig, diese Glieder anders zu
nennen. Wir konnen nennen den Korper: menschliche Gattung; die
Seele: menschliche Personlichkeit; den Geist: menschliche Indivi-
dualitat. Wenn Sie sich das klarmachen, werden Sie cinsehen, dafi
die Menschen hinsichtlich des Gattungsmaftigen sich nur wenig
voneinander unterscheiden; es ist da eine durchgangige Gleichheit
vorhanden. Die Menschen sind aber hinsichtlich der Personlichkeit
sehr voneinander verschieden. Das Personliche wird als das Unter-
scheidende betrachtet. Das Individuelle aber wird als das Allge-
meine betrachtet, als der allgemeine Menschengeist. Gattung: im
wesentlichen das Korperliche; Personlichkeit: im wesentlichen das
Seelische; Individualitat: im wesentlichen der Geist.
Wir wollen zuerst die zwei ersten verfolgen, also Gattung und
Personlichkeit. Die Personlichkeit wurde vorbereitet in der lunari-
schen Epoche. Das, was heruberkommt von der lunarischen Epo-
che, das ist Personlichkeit. Das, was wir als Gattung in uns tragen,
so wie wir jetzt aussehen, die korperliche Gestalt, die ist im
wesentlichen eine irdische Pragung, eine irdische Gestaltung. Die
ganze Erdenentwicklung seit dem Pralaya ist da, um allmahlich die
menschliche Korperform soweit zu bringen, dafi sich auf der einen
Seite die Personlichkeit mit dieser Form verbinden kann, und diese
beiden zusammen der Sitz des Geistes, der Individualitat werden
konnen.
Es ist nun besonders nutzlich, jedes fur sich zu verfolgen, und
man tut daher gut, Gattung, Personlichkeit und Individualitat fur
sich zu verfolgen.
Das erste nun: die Gattung. Denken Sie sich ein Pralaya, einen
Dammerungszustand. Aus diesem gliedert sich heraus zuerst eine
Kugel, die aber eigentlich noch nicht eine richtige Kugel ist, son-
dern die nur die Kraft enthalt, eine Kugel zu sein. Innerhalb dieser
sind die Krafte der Formen enthalten - Urbilder, noch nicht Ge-
stalten, Nebel. Aus diesem hebt sich ab die erste Kugel. Innerhalb
dieser Kugel leben die menschlichen Gattungen in Urbildern -
Arupa-Zustand. Diese Kugel wird jetzt dichter; und nun werden
in dieser Kugel der Menschengattung Gedanken gestaltet. Jetzt
wandeln die Gedanken in dieser Kugel herum. Das ist der zweite
Zustand, [der Rupa-ZustandJ. Der dritte Zustand ist der, dafi sich
dieselbe in eine Astralkugel verwandelt.
Was friiher nur Gedankengattungen in Urbildern waren, das
wird zu astralen Gattungen. So leben auf der dritten Kugel die
astralen Menschengattungen. Die vierte Kugel ist schon physisch.
Zum ersten Mai haben wir die Menschengattungen, [zwar noch]
ohne die Fahigkeit des Wachstums, aber mit physischer Dichte,
Harte, wenn man sie antippen wiirde. Wahrend dies geschehen ist,
haben sich andere Naturreiche in derselben Weise als Gattungen
entwickelt: Tiergattungen, Pflanzengattungen, Mineralgattungen
sind als Formen vorhanden; sie konnen aber noch nicht leben.
Denken Sie sich von sich selbst einen Gipsabdruck genommen und
ausgefiillt; so etwa war es. Auf der funften Kugel wird alles wieder-
um in verwandelter Form astral werden, auf der sechsten wird alles
wieder Gedanke und auf der siebenten Kugel wird alles wieder in
einen formlosen, monadischen Zustand umgewandelt. Und dann
kommt ein Pralaya.
- fjitlatluna *
Jislrale Welt
III- Hf».»«
IV. Pit Vt
V.- CJtlltli
HINWEISE
Zu dieser Ausgabe
Zur Titelgebung:
Der Titel des Bandes wurde von den Herausgebern aus den Titeln der beiden
Vortragszyklen zusammengestellt.
Teil I und II: Die Titel der Vortragszyklen und der Einzehortrdge sind von
Rudolf Steiner.
Teil III: Die Titel der Lehrstunden entsprechen den Uberschriften in den
Aufzeichnungen von Marie Steiner.
Teil IV: 18. Oktober 1903: Titel von Rudolf Steiner.
27. Oktober, 21. und 27. Dezember 1903: Titel von den Herausgebern.
Die iibrigen Titel stammen von dem Stenografen Franz Seiler.
Hinweise zum Text
Gierke Rudolf Steiners innerhalb der Gesamtausgabe (GA) werden in den Hinweisen
mit der Bibliographie-Nuramer erwahnt.
I
Uber die astrale Welt
Textunterlagen: Von den Vortragen iiber die astrale Welt haben Franz Seiler
(1868-1959) und Walter Vegelahn (1880-1959) Kurzaufzeichnungen ge-
macht, die sie, unabhangig voneinander, spater zu lesbarem Text ausgearbei-
tet haben. Dem vorliegenden Druck liegt im wesentlichen der ausfuhrlichere
Text Seilers zugrunde, an einigen Stellen wurden die zwar kiirzeren, oft aber
klareren Formulierungen Vegelahns erganzend aufgenommen. Es handelt
sich bei diesen Mitschriften nicht um wortwortliche Mitschriften der Aus-
fuhrungen Rudolf Steiners, doch sind Inhalt und Aufbau der Vortrage durch
diese zweifache Aufzeichnung gut dokumentiert. Die Originalstenogramme
Seilers sowie die von ihm vorgenommene Ubertragung seiner stenografi-
schen Notizen befinden sich im Archiv der Rudolf Steiner-Nachlafiverwal-
tung; von Vegelahn sind nur die Ausarbeitungen erhalten.
28 Wir sprecben von sieben Weltengeheimnissen: Siehe dazu auch den Vortrag vom
18. Oktober 1903 in diesem Band.
30 Geheimnisvoll am lichten Tag Goethe, «Faust» I, Vers 672.
33 Goethe ... in semem Prosahymnus «Die Natur»: In «Goethes Naturwissen-
schaftliche Schriften», herausgegeben von Rudolf Steiner, in Band. II, S. 5.
42 Charles Webster Leadbeater, 1847-1934, englischer Theosoph. «Die Astral-Ebe-
ne, ihre Szenerie, ihre Bewohner und ihre Phanomene», deutsche Ubersetzung
von Giinther Wagner, Leipzig 1903.
43 er schuf den Menschen mannlich-weiblich: 1. Mos. 1,27.
46 Szene mit dem Homunculus: In Goethes «Faust» II, 2. Akt, Laboratorium.
50 Wie einst Plato die Welt der Ideen sich vorgestellt hat: Plato, 427-347 v. Chr.
Uber seine Ideenlehre siehe besonders die Dialoge «Phaidon», «Politeia» und
«Parmenides».
Empedokles, um 490-430 v. Chr., vorsokratischer Philosoph, Staatsordner und
Arzt in Sizilien und Unteritalien. Fragment B 26:
«Sie selbst [die Elemente] bleiben dieselben, doch durcheinander verlaufend
Werden sie Menschen und all die unzahligen anderen Wesen,
Jetzt in der Liebe Gewalt sich zu einem Gebilde versammelnd,
Jetzo durch Hafi und Streit sich als einzelne wieder verstreuend.»
Vgl. auch das Kapitel «Die Mysterienweisheit und der Mythus» in Rudolf Stei-
ners «Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Alter-
tums», GA 8.
55 Von dem uns noch in Platos Schriften erzahlt wird: In den Dialogen «Timaios»
und «Kritias» schreibt Plato uber die Insel Poseidonis.
57 Helena Petrowna Blavatsky, 1831-1891. «Geheimlehre», Band 1, Dzyan-Stro-
phe I, 1: Die ewige Mutter, gehullt in ihre immer unsichtbaren Gewande, hatte
wieder einmal wahrend sieben Ewigkeiten geschlummert.
59 Olympiodoros, 6. Jh. n. Chr., griechischer Philosoph der neuplatonischen Schu-
le, Plato-Kommentator.
Homer, «Odyssee» ... dafi Odysseus auch in die Unterwelt hinabgestiegen sei:
11. Gesang, Verse 576 ff.
63 Plato, wenn er von Wiedererinnerung an hohere Seelenzustande spricht: In
«Menon» 8 Id.
64 Kosmos der Liebe: Vgl. hierzu Rudolf Steiners Darstellung in seiner Schrift «Die
Geheimwissenschaft im Umrifi», GA 13, (1910), im Kapitel «Gegenwart und
Zukunft der Welt- und Menschheitsentwickelung», sowie im Vortrag vom 20.
Mai 1908, in «Das Johannes-Evangelium», GA 103.
66 Gott lafit seiner nicht spotten ...: Paulus, Gal. 6, 7.
69 «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben»: Joh. 14, 6.
83 «Alles Vergangliche ist nur ein Gleichnis»: Goethe, «Faust» II, Vers 12104-5.
«Was kein Auge gesehen »: Paulus, 1. Kor. 2, 9.
84 Galileo Galilei, 1564-1642.
84 Giordano Bruno, 1548-1600.
86 «Hier ist keine Luft, kein Wasser, hier vermag kein Mensch mit Ruhe im Herzen
zu leben»: Agyptisches Totenbuch, 175. Kapitel.
Goethe sagt: «Es irrt der Mensch, solang er strebt»: «Faust» I, Vers 317.
87 Maximilien de Robespierre, 1758-1794, franzdsischer Revolutionar.
Sokrates, 470-399 v. Chr.
Christoph Kolumbus, um 1450-1506.
89 «Und weil ich gebetet habe um Klugheit ...»: Weisheit Salomos 7, 7-8.
II
Die Welt des Geistes oder Devachan
Textunterlagen: Uber die Welt des Geistes hatte Rudolf Steiner im Januar/
Februar 1904 sechs Vortrage gehalten; beim ersten Vortrag (21. Januar 1904)
wurde nicht mitgeschrieben; vom zweiten bis sechsten Vortrag liegen kurze
stenografische Aufzeichnungen Franz Sellers vor; er hat diese jedoch seiner-
zeit nicht iibertragen. Erst nach dem zweiten Weltkrieg, das heifit in den
Fiinzigerjahren, hat Seiler - er war damals bereits iiber 80 Jahre alt - auf
Veranlassung der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung versucht, diese frag-
mentarischen stenografischen Aufzeichnungen zu iibertragen, soweit er sie
noch entziffern konnte, und hat sie einer Schreibkraft in die Maschine
diktiert. Dem Druck liegen diese Diktate Sellers zugrunde, wobei wegen des
sehr aphoristischen Charakters der Textvorlage eine Bearbeitung unumgang-
lich war. Diese Bearbeitung beschrankt sich auf Stilistisches, die Korrektur
von Namensschreibungen und den Nachweis beziehungsweise die Ergan-
zung von Zitaten. Die Notizen vom ursprunglich fiinften Vortrag (18.
Februar 1904) wurden nicht in diesen Band aufgenommen; er behandelt die
Aura des Menschen und gibt in Aufbau und Einzelheiten den Inhalt des
Kapitels «Von den Gedankenformen und der menschlichen Aura» des Bu-
ches «Theosophie» wieder.
93 Vor acht Tagen habe ich: Von dem Vortrag, der am 21. Januar 1904 gehalten
wurde, liegt keine Mitschrift vor.
94 Und hottest du den Ozean durchschwommen: Goethe, Zitat aus «Faust» II, Vers
6239-6248.
Hier diesen Schlussel nimm! ... erfiihrt dich zu den Muttern: A.a.O. Verse 6259,
6264.
Auch zur 2,eit des Plutarch wurde von dem Reich der Mutter gesprochen:
Plutarch, um 46 bis 120 n. Chr., Biographie des Marcellus, Abschnitt 20.
94 Versinke denn ... Entfliehe dem Entstandnen «Faust» II, Vers 6275-6278.
Schilderung eines Hinduweisen: Nicht nachgewiesen.
95 Paulus sagt: Alle Kreatur seufzet ...: Romerbrief 8, 19.
Goethe spricht ... von Feuerluft: «Faust» I, Vers 2069. Vgl. auch Rudolf Steiners
Vortrag vom 3. Juni 1907. in GA 99.
96 Alfred Percy Sinnett, 1840-1921, «The occult World», 1881, deutsch: «Die ok-
kulte Welt», Leipzig o.J. - Siehe auch «Die Mahatma-Briefe», Graz 1977.
Goethe ... < Marchen von der griinen Schlange und der schdnen Lilie>: In der
Novelle «Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten». Siehe auch Rudolf Stei-
ners Schriften und Vortrage zu Goethes Marchen in der Sonderausgabe «Goe-
thes geheime Offenbarung in seiriem Marchen von der grunen Schlange und der
schonen Lilie», Dornach 1999.
101 am sausenden Webstuhl der Zeit: Goethe, «Faust» I, Vers 508 (Erdgeist).
103 wie Goethe es seinen Faust beschreiben lafit, dort, wo die M titter sitzen: «Faust»
II., Verse 6283 und 6423ff.
Reich der Mutter bei Plutarch: Siehe Hinweis zu S. 94.
105 Nur immer zu!: «Faust» II, Vers 6255-6256.
106{.Johann Gottlieb Fichte, 1762-1814. «Einleitungsvorlesungen in die Wissen-
schaftslehre, vorgelesen im Herbste 1813 auf der Universitat zu Berlin*.
110 Ich habe im achten Heft des «Lucifer» ...: Die Nummer 8 der Zeitschrift «Lu-
cifer-Gnosis» (bis Dezember 1903: «Luzifer») erschien im Januar 1904, sie ent-
halt den ersten Teil des Aufsatzes «Von der Aura des Menschen», (innerhalb der
Gesamtausgabe im Band GA 34).
118 Alles Vergdngliche ...: Goethe, «Faust» II, Chorus mysticus, Vers 12104-12109.
119 was man in der Theosophie Devachan, das Land der Gotter nennt: Rudolf Stei-
ner ersetzt die theosophischen Ausdriicke «Devachan» oder «mentale Welt»
durch verschiedene andere Bezeichnungen: Geisterland, Geisterreich, Geistes-
land oder -reich, Reich des Geistes, und andere.
122f. «Das hist du» und «lch bin Brahma»: Tat twam asi - und: Aham Brahma asmi.
- Vgl. die Darstellung Rudolf Steiners im Vortrag vom 19. Oktober 1905
«Grundbegriffe der Theosophie. Seele und Geist des Menschen», in GA 54.
134 Christian Rosenkreutz: Siehe hierzu Rudolf Steiners Aufsatz «Die Chymische
Hochzeit des Christian Rosenkreutz* in GA 35.
135 Bis zum Jahre 1875: Siehe hierzu die Vortrage Rudolf Steiners vom Oktober
1915 «Die okkulte Bewegung im 19. Jahrhundert und ihre Beziehung zur Welt-
kultur», GA 254.
137 Denjenigen, welche schon haben, denen wird viel gegeben werden: Luk. 12,48.
138 Dies ist mein vielgeliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgef alien habe: Mat. 17,5;
Mk. 9,7; Lk. 9,35.
138 Im christllichen Glaubensbekenntnis heiftt es: Der erste Satz des christlichen
Glaubensbekenntnis lautet:
Ich glaube an Einen Gott, den allmachtigen Vater, den Schopfer des Himmels
und der Erde, alles Sichtbaren und Unsichtbaren. Und an Jesus Chrisms, Gottes
eingeborenen Sohn, aus dem Vater geboren von Ewigkeit her, Gott von Gott,
Licht vom Lichte, wahrer Gott vom wahren Gott: gezeugt, nicht erschaffen.
142f. Ausspruch Platos ... die Weltseele in Kreuzesform durch das Universum gelegt:
Im «Timaios» (Kap. 8). Rudolf Steiner verwendet hier eine Formulierung des
ihm personlich bekannten Wiener Philosophen Vinzenz Knauer aus dessen
Werk «Die Hauptprobleme der Philosophie in ihrer Entwickelung und teilwei-
sen Losung von Thales bis Robert Hamerling», Wien und Leipzig 1892, S. 96
(zur Bibliothek Rudolf Steiners gehorend und von ihm unterstrichen): «Der
Mythus berichtet hieriiber im Timaos, Gott habe diese Weltseele in Kreuzes-
form durch das Universum gelegt und dariiber den Weltleib ausgespannt.*
144 Jehova formte den Menschen aus einem Erdenklofi und blies ihm ein den leben-
digen Odem: 1. Mos. 2,7.
145 Tod, wo ist dein Stachelf: 1. Kor. 15,55.
die Verfasserin von «Licht auf den Weg»: Mabel Collins, 1851-1927. Rudolf
Steiner schrieb zu diesem Biichlein 1903/04 eine Exegese (siehe GA 264, S. 44 1 f f .
— Das Zitat «Und so du die Wahrheit erkannt hast ...» ist nicht nachgewiesen.
146 Deshalb flehte ich um Einsicht ... / Procter hoc optavi..: Weisheit Salomonis
7,7-8.
Ill
Private Lehrstunden
Textunterlagen: In der Wohnung von Marie von Sivers in Berlin-Schlachten-
see gab Rudolf Steiner im Sommer 1903 eine Reihe von privaten Lehrstunden
fur sie, ihre Schwester Olga von Sivers und ihre Freundin Maria von Strauch-
Spettini. Marie von Sivers (Marie Steiner) hat hiervon stichwortartige Noti-
zen aufgezeichnet, die sie spater zu einem durchgehenden Text ausgearbeitet
hat.
149 « Alles Vergangliche ...»: Goethe, «Faust» II, Vers 12104.
159 Wilhelm von Humboldt, 1769-1835. Wortlich: «Es lohnt sich, so lange gelebt zu
haben, um diese Schatze in sich aufzunehmen.» Brief an August Wilhelm von
Schlegel vom 21. Juni 1923.
161 am Webstuhl der Zeit: Goethe «Faust» I, Vers 508-509 (Erdgeist):
So schaff ich am sausenden Webstuhl der Zeit
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.
168 Ideenwelt Platos: Siehe Hinweis zu S. 50.
Neun Einzelvortrage
Textunterlagen: 18. Oktober 1903: I. Autoreferat Rudolf Steiner; II. Bericht
Richard Bresch. - Die Texte der iibrigen Vortrage sind von Franz Seiler
aufgrund seiner stenografischen Notizen ausgearbeitet worden, und zwar -
wie bei den Vortragen uber «Die Welt des Geistes oder Devachan» etwa in
den Jahren 1952-1953. Es handelt sich nicht um eine wortwortliche, sondern
um eine inhaltliche Wiedergabe der Ausfiihrungen Rudolf Steiners. Die
Originalstenogramme Seilers haben sich erhalten und konnten zur Priifung
herangezogen werden. Die Bibelzitate in den Vortragen vom 24. November
und vom 8. Dezember 1903 sind im Originalstenogramm nur angedeutet und
wurden vom Stenografen bei der Ubertragung erganzt.
Friihere Veroffentlichungen:
18. Oktober 1903 (Autoreferat): «Luzifer» November 1903; in GA 34.
18. Oktober 1903 (Bericht): «Der Vahan» Nr.5, November 1903.
27. Oktober 1903: «Beitrage zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe» Nr.118/119,
Sommer 1997.
21. Dezember 1903: «Beitrage zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe» Nr. 32,
Weihnachten 1970.
29. Dezember 1903 (auszugsweise): «Beitrage zur Rudolf Steiner Gesamtaus-
gabe» Nr. 51/52, Michaeli 1975.
183 Nikolaus Cusanus war es, der in Kopernikus wiedererschienen ist:
Nikolaus Cusanus (Nikolaus von Kues), 1401-1464, 1450 Bischof von Basel,
1448 Kardinal, war Theologe, Philosoph, Astronom, Mathematiker und Kir-
chenpolitiker. Von Rudolf Steiner ausfiihrlich dargestellt in der Schrift «Die
Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens und ihr Verhaltnis zur
modernen Weltanschauung*, GA 7.
Nikolaus Kopernikus, 1473-1543, Astronom, Begriinder des heliozentrischen
Weltbildes.
184 Philo von Alexandrien, 25 v. Chr. bis 50 n. Chr.
Baruch Spinoza, 1632-1677.
Johann Gottlieb Ficbte, 1762-1814.
185 in Blavatskys Biichern: «Isis Unveiled», 1877, deutsch «Isis entschleiert»; «Secret
Doctrine», 1888, deutsch «Die Geheimlehre», 1899.
186 In der September-Nummer des «Luzifer»: In Nr. 4 der Zeitschrift «Luzifer»
erschien der letzte Abschnitt von Rudolf Steiners Aufsatz «Einweihung und
Mysterien», in GA 34.
186 Vor dem Jabre 1873: Im Jahr 1875 wurde in New York von H. P. Blavatsky und
Colonel H. S. Olcott die Theosophical Society begriindet. Siehe hierzu die
Vortrage Rudolf Steiners vom Oktober 1915 «Die okkulte Bewegung im 19.
Jahrhundert und ihre Beziehung zur Weltkukur», GA 254.
189ff. Den Inhalt des Vortrages, den Rudolf Steiner am 18. Oktober 1903 anlafilich
der Ersten Generalversammlung der Deutschen Sektion der Theosophischen
Gesellschaft uber « Okkulte Geschichtsforschung» gehalten hat, hat er selbst in
einem Autoreferat fur die Zeitschrift «Luzifer» niedergeschrieben (in Nr. 6 vom
November 1903; in GA 34, S. 535ff.). Aufierdem erschien ein Bericht in der
Zeitschrift «Der Vahan». Da Autoreferat und Bericht einander erganzen, sind
hier beide wiedergegeben.
Die Begriinderin der «Theosophischen Gesellschaft»: Helena Petrowna Blavat-
sky, siehe 2. Hinweis zu S. 186.
191 Richard Brescb, Herausgeber der theosophischen Zeitschrift «Der Vahan».
Kardinal Nikolaus von Cusa ... Kopernikus: Siehe Hinweis zu S. 183.
193 Giinther Wagner, 1842-1930, seit 1895 Mitglied der Theosophischen Gesell-
schaft. Der Brief Rudolf Steiners an Giinther Wagner vom 24. Dezember 1903
ist auch veroffentlicht im Band «Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten
Abteilung der Esoterischen Schule 1904-1914», GA 264, S. 47f.
Weitere Angaben Rudolf Steiners zur Frage der sieben Geheimnisse sowie
liber das Geheimnis der fiinften Rasse finden sich in folgenden Vortragen:
28. Oktober 1903 , 1. Vortrag in «Astrale Welt»; 13. Juni 1906 in GA 94.
187 Sinnett, Brief e des Meisters K. H.: Siehe Hinweis zu S. 96.
199 Cesare Lombroso, 1836-1909, italienischer Anthropologe, Professor fur Ge-
richtsmedizin und Psychiatrie in Turin.
Warum nennt ihr mich vollkommen?: Lukas 18, 19 und Matth. 19, 17.
201 2. November 1903, «Uber frubere Gottesvorstellungen»: Vgl. hierzu Rudolf Stei-
ners offentlichen Vortrag vom 7. November 1903, «Das Wesen der Gottheit
vom theosophischen Standpunkt», in GA 52.
Henotheismus: Bezeichnung fur den monotheistischen Polytheismus vieler Kul-
turvolker, die unter vielen Gottern doch einen vor alien anderen anrufen.
205 Aiscbylos, um 525 - 456 v. Chr., griechischer Tragiker.
Sokrates, 427 - 399 v. Chr., griechischer Philosoph.
206 Ludwig Feuerbacb, 1804-1872. «Vorlesungen uber das Wesen der Religion*, 20.
Vorlesung: «Denn nicht Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, wie es in
der Bibel heifit, sondern der Mensch schuf, wie ich im < Wesen des Christentums>
zeigte, Gott nach seinem Bilde. »
211 Jehova ... in der «Geheimlehre» der Gott der Zeugung: H. P. Blavatsky, «Die
Geheimlehre», Band II «Anthropogenesis», Kommentar zur X. Strophe.
212 wie in der einen Dzyan-Strophe von den hochsten Planetengeistern gesprocben
wird: H. P. Blavatsky, «Die Geheimlehre» Band II. «Anthropogenesis», Kom-
mentare zur I. Strophe.
219 was in den Dzyan-Strophen im zweiten Telle der «Geheimlehre» von Blavatsky
steht: Blavatsky, «Geheimlehre» Band II, «Anthropogenesis», VIII. Strophe.
224 21. Dezember 1903: Dieser Vortrag ist der alteste Weihnachtsvortrag Rudolf
Steiners, von dem Aufzeichnungen vorliegen. Obwohl es sich auch hier eher urn
Horernotizen als urn eine Nachschrift handelt, diirfte der Stimmungsgehalt der
Ausfiihrungen Rudolf Steiners gewahrt geblieben sein. Von Erganzungen des
Textes, der einige offenkundige Liicken aufweist, wurde mit einer Ausnahme
abgesehen: Auf S. 230 ist die in den Aufzeichnungen freigelassene Bezeichnung
fur das Wesen, das die chinesichen Buddhisten «als den Sohn unter ihren Him-
melsgottern verehrten», mit dem im Vortrag vermutlich angegebenen Namen
«A-mi-t'o» in eckigen Klammern eingefiigt. Diese chinesische Bezeichnung des
Dhyana-Buddha ist von dem Sanskritwort «Amitabha» abgeleitet und bedeutet
«Unermefiliches Licht besitzend.»
225 Immanuel Kant, 1724-1804. «Zwei Dinge erfiillen das Gemut ...»: «Kritik der
praktischen Vernunft», II. Teil, Beschlufi.
226 Kepler hat die Worte gesprochen: Wortlaut nicht nachgewiesen.
232 Bergpredigt: Matth. 5,1 ff. Weitere Ausfiihrungen Rudolf Steiner iiber die Berg-
predigt finden sich vor allem in den Vortragen vom 19. Januar 1907 (in GA 97),
vom 1., 8. und 20. Februar 1910 (in GA 116), und vom 9. und 10. September
1910 (in GA 123).
Selig sind Matth. 5,3. Vgl. auch den Vortrag vom 4. Januar 1904 «Theosophie
und Christentum», in GA 52.
238 Charles Webster Leadbeater: Siehe Hinweis zu S. 42.
238 da findet noch ein anderer Vorgang statt: In der Stenogrammiibertragung des
Stenografen Franz Seiler stand hier noch der Satz: «Fruher habe ich mich dem
durch Kalkulation genahert». - Fur die vorliegende Herausgabe wurde das
Originalstenogramm tiberpriift. Dabei stellte sich heraus, dafi die Worte «mich
dem durch» von Seiler bei der Ubertragung - die er erst um das Jahr 1953
vorgenommen hat - hinzugefugt worden sind und die darauffolgenden stenogra-
fischen Zeichen von ihm irrtumlich als «Kalkulation gen'dhert» iibertragen wur-
den, da er offenbar hier seine stenografischen Aufzeichnungen nicht mehr ein-
deutig lesen konnte. Auch den Herausgebern war es nicht moglich, diese Steno-
grammstelle klar zu entziffern. Lesbar ist nur folgendes: «Fruher habe ich das ...
(unleserliches Wort) genannt».
Aus diesen Griinden wurde der betreffende Passus in der vorliegenden Aus-
gabe ganz weggelassen.
PERSONENREGISTER
* = ohne Namensnennung im Text
Aischylos 205
Beethoven, Ludwig van 19
Blavatsky, Helena Petrowna 57, 185,
189 !; ", 191, 193, 211, 212*, 219
Bruno, Giordano 84,
Buddha 75, 153, 154, 191,204, 229,230
Collins, Mabel 145*
(Cusanus, Nikolaus) Nikolaus von
Kues 183, 192
Empedokles 50
Feuerbach, Ludwig 206
Fichte, Johann Gottlieb 1 06, 1 07, 1 84
Galilei, Galileo 84
Goethe, Johann Wolfgang von 30*, 33,
46, 83, 86, 93, 94, 95, 96, 101% 103,
104, 105, 118, 149, 161*, 222, 226
Hermes 153
Homer 59, 159
Humboldt, Wilhelm von 159
Kant, Immanuel 225,
Kepler, Johannes 226
Kolumbus, Christoph 87
Konfuzius 204
Kopernikus, Nikolaus 183, 192, 226
Lao-tse 204
Leadbeater, Charles Webster 42, 238
Lombroso, Cesare 199
Moses 97, 204
Olympiodores 59
Paulus 78, 94, 144, 193
Paracelsus 150, 200
Philo von Alexandrien 184
Plato 50, 55, 59, 63, 142, 143, 168,
171, 172
Plutarch 94, 103
Pythagoras 95, 172
Robespierre, Maximilien de 87
Rosenkreutz, Christian 134
Sinnett, Alfred Percey 96, 195
Sokrates 87, 205
Wagner, Giinther 193, 194
Zarathustra 153, 191, 204
VERZEICHNIS
INDISCH-THEOSOPHISCHER BEGRIFFE
Arhat
Arupa
Arupaplan
Astralwelt
Astralebene
Seelenwelt
Atma
Avatar
Eingeweihter, Geheimlehrer, Adept, Mahatma oder Meister
Formlos
Siehe unter Plane
Budhi
Siehe unter Plane
Das siebente Prinzip des Menschen, sein hoheres gottliches
Selbst. Von Rudolf Steiner auch «Geistesmensch» genannt.
Hohe geistige Wesenheit, die sich in einem menschlichen
Leib inkarniert, um bestimmte Aufgaben in der Mensch-
heitsentwicklung zu ubernehmen. Siehe dazu die Ausfuh-
rungen Rudolf Steiners im Vortrag vom 15. Februar 1909 (in
GA 109/111)
Weltseele oder Weltgemiit. Als sechstes Prinzip der mensch-
lichen Wesenheit: die geistige Seele. Von Rudolf Steiner
«Lebensgeist» genannt
Budhi-Manas hoheres Manas, hoheres Ich (im Gegensatz zu Kama-Manas,
niederes Selbst)
Chela
Dangma
Devachan
Devas
Kama
Kama-Loka
Geistesschuler
gelauterte Seele, Initiierter
Geisteswelt. Siehe unter Plane
Wesenheiten des Devachanplanes
allgemeine Wunsch- oder Begierdenwelt
Ort des Verlangens
Kama-Manas irdisches BewuJStsein oder niederes Bewufksein. Von Rudolf
Steiner «Verstandesseele» genannt
Kausalkorper «Extrakt» des Ather- und Astralleibes, den der Mensch von
Erdenleben zu Erdenleben weitertragt und immer mehr be-
reichert
Kundalini- Schlangenkraft. Von Rudolf Steiner in «Wie erlangt man
-feuer, -licht Erkenntnisse» als «geistige Wahrnehmungskraft» bezeichnet.
Lunarische
Epoche Die Zeit, in der die Erde im Mondenzustande war
Mahatma Meister
Manas Geist. Als funftes Prinzip des Menschen von Rudolf Steiner
«Geistselbst» genannt.
Manas, hoherer,
Budhi-Manas die geisterfiillte und das Ich gebarende Bewufitseinsseele
Mayavi-rupa- Geistiger Leib, den nur der Adept sich aus dem Mentalleib
Korper bilden kann
Nirmanakaya Geistleib eines durch die Vollendung gegangenen Buddha-
Wesens
Pitris Vater oder Vorfahren der Erdenmenschen auf der Mond-
und Sonnenentwicklung
Plane theosophische Bezeichnung fur die sieben Plane, Ebenen
oder Welten, von Rudolf Steiner spater durch deutsche Aus-
driicke ersetzt:
Theosophische Anthroposophische
Bezeichnung Bezeichnung
Physischer Plan physische Welt, irdische Welt
Astralplan, Astralwelt Seelenwelt, imaginative Welt
Devachan / Mentalplan Geistesland, Geisterland,
Welt der Spharenharmonie,
Welt der Inspiration
Rupa-Devachan niederes Devachan, himmlische
Welt
Arupa-Devachan hoheres Devachan, Vernunftwelt,
Welt der Intuition
Budhiplan
Nirvanaplan
Welt der Vorsehung
Gotteswelt, in der es weder Raum
noch Zeit gibt. Diese Welt iiber der
Welt der Vorsehung ist eine solche,
«fur die es in ganz ehrlicher und
richtiger Weise den Namen in den
europaischen Sprachen noch nicht
geben darf».
(Rudolf Steiner im Vortrag vom
25. Oktober 1909 in GA 116)
Paranirvanaplan
Die iiber noch Nirvana liegende
Welt
Rassen: Wurzelrassen
(in der englischen theosophischen Literatur: Root-races) =
die sieben Hauptzeitalter der Erdenentwicklung
1. polarische Zeit
2. hyperboraische Zeit
3. lemurische Zeit
4. atlantische Zeit
5. nachatlantische Zeit
6. Hauptzeitalter
7. Hauptzeitalter
Unterrassen
(in der englischen thesophischen Literatur: Sub-races =
Kulturepochen der nachatlantischen Zeit
1. Indische Kulturepoche
2. Persische Kulturepoche
3. Agyptisch-chaldaisch-babylonische Kulturepoche
4. Griechisch-lateinische Kulturepoche
5. Germanisch-anglo-amerikanische Kulturepoche
6. Kulturepoche
7. Kulturepoche
CoDvriaht Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltuna Buch:88 Seite:254
UBER DIE VORTRAGSNACHSCHRIFTEN
Aus Rudolf Steiners Autobiographie
«Mein Lebensgang» (35. Kap., 1925)
Es liegen nun aus meinem anthroposophischen Wirken zwei Ergeb-
nisse vor; erstens meine vor aller Welt veroffentlichten Biicher, zwei-
tens eine grofie Reihe von Kursen, die zunachst als Privatdruck
gedacht und verkauflich nur an Mitglieder der Theosophischen (spa-
ter Anthroposophischen) Gesellschaft sein sollten. Es waren dies
Nachschriften, die bei den Vortragen mehr oder weniger gut gemacht
worden sind und die - wegen mangelnder Zeit - nicht von mir
korrigiert werden konnten. Mir ware es am liebsten gewesen, wenn
mundlich gesprochenes Wort miindlich gesprochenes Wort geblieben
ware. Aber die Mitglieder wollten den Privatdruck der Kurse. Und so
kam er zustande. Hatte ich Zeit gehabt, die Dinge zu korrigieren, so
hatte vom Anfange an die Einschrankung «Nur fur Mitglieder» nicht
zu bestehen gebraucht. Jetzt ist sie seit mehr als einem Jahre ja fallen
gelassen.
Hier in meinem «Lebensgang» ist notwendig, vor allem zu sagen,
wie sich die beiden: meine veroffentlichten Biicher und diese Privat-
drucke in das einfiigen, was ich als Anthroposophie ausarbeitete.
Wer mein eigenes inneres Ringen und Arbeiten fur das Hinstellen
der Anthroposophie vor das Bewufitsein der gegenwartigen Zeit
verfolgen will, der mufi das an Hand der allgemein veroffentlichten
Schriften tun. In ihnen setzte ich mich auch mit alle dem auseinander,
was an Erkenntnisstreben in der Zeit vorhanden ist. Da ist gegeben,
was sich mir in «geistigem Schauen» immer mehr gestaltete, was zum
Gebaude der Anthroposophie - allerdings in vieler Hinsicht in un-
vollkommener Art - wurde
Neben diese Forderung, die «Anthroposophie» aufzubauen und
dabei nur dem zu dienen, was sich ergab, wenn man Mitteilungen aus
der Geist-Welt der allgemeinen Bildungswelt von heute zu iibergeben
hat, trat nun aber die andere, auch dem voll entgegenzukommen, was
aus der Mitgliedschaft heraus als Seelenbediirfnis, als Geistessehn-
sucht sich offenbarte.
Da war vor allem eine starke Neigung vorhanden, die Evangelien
und den Schrift-Inhalt der Bibel iiberhaupt in dem Lichte dargestellt
zu horen, das sich als das anthroposophische ergeben hatte. Man
wollte in Kursen uber diese der Menschheit gegebenen Offenbarun-
gen horen.
Indem interne Vortragskurse im Sinne dieser Forderung gehalten
wurden, kam dazu noch ein anderes. Bei diesen Vortragen waren nur
Mitglieder. Sie waren mit den Anfangs-Mitteilungen aus Anthroposo-
phie bekannt. Man konnte zu ihnen eben so sprechen, wie zu Vorge-
schrittenen auf dem Gebiete der Anthroposophie. Die Haltung dieser
internen Vortrage war eine solche, wie sie eben in Schriften nicht sein
konnte, die ganz fur die Offentlichkeit bestimmt waren.
Ich durfte in internen Kreisen in einer Art iiber Dinge sprechen,
die ich fur die offentliche Darstellung, wenn sie fur sie von Anfang an
bestimmt gewesen waren, hatte anders gestalten mussen.
So liegt in der Zweiheit, den offentlichen und den privaten Schrif-
ten, in der Tat etwas vor, das aus zwei verschiedenen Untergriinden
stammt. Die ganz offentlichen Schriften sind das Ergebnis dessen, was
in mir rang und arbeitete; in den Privatdrucken ringt und arbeitet die
Gesellschaft mit. Ich hore auf die Schwingungen im Seelenleben der
Mitgliedschaft, und in meinem lebendigen Drinnenleben in dem, was
ich da hore, entsteht die Haltung der Vortrage.
Es ist nirgends auch nur in geringstem Mafie etwas gesagt, was
nicht reinstes Ergebnis der sich aufbauenden Anthroposophie ware.
Von irgend einer Konzession an Vorurteile oder Vorempfindungen
der Mitgliedschaft kann nicht die Rede sein. Wer diese Privatdrucke
liest, kann sie im vollsten Sinne eben als das nehmen, was Anthropo-
sophie zu sagen hat. Deshalb konnte ja auch ohne Bedenken, als die
Anklagen nach dieser Richtung zu drangend wurden, von der Ein-
richtung abgegangen werden, diese Drucke nur im Kreise der Mit-
gliedschaft zu verbreiten. Es wird eben nur hingenommen werden
mussen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich
Fehlerhaftes findet.
Ein Urteil iiber den Inhalt eines solchen Privatdruck.es wird ja
allerdings nur demjenigen zugestanden werden konnen, der kennt,
was als Urteils-Voraussetzung angenommen wird. Und das ist fur die
allermeisten dieser Drucke mindestens die anthroposophische Er-
kenntnis des Menschen, des Kosmos, insofern sein Wesen in der
Anthroposophie dargestellt wird, und dessen, was als «anthroposo-
phische Geschichte» in den Mitteilungen aus der Geist-Welt sich
findet.